Die Valididität der Wikipedia basiert auf dem Wiki-typischen
100-Augen-Prinzip, das einzelne Artikel vom individuellen
Wissenshorizont weniger Hauptautoren abkoppelt und die Inhalte einer Art
permanentem Peer Review
unterwirft. Der generelle Vorteil dieses Prinzips besteht darin, die
»kollektive Intelligenz« hunderter oder gar tausender von
Wikipedia-Benutzer für einen kontinuierlichen Qualitätssicherungsprozess
nutzbar macht.
Diese kollektive Qualitätssicherung schließt u.a. folgende Bereiche ein:
- Kontinuierliche Aktualisierung und Verbesserung eines einzelnen
Artikels.
- Sicherung des NPOV-Standpunkts für einen einzelnen Artikel,
Abwehr von durch Partikularinteressen verursachten
Manipulationsversuchen.
- Gewährleistung der K3-Kriterien
über Artikelgrenzen hinweg.
Der bisherige Erfolg der Wikipedia belegt, dass das
100-Augen-Prinzip
zumindest in Teilbereichen und bei nicht allzu großen und/oder alten
Wikis funktionieren kann. Der Nachweis
Ein systemimmanentes Problem dieses Funktionsprinzips ist, dass
der kontinuierliche Prüfprozeß nicht zwangsläufig zu einer
kontinuierlichen Verbesserung einzelner Artikel und schon gar nicht
zwingend zu einer Verbesserung der K3-Problematik
insgesamt führen muss; ganz im Gegenteil können Artikel durch
Autoren auch »verschlimmbessert« und die K3
mit benachbarten Artikeln aufgehoben werden.
Ein Beispiel für eine solche Entwicklung bildet die Entwicklung des
Artikels »Kommunikation«, der zu einem exzellenten Artikel gewählt
wurde, durch zahreiche Bearbeitungen dann immer unstrukturierter und und
schließlich als erster exzellenter Artikel auch wieder abgewählt wurde.
An diesem Beispiel zeigt sich, dass das Prinzip der permenenten
Bearbeitung zu einer dramatischen Verschlechterung des Artikels bis zu
einer Degradierung zu einem unbrauchbaren Schlamassel führen kann.
Das 100-Augen-Prinzip muss also im Interesse einer Qualitätskontrolle
durch weitere Mechanismen zur
Validierung ergänzt. werden.
Einzelne Belege deuten derzeit, also bereits nach wenigen Jahren des
Bestehens der Wikipedia, darauf hin, dass das 100-Augen-Prinzip
prinzipielle Grenzen hat und essentielle Prinzipien wie den
NPOV-Grundsatz nicht hinreichend gegen die Durchsetzung von
Partikularinteressen verteidigen können.
Ein Beispiel hierfür ist der im August 2003 angelegte
Wikipedia-Artikel
zum Auktionshaus Ebay, der wiederholt mit Ebay-freundlicher Werbung
manipuliert wurde; die Manipulationsversuche erfolgten zunächst sehr
grob, indem einfach der komplette Artikelinhalt von anonymen Benutzern
gegen einen Ebay-Werbetext ersetzt wurde; solche dümmlichen
Manipulationsversuche fallen rasch auf, zumal das Ergebnis nicht nur
einen grober Verstoß gegen den NPOV-Grundsatz, sondern darüber hinaus
eine klare Urheberrechtsverletzung (URV) darstellt.
Beispiel: Am 26. Februar 2004
löschte
ein Ebay-freundlicher Vandale unter der IP-Adresse 195.234.136.13
den kompletten Artikelinhalt und wenig später schmuggelte ein
weiterer anonymer Benutzer unter der IP-Adresse 62.8.133.122
NPOV-Spam
und zugleich eine URV ein.
Zu lesen war in der Wikipedia plötzlich ein klarer NPOV-Verstoß
wie »Innerhalb der auch in Deutschland ständig wachsenden
„Online-Gemeinde“ gilt eBay als großer Sympathieträger – surfen und
suchen, anbieten und kaufen bei eBay macht Spaß und gilt bei
Internet-Fans aller Altersgruppen als „Kult“«. Das ist ein
Werbetext vom Presse Service Center von Ebay Deutschland, der
seit Jahren im
Internet
und diversen
Unternehmensporträts nachzulesen ist.
Nachdem der Ebay-Artikel eine Zeitlang auf einem vergleichsweise
hohen und ausgewogenen Niveau gehalten wurde, wurden die Manipulationen
mit der Zeit subtiler; im Detail ist die schrittweise Degeneration des
Ebay-Artikels in der
Versionsgeschichte
nachvollziehbar: Zunächst wurden sämtliche NPOV-konformen, aber
Ebay-kritischen Aussagen zu allerlei Betrügereien und Skandalen rund um
das Auktionshaus entfernt, dann der Artikel schrittweise zu einen
unkritischen Ebay-Loblieb umgebaut und schließlich sogar noch sämtliche
Weblinks auf andere Ressourcen zu Ebay entfernt.
Das völlige Scheitern der Wikipedia-Community, den NPOV-Grundsatz
gegen die massive Lobbyarbeit für Ebay zu verteidigen, lässt sich auf
der
Diskussionsseite
nachvollziehen; hier warnte der Wikipedianer »NB« bereits im April 2005
vor zunehmend subtilen Manipulationsattacken von Ebay:
»Am 26.2.04, 17:35 Uhr, wurde der Artikel von der auf
eBay.de registrierten IP
195.234.136.13 gelöscht.
Wenige Minuten später, um 17:46 Uhr, wurde ein POV-Text von
der auf Weber Shandwick (eBay-Werbeagentur
in D)
angemeldeten IP
62.8.133.122 eingestellt.
Es möge sich jeder selber Gedanken machen, was die
Hintergründe sind und dass es sich hier um eine in diesem Fall noch
ziemlich plumpe Manipulation handelt. Bitte auf mögliche zukünftige
subtilere Manipulationen achten!
--NB > +
15:19, 26. Apr 2005 (CEST)«.
Die Vorgehensweise war bei diesem aufgedeckten
Manipulationsversuch identisch zu dem bereits über ein Jahr zuvor
erfolgten Angriff.
Trotz dieser Warnung wurde der Artikel in den folgenden Monaten
sukzessive zu einem krassen NPOV-Verstoß umgebaut. Interessanterweise
wurden
frühere
Warnungen vor gezielten Ebay-freundlichen Artikelmanipulationen auf
der Diskussionsseite nicht etwa archiviert, wie das in der Wikipedia
üblich ist, sondern ebenfalls einfach gelöscht. Einzig an Hand der
Versionsgeschichte
der Diskussionsseite lassen sich solche älteren Hinweise noch auffinden.
Generell ist dabei zu konstatieren, dass das
100-Augen-Prinzip
den zunehmend subtilen Attacken von Werbeagenturen offensichtlich nicht
gewachsen ist; zahlreiche ähnliche Manipulationen lassen sich in anderen
Wikipedia-Artikeln nachweisen.
Zuverlässig neutral im Sinne des NPOV waren Ende 2005 im Bereich der
Artikel zu kommerziellen Produkten oder Unternehmen einzig noch
- Artikel zu exotischen Unternehmen oder Produkten, für die sich
anscheinend wirklich niemand interessiert,
- Artikel, die auf der persönlichen Beobachtungsliste von
engagierten Wikipedianern stehen, die den jeweiligen Artikel mit
größtem Aufwand kontinuierlich gegen partikulare Vereinnahmungen
verteidigen sowie
- Artikel zu seriösen, sehr konservativen oder sehr großen
Unternehmen, die den Aufwand von gezielten Internet-Manipulationen
scheuen oder aus unternehmensethischen Erwägungen heraus ablehnen.
Mittlerweile scheint zum einen die Bedeutung der Wikipedia für groß
genug gehalten zu werden, um von den einschlägigen Werbeagenturen
beachtet zu werden; zum anderen scheint sich die Kenntnis durchgesetzt
zu haben, dass plumpe Manipulationen von IP-Adressen wie
195.234.136.13, die ganz offensichtlich auf das betreffende
Unternehmen registriert sind, noch immer rasch aufgedeckt werden und
daher die Einrichtung von Wikipedia-Benutzeraccounts vorzuziehen ist:
Der Aufwand ist zwar geringfügig größer, der Effekt dagegen anscheinend
auch ungleich größer.
Mit zunehmender Größe wachsendem Alter der Wikipedia und ihrer
Artikel scheint das
100-Augen-Prinzip
also zunehmend schlechter zu funktionieren. Das könnte auch damit
zusammenhängen, dass die Versionsgeschichten der Artikel immer länger
und damit zunehmend schwer zu überschauen sind; sie können daher kaum
noch systematisch ausgewertet werden und sind entsprechend anfällig
gegenüber einer gezielten Abfolge von Manipulationsattacken, die
bestimmte Aussagen schrittweise aus einem Artikel entfernen und dagegen
andere ebenso sukzessive integrieren. Auffallen kann das nur noch einem
Wikipedianer, der sehr viel Zeit und Mühe zur Beobachtung des
betreffenden Artikels aufwendet.