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Wissen

Von Agon S. Buchholz für Kefk Network Wissen, Oktober 2005.

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Erstellt/bearbeitet: 14-Okt-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Dienstag, 07.10.2008, 09:20:16.

Home : Wissen : Theorie : Wissen


Übersicht

Die Annäherung an die Bedeutung des Begriffs Wissen ist äußerst schwierig; umgangssprachlich wird er beständig gebraucht und jedermann scheint eine Vorstellung zu haben, was er bedeutet. Das täuscht, dessen kann man sich leicht vergewissern. Auch in den Wissenschaften existiert weder eine präzise noch eine übergreifend anerkannte Definition.

Etymologisch leitet sich »wissen« ab von mhd. wizzen, ahd. wizzan und altsächsich witan; der indogermanische Stamm ist wohl *woida, auch in altindisch. véda und altgr. οιδα, »du weißt«. Dieses drücke, so Kluge in seinem Entymologischen Wörterbuch der deutschen Sprache, »den am Subjekt erreichten Zustand aus, der durch die Handlung *weid- 'finden (erkennen, erblicken)' erreicht wird, also 'ich habe gefunden/erkannt' = 'ich weiß'« (Kluge 2002: 994). Zur Begriffsgeschichte im Detail vgl. auch Begriff des Wissens im Deutschen Wörterbuch bei Grimm.

Wissen wird i.d.R. abgegrenzt von den Begriffen Erfahrung, Erkenntnis, Gewißheit, Empfinden, Meinen und Glauben.

Ansätze

Bereits Heraklit unterscheidet zwischen zwei Wissensarten: Πολυμαθίη νόον ου διδάσκει [2]. Dem νόον („Geist“, „Einsicht“) wird die πολυμαθία („Vielwisserei“, aber auch „Gelehrsamkeit“) gegenübergestellt; erstere sei für die meisten Menschen verborgen, letztere beruhe lediglich auf „Sammlung und Gedächtnis“ [1]. Diese beiden Wissensarten bilden zwar eine Dualität, sind jedoch nicht antinomisch; πολυμαθία ist also wohl eine notwendige Voraussetzung für das νόον, jedoch nicht damit identisch; beide Wissensarten ergänzen sich: die πολυμαθία hat ihren Platz vielmehr im Gesamtzusammenhang mit einer auf Einsicht konzipierten Bildung [3].

Eine weitere frühe Bestimmung von Wissen versuchte Platon, der es im Theaitetos als wahre begründete Meinung bestimmte.

Für Aristoteles waren Wissen die in der Wissenschaft zusammengefassten Kenntnisse.

Wolfgang Neuser bestimmt Wissen als »Erkenntniszustand allgemeiner intersubjektiv-vermittelbarer Sicherheit bezüglich der Kenntnis einzelner Gegenstände oder prozessualer Vorgänge«.

Im Gegensatz zum umgangssprachlichen Verständnis von Wissen bemüht sich der von Helmut F. Spinner begründete Karlsruher Ansatz der integrierten Wissensforschung (KAW) um eine Systematisierung des gesamten Begriffsfeldes um »Wissen aller Arten, in jeder Menge und Güte«; Spinner initiierte daher das Wissensarten-, Wissensordnungs- und Wissensverhaltensprojekt.

Er schlägt folgende Terminologie vor:

  • »Wissen ist semantische Information (unabhängig von Richtigkeit und Wichtigkeit)«
  • »Information ist inhaltliches Wissen«
  • »Erkenntnis ist Information plus x«

Anmerkungen

[1] Eine solche Form der πολυμαθία wirft Heraklit u.a. Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios sowie Homer und Archilochos vor; die kritisierten Vorläufer werden in den Fragmenten 40, 42, 57, 81, 106, 123, 129 angeführt und teilweise charakterisiert; so wird Pythagoras bspw. als „der Anführer der Schwindler“ (!) bezeichnet; cf. Dietz 1990c: 42-43.

