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Medialisierung
Von Agon S. Buchholz für
Kefk Network Wissen, November 2005.
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Erstellt/bearbeitet: 25-Nov-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Donnerstag, 28.08.2008, 19:21:38.
Home : Wissen : Theorie : Medialisierung
Übersicht
Als Medialisierung oder
Mediatisierung (engl. mediatization) bezeichnet man
- in den Sozialwissenschaften im weiteren Sinne
»Prozesse des Übergangs von Formen direkter Kommunikation in
Formen indirekter Kommunikation über Medien« (Schanze 2002: 199),
also beispielsweise Veränderungen, die durch elektronische Medien in
Kultur und Gesellschaft bewirkt werden;
- in den Sozialwissenschaften im engeren Sinne
einen Prozeß, »in dem der Mensch seine Wirklichkeit immer
stärker von den Erfahrungen her definiert, die in den Medien
generiert werden« (Ilse Harms, Virtuelles Handbuch
Informationswissenschaft, ca. 2002)
- im weiteren Sinne jegliche Übertragungsprozesse auf
Medien, z.B. »Medialisierung des Körpers«, »Medialisierung
von Kriegserfahrung«, »Medialisierung einer Katastrophe«
etc.
- in der Humanmedizin einen operativen Eingriff zur
(Wieder-) Herstellung einer medialen, also nach der Mittelebene des
Körpers gelegenen Position eines Organs oder Knochens, z.B. »Medialisierung
der Kniescheibe«.
Der Begriff der Medialisierung ist zu unterscheiden von dem
der Mediation, also dem Verfahren der Konfliktschlichtung durch
Einschalten eines neutralen Vermittlers.
Differenzierungsbereiche
In den Kommunikations- und Medienwissenschaften können nach Helmut
Schanze zwei Grundformen der Medialisierung unterschieden werden (Schanze
2002: 199):
- basale Typen der Medialisierung, z.B. Verschriftlichung,
Verbildlichung, Vertonung;
- technische Formen der Medialisierung, z.B. Theatralisierung,
Verfilmung.
Dabei kann es sich handeln um
- Prozesse der Entzeitlichung,
- Prozesse der Enträumlichung oder
- Prozesse der Vervielfältigung von Kommunikation.
Betrachtet wird immer die Veränderung der Wahnehmung:
- Im ersten Schritt wird dabei die Wahrnehmung von Wirklichkeit
verschoben: Wirklich ist, was in den Medien erscheint;
- im zweiten Schritt werden Ereignisse für Kamera und Mikrofon
erzeugt: Realität wird zum Produkt von Medien.
Ansätze zur Bewertung
Seitens der Medienkritik wird der Verlust an Authentizität
beklagt, also das Überwiegen von sekundären Erfahrungen; dem gegenüber
betrachten utopische Ansätze eher die »Erweiterung der Sinne«
(»extensions of man«, McLuhan 1964).
Je nach Standpunkt werden die Prozesse der Medialisierung daher
vollkommen unterschiedlich bewertet: Sie können
- als primärer Erfahrungsverlust betrachtet werden, demnach würde sich
die Qualität der Erfahrung durch Medialisierung ändern (so bspw. Ilse
Harms);
- sie können als Charakteristikum menschlicher
Kultur und somit als Normalität
angesehen werden; so habe beispielsweise bereits der antike Stratege
seine Befehle an das Heer durch einen Boten medialisiert übermittelt (so
bspw. Helmut Schanze); ähnlich sehen auch konstruktivistische Ansätze
jegliche Realitätsvorstellung als mehr oder minder medial vermittelt an
(»Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir
leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien«; Niklas
Luhmann, Die Realität der Massenmedien, 1995; ähnlich auch
Friedrich Kittler und Norbert Bolz);
- sie können als als Erweiterungen der Sinne und der menschlichen
Möglichkeiten angesehen werden (so bspw. Marshall McLuhan oder Vilém
Flusser), wobei durchaus auch Risiken mitgedacht werden.
Siehe auch
- Mediengesellschaft, Mediendemokratie, Mediokratie
- Intermedialität
- Autopoietisierung - Autologisierung, Virtualisierung,
Metamedialisierung, Kybernetisierung, Fiktionalisierung
- Oralität und Literalität
- Massenkommunikation und Massenmedien
Literatur
P. Kaser (Hrsg.): Recht, Sprache und Elektronische Semiotik.
Beiträge zum Problem der elektronischen Medialisierung von Sprache und
Wissen in interdisziplinärer Perspektive. Frankfurt am Main: Lang 1992.
400 Seiten. ISBN: 3631426291
Falko Herlemann, Michael Kade: Kunst in der Öffentlichkeit.
Ästhetisierung, Historisierung, Medialisierung. Frankfurt am Main; Berlin;
Bern; New York; Paris; Wien: Lang 1996. 284 Seiten. ISBN: 3631494874
Gianpietro Mazzoleni, Winfried Schulz: »'Mediatization'
of politics. A challenge for democracy?«, in: Political Communication
16 (1999): S. 247-261.
Marshall McLuhan: Understanding media: The extensions of man
(3. impr.). London: Routledge & Kegan Paul 1967 - Englischsprachige
Originalausgabe von McLuhans Klassiker; deutschpsrachige Ausgabe: Id.:
Die magischen Kanäle. Düseldorf; Wien: Econ 1968.
Helmut Schanze: Artikel »Medialierung«, in: id.
(Hrsg.): Metzler Lexikon Medientheorie – Medienwissenschaft. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart;
Wimar: Metzler 1999.
Winfried Schulz: »Reconstructing mediatization as an analytical
concept«, in: European Journal of Communication 19 (2004), Nr. 1:
S. 87-101.
Netmarks
Annika Requardt (H-Soz-u-Kult): Medialisierung von
Kriegserfahrung - Forschungsprojekt an der
Eberhard-Karls-Universität, Tübingen, 2002-2004,
hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/projekte/id=54.
Ulrich Sarcinelli: »Demokratie unter Kommunikationsstress?
Das parlamentarische Regierungssystem in der Mediengesellschaft«,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 43/2003),
www.bpb.de/.../YJTVW5,3,0,Demokratie_unter_Kommunikationsstress.html.
Winfried Schulz: »Medialisierung. Eine medientheoretische
Rekonstruktion des Begriffs« - Beitrag zur Jahrestagung der
Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und
Kommunikationswissenschaft, Erfurt, 19. bis 21. Mai 2004
(Entwurfsfassung),
www.kowi.wiso.uni-erlangen.de/pdf_dateien/DGPuK_Medialisierung_end.pdf
(PDF-Datei).
Dietrich V. Wilke: »Kulturelle Medialisierung: Kultur und
ihre Kulturen: Ziel der Informationstechnik ist das Kulturelle«,
home.t-online.de/home/dr.d.wilke/kultur.pdf (PDF-Datei).
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