»Jetzt sind die Typen komplett durchgeknallt«, mag sich mancher denken,
wenn er vom Linux 7k-Projekt hört. Eine Reihe von Entwicklern hat sich
daran gemacht, das Public-Domain-UNIX-Betriebssystem Linux auf den Psion
Serie 5 zu portieren. Inzwischen kann der erste bootfähige Kernel vom
Internet geladen werden -- viel mehr als eine Technologiestudie ist das
Ganze allerdings noch nicht. Trotzdem bietet Linux auf dem Psion schon jetzt
genug »food for thought«, sowohl für den Psion-Nutzer, der an Linux
interessiert ist, als auch für den Linux-User, der nach einem mobilen
Pendant zu seinem UNIX-Desktop sucht. Das Linux 7k-Projekt ist angetreten,
Linux auf den CL-PS7100-Prozessor zu portieren, der im Serie 5 eingebaut
ist. Laut der »Heimat«-Website des Projektes (www.calcaria.net)
reicht die Rechenpower des Psion 5 aus, die in etwa einem Intel 486/33
entspricht; darüber hinaus stehen mit acht MByte RAM genug Arbeitspeicher
und mit den Flashcards erweiterbarer »Plattenplatz« zur Verfügung.
Technisch finden sich also keine unüberwindbaren Hindernisse, vor allem,
wenn man in Betracht zieht, daß Linux schon seit einiger Zeit auf den
ARM-Prozessoren läuft, auf dem auch der Psion 5-Hauptprozessor basiert.
Neben der technischen Machbarkeit steht natürlich die Frage: »Warum?«
Was fange ich als Psion-User mit einem Betriebssystem an, das eigentlich als
Serverbetriebssystem entwickelt wurde? Der bekannte Psion-Softwareentwickler
Mark Esposito hat da seine Meinung: »Ich kann im Markt beim besten Willen
keinen Bedarf für einen Server auf einem Palmtop erkennen. Der Psion ist im
Gegenteil eigentlich prädestiniert als Client eines Linux-Servers. Trotzdem
bin ich sicher, daß irgendein Psion-Maniac nur so zum Spaß einen Webserver
auf einem Serie 5 starten wird. Diese Maschine wird dann aber nicht mehr
mobil sein!« Auf der anderen Seite sieht Mark auch positive Aspekte:
»Sicherlich kann das Linux-Projekt irgendwann einmal nützlich sein,
beispielsweise wenn eines Tages vielleicht eine größere Maschine mit EPOC
vorgestellt wird.« Diese Hoffnung ist sicherlich nicht unberechtigt,
allerdings hängt dies nicht vom Betriebssystem EPOC ab, da dies ja durch
Linux ersetzt wird. Ausschlaggebend für die Lauffähigkeit ist die
Hardware. Natürlich existiert für Linux in der PC-Version eine nahezu
grenzenlose Vielfalt von Anwendungsprogrammen, von Freeware-Gimmicks bis hin
zu kompletten (für Privatnutzer kostenlosen!) Officepaketen wie dem in
Deutschland entwickelten Staroffice.
Sieht man einmal ab von Kommandozeilenprogrammen, die eher für den
Hacker interessant sind, laufen die meisten Programme mit grafischer
Oberfläche allerdings unter XWindows, dem grafischen Aufsatz für Linux --
analog zu Linux und XWindows kann man die PC-Konfiguration mit DOS und
Windows sehen. XWindows benötigt jedoch einiges an Speicher und
Rechenleistung, was an die Grenzen des Psion gehen dürfte. Alle
Anwendungen müssen für den Einsatz auf dem Psion neu kompiliert werden, in
vielen Fällen muß wahrscheinlich der Quellcode angepaßt werden. Die
größte Schwierigkeit wird allerdings sicherlich an der von einem
Desktop-Computer in vieler Hinsicht abweichenden Hardware und Bedienung des
Palmtop liegen. Der Psion-Bildschirm hat zum einen ein völlig anderes
Format wie ein Desktop-Monitor, zum anderen benötigen Linux-Applikationen
im Gegensatz zu Psion-Programmen relativ viel Platz auf dem Bildschirm -
nicht umsonst klappen die Menüs auf dem Psion weg, wenn sie nicht benötigt
werden.
