Die Pflege des Bestandes von rund 300.000 deutschsprachigen Artikeln
im Oktober 2005 – mit weiterhin steigender Tendenz – verursacht einen nicht unerheblichen Wartungsaufwand für die
vergleichsweise begrenzte Zahl von Wikipedianern, die sich
administrativen Aufgaben widmen: Vorhandene Artikel müssen
kontinuierlich auf Manipulationen und Vandalismen geprüft werden, neue
Artikel sind auf Einhaltung der Lizenzbestimmungen, »enzyklopädische
Relevanz«, Orthographie und allerlei mehr zu prüfen. Das ist natürlich
eine Sysiphosarbeit, da ja permanent an vorhandenen Artikeln gearbeitet
und ständig neue erstellt werden.
Diese administrativen Wartungsarbeiten werden derzeit ausschließlich von
Freiwilligen wahrgenommen, teilweise auf der Basis von
konventionalisierten Richtlinien, teilweise jedoch auch einfach nach
individuellem Gutdünken – oder sogar, um private »Steckenpferde«
durchzusetzen, beispielsweise eine bestimmte Orthografie oder
vielleicht auch Orthographie. In Extremfällen kann es daher dazu
kommen, dass beispielsweise der erste Artikel eines neuen Wikipedianers
wenige Minuten nach der Erstellung bereits auf der Liste der
Löschkandidaten landet, oder auch ein bestimmter inhaltlich falscher
oder irreführender Beitrag monate- oder gar jahrelang unentdeckt bleibt.
Neben dieses systeminternen Wartungsproblemen gibt es auch einen nicht
zu unterschätzenden Wartungsaufwand für Autoren von Wikipedia-Beiträgen:
Kann man seine sämtlichen Beiträge nicht sehr regelmäßig eigenhändig
prüfen, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon
ausgehen, dass ein signifikanter Teil der Beiträge entweder bis zur
Sinnlosigkeit verstümmelt oder schlichtweg gelöscht wird. Löschanträge
sollen nach den derzeit gültigen Richtlinien innerhalb von zwei
Wochen bearbeitet sein, dass heißt, man muß zumindest wöchentlich
sämtliche Beiträge auf unqualifizierte Löschanträge und Verstümmelungen
prüfen. Welcher sporadisch beitragende und regulär Berufstätige kann
sich den Luxus leisten, derartig regelmäßig seine unvergüteten Beiträge
zu prüfen?
Noch etwas zugespitzer: Welcher akademisch institutionalisierte
Hochschulprofessor wird es sich unter dieser permanenten Bedrohung der
Liquidation seiner kostebaren Arbeit antun, Beiträge für die Wikipedia
zu verfassen? Nicht nur banale Artikel landen ja auf der Liste der
Löschkandidaten, sondern auch regelmäßig auch gerade etwas abgehoben
erscheinende Beiträge von hochem fachlichem Niveau, deren Qualität von
den i.d.R. fachfremden, die Löschung Beantragenden nicht erkannt wird.
Bereits Artikel auf dem Niveau einer gelungenen studentischen
Proseminararbeit werden regelmäßig als »unverständlich« diskreditiert
und mit eben dieser Begründung zur Löschung »vorgeschlagen«, oder den
Verfassen werden immer wiederkehrende Rechtfertigungen in der
Löschdiskussion aufgezwungen, sofern sich die Autoren überhaupt noch
darauf einlassen. Besonders drastisch sind dabei freundlich gemeinte
»Löschwarnungen« auf der Benutzerseite des Autors, deren Verfasser
selbst deutlich lesbar angebrachte Hinweise auf Wikiurlaub oder
sonstige längere Abwesenheiten geflissentlich übersehen; der Übergang
von konstrktiv gemeinten Löschandrohungen zu schlichtweg böswilligen
Akten wird in solchen Fällen fließend.
Der Wartungsaufwand erhöht sich weiter, wenn sich der Autor um eine
vernünftige Hypertextifizierung des Artikels bemüht hat, also einen
monolithischen Mega-Artikel in eine Reihe von sinnvollen Nodes
aufgebrochen hat; diese Hypertext-Nodes brauchen jedoch den Kontext, um
als Node Bestand haben zu können; das Kriterium der sinnvollen
Hypertextifizierung wird jedoch weder bei Löschanträgen von bei
Verlinkungen oder Bearbeitungen des Nodes angemessen berücksichtigt.
Wacht der Autor über einen solchen Node nicht mit Argusaugen, wird der
Node mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nach wenigen Wochen
oder Monaten bis zur Unverständlichkeit verstümmelt und macht dann weder
als kontextualisierter Node noch als eigenständiger Artikel Sinn.
Im ungünstigsten Fall ergibt sich damit ein Projekt, das auf der einen
Seite von der schieren Masse der Artikel überrollt wird, die
systemintern nur partiell auf höherem Niveau (sog. »exzellente
Artikel«) gepflegt werden können; die m.E. zentrale Problematik des
Wikipedia-Projektes – das Problemfeld K3:
Kohärenz, Kohäsion und Konsistenz – bleibt dabei vollständig auf der
Strecke. Es entsteht also möglicherweise ein in höchstem Maße
heterogenes Nachschlagewerk mit einer ungesunden Durchmischung von
isolierten »exzellenten Artikeln« und trivialen Beiträgen.
Auf der anderen Seite verbleiben, bösartig ausgedrückt, nur »Idioten«,
die Artikel verfassen: Idiot hier verstanden im ursprünglichen
Wortsinn des ιδιότης, also des fachfremden Laien, da sich ja echte
Spezialisten eben aufgrund des enormen Wartungsaufwandes nicht in das
Projekt einbringen werden. Wikipedia wäre damit die
Möchtegern-Enzyklopädie von Idioten für Idioten, also für
solche Nutzer, die hinreichend fachfremd zu den Sachgebieten der
nachgeschlagenen Lemmata sind, um deren Unzulänglichkeit nicht zu
erkennen.
Um nicht mißverstanden zu werden: Es handelt sich um ein extremes
Szenario, dass mit voller Wirkungsmacht nur unter bestimmten Bedingungen
eintreten wird. Auch hier muß daher das Mantra der Wikipedia wiederholt
werden: Wikipedia ist ein Prozess, kein Produkt. Einzelne echte
Spezialisten bemühen sich mit enormem Engagement, die Wikipedia nicht zu
einer Idioten-Enzyklopädie verkommen zu lassen, und es gibt
durchaus einige hochmotivierte Akademiker, die unermüdlich ihr
Fachwissen in das Projekt einzubringen versuchen. Und auch das generelle
Wartungsproblem wird im Rahmen verschiedener Initiativen zur
Qualitätskontrolle und
-sicherung thematisiert. Die Warnung vor unqualifizierten
Löschanträgen ist jedoch ein Kassandraruf, der seit viel zu langer Zeit
ungehört verhallt.