Informationsgesellschaft
Von Agon S. Buchholz für
Kefk Network Wissen und
Wikipedia, April 2004.
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Erstellt/bearbeitet: 05-Nov-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Mittwoch, 08.10.2008, 02:59:03.
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Übersicht
Als Informationsgesellschaft bezeichnet man das Leitbild einer
auf Informations- und Kommunikationstechnologien basierenden
Transformationsgesellschaft und -ökonomie. Der Prozess, durch den sich
eine postindustrielle oder postmoderne Informationsgesellschaft bildet,
wird als Informatisierung bezeichnet (Nora/Minc 1979).
Je nach Schwerpunkt kann dabei unterschieden werden zwischen
- Informationsökonomiegesellschaft - Betonung der
wirtschaftlichen Veränderungen, z.B. Herausbildung eines »quartären«
Sektors;
- Informationstechnologiegesellschaft - IuK-Technologien
als wesentlicher Faktor der wirtschaftlichen (und
gesellschaftlichen) Entwicklung;
- Informationsbenutzungsgesellschaft - Betonung des
Nutzungsaspekts und der Bedeutung für die Menschen in einer
Informationsgesellschaft; auch »informierte Gesellschaft« (Steinbuch
1966), »informationsbewusste Gesellschaft« (Wersig 1973).
Die Begriffe
Informationsgesellschaft und
Wissensgesellschaft
werden häufig undifferenziert und weitgehend synonym verwendet; präzise
Abgrenzungen finden sich allenfalls im Kontext fachwissenschaftlicher
Arbeiten.
Bedeutungsebenen
Bereits 1948 prognostizierte der amerikanische Wissenschaftler Norbert
Wiener die Entstehung einer "Informationsgesellschaft".
Die engeren Vorläufer des Leitbilds wurden in den 1960er Jahren
entwickelt, als ein Wandel in der Beschäftigungsstruktur der
industrialisierten Staaten bemerkt wurde, der zunächst als
Dienstleistungsgesellschaft bezeichnet wurde. Zu diesen Vorläuferbegriffen
gehört die Informierte Gesellschaft (Steinbuch 1968, Haefner 1980 u.a.) und
die Postindustrielle Gesellschaft (Bell 1973).
Der Begriff der Informationsgesellschaft wurde dann in den 1980er Jahren
aus einem Teilbereich dieses tertiären Dienstleistungssektors
ausdifferenziert, der nicht direkt zum Bruttosozialprodukt beitrug und mehr
oder minder mit der Verarbeitung von Information zu tun hatte; diese
Veränderungen werden auch als zweite industrielle Revolution oder
kommunikative Revolution (Wersig 1985) bezeichnet.
Die Utopie der Informationsgesellschaft wurde vor allem während der
1990er Jahre im Rahmen der Diskussion um die Information Highways
thematisiert und entwickelt sich dort zunehmend zu einem sinnentleerten
Schlagwort. In der öffentlichen Diskussion weiter diskreditiert wurde der
Begriff im Zuge des "Platzens" der so genannten Internet-Blase der New
Economy. Auf politischer Ebene wurde insbesondere John Perry Barlows
Adaption der Frontier-Metapher auf das Internet kontrovers diskutiert. In
Europa wurde der Begriff der Freiheitlichen Informationsinfrastruktur als
techo-liberale Vision zur politischen Kommunikation der Frontier-Metapher
entgegen gesetzt
Im Zusammenhang mit der Digitale Kluft-Hypothese fordert Rademacher einen
Marshallplan der Informationsgesellschaft.
Zu den Merkmalen der Informationsgesellschaft zählt u.a. die
Informationsexplosion.
Der Wissenschaftstheoretiker Helmut F. Spinner bezeichnet die
Informationsgesellschaft als Vorstufe oder Degenerationsform der
Wissensgesellschaft (vgl. [1], [2]), wobei Spinner allerdings einen anderen
Informationsbegriff verwendet.
Visionäre Vorstellungen
Der jesuitische Geologe und Philosoph Pierre Teilhard de Chardin
prognostizierte in seinem Buch Le phénomène humain (dt.: Mensch im
Kosmos) aus den 1920er Jahren eine Vernetzung der Menschen sowie die
Wandlung der Erde von einer »Biosphäre« in eine »Soziosphäre«. Die Erde
verwandele sich demnach also von einem Biotop in ein denkendes Wesen. De
Chardin beschreibt das Ziel unserer Evolution mit Hilfe der Technik als das
Zusammenwachsen der Einzelwesen zu einem großen Gemein-Wesen, die er als
Noosphäre bezeichnet.