[2] Heraklit, Fragment 40: „Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben“ oder „[...] lehrt nicht Geist“ (DK22B40); cf. Kranz 1903/1951; cf. auch Wikisource: Fragmente von Heraklit, übersetzt von Hermann Diels.

[3] „Sehr vieler Dinge kundig müssen weisheitsliebende Männer sein“, Heraklit, Fragment 35, zit in Dietz 1989c: 43.

Quellen

Karl-Martin Dietz: Das Erwachen des europäischen Denkens (Beiträge zur Be-wußtseinsgeschichte; 5). Stuttgart: Verl. Freies Geistesleben 1989.

Karl-Martin Dietz: Prometheus – vom göttlichen zum menschlichen Wissen (Beiträge zur Bewußtseinsgeschichte; 4). Stuttgart: Verl. Freies Geistesleben 1989.

Karl-Martin Dietz: Vom Logos zur Logik (Beiträge zur Bewußtseinsgeschichte; 6). Stuttgart: Verl. Freies Geistesleben 1990.

Kurt Eberhard: Einführung in die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Geschichte und Praxis der konkurrierenden Erkenntniswege (Urban-Taschenbücher; Bd. 386). Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1987.

Bernward Gesang: Artikel »Erkenntnis«, in: Peter Prechtl, Franz-Peter Burkard (Hrsg.): Metzler Philosophie Lexikon (2., erw. u. aktualis. Aufl.). Stuttgart, Weimar: Metzler 1999: 144-145.

Heraklit [Heraclitus Ephesius]. Fragmente. Griechisch und deutsch. Ed. von Bruno Snell (Tusculum-Bücherei; 6., unveränd. Aufl.). München: Heimeran 1976.

Wolfram Hinzen: Artikel »Wissenschaftstheorie«, in: Peter Prechtl, Franz-Peter Burkard (Hrsg.): Metzler Philosophie Lexikon (2., erw. u. aktualis. Aufl.). Stuttgart, Weimar: Metzler 1999: 667-669.

Wilhelm Kranz (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker. Griechisch und Deutsch von Hermann Diels, 2 Bde., Berlin 1903/1951.

Robert K. Merton: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 426). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1983.

Wolfgang Neuser: Artikel »Wissen«, in: Peter Prechtl, Franz-Peter Burkard (Hrsg.): Metzler Philosophie Lexikon (2., erw. u. aktualis. Aufl.). Stuttgart, Weimar: Metzler 1999: 664-665.

Jörg Pannier, Peter Prechtl: Artikel »Epistemologie«, in: Peter Prechtl, Franz-Peter Burkard (Hrsg.): Metzler Philosophie Lexikon (2., erw. u. aktualis. Aufl.). Stuttgart, Weimar: Metzler 1999: 140-141.

Siegfried J. Schmidt (Hrsg.): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft; 636). 6. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.

Helmut F. Spinner: Die Wissensordnung: ein Leitkonzept für die dritte Grundordnung des Informationszeitalters (Studien zur Wissensordnung; 1). Opladen: Leske + Budrich 1994.

Karsten Weber, Michael Nagenborg, Helmut F. Spinner: Wissensarten, Wissens-ordnungen, Wissensregime. Beiträge zum Karlsruher Ansatz der integrierten Wissensforschung (Studien zur Wissensordnung; 2). Opladen: Leske + Budrich, 2002.

Gernot Wersig: Fokus Mensch: Bezugspunkte postmoderner Wissenschaft: Wissen, Kommunikation, Kultur. Frankfurt am Main, Berlin et al.: Lang, 1993.

Weiterführende Informationen

Siehe auch

  • Information,
  • Diskursives Wissen,
  • Wissensrepräsentation,
  • Wissenssoziologie.
  • Langzeitgedächtnis,
  • Lernen durch Lehren: Kollektive Wissenskonstruktion im Unterricht,
  • Intelligenz, Kollektive Intelligenz, Künstliche Intelligenz,
  • Know-How.

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