Allerdings läßt sich mit Windows-Managern wie fvwm oder KDE das
Aussehen des XWindows-Desktops und der einzelnen Fenster in weiten Bereichen
anpassen. Dies könnte eine Möglichkeit zur technischen Realisierung sein:
Die Grafik-Engine von XWindows läßt sich nahezu unbegrenzt konfigurieren,
so daß mit einem Grafiktreiber und einem passenden Eintrag in der
Konfigurationsdatei Xconfig auch der »Breitwand«-Bildschirm des S5 zu
nutzen sein sollte. Ein spezieller Psion-Windowmanager könnte die
wegklappende Menüs und Fenster ohne »Kopfzeile« bereitstellen, so daß in
Endeffekt doch noch ein Psion-Feeling aufkommt. XWindows besitzt übrigens
meist mehrere virtuelle Desktops, was auf dem begrenzten Bildschirm des
Psion Platz schaffen würde.
Berücksichtigt man dies, zeigt sich, daß für einen Einsatz von Linux
als EPOC-Ersatz einiges an Arbeit in die Linux-Programme stecken müßte.
Dabei stellt sich wiederum die Frage nach dem Sinn, da der Psion sehr
ausgereifte EPOC-Applikationen mitbringt beziehungsweise solche
Applikationen von Drittanbietern zur Verfügung stehen. »Was also kann
Linux, was EPOC nicht kann -- und was auf einem Palmtop nützlich sein
könnte?« Kurz gesagt - derzeit nichts; dies kann sich allerdings in der
Zukunft ändern, und falls so komplexe Applikationen wie StarOffice auf dem
Psion-Linux laufen würden, würde dies natürlich von der Funktionalität
-- auch und gerade gegenüber Windows CE -- einen Quantensprung bedeuten.
Umgekehrt allerdings - also aus Sicht des Linux-Users -- ist das
Gedankenspiel interessanter. Einer der Linux 7k-Entwickler sagt: »Alles in
allem glaube ich, daß es in der Linux-Gemeinde ein Interesse an einer sehr
portablen Linux-Plattform gibt, die nicht übermäßig Batterien verbraucht.
Auf meinem Desktop benutze ich Linux und Public Domain-Software, warum soll
dann mein PDA nicht auch unter Linux und mit freier Software laufen?« Also
ein portabler Linux-Rechner, auf dem die selben Applikationen laufen wie auf
dem Desktop -- kompatible Datenformate, einheitliche Bedienung? Sicher ein
bestechender Gedanke, aber dies erinnert an die Geschichte von Windows CE:
Irgendwann müssen die Entwickler erkennen, daß es unsinnig ist, die
»platzverschwendenden« PC-Datenformate auf dem Palmtop zu speichern, und
beginnen das Format abzuspecken -- womit die Binärkompatibilität der Daten
dahin ist.
Natürlich bietet ein Psion Serie 5 mit seiner Fähigkeit, bis zu 40
MByte an Flash-RAM hinzuzufügen, wesentlich mehr Speicherplatz als
beispielsweise die Serie 3, weshalb das Abspeichern der Linux-Formate
grundsätzlich möglich ist, aber dies erinnert doch etwas an den Versuch,
aus einem Sportwagen einen Umzugs-LKW zu machen. Natürlich ist die
Vernetzung zweier Linux-Rechner einfacher als die Anbindung eines
EPOC-Rechners an den UNIX-Desktop. Über TCP/IP beziehungsweise PPP müßte
sich eine echte Netzwerkverbindung zwischen PC und Psion schaffen lassen -
Datenaustausch per FTP oder das direkte Mounten (Einbinden) der
Psion-Platten in das Dateisystem des PC rücken damit in technische
Reichweite.
