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Baum des Wissens
Von Agon S. Buchholz für
Wikipedia,
April 2004.
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Home : Wissen : Glossar : B : Baum.des.Wissens
14-Mar-2005/14-Jan-07
Übersicht
Als Baum des Wissens bezeichnet man ein klassisches
epistemologisches Ordnungssystem, das der botanischen Semantik entlehnt
ist; es geht zurück auf die aristotelische Kategorienlehre und wurde im
Arbor porphyriana in Porphyrs Isagoge erweitert und präzisiert.
Der Baum des Wissens wird traditionell mit einer Baummetaphorik
veranschaulicht und kann visualisiert werden mit einem Baumdiagramm.
Baum des Wissens als Dispositionsmetapher
Die meisten spätantiken und mittelalterlichen Enzyklopädien bedienen
sich der Metapher des Baums des Wissens zur systematischen Disposition
des Wissens. Ein typisches Baummodell nach der aristotelisch-ramistische
Methode ist
Theodor
Zwingers
Theatrum humanae vitae (1565; vgl.
Ramismus). Eine praktische Anwendung dieses Systems findet sich auch im
Arbre de ciència (um 1295/96, veröffentlich in lateinischer Sprache
1482) von
Raymundus Lullus.
Ein Vorläufer der Visualisierung als Baum ist die Darstellung der
Sieben freien Künste als Kreis, beispielsweise im mittelalterlichen
Hortus deliciarum der
Herrad von Landsberg (um 1180).
Aus religiöser Perspektive ist der Baum der Wissenschaft mit Risiken
behaftet; so stellt Bonaventura fest: »Der Baum der Wissenschaft betrügt
viele um den Baum des Lebens oder setzt sie den heftigsten Qualen im
Fegefeuer aus«. Der Baum der Wissenschaft wird hier weitgehend
gleichgesetzt mit dem alttestamentarischen
Baum der Erkenntnis (also dem
Sündenfall), der dem
Baum des Lebens gegenübergestellt wird.
Als Baum der Wissenschaft bezeichnete Descartes dagegen das große
Buch der
Welt, was für ihn die Gesamtheit des Wissen und der Wissenschaften
bezeichnete.
Stammbaum menschlichen Wissens in der
Encyclopédie
Die
Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des
métiers ist die letzte bedeutende Enzyklopädie, die einen
Stammbaum des Wissens nach Art
Francis
Bacon (vgl.
Stammbaum der Wissenschaften) bietet, aber bereits an mehreren bedeutsamen Stellen von
diesem abweicht; sie leitet damit einen »erkenntnistheoretischen
Richtungswechsel [ein], der die Topographie allen menschlichen Wissens
verwandelte« (Robert Darnton); das Système figuré des connoissances
humaines bildet einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der inneren
Logik der Encyclopédie.
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| Der Stammbaum des menschlichen
Wissen zu Beginn von Band 1 der "Encyclopédie" (Des
connoissances humaines. Entendement: Memoire, Raison,
Imagination) |
Das figürlich dargestellte System
der Kenntnisse des Menschen (deutsche Übersetzung) |
Ausschnitt aus dem Stammbaum des
menschlichen Wissens, Prospekt der "Encyclopédie" (1750) |
Kritik
In der Neuzeit wurde das klassische Ordnungssystem fundamental
hinterfragt; Ludwig Wittgenstein bewies die Unmöglichkeit einer hierarchischen
Klassifikation bestimmter Kategorien und führte als Alternative den
Begriff der
Familienähnlichkeit ein.
Auch der Philosoph
Michel
Foucault kritisiert in Die Ordnung der Dinge
(1974) die Fragwürdigkeit jeglicher Kategoriensysteme, da sie einer
Raum-Zeit-Gebundenheit unterliegen; er zeigt in seiner Archäologie des
Wissens, dass jedes Kategoriensystem willkürlich wirkt, wenn es von
einer Außenperspektive aus betrachtet wird (vgl.
Taxonomie).
Weitere postmoderne Kritik äußerten
Gilles
Deleuze und
Félix
Guattari, die als neue
Wissensmetaphern das Rhizom
einführten. Alternativ wird auch oft das
Netzwerk in diesem Zusammenhang genannt.
Siehe auch
- Epistemologie, Iconographia universalis, Schediasma, Spätscholastik,
Ramismus, Cartesianismus, Baum der Erkenntnis
Literatur
Fernando Domínguez Reboiras u.a. (Hrsg.): Arbor scientiae, Der Baum des
Wissens von Ramon Lull: Akten des Internationalen Kongresses aus Anlaß
des 40-jährigen Jubiläums des Raimundus-Lullus-Instituts der Universität
Freiburg i. Br. (Subsidia Lvlliana; 1). Turnhout: Brepols, 2002. ISBN
2-503-51215-1
Alexandre Saint-Yves d'Alveydre: L'Archéomètre. 1903
Max Thürkauf: Adams Äpfel oder Giftige Früchte vom Baum der
Wissenschaft. Meier Verlag 1982
Quelle und Lizenz
Ein Teil dieses Textes basiert auf einem Artikel aus
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Stand: 00:20, 8. Mär 2005.
Lizenz: GNU Free
Documentation License.
Bildquellennachweise:
- Der Stammbaum des menschlichen
Wissen zu Beginn von Band 1 der "Encyclopédie" (Des
connoissances humaines. Entendement: Memoire, Raison,
Imagination) -
de.wikipedia.org (Public Domain, Urheberrecht abgelaufen).
- Das figürlich dargestellte System der Kenntnisse des Menschen
(deutsche Übersetzung) -
de.wikipedia.org (Public Domain, Urheberrecht abgelaufen).
- Ausschnitt aus dem Stammbaum des menschlichen Wissens,
Prospekt der "Encyclopédie" (1750) -
de.wikipedia.org (Public Domain, Urheberrecht abgelaufen).
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