Kernmerkmale
Komplexität
Viele Autoren der Gegenwart wie Ulrich Beck, Jürgen Habermas,
Jean-François Lyotard und Anthony Giddens betrachten Komplexität als
ein wesentliches Merkmal der heutigen Transformationsgesellschaft; die
Komplexität führe zu Ungewißheit, daraus ergibt sich ein Gefühl der
Überforderung. Als Lösung dieses Dilemmas liege es nahe zu versuchen, die
Komplexität und damit auch die Ungewißheit zu verringern. Genau dies leiste
Information: »Information ist
die Verringerung von Ungewißheit« (Wersig 1971). Zur Bewältigung von
Welt sei daher die Informationsgesellschaft im Sinne einer
Komplexitätsreduktionsgesellschaft anzustreben.
Bewährte allgemeine Hilfsmittel der Komplexitätsreduktion sind
beispielsweise:
- Abstraktion und Modellierung,
- Gebrauch von Werkzeugen,
- Gebrauch kognitiver Stellvertreter in Form von Zeichen,
- Entwicklung von Mitteln zur Wissensspeicherung u.a.
Hilfsmittel zur Reduktion der Handlungskomplexität sind
beispielsweise:
- Weiterentwicklung unserer Sinne,
- Weiterentwicklung des Konzepts des Management.
Hilfsmittel zur Reduktion der Wissenskomplexität sind
beispielsweise:
- Nutzung von Bildern und bildhaften Präsentationen als synoptische
Präsentationen;
- Nutzung von narrativen Strukturen;
- Nutzung von nicht-linearer und individualisierbarer Hypermedialität;
- Nutzung von Agenten.
Siehe auch
- Digitale Kluft und Wissenskluft,
- Freie Informationsinfrastruktur,
- Informationskultur, Globales Dorf,
- Transition und Transformation,
- Postfordismus, Infosphäre
Literatur
Daniel Bell: "The coming of post-industrial society. A venture in social
forecasting", New York, NY: Basic Books 1973, (deutsch: "Die
nachindustrielle Gesellschaft", Frankfurt M.: Campus-V. 1975).
Bundesministerium für Wirtschaft (Hrsg.): Info 2000: Deutschlands Weg in
die Informationsgesellschaft, Bonn 1996.
Pierre Teilhard de Chardin: Le phénomène humain, Paris 1955 (dt. Der
Mensch im Kosmos, München 1959)
Bill Gates: Der Weg nach vorn. Die Zukunft der Informationsgesellschaft.
München 1997.
Nicholas Negroponte: Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder die
Zukunft der Kommunikation. München 1997.
Gernot Wersig: Die Komplexität der Informationsgesellschaft, Konstanz
1996, ISBN 3-87940-573-5
Andreas Borrmann, Rainer Gerdzen: Kulturtechniken der
Informationsgesellschaft, 1996
Sybille Krämer: Medien, Computer, Realität. Wirklichkeitsvorstellungen
und Neue Medien, 1998
Peter A. Bruck, Guntram Geser: Schulen auf dem Weg in die
Informationsgesellschaft, 2000
G. Knorz, Rainer Kuhlen: Informationskompetenz - Basiskompetenz in der
Informationsgesellschaft. Konstanz 2000.
H. Krcmar: Informationsmanagement, Berlin usw: Springer, 2003
Herbert Kubicek: Die sogenannte Informationsgesellschaft. Neue
Informations- und Kommunikationstechniken als Instrument konservativer
Gesellschaftsveränderung. In: Elmar Altvater u.a.: Arbeit 2000, Hamburg
1985, S. 76-109.
Herbert Kubicek, Arno Rolf: Mikropolis. Mit Computernetzen in die
"Informationsgesellschaft". Hamburg 1995.
Manuel Castells: Das Informationszeitalter. 2004 (3 Bände;
Kurzrezension):
- Band 1: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Leverkusen: Leske und
Budrich Verlag 2001. ISBN 3810032239 (
Rezension)
- Band 2: Die Macht der Identität. Leverkusen: Leske und Budrich
Verlag 2002. ISBN 3810032247
- Band 3: Jahrtausendwende. Opladen: Campus Verlag 2003. ISBN
3810032255
Netmarks
Beats Biblionnetz: Beiträge zum Thema Informationsgesellschaft,
beat.doebe.li/bibliothek/w00452.html.
Ilse Harms: Kommunikation und Gesellschaft,
is.uni-sb.de/studium/handbuch/exkurs2.php.
Initiative Informationsgesellschaft - Medien - Demokratie,
staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/imd/imdwork971.html.
Netzpolitik.org - Ein Weblog zu den aktuellen Themen der
Informationsgesellschaft,
www.netzpolitik.org.
Thomas Zimmermann: Soziologie der Wissensgesellschaft. Texte,
Literatur und Links zum Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft im
informationalen Zeitalter - die Dokumente stehen überwiegend unter einer
Creative Commons Lizenz,
www.tzimmerm.de.
Europarat, Erklärung des Ministerkomitees zu Menschenrechten und
rechtlichen Spielregeln der Informationsgesellschaft,
www.minbzk.nl/contents/pages/42826/declaration.pdf (PDF)
Anmerkungen
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