Fazit: Alles Quatsch? Sicherlich nicht, denn die Möglichkeit, Linux in
die Hosentasche stecken zu können, hat ihre Vorteile, und, wie Mark
Esposito sagte: Wer weiß, welche EPOC-Maschinen die Zukunft bringt. Als
Beweis, daß der Psion Serie 5 ein echter Computer im Taschenformat ist,
taugt Linux 7k allemal. Darüber hinaus kann er beispielsweise dem
UNIX-Servicetechniker als portable Anzeigemaschine für die
man-Onlinehilfedateien in UNIX dienen, weitere Anwendungsfälle werden
wahrscheinlich schneller als vermutet auftauchen. Zum Schluß ist den
Entwicklern des Linux 7k-Projektes viel Glück und gutes Gelingen zu
wünschen.
Das Grundproblem beim Booten eines Linux-Systems auf dem Psion ist, daß
das Betriebssystem nicht wie beim PC auf der Festplatte liegt, sondern
sozusagen festverdrahtet im ROM-Speicher. Der Psion bootet nach einem Reset
unweigerlich und unvermeidbar zuerst EPOC. Für den Weg zur Lösung gibt es
jedoch schon ein Vorbild: Für den PC existiert ein Programm namens loadlin,
mit dem von der DOS-Ebene aus ein Linux-System gebootet werden kann. Beim
Bootvorgang lädt sich loadlin in den Hauptspeicher und »formatiert«
diesen, so daß DOS regelrecht abgewürgt wird. In den nun freien
Hauptspeicher hinein bootet der Linux-Kernel. Diese Vorgehensweise ist
übrigens nicht neu: Selbst solch ein mächtiges Betriebssystem wie Novells
Netware wird aus DOS heraus gebootet - allerdings wird DOS dabei nicht aus
dem Speicher »geschossen«, sondern es »schläft« im Hintergrund, bis es
explizit aus dem Speicher gelöscht wird.
Die Vorgehensweise zum Starten von Linux auf dem Psion ist ähnlich,
allerdings ist die Implementierung schwieriger, da EPOC nach Auskunft der
Linux 7k-Spezialisten »more sophisticated« als DOS ist (hab´ ich ´s doch
gewußt!). Ein ARM-Assembler-Programm namens ARLO (Advanced Risc Loader)
wird aus EPOC heraus gestartet und lädt den Linux-Kernel. Derzeit lassen
sich nur wenige Kommandos ausführen - wie gesagt, der Kernel ist im Stadium
einer Technologiestudie. Ein Anzeigen der C:-»Platte« ist möglich, und
eine Prozeßliste läßt sich auf den Schirm rufen. Seit kurzem kann auch
eine CompactFlash-Karte angesprochen werden.
Der nächste Schritt ist die Vervollständigung des Kartensupports, um
eine bootfähige Flashkarte herstellen zu können. Damit würde auch die
größte Problematik des derzeitigen Entwicklungsstandes lösen: Beim
Herunterfahren des Linux-Kernels stürzt der Psion ab und muß mit einem
Hard-Reset ins Leben zurückgerufen werden. Der Stand der Entwicklung sieht
derzeit noch nicht sehr aufsehenerregend aus. Man muß sich jedoch
klarmachen, welche Vorarbeit notwendig war, um wenigstens einen Kernel
booten zu können: Eine »Cross-Platform«-Entwicklungsumgebung wurde
geschaffen, mittels der Psion-Linux-Programme unter PC-Linux erzeugt werden
können. Aufgrund der restriktiven Informationspolitik von Psion war
sicherlich auch einige Arbeit notwendig, um Grundinformationen über die
Hardware zu gewinnen. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß die Linux-Entwicklung
-- nachdem die ersten Schwierigkeiten auf einer neuen Hardwareplattform
gelöst sind -- rasend Fahrt aufnimmt. Vom Linux 7k-Projekt ist sicherlich
noch einiges zu erwarten! Weiterführende Informationen finden sich unter http://www.calcaria.net/index.html.
Quelle: http://www.calcaria.net/germppro.html.