GNU/Linux-Benutzer kultivieren das Feindbild des vermeintlich »dummen«
Windows-Anwenders und des womöglich noch »dümmeren« Windows-Admins. Was
ist 'dran, ausser Arroganz und Ignoranz seitens der angeblich so
pluralistischen Linux-Community?
Ein aktuelles Windows-System ist für den durchschnittlichen Anwender
schneller und leichter zu erlernen und leichter zu bedienen; die meisten
Menschen lernen visuell schneller und arbeiten besser, und das
Windows-GUI ist mittlerweile sehr ausgereift: Es ist vergleichsweise
konsistent, es kann optional fast vollständig über die Tastatur bedient
werden und es ist sehr mächtig.
Die machistischen Cowboy-Parolen mancher Linux-Anhänger mögen also im
Neid begründet sein: Kein derzeitiges Linux-GUI ist auch nur annähernd
konkurrenzfähig mit den Benutzerschnittstellen von Windows 2000 oder XP.
Ausserdem versucht sicherlich mancher gestandene Linuxer, sein mühsam
erkämpftes Revier – die Fähigkeit, unfertige oder »un-menschliche« Benutzerschnittstellen
produktiv einzusetzen – zu verteidigen.
Ebenso einfach ist wohl auch der Hass vieler Linux-Admins auf die
zahllosen Windows-Admins zu erklären: Letztere haben es schlicht und
ergreifend einfacher, zumindest wenn sie keine überdurchschnittliche
Ausbildung absolviert und keine allzu kniffeligen Aufgaben zu lösen haben. Für
Standard-Aufgaben – Aufsetzten eines Web-, FTP-, DNS-, Druck-, Datei-
oder Anmeldeservers – ist das Windows-GUI bestens geeignet und lässt
sich rascher erlernen; der Schritt vom Windows-User zum
Windows-Power-User ist vergleichweise klein; natürlich gibt es dadurch
auch vergleichsweise mehr Möchtegern-Administratoren für Windows:
Irgendwie klickt sich ein funktionierender Webserver rasch zusammen,
aber sicher oder performant ist der noch lange nicht. Dies bedeutet
jedoch auch nicht notwendigerweise, dass alle Windows-Admins unfähig
sein müssen.
All dies gilt nur für den durchschnittlichen Menschen, der
eben visuell denkt und lernt; aus der Perspektive eines Programmierers
bietet das Windows-GUI zu wenig Automatisierungs- und
Steuerungsmöglichkeiten, und eine vollwertige Alternative bietet die
Bedienung über die Windows-Kommandozeile nicht. Ein GNU/Linux-System zwingt jedem
ernsthaften Admin
den harten Weg auf: das langwierige Lesen teilweise veralteter Build
Guides, Readmes, Man-Pages, HOWTOs und FAQs, das regelmässige Studium von
Newsgroups und Mailinglisten, das intensive Tüfteln mit
Konfigurationsdateien, das Lesen und Verstehen von obskuren RFCs usw.
GNU/Linux
produziert damit zwangsläufig vergleichsweise höher qualifizierte
Administratoren – allerdings ebenso zwangsläufig eine Vielzahl
frustrierter Linux-Anwärter. Auch macht der Zwang zur Verwendung
antiquierter Benutzungsparadigmen aus den qualifizierten
Linux-Administratoren nicht automatisch eine Elite: Es handelt sich eben
um eine vergleichsweise kleine Anzahl von Menschen mit der Bereitschaft,
primitive Benutzerschnittstellen zu verwenden.
Fraglich ist, ob die Kommandozeile noch geeignet ist, komplexe Systeme
zu bedienen; für den typischen Benutzer ist die Antwort einfach: Nein.
Eigentlich sollte es auch keine Notwendigkeit dafür geben. Ein UNIX-Desktop muss
von einem fähigen Admin eingerichtet und gewartet werden;
Troubleshooting eines Linux-Systems geht weit über das hinaus, was von
einem Anwender erwartet werden kann. Auch für Administratoren geht die
Zukunft sicherlich eher in Richtung zu GUIs; ein komplexes System wie
Microsofts Active Directory lässt sich an der Kommandozeile nicht mehr
sinnvoll überblicken. Dennoch ist die potentielle Universalität von
GNU/Linux richtungsweisend: Wenn sich zu den mächtigen Backends ebenso
mächtige und konsistente Frontends gesellen, wird GNU/Linux auch für normale
Menschen bedien- und benutzbar. Einige solcher Frontends existieren
mittlerweile und beweisen die grundsätzliche Machbarkeit
benutzerfreundlicher Applikationen unter GNU/Linux.
Das Leben in Feindbildern ist daher für beide Seiten unproduktiv;
gestandene Linux-Admins werden sich derzeit kaum mit Windows anfreunden,
und Windows-Admins werden kaum Gefallen finden an dem Weg, zu dem GNU/Linux
sie erzwingt. Beide Welten ergänzen sich derzeit sehr gut, es gibt also
wenig Grund für Feindseligkeit und Grabenkämpfe – nur Betriebssysteme und
Anwendunge, die für unterschiedliche Benutzergruppen mehr oder weniger
gut geeignet sind.