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Praxis

Von Agon S. Buchholz für Kefk Network Wikipedia, Dezember 2003.

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Home : Wissen : Wikipedia : Praxis
10-Dec-2003/14-Jan-07


Übersicht

Ein paar Anmerkungen zur Wikipedia.

Wie ich an der Wikipedia arbeite

Ich will mal kurz versuchen zu skizzieren, wie ich derzeit an der Wikipedia arbeite.

Anlass oder Aufhänger, wikipedia.de aufzugreifen, ist meistens Neugierde, was die Wikipedia zu einem bestimmten Begriff zu sagen hat. Dabei gibt es zwei Fälle:

  • Entweder ich habe bereits eine konkrete Vorstellung über den Begriff; ich will dann sehen, ob und was die Wikipedia mehr weiss als ich. Wenn ich dann der Ansicht bin, etwas zum jeweiligen Artikel beitragen zu können und es die Zeit erlaubt, editiere ich den Artikel. Häufig stelle ich dann fest, dass ich doch etwas nachschlagen muss, beispielsweise eine Jahreszahl oder eine Person, und aus der beabsichtigten "kleinen Änderung" wird dann doch eine etwas aufwändigere Arbeit. Wenn ich mich kurz fassen muss, hinterlasse ich auch gelegentlich nur einen kurzen Stub-Artikel; manchmal kehre ich dann ein paar Tage später mit mehr Zeit auf die Seite zurück und ergänze ein paar Sätze, in der Regel war dann aber schon ein anderer Wikipedianer "dran", und sei es nur mit kleinen Änderungen.
  • In anderen Fällen habe ich noch keine klare Vorstellung davon, was ein Begriff bedeutet; das kommt allerdings nicht so häufig vor, und ich editiere solche Artikel i.d.R. auch nicht, selbst wenn ich den Begriff anderweitig nachgeschlagen habe. Ich bin dann allerdings auch (zugegebenermassen) besonders misstrauisch gegenüber den Angaben der Wikipedia. Ich nehme sie, zumindest derzeit, noch nie als einzige Informationsquelle, aber sehr gerne als Anregung oder Ergänzung. Bei relativ aktuellen Themen, insbesondere bei biographischen Angaben und Zeitgeschehen, ist die Wikipedia allerdings unschlagbar.

Der eingebaute Suchtfaktor bringt mich oft dazu, ein paar Tage nach dem Schreiben eines Artikels oder Stubs meine Beobachtungsliste auszurufen und zu schauen, was andere Wikipedianer geändert haben. Das ist in jedem Falle lehrreich; zum einen zeigt es mir, welche Formatierungen oder Formulierungen besser finden, zum anderen weist es mich darauf hin, was ich nicht ausreichend klar formuliert habe, oder wo ich etwas wichtiges vergessen habe. Ich denke, dass sich so mit der Zeit die Qualität meiner Beiträge verbessern wird.

Das Hinzufügen von Artikeln auf die eigene Beobachtungsliste ruft in mir immer wieder den Wunsch hervor, nochmal einen kurzen Blick auf den jeweiligen Artikel zu werden und fehlenden Links nachzugehen und dort neue Artikel oder Stubs zu schreiben, oder einen vorhandenen verlinkten Artikel zu überarbeiten. Irgendwie betrachte ich mache von mir geschriebenen Artikel als "meins" und empfinde eine gewisse Verantwortung, sie -- so es die Zeit zulässt -- zu verbessern. Ob das im Rahmen einen kollektiven Projekts allerdings sinnvoll ist, sei einmal dahingestellt.

Als ich mich so um 2001 erstmals mit der Nupedia und später der Wikipedia beschäftigte, habe ich ziemlich viel in den Dokumentationen und Meta-Seiten gelesen, um die Konventionen kennenzulernen. Das kann jedoch eine gewisse Eigendynamik entwickeln, und ich möchte vermeiden, mich mehr mit Konventionen oder Strategiedebatten auseinanderzusetzen, als mit der eigentlichen Aufgabe der Wikipedia -- dem Bereitstellen von enzyklopädischem Content; daher versuche ich -- zumindest derzeit --, mich möglichst von der Meta-Ebene fernzuhalten, ich überflige aber zumindest regelmässig die relevanten Mailinglisten.

 Was ich an der Wikipedia mag

Faszinierend an der Wikipedia finde ich beispielsweise, dass es -- zumindest derzeit -- zulässig ist, Artikel in nahezu jedem Reifegrad einzugeben und so schichtenweise zu einem brauchbaren Artikel zu gelangen.

Ebenfalls sehr beeindruckend finde ich, das ich bisher noch keine Editierkriege erlebt habe; wenn Ergänzungen oder Korrekturen zu meinen Artikeln gemacht wurden, handelte es sich bisher ausschliesslich um Ergänzungen, Rechtschreibkorrekturen oder Formatierungen.

Was ich an der Wikipedia nicht mag

Auch bei längerem Nachdenken fällt mir bisher nichts ein, was mir an der Wikipedia nicht gefällt. Nur in zwei Bereichen sehe ich Defizite:
Die Qualität vieler Artikel ist bisher unzureichend und unbefriedigend; das schliesst übrigens auch vieles ein, was ich selbst geschrieben habe. Ich bin aber überzeugt davon, dass ich dazu beitragen kann, Tiefe und Breite der Wikipedia zumindest in einigen Sachgebieten zu verbessern. Daher gehe ich davon aus, dass sich das durchschnittliche Niveau eines Wikipedia-Artikel durch die kollektive Arbeit von "naiv" bereits in ein oder zwei Jahren auf "informativ" gesteigert haben wird, es also eine Frage der Zeit ist, bis die Wikipedia andere Nachschlagewerke ersetzen kann (damit meine ich übriegens nicht nur Konversations- und Universallexika).

