Bedeutung des Internet
Gemessen an historischen Dimensionen hat sich das Internet überraschend schnell als
globale Informations- und Kommunikations-Infrastruktur durchgesetzt. Die rasante
Entwicklung des Web ist technikgeschichtlich beispiellos. Diese empirische Beobachtung
wirft eine Reihe von brisanten Fragen auf, allen voran: Was bedeutet diese Entwicklung
eigentlich für das kollektive Wissen der Menschheit? Gesichert ist derzeit wohl nur, daß
das Potential von Internet und WWW erst ansatzweise genutzt wird.
Derzeit präsentiert sich ein typisches Web-Angebot als funktional erweiterte Zeitung:
Der Web-Nutzer muß zwar aktiv nach den für ihn relevanten Informationen suchen
(Pull-Prinzip), hat aber keine Möglichkeit, ein Web-Angebot unmittelbar zu kommentieren.
Obwohl im Web tatsächlich jeder sein eigener Verleger sein kann, ist dies doch
letzlich nichts anderes als ein Leserbrief: Wenn ich als Benutzer einer durchschnittlichen
Website feststelle, daß der Autor noch nicht alles wesentliche gesagt hat, bleiben mir
zwei Möglichkeiten: Ich kann versuchen, den Autor per E-Mail zu kontaktieren und von
meiner Position zu überzeugen; gelingt mir das im günstigsten Falle, muß ich darauf
hoffen, daß der Autor Zeit findet, meine Position in seine Argumentation zu integrieren;
das bedeutet viel Arbeit (Editieren von HTML-Seiten, Restrukturierung von Seiten, Anpassen
von Navigationslisnks, Upload zum Server etc.).
Kann ich den Autor nicht erreichen oder überzeugt ihn meine Argumentation nicht, muß
ich eine eigene Website bauen, einen Link auf seine Seite setzen und hoffen, daß seine
Leser auch meine Seite finden werden.
Im konventionellen Verlagswesen fungiert der Verleger oder der Lektor als Gatekeeper:
Er trifft die Vorauswahl darüber, welche Texte überhaupt gedruckt werden. Das hat eine
Reihe von Vorteilen, beispielsweise die Gewährleistung eines gewissen Qualitätsstandards
von Fachzeitschriften, aber auch eine Reihe erwiesener Nachteile: Exotische oder
nonkonfirmistische Ansichten gelangