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Osmanisches Reich
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Erstellt/Zuletzt bearbeitet: 06-Sep-2005/03-Feb-06
Systemzeit: Donnerstag, 04.12.2008, 08:30:37.
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Übersicht
Als Osmanisches Reich oder auch Ottomanisches Reich
(amtliche türkische Bezeichnung 1907 Memalik-i Osmanije) bezeichnet man
das Reich der Dynastie der Osmanen vom 14. Jahrhundert bis 1923. In
Europa wurde das Land auch damals als "Türkei" bzw. "Türkisches Reich"
bezeichnet. Es war für mehrere Jahrhunderte die entscheidende Macht in
Kleinasien und auf dem Balkan, zeitweise auch in Nordafrika und auf der
Krim. Im Laufe des 18. und vor allem 19. Jahrhunderts wurde es in der
Auseinandersetzung mit den europäischen Mächten auf Kleinasien
zurückgedrängt und fand in der Türkei seinen Nachfolgestaat.

Abbildung: Historiogramm zum Osmanischen Reich.
Frühgeschichte
Die Überlieferungen über die Anfangszeit der Osmanen (Osmanlı,
Osmanisches Reich = Devlet-i Âliye, Osmanlı Devleti) sind nur spärlich,
wohl weil es sich um ein kleines unter vielen Fürstentümern handelte,
die es nach der Zerschlagung des Seldschuken-Reiches (Selçuklu Devleti)
in Kleinasien gab. Der Namensgeber Osman I. war zu Anfang des 14.
Jahrhunderts der Herrscher über einen nomadischen Stamm - den Klan der
Kynyk vom Stamm der Kayi bei Söğüt im nordwestlichen Anatolien, der von
turkmenischer Herkunft und islamischen Glaubens war. Osman starb 1326
und hinterließ seinem Sohn Orhan ein Fürstentum, das fast halb so groß
wie die heutige Schweiz war. Er eroberte die byzantinische Stadt Bursa,
die bis zur Eroberung Konstantinopels (heute İstanbul) die Grablege der
Oberhäupter der Osmanen blieb.
Das Byzantinische Reich wurde massiv bedrängt und befand sich zu dieser
Zeit im Niedergang, sodass die Eroberung der europäischen Seite des
Marmarameers (Marmara Denizi) nicht schwer fiel, angefangen mit
Gallipoli (Gelibolu) 1354. Auch in Kleinasien gab es im gleichen Jahr
mit Ankara (griech. Angora) Zugewinne. Bei Orhans Tod 1360 war das Reich
mehr als dreimal so groß wie beim Tode seines Vaters. Im folgenden Jahr
gelang die Einnahme Adrianopels (Edirne), der zweitgrößten
byzantinischen Stadt, es folgte der Übergriff auf Mazedonien (1371).
1389 gelang Murad I. in der Schlacht auf dem Amselfeld ein Sieg über die
verbündeten christlichen Fürsten aus Serbien, Bosnien, Bulgarien und
Albanien.
Wenn auch gleichzeitig in Kleinasien sowohl durch Krieg als auch durch
Heirat Zugewinne stattfanden, war inzwischen der europäische Teil des
Reiches der wichtigere geworden. So wurde ab 1385 die militärische
Führung einem "Beylerbey von Rumelien" (Rumelien bezeichnete den
europäischen Teil) und einem "Beylerbey von Anatolien" überantwortet,
wobei ersterer den Oberbefehl hatte. Viele der charakteristischen
Merkmale des Osmanischen Reiches hatten sich zu dieser Zeit schon
herausgebildet. Aus den eroberten Gebieten wurden den Kriegern Pfründe –
Timar genannt – gegeben; im Gegenzug mussten sie als Sipahis in der
Kavallerie des Heeres dienen. Dieses System ähnelte zunächst dem
europäischen Lehnswesen des Mittelalters, allerdings gab es auch große
Unterschiede, so entwickelte sich beispielsweise keine Leibeigenschaft.
Als stehendes Heer wurde die wichtige Infanterie von den Janitscharen
(türk. Yeniçeri) gestellt, die vor allem aus der sogenannten Knabenlese
auf dem Balkan und dem Kaukasus gewonnen, zum Islam bekehrt wurden und
eine Ausbildung erhielten, die sie zu fähigen Instrumenten der
Machtpolitik des Reiches machte.
Sultan Murad I., der auf dem Amselfeld durch einen Attentäter getötet
worden war, folgte Bayezid I. (manchmal auch Beyazıt oder Bayazıt
geschrieben) nach, der sich bald daran machte, Konstantinopel (Byzanz)
zu erobern, was allerdings zu dieser Zeit noch nicht gelang; Byzanz
wurde aber zu Tributzahlungen verpflichtet. 1396 mussten sich die
Osmanen einem Kreuzfahrerheer unter Kaiser Sigismund stellen, das in der
Schlacht von Nikopolis vernichtend geschlagen wurde.
Eine erste Existenzkrise musste das Osmanische Reich durchstehen,
nachdem sein Heer in der Schlacht bei Ankara gegen Timur Lenk 1402
vernichtend geschlagen wurde und Bayezid in Gefangenschaft geriet. Der
Tatare hatte innerhalb kurzer Zeit ein riesiges Reich von Nordindien
über Georgien und Persien bis Anatolien erobert, das aber nach seinem
Tod 1405 schnell zerfiel. Die Verwaltung der Gebiete des Osmanischen
Reichs hatte er an die Söhne Bayezids, Süleyman (Rumelien), Mehmed
(Zentralanatolien mit Amasya) und İsa (anatolischer Teil um Bursa)
gegeben. Diese kämpften im Folgenden sowohl um die an Timur verloren
gegangenen Gebiete als auch gegeneinander um die Vorherrschaft. In den
Kämpfen zwischen den Brüdern wurde Süleyman von einem weiteren Bruder,
Musa, 1410 geschlagen, dem wiederum Mehmed 1413 mit Unterstützung von
Byzanz eine Niederlage beibrachte (siehe auch Osmanisches Interregnum).
Mehmed stellte sich als Sultan des wiedervereinigten Reichs in den
folgenden Jahren der Herausforderung, das Land zu konsolidieren und
gleichzeitig die alte Größe wiederherzustellen.
Auch die Thronbesteigung Murads II. lief nicht reibungslos ab. Kurz vor
Mehmeds Tod machte ein Mustafa als angeblicher Sohn Bayezids Ansprüche
geltend. Wahrscheinlich war er ein echter Sohn, er wurde aber von Mehmed
als "falscher Mustafa" diffamiert. Sowohl er als auch ein Bruder Murads
(der auch als "kleiner Mustafa" (Küçük Mustafa) bezeichnet wird), der
von Byzanz als Thronprätendent aufgebaut worden war, wurden
hingerichtet. Bei dieser Gelegenheit musste wiederum ein Versuch der
Belagerung Konstantinopels abgebrochen werden.
In Südosteuropa war Ungarn zum Hauptgegner geworden. 1440 konnte es die
Einnahme der wichtigen Festung in Belgrad abwenden. Vor allem Johann
Hunyadi gelangen immer wieder militärische Erfolge, obwohl seine und die
Versuche des Papstes, ein Kreuzfahrerheer zur Vertreibung der Osmanen
aus Europa zusammenzurufen, in West- und Mitteleuropa kaum Gehör fanden.
Drei Jahre später konnte Hunyadi sogar nach Bulgarien vordringen. Auch
die Albaner unter Skanderbeg führten einen Unabhängigkeitskampf gegen
die Osmanen. Aufgrund der Situation schloss Murad 1444 in Szegedin einen
zehnjährigen Friedensvertrag, der jedoch sogleich von Ungarn gebrochen
wurde, um einen vom Papst initiierten Feldzug durchzuführen. Murad hatte
gerade erst die Macht an seinen Sohn Mehmed abgegeben und sich
zurückgezogen, trat nun aber wieder an die Spitze des Heers, das die
Kreuzfahrer in der Schlacht bei Warna vernichtend schlug. Abermals
musste er 1446 die Macht für den unerfahrenen Nachfolger übernehmen, um
einen Janitscharenaufstand niederzuschlagen, und fügte 1448 den Ungarn
unter Hunyadi im Kosovo (nach 1389 die zweite Schlacht auf dem
Amselfeld) eine schwere Niederlage zu.
