Unsere erste persönliche Begegnung mit Samoyeden findet im Rahmen
einer kleinen Urlaubstour auf dem Weg in die
Tschechische Republik statt; der Zwinger »Von
Inguri« scheint der einzige Samoyeden-Züchter in Ostdeutschland
zu und ist damit von Berlin
aus der am günstigsten erreichbare Anbieter.
Über das Web versuche ich, mich im Vorfeld zu orientieren,
verirre mich aber im Vereinsgewirr von
DCNJH (Deutscher Club für nordische und japanische
Hunderassen),
DCNH (Deutscher Club für Nordische Hunde e.V.), diversen
Landesverbänden, Züchtern und teilweise wirren Fanseiten. Selbst das
sonst so wohlstrukturierte
Open
Directory hilft kaum weiter. Jedenfalls bin ich nach einigen
Surf-Stunden inhaltlich kaum schlauer als zuvor, weiss aber, dass
der DNCH nicht in der Lage ist, cross-browser-kompatible Websites zu
bauen, der DCNHJ und sämtliche DCNH-Landesverbände im Web dagegen
schon.
»Von Inguri«
liegt idyllisch auf einer Anhöhe in Schlema, recht Nahe an der
Grenze zu Tschechien; beim Vorbeifahren ist nichts von Hundezucht zu
merken, beim Betreten des 4.000 qm grossen Anwesens hoppeln aber
gleich einige zutrauliche Samoyeden-Welpen auf uns zu und im
Hintergrund knurren mehrere riesige Kaukaser. Die Begrüssung durch
Frau Schlegel-Birke ist freundlich und das folgende Gespräch erweist
sich als äussert informativ. Die Welpen bleiben die meiste Zeit des
Gesprächs in der Nähe und wirken sehr neugierig und aufgeweckt. Ein
paar Notizen aus der Unterhaltung:
Auslauf und Bewegung.
Ein Samojede braucht natürlich recht viel Auslauf; ein
täglicher Spurt von mindestens 15 Minuten, besser 30 Minuten, am
Fahrrad sei das Minimum, dazu komme selbstverständlich noch das
alltäglch "Gassi"-Gehen. Fahhradtouren von etwa 25 km pro Tag
seien kein Problem, dürfen mit Welpen jedoch erst ab einem Alter
von mindestens 12 Monaten unternommen werden.
Temperaturempfindlichkeit.
Samoyeden seien erstaunlicherweise nicht übermässig
temperaturempfindlich, sondern sehr anpassungsfähig; dies
beweise auch die Tatsache, dass sie in vielen heissen Ländern
(Spanien, Italien, Australien, Neuseeland und sogar Afrika)
gehalten würden. Im Sommer dürfe man einen Samoyeden tagsüber
natürlich nicht überanstrengen und sollte das Training auf den
frühen Morgen oder die Abendstunden verlegen. Auch ein Urlaub in
Südeuropa sei möglich, aber man müsse dabei schon eine gewisse
Vorsicht walten lassen.
Fellpflege und -wechsel.
Das Fell des Samoyeden sei erstaunlicherweise viel weniger
verschmutzungsanfällig als das Haarkleid anderer langhaariger
Hunderassen. Das "Haarewaschen" sei eigentlich nicht notwendig,
man müsse vor allem ein mal pro Woche bürsten, dabei aber nicht
zu tief kämmen, sondern quasi nur die Deckhaar "abstauben". Der
Hund sollte höchstens alle zwei bis drei Monate gewaschen
werden, aber auch das sei eigentlich nicht notwendig. Schlamm
und Erde falle von alleine ab, man solle den Hund lieber
oberflächlich abduschen und anschliessend keinesfalls föhnen,
sondern einfach mit einem Handtuch trockenrubbeln.
Starrköpfigkeit.
An dem Mythos von der Eigensinnigkeit des Samoyeden sei
durchaus etwas dran, das Tier sei dabei jedoch immer gutmütig
und nie in bösartiger Weise starrköpfig. Auf keinen Fall dürfe
man Gewalt oder Zwang ausüben, das wäre erstens kontraproduktiv
und zweitens auch vollkommen sinnlos. Ausserdem solle man auf
dem Hundeplatz aufpassen, da die meisten Trainer keine Samoyeden
kennen und diese daher falsch behandeln.