Die MediaWiki-Software ist alles andere als perfekt; die "Phase III" macht zwar mittlerweile ihren Job sehr anständig, aber es gäbe hier noch etliches zu verbessern. Damit meine ich einerseits Funktionalität, Stabilität und Dokumentation des Codes (Beispiele: "Breadcrubs", Voting-Funktionen für Wikipedianer zum Abstimmen über den Reifegrad eines Artikels à la Kuro5hin oder Slashdot), aber auch den Komfort für Mitarbeiter; die Software des Open Directory ist da doch schon etwas weiter. Zum MediaWiki-Code kann ich leider wenig beitragen, ich bin kein Programmierer, aber ich versuche dort, die Dokumentation zu verbessern und so mehr Usern zu ermöglichen, die MediaWiki-Software zu verwenden. Ich gehe davon aus, dass mit der Zahl der Installationen auch die Menge der Patches und Developer zunehmen wird, daher halte ich die Software-Dokumentation für sehr wichtig.

Wie wird sich die Wikipedia entwickeln?

Meine Hemmschwelle, in einem Wiki zu editieren, ist verhältnismässig gering, vielleicht, weil ich schon länger damit konfrontiert bin und auch selbst eines als persönlichen Kontakt- und Informationsmanager auf meinen Rechnern zu laufen habe. Ausserdem bin ich von der Idee des kollektiven Wissen-Schaffens überzeugt und glaube, dass dieser Prozess nur dann funktioniert, wenn ich selbst dazu möglichst viele Krümelchen beitrage. Natürlich werde ich immer wieder mit Fragen konfrontiert, die wahrscheinlich auch andere Wikipedianer kennen; warum ich zum Beispiel meine, etwas zum Weltwissen beitragen zu können; die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: Ich kann viele Wissens-Partikelchen zur Wikipedia beisteuern, ebenso wie dies jeder durchschnittlich gebildete Bundesbürger ebenfalls tun kann; nur tun es viele bisher nicht, weil sie sich nicht trauen. Aber: Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Daher glaube ich, dass nicht nur Genies und wissenschaftliche Korpyphäen an Enzyklopädien schreiben dürfen...

Interessant ist auch die Beobachtung, dass viele Menschen gar nicht das Bedürfnis haben, ihr Wissen der Welt mitzuteilen, meist aus der falschen Vorstellung, selbst zu wenig zu wissen; das kann ich nicht nachvollziehen, da die Wikipedia bisher noch nicht einmal die ganze Breite des normalen Abiturwissens abbildet. Daher sollte jeder Abiturient oder Berufsschüler derzeit in der Lage sein, signifikante Wissenspartikel beizutragen, von Studierenden, praktizierenden Wissenschaftlern oder sich privat weiterbildenden Mitmenschen einmal ganz abgesehen. Villeicht werde ich in den nächsten Jahren in vielen weiteren Gesprächen diese Hemmungen besser verstehen.

Ich gehe davon aus, dass es noch etliche Jahre dauern wird, bis die deutsche Wikipedia quantitativ und qualitativ konkurrieren kann mit einer Encarta oder einem Brockhaus, ich halte es aber für machbar.

Von der quantitativen Seite her sollte es kein Problem sein, bis etwa 2006 im Bereich von einer halben Million Artikel anzukommen. Das exponentielle Wachstum der Anfangszeit wird sich m.E. selbst befruchten, mehr Leser zur Wikipedia führen, ein verstärktes Medieninteresse hervorrufen und die Menge der Zitierungen erhöhen. Durch die Übernahme und Bearbeitung von Material aus freien Quellen (z.B. Meyers Konversationslexikon von 1888/89 oder andersprachigen Wikipedias) sollte sich diese Wachstumsrate für eine gewisse Zeit stabilisieren. Das Wachstum wird dann ab einer bestimmten Artikelmenge stagnieren, das wird vielleich 2008 passieren. Das durchschnittliche Niveau eines Artikels dürfte dann etwa im Bereich eines mehrbändigen Universallexikons (Meyer, Brockhaus) liegen.

Die qualitative Komponente halte ich für weitaus kritischer; ich gehe davon aus, dass die deutschen Wikipedianer zumindest noch zwei Jahre lang vollauf damit beschäftigt sein werden, Texte zu generieren, um die Wikipedia in der Breite wachsen zu lassen. Irgendwann, so um 2007 herum, wird es schwieriger und anspruchsvoller werden, noch zur Wikipedia beizutragen. Dann lautet die Herausforderung, den Brockhaus oder die Britannica in der Tiefe -- nicht nur in der schieren Masse -- zu knacken. Und da sehe ich ein qualitatives Problem, weil es dann gar nicht mehr so viele qualifizierte Mitarbeiter geben wird, die komplexe Sachveralte einerseits verstehen und andererseits auch anschaulich und verständlich kommunizieren können.

Ich hoffe aber, dass der kollektive Wissen-Schaffensprozess der Wikipedia bis dahin ebenfalls an Reife gewonnen haben wird und geeignete Werkzeuge geschaffen worden sein werden, um entsprechende Artikel gemeinsam und konsensfähig zu erstellen. Die derzeitige Wikipedia-Software reicht dafür aber noch nicht aus. Beispielsweise wird man dann IMHO Tools brauchen, um Diskussionen threaded mit einem ganz bestimmten Seitenkontext zu verknüpfen, globale Diskussionsseiten zu einem Artikel werden dann vermutlich keinen Sinn mehr machen.

Siehe auch

Anmerkungen

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