Mehmed bestieg 1451 endgültig den Thron und bereitete sofort die
Einnahme von Konstantinopel, dem "goldenen Apfel" (später trug Wien
diese Bezeichnung), vor. Dieses Ereignis ist oft als Zäsur in der
Geschichte verstanden worden, als Ende des Byzantinischen Reichs und
Ende des Mittelalters. Tatsächlich hatte Byzanz jedoch zu dieser Zeit
kaum noch Macht und beschränkte sich auf kaum mehr Gebiet als das der
(wenn auch wichtigen) Stadt Konstantinopel. Byzanz war Mehmed aber auch
ein Dorn im Auge, weil es mit Orhan einen osmanischen Thronprätendenten
aufstellte. Im Fall des "falschen" Mustafa hatte ein ähnliches Verhalten
zum Bürgerkrieg geführt. Konstantinopel fiel nach 54-tägiger Belagerung
am 29. Mai 1453. Nach den für diese Zeit üblichen Plünderungen wurde die
Stadt die neue Hauptstadt des osmanischen Reichs, und man versuchte, die
alte Bevölkerung – wie Griechen und Juden – zum Bleiben zu bewegen und
neue dort anzusiedeln. Die Hagia Sophia wurde zur Moschee Ayasofia. Als
letztes Überbleibsel byzantinischer Staatlichkeit wurde 1460 das
Kaiserreich Trapezunt unterworfen.
Auf dem Balkan taten die Osmanen sich schwerer. 1456 konnte Hunyadi die
Eroberung Belgrads abwenden und sicherte die Unabhängigkeit Ungarns für
die nächsten siebzig Jahre. Allerdings eroberte Mehmed bis 1459 die
Peloponnes und den Rest Serbiens. 1470 kam Albanien, 1475 die Krim dazu.
1481 bestieg den Thron Bayezid II., unter dem sich der Expansionsdrang
des Reichs abschwächte. Eine Rolle spielte dabei sein Bruder Cem, der
vom Papst als Geisel gegen ihn eingesetzt wurde. Bayezid selbst wurde
1512 von seinem Sohn Selim abgesetzt und wohl vergiftet. Selim setzte
vor allem im Osten die Eroberungsfeldzüge fort. 1514 gelang ein Sieg
gegen die Safawiden in Persien, 1516 gegen Syrien. Schließlich wurde
1516/17 das Mameluken-Reich in Ägypten zerschlagen. Damit wurde das
Osmanische Reich Hüter der heiligen Stätten des Islam und der in jeder
Hinsicht wichtigste islamische Staat.
Süleyman der Prächtige
Die Ära von Süleyman I. (1520-1566) kann man als den Höhepunkt der Macht
des Osmanischen Reichs betrachten. In der osmanischen und türkischen
Geschichtsschreibung erhielt er wegen seines Gesetzbuches über die
Landes- und Finanzverwaltung den Beinamen "Kanuni" (der Gesetzgebende),
in Europa wird er "der Prächtige" genannt.
1521 nutzte er die innere Schwäche Ungarns, um die wichtige Festung
Belgrad zu erobern; fünf Jahre später wurde in der Schlacht von Mohács,
in der Ludwig II. getötet wurde, das Schicksal Ungarns besiegelt. Zwar
zog das osmanische Heer noch vor Jahresende vorläufig ab, aber um die
Thronnachfolge gab es einen Streit zwischen dem Habsburger Ferdinand I.
und dem Ungarn Johann Zápolya, der die Osmanen um Hilfe ersuchte.
Letztlich fiel das westliche Ungarn an Österreich, während Zápolya im
Frieden von Großwardein als König Restungarns unter osmanischer
Oberhoheit anerkannt wurde. Nach seinem Tod 1540 besetzte die Pforte das
mittlere Drittel des einstigen Ungarns und ließ Zapolyas Sohn das
Fürstentum Siebenbürgen.
Unterdessen hatte man 1529 die Lage genutzt, um erstmals Wien zu
belagern, was aber nicht von Erfolg gekrönt war. Dennoch wurde
Österreich als Folge dieses Konflikts langfristig tributpflichtig. An
anderen Fronten gab es Expansionen: 1522 Rhodos, 1534 Mesopotamien mit
Bagdad, 1540 Teile Dalmatiens, 1547 große Teile des Jemen.
Die Zeit Süleymans leitete auch engere Beziehungen zu den europäischen
Mächten ein. 1526 wurde die erste so genannte "Kapitulation" mit
Frankreich unterzeichnet, die freien Handel vereinbarte und Frankreich
die Gerichtsbarkeit über seine Untertanen auf dem Boden des Osmanischen
Reichs übertrug.
Niedergang
1683 unternahm die Pforte nochmals einen Versuch, Wien zu erobern (siehe
Zweite Türkenbelagerung). Was aber schon in der Blütezeit des
Osmanischen Reiches 150 Jahre vorher nicht gelang, wurde nun im Feldzug
Kara Mustafas zum Desaster und zum Wendepunkt der Auseinandersetzung mit
den europäischen Staaten. Nachdem in dieser Niederlage die militärischen
Schwächen der Osmanen offenbar geworden waren, begann im folgenden Jahr
eine vom Papst initiierte Heilige Allianz aus Habsburg, Venedig und
Polen einen Angriff auf das Osmanische Reich an mehreren Fronten. In
mehreren schweren Niederlagen bei Slankamen (1691), Mohács (1687) und
Senta (1697) mussten im Frieden von Karlowitz der Verlust von Ungarn,
Dalmatien, Podolien und der Peloponnes festgeschrieben werden. Als neuer
Gegner an der Nordgrenze kam Russland ins Spiel. Ein wichtiges Ziel von
Zar Peter I. war ein Zugang zum Schwarzen Meer, den er 1695 mit Asow
bekam.
Die äußeren Schwierigkeiten zogen Probleme im Inneren nach sich. 1687
war Mehmed IV. wegen der militärischen Niederlagen abgesetzt worden.
1703 kam es zum blutigen "Vorfall von Edirne", in dem Aufständische den
Scheichülislam Feyzullah Efendi ermordeten und Sultan Mustafa I.
absetzten.
Obwohl das Osmanische Reich zunehmend in die Defensive geriet, war es
noch immer militärisch sehr potent. 1711 schlug es das russische Heer
vernichtend am Pruth und besetzte den Hafen Asow. Im Nachhinein ist
unklar, warum dieser Sieg nicht weitergehend ausgenutzt wurde. Nachdem
der moldauische Woiwode Dimitri Cantemir zu Russland übergelaufen war,
besetzten die Osmanen die Hospodaren-Ämter in Moldau und der Walachei
bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit Griechen aus dem Phanar-Viertel
in Konstantinopel, die schon lange Zeit als Übersetzer in der Politik
eine wichtige Rolle gespielt hatten. In den Donaufürstentümern wird
diese Epoche als Phanarioten-Herrschaft bezeichnet. Auch gegen Venedig
war man erfolgreich und erlangte 1715 die Peloponnes zurück.
1736 begann Russland in einem Bündnis mit Österreich einen Krieg gegen
das Osmanische Reich. Nach Anfangserfolgen ging 1739 auch dieser Krieg
zugunsten der Osmanen aus, und durch den Frieden von Belgrad erhielten
diese Nordserbien und die kleine Walachei zurück. Hierbei hatte auch
eine Rolle gespielt, dass die Osmanen ihre Artillerie mit französischen
Beratern wie Ahmed Pascha, dem Comte de Bonneval modernisiert hatten. Im
ganzen war in den teuren und verlustreichen Kriegen der vergangenen drei
Jahrzehnten keine wesentliche Änderung des Territoriums zu verzeichnen.
Nach dem osmanisch-russischen Krieg folgte eine Friedensperiode von nie
da gewesener Dauer.
Russisch-osmanische Kriege
In dem Krieg 1768 bis 1774 gegen Russland musste das Osmanische Reich
endgültig erkennen, dass es seine Großmachtstellung verloren hatte. 1770
verlegte Russland seine Flotte aus der Ostsee ins Mittelmeer und
vernichtete die vor Anker liegende osmanische Flotte. Im Frieden von
Küçük Kaynarca mussten die Osmanen das Krim-Khanat in die Unabhängigkeit
entlassen (es wurde aber schon nach wenigen Jahren eine russische
Provinz); Teile des Nordkaukasus gingen an Russland, die Bukowina an
Österreich.
Keine der beiden Seiten hatte die Absicht, es lange dabei zu belassen.
Zarin Katharina II. entwarf ihr so genanntes "Griechisches Projekt", in
dem das Byzantische Reich als russischer Vasall wiederauferstehen sollte
und die übrigen Teile des Osmanischen Reichs zwischen Österreich,
Venedig und Russland aufgeteilt werden sollten, woran diese Alliierten
jedoch wenig Interesse zeigten. 1783 annektierte Russland die Krim und
begann mit deren wirtschaftlichem Aufbau. Vier Jahre später fand die
berühmte Inspektionsreise mit Grigori Potjomkin (Potjomkinsche Dörfer)
statt, eine offenbare Machtdemonstration. Die Osmanen, die ohnehin
darauf aus waren, ihre Verluste aus dem vorigen Krieg rückgängig zu
machen, erklärten im gleichen Jahr nach verschiedenen Streitigkeiten
Russland den Krieg. Nach Anfangserfolgen der Schwarzmeerflotte mussten
sie jedoch 1791 im Frieden von Jassy abermals Gebietsverluste hinnehmen,
darunter Gebiete zwischen Dnjepr und Bug.
Reformen
Selim III. zog aus den Niederlagen seine Lehre und führte umfassende
Reformen in der Verwaltung und im Militär durch. Parallel zu den
Janitscharen versuchte er mit Hilfe europäischer Berater eine neue
Truppe, die nizam-ı cedid, aufzubauen. Seine geplante allmähliche
Überführung der Janitscharen in das neue Korps führte jedoch zu
Aufständen, die 1807 in seiner Absetzung gipfelten. Es folgten
dramatische Ereignisse. Sein Cousin Bayraktar Mustafa marschierte mit
seinen Truppen in Konstantinopel ein und plante, Selim wieder als Sultan
einzusetzen. Er kam jedoch zu spät, da Selim bereits erdrosselt worden
war. Es blieb ihm also nur, den von den Janitscharen eingesetzten
Mustafa III. durch Mahmud II. zu ersetzen, der einer Ermordung nur knapp
entkommen war. Mahmud setzte Bayraktar Mustafa als Großwesir ein und
folgte einem Reformkurs, wobei er vermied, mit den Janitscharen direkt
in Konflikt zu kommen. Schon im nächsten Jahr kam es wieder zu
Aufständen. Um zu verhindern, dass er wieder zugunsten Mustafas gestürzt
würde, ließ Mahmud seinen Bruder ermorden. Der in Bedrängnis geratene
Großwesir sprengte sich in einem Pulvermagazin in die Luft.
Nationalismus
In Ägypten riss der Statthalter Muhammad Ali Pascha allmählich die Macht
an sich und ließ die einflussreichen Mamlukenemire systematisch
liquidieren. Mit Hilfe von Reformen war Ägypten bald in vielerlei
Hinsicht der Zentrale in Konstantinopel überlegen. Muhammad Ali
begründete die Chediven-Dynastie, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts
ein Ende fand.
Ein das ganze 19. Jahrhundert durchziehendes Problem der Osmanen war der
Nationalismus der von ihnen besetzten Staaten. Zunächst erhoben sich
1804 die Serben; bis 1830 erhielten sie eine weitgehende Autonomie. Auch
die Phanariotenherrschaft in den Donaufürstentümern fand 1826 ihr Ende.
In den 1820er Jahren gewann die von einigen Europäern unterstützte
Unabhängigkeitsbewegung in Griechenland an Dynamik. Ein besonderes
osmanisches Problem in diesem Falle stellten die einflussreichen
Griechen in der Verwaltung dar, die teilweise mit der
Unabhängigkeitsbewegung sympathisierten. Im Krieg von 1826 war Mahmud
gezwungen, die Truppen des gehassten Muhammad Ali von Ägypten zu Hilfe
zu rufen. Trotzdem wurde das Osmanische Reich 1830 gezwungen,
Griechenland in die Unabhängigkeit zu entlassen.
An diesem Beispiel zeigte sich, wie das Osmanische Reich immer mehr zum
Spielball der europäischen Mächte wurde. Die so genannte "Orientalische
Frage" wurde ein Dauerthema der Diplomatie. Russlands Interesse bestand
in einem freien Zugang zum Mittelmeer über das Schwarze Meer und die
Dardanellen. Auf dem Balkan brachte es sich als Schutzmacht der dortigen
orthodoxen Christen ins Spiel. Österreich sowie England und Frankreich
sahen die Gefahr der russischen Expansion und tendierten daher eher
dazu, ein schwaches Osmanisches Reich aufrechtzuerhalten.
Das führte dazu, dass die Bündnisse sich je nach Situation neu
zusammenfanden. Im Krimkrieg (1853-1856), der durch die russische
Besetzung der Fürstentümer Walachei und Moldau ausgelöst wurde, kämpften
England und Frankreich auf Seiten der Osmanen. Im Frieden von Paris
wurde Bessarabien ein autonomer Staat unter Oberhoheit der Pforte, und
das Schwarze Meer wurde entmilitarisiert.
Tanzimat
Eine erneute Reformperiode (1838-1876) begann, die eng mit dem Namen der
Großwesire Mustafa Reşid Pascha und später Ali Pascha und Fuad Pascha
verknüpft ist. Die Maßnahmen wurden unter dem Namen "Tanzimat-ı Hayrire"
(Heilsame Neuordnung) bekannt und fallen mit der Regierungszeit von
Abdülmecid und Abdülaziz zusammen. Sie stellten die Nichtmuslime im
Reich auf die gleiche Stufe wie die Muslime und führten ein neues
Justizsystem ein, organisierten das Steuersystem neu und legten eine
allgemeine Dienstpflicht in der Armee fest. Im Laufe der folgenden
Jahrzehnte wurden auch die Steuerpachten abgeschafft.
Die wichtigsten Reformedikte waren in diesem Zusammenhang das "hatt-i
sherif (imperialer Erlass) von Gülhane" (1839), das "hatt-i hümayun"
(1856), sowie die Verfassung von 1876, in denen schrittweise und mit
Einschränkungen (1839 lauten diese "im Rahmen der Scheriatgesetze") die
Gleichheit und Gleichbehandlung aller Untertanen unabhängig von ihrer
Religion eingeführt wurde.
Mit den von den Mächten eingeforderten Reformen gingen – auch bedingt
durch die industrielle Rückständigkeit – zunehmend wirtschaftliche
Probleme einher. In den "Kapitulationen" genannten Handelsverträgen
wurde der Markt im Osmanischen Reich für die Europäer geöffnet, und die
Einfuhrzölle lagen unter den Ausfuhrzöllen. Durch die mangelnde
Wettbewerbsfähigkeit des osmanischen Handwerks wurde das Osmanische
Reich zum Exporteur von Rohstoffen und Importeur von europäischen Waren.
Unterdessen fanden die Unruhen auf dem Balkan kein Ende. Nach einem
Krieg gegen Serbien 1876 wurde in Konstantinopel eine internationale
Konferenz einberufen, um die Zukunft des Balkan zu diskutieren. Um seine
Reformbereitschaft zu demonstrieren, kündigte der durch einen
Staatsstreich an die Macht gekommene Abdülhamid II. eine Verfassung an,
die ein parlamentarisches System einführen würde. Eine wichtige Rolle
bei deren Entwurf spielte der Großwesir Midhat Pascha.
Als Ergebnis der Konferenz fassten die Mächte Autonomie sowohl für zwei
Provinzen auf bulgarischem Gebiet als auch für Bosnien und Herzegowina
ins Auge. Als die Pforte dies ablehnte, erklärte Russland den Krieg,
besetzte Edirne und rückte auf Konstantinopel vor. Da die anderen
europäischen Mächte wiederum ihre Interessen bedroht sahen und ein
europaweiter Krieg drohte, wurde 1878 der Berliner Kongress organisiert,
dessen Hauptinitiator Bismarck war. Hier erhielten Serbien und
Montenegro ihre Unabhängigkeit, und die schon vorher in Personalunion
regierte Walachei mit der Moldau schlossen sich zu dem selbständigen
Staat Rumänien zusammen.
Abdülhamid II.
Innenpolitisch machte Abdülhamid seine Regierungsreformen wieder
rückgängig. Midhat Pascha wurde abgesetzt und das Parlament aufgelöst.
Abdülhamids Regierungszeit wurde durch Despotie und Spitzelei geprägt,
und als Sultan hatte er de facto die alleinige Macht. Finanziell geriet
die Pforte nun vollends in die Abhängigkeit der europäischen Großmächte.
Nachdem der Staatsbankrott erklärt worden war, übernahm die Dette
publique einen Gutteil der Finanzverwaltung. Das europäische Kapital
konnte ungehindert in den Staat eindringen. Seine Interessen
konzentrierten sich auf die Rohstoffquellen im Irak, aber auch
Großprojekte wie den Bau der Bagdadbahn. Dabei kam das Deutsche Reich
zum Zuge, das spätestens seit dem Berliner Kongress zum guten Partner
für das Osmanische Reich geworden war.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts erstarkten wieder die inneren
Oppositionskräfte, insbesondere die Bewegung der Jungtürken, die ihren
Ausgangspunkt vor allem in Saloniki hatte. 1908 musste angesichts der
Bedrohung durch aufständische Truppen die Verfassung wieder in Kraft
gesetzt werden.
Jungtürken
Die Verwirrung machte sich Bulgarien zunutze, um zusammen mit
Ostrumelien einen unabhängigen Staat zu gründen. Bosnien und Herzegowina
wurden von Österreich-Ungarn annektiert (das faktisch bereits 1878
angegliedert worden war und nur noch nominell türkisch war). Die enormen
Gebietsverluste legten die reaktionären Kräfte der Jungtürkischen
Führung zur Last und versuchten 1909 einen Staatsstreich. Dessen
Misslingen führte dazu, dass Abdülhamid durch seinen Bruder Mehmed V.
(Mehmed ReÅŸat) ersetzt wurde. Der Sultan hatte von da an im wesentlichen
nur noch Repräsentationsfunktionen, während die Regierung vom Großwesir
eingesetzt wurde. Dieser wiederum wurde unter wesentlichem Einfluss der
Jungtürken ernannt. Durch eine veränderte Verfassung wurde ein
parlamentarisches System etabliert.
Die Jungtürken verfolgten einen Reformkurs, der allerdings durch die
angespannte außenpolitische Lage gehemmt war. Ein folgenschweres Element
ihrer Politik war der türkische Nationalismus. So wurde etwa in den
arabischen Provinzen die türkische Sprache als Amtssprache eingesetzt.
In den nachfolgenden Kriegen verlor die Regierung so den Rückhalt der
Bevölkerung in den nichttürkischen Gebieten.
Das Jahrzehnt der Jungtürken-Regierung war durch eine Reihe von schweren
Kriegen geprägt. Zunächst ging 1911 Tripolis an Italien verloren, siehe
tr:Trablusgarp Savaşı (Türkisch). Im Ersten Balkankrieg schlossen
Albanien, Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro 1912 den
Balkanbund gegen das Osmanische Reich, das dadurch fast alle
europäischen Besitzung einschließlich der Stadt Edirne verlor. Schon im
nächsten Jahr griff Bulgarien seine ehemaligen Verbündeten an, die von
den Osmanen unterstützt wurden. Nach der Niederlage Bulgariens wurde der
Grenzverlauf so festgelegt, wie er noch heute zwischen Bulgarien und der
Türkei verläuft.
Im 1914 beginnenden Ersten Weltkrieg versuchte man zunächst, sich in
einer "bewaffneten Neutralität" aus den Kampfhandlungen herauszuhalten.
Es war vielen klar, dass man sich an eine Großmacht anlehnen müsste, um
militärisch überhaupt standhalten zu können. Traditionell hatte man oft
mit dem Deutschen Reich kooperiert, aber auch mit den Entente-Mächten
gab es enge Beziehungen und einen regen Handel. Auf Betreiben Enver
Paschas kam es schließlich zu einem Kriegsbündnis mit Deutschland und
Österreich-Ungarn, das allerdings im Kabinett umstritten war.
Am 24. April 1915 veranlasste die osmanische Regierung zur Unterdrückung
eines armenischen bewaffneten Aufstandes die Verhaftung, Deportation und
Ermordung armenischer Zivilisten in Konstantinopel und leitete damit die
Ermordung von mindestens 600.000 Armeniern ein (andere Quellen gehen von
bis zu 1,5 Millionen ermordeten Armeniern aus). Damit wurden zwei
Drittel des auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches seit Jahrtausenden
lebenden christlichen Volkes umgebracht. Siehe den Artikel Völkermord an
den Armeniern.
Die Folgen des Krieges waren katastrophal. In Arabien hatte man den
britischen Kräften nichts entgegenzusetzen. Schon 1916 schüttelte der
Emir von Mekka, Husain Ibn Ali die osmanische Oberhoheit ab und rief
sich zum König von Arabien aus. Er wurde schließlich als König des
Hedschas anerkannt, während der übrige Teil des Reichs gemäß des
Sykes-Picot-Abkommen in Interessensphären aufgeteilt wurde. Ein Teil
Palästinas wurde 1917 in der Balfour-Deklaration als "nationale
Heimstatt" für die Juden versprochen. Wegen der Oktoberrevolution in
Russland schied dieses zwar mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk
aus dem Krieg aus, aber die Siegermächte besetzten im November 1918
einen Großteil des einstmaligen Osmanischen Reiches. Das Jungtürkische
"Triumvirat" aus Kemal Pascha, Talat Pascha und Enver Pascha wurde
entlassen und flüchtete. Nachdem im gleichen Jahr Mehmed V. gestorben
war, rückte sein Bruder Mehmed VI. (Mehmed Vahideddin) nach, der aber
den Siegermächten politisch völlig ausgeliefert war, und der nach
Abschaffung des Sultanats im November 1922 Istanbul verließ.
Entstehung der modernen Türkei
Es entstand eine Widerstandsbewegung gegen das Besatzungsregime. Die
herausragende Rolle spielte dabei der General Mustafa Kemal Pascha
(später wurde Mustafa Kemal vom türkischen Parlament der Beinahme
Atatürk ("Vater der Türken") verliehen). Schon bald bildete die
kemalistische Bewegung in den nicht besetzten Gebieten eine Art
Gegenregierung. Bei den im Dezember 1919 durchgeführten Wahlen errang
die Befreiungsbewegung eine Zweidrittelmehrheit und zog nach Angora
(heute Ankara) als Sitz um. Im April 1920 konstituierte sich hier die
"Große Türkische Nationalversammlung". Die neue Regierung pflegte gute
Beziehungen zum mittlerweile bolschewistischen Rußland und wurde von
Frankreich, das das Mandat für das südliche Zentralanatolien hatte,
faktisch anerkannt.
Der 1920 von der Pforte unterzeichnete Vertrag von Sèvres, der dem
türkischen Staat die Souveränität aberkannte, wurde von Ankara nicht
anerkannt. Es kam zum nationalen Befreiungskrieg. Bei der Gelegenheit
wurden zunächst die griechischen Truppen vertrieben, dann auch der ganz
überwiegende Teil der seit Jahrtausenden ansässigen griechischen
Zivilbevölkerung in der sogenannten Kleinasiatischen Katastrophe v.a. in
Smyrna (von da an dann türkisch İzmir) ermordet oder vertrieben.
Die Erfolge der Kemalisten sorgten für einen herben Prestigeverlust für
die Regierung Sultan Mehmed VI. In den Verhandlungen um den Vertrag von
Lausanne 1923 war diesmal eine Delegation der Kemalisten aus Ankara
vertreten, was einer internationalen Anerkennung gleichkam. Am 23.
Oktober1923 wurde Ankara zur Hauptstadt erklärt und am 29. Oktober
offiziell die Republik ausgerufen; Mustafa Kemal Pascha wurde
Staatspräsident, Ismet Pascha, dem später aufgrund der Siege bei Inönü
der Nachname "Inönü" verliehen werde sollte, Ministerpräsident der neu
gegründeten Republik. Der letzte Sultan Mehmed VI. und alle Angehörigen
der Dynastie Osman mussten das Land für immer verlassen.
Siehe auch
Liste der Sultane des Osmanischen Reichs
Geschichte der Türkei
Türkenkriege
Byzantinisches Reich
Literatur
Bodo Guthmüller, Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): Europa und die Türken in
der Renaissance. Niemeyer, Tübingen 2000, ISBN 3-484-36554-4
Steven W. Sowards: Moderne Geschichte des Balkans. Der Balkan im
Zeitalter des Nationalismus, BoD 2004, ISBN 3-8334-0977-0
( Bestellen).
Netmarks
Geschichte des Osmanischen Reichs
Frauen im Osmanischen Reich
DAS OSMANISCHE REICH 1/2 (auf "Karten" klicken)
DAS OSMANISCHE REICH 2/2 (auf "Karten" klicken)
Osmanisches Reich
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