FORum SüdostasienBedeutung des Internet

Gemessen an historischen Dimensionen hat sich das Internet überraschend schnell als globale Informations- und Kommunikations-Infrastruktur durchgesetzt. Die rasante Entwicklung des Web ist technikgeschichtlich beispiellos. Diese empirische Beobachtung wirft eine Reihe von brisanten Fragen auf, allen voran: Was bedeutet diese Entwicklung eigentlich für das kollektive Wissen der Menschheit? Gesichert ist derzeit wohl nur, daß das Potential von Internet und WWW erst ansatzweise genutzt wird.

Derzeit präsentiert sich ein typisches Web-Angebot als funktional erweiterte Zeitung: Der Web-Nutzer muß zwar aktiv nach den für ihn relevanten Informationen suchen (Pull-Prinzip), hat aber keine Möglichkeit, ein Web-Angebot unmittelbar zu kommentieren.

Obwohl im Web tatsächlich jeder sein eigener Verleger sein kann, ist dies doch letzlich nichts anderes als ein Leserbrief: Wenn ich als Benutzer einer durchschnittlichen Website feststelle, daß der Autor noch nicht alles wesentliche gesagt hat, bleiben mir zwei Möglichkeiten: Ich kann versuchen, den Autor per E-Mail zu kontaktieren und von meiner Position zu überzeugen; gelingt mir das im günstigsten Falle, muß ich darauf hoffen, daß der Autor Zeit findet, meine Position in seine Argumentation zu integrieren; das bedeutet viel Arbeit (Editieren von HTML-Seiten, Restrukturierung von Seiten, Anpassen von Navigationslisnks, Upload zum Server etc.).

Kann ich den Autor nicht erreichen oder überzeugt ihn meine Argumentation nicht, muß ich eine eigene Website bauen, einen Link auf seine Seite setzen und hoffen, daß seine Leser auch meine Seite finden werden.

Im konventionellen Verlagswesen fungiert der Verleger oder der Lektor als Gatekeeper: Er trifft die Vorauswahl darüber, welche Texte überhaupt gedruckt werden. Das hat eine Reihe von Vorteilen, beispielsweise die Gewährleistung eines gewissen Qualitätsstandards von Fachzeitschriften, aber auch eine Reihe erwiesener Nachteile: Exotische oder nonkonfirmistische Ansichten gelangen nie oder nur am Rande in den öffentlichen oder wisenschaftlichen Diskurs, kurzum: die Evolution von Wissen wird verhindert oder zumindest ausgebremst.

Das Web ermöglicht es jedermann, der die technischen Fähigkeiten und das erforderliche Geld aufbringt, seine Ansichten zu veröffentlichen. Dieser Fortschritt hat auch seine Schattenseiten: Die Fülle an nur schwer zu beurteilenden Informationen schreckt ab, ein Information Overload droht.

Dies liegt u.a. daran, daß die Rekombination von Wissen über das Web nicht wirklich funktioniert: Die klassischen Internet-Vorzeigeprojekte, welche meist herangezogen werden, um die Leistungsfähigkeit der gemeinsamen Anstrengungen weltweit verteilter Entwickler zu demonstrieren [2], sind nur die Spitze des Eisbergs. In diesen Projekten werden zahlreiche Hilfsmittel und Internet-Dienste – vom Web über Mailinglisten und Newsgroups bis hin zu IRC und Revisionskontrollsystemen – kombiniert; diese technische Komplexität schließt derzeit bestimmte nicht-technisch-orientierete Gruppen wie Geistes- und Sozialwissenschaftler aus; das erklärt auch, warum technische Produkte wie Linux so erfolgreich und andere, eher "weiche" Wissensgebiete so vergleichsweise unterentwickelt sind.

Was würde nun aber geschehen, wenn man noch größeren Segmenten der Weltbevölkerung – ein enormes, noch nicht einmal ansatzweise angezapftes Wissensreservoir – leistungsfähige und benutzerfreudnliche Werkzeuge an die Hand geben würde, um sich in die Fortentwicklung des Welt-Wissens mit ihren Fähigkeiten einbringen zu können?

Das Foresight-Institut im amerikanischen Palo Alto wagt eine mutige Einschätzung: Systeme mit echten Hypertext-Publishing-Fähigkeiten werden als Durchbruch in einer Dimension bezeichnet, die mit der Erfindung von Bibliotheken vergleichbar ist (Foresight Institute, Foresight Update 27, Page 2). Vergegenwärtigt man sich, daß auch heute noch – trotz Internet und WWW -- Bibliotheken die bedeutendsten Wissensspeicher der Welt sind, kann man sich an den Fingern einer Hand ausrechnen, daß wir möglicherweise erst am Beginn einer atemberaubenden Entwicklung stehen.

Weiter: Web Enhancement Project

 


Anmerkungen zum Hintergrund zu FORS |

 

 

powered by Webcounter