Zu den erwachsenen Samoyeden, die uns auch bald wohlwollend und
neugierig begrüssen, gehören Elsa, die Mutter einiger der Welpen,
und Sammy, der Vater. Sammy ist ein imposanter Deckrüde des Typs
"Good old boy" -- er nähert sich majestätisch, gibt keinen Laut von
sich und lässt sich bereitwillig kraulen. Mich spricht der die
Gesamterscheinung -- der massige Körperbau, die eleganten
Bewegungen, die kräftigen Läufe und das bärchenartige Wesen --
ausserordentlich an; "Sammy" hat heute anscheinend Ohrenschmerzen
(er hatt wohl am Tag zuvor beim Autofahren zu lange den Kopf aus dem
Fenster gehalten), lässt gelegentlich das schmerzende Ohr hängen und
scheint mit jedem Blick "Autsch!" zu sagen. Das macht ihn jedoch
nicht im geringsten mürrisch oder empfindlich, er wacht einfach über
sein Rudel und ist wohl der Meinung, dass ihm aufgrund seines
Wehwehchens eigentlich doch eine Extraportion Zuwendung zustehen
müsste -- die er natürlich auch bekommt...
Unklar bleibt für uns, was es mit
DCNJH und
DCNH auf sich hat; Frau Schlegel-Birke verweist darauf, dass
ihre Welpen international gültige Papiere bekämen und
selbstverständlich auch ärztlich vollständig durchgecheckt seien.
Interessant ist auch der Preis für einen Welpen, der mit etwa
EUR 820 doch deutlich unter den EUR 900 bis EUR 950 liegt, die die
westdeutschen DCNH-Züchter verlangen.
Die kurzfristige Unterbringung von Welpen aus der eigenen Zucht
sei auf keinen Fall ein Problem, fremde Samoyeden könnten aber
eventuell auch aufgenommen werden, das sei aber abhängig von dem
jeweiligen Tier. Für uns klingt das alles sehr verlockend, zumal
Schlema für uns vergleichsweise rasch erreichbar ist und das
Grundstück und die Umgangsweise der Schlegel-Birkes mit ihren Tieren
keinerlei Anlass zu Besorgnis bietet.
Weniger erfreulich für uns ist allerdings die Wurfplanung:
Frühestens Anfang 2003, eher im Sommer, sei mit neuen Welpen zu
rechnen. So lange wollten wir eigentlich nicht warten, und schon gar
nicht nach dieser einnehmenden Begegnung...
Zum Abschied bekommen wir einen kleinen "Samojeden-Steckbrief"
mit, in dem die Rasse und ihre körperlichen und charakterlichen
Merkmale noch einmal kurz zusammengefasst sind. Hier steht dann
auch: »Ohne jegliche Unterwürfigkeit ist er des Menschen
Freund!«, was unsere ersten Eindrücke bestätigt.
Fazit: Der Zwinger »Von
Inguri« macht einen guten Eindruck auf uns; die Familie
Schlegel-Birke züchtet seit über zehn Jahren Kaukaser und seit gut
sechs Jahren Samoyeden, bei der Wurfzählung ist man bereits einmal
durchs Alphabet durch; der Zwinger ist zwar eine mit den
westdeutschen Züchtern vergleichbare "Hobbyzucht", aber in der Sache
mindestens ebenso kompetent und erfahren -- übrigens decken sich
alle Auskünfte der Schlegel-Birkes vollständig mit der relevanten
Fachliteratur und den Aussagen anderer fähiger Züchter und Besitzer.
Noch viel nachdrücklicher ist jedoch die Wirkung, die das
Samoyeden-Rudel auf uns hinterlässt: Das Temperament wirkt
ausgeglichen, die Tiere scheinen umgänglich und unkompliziert zu
sein. Was könnte mehr für einen guten Zwinger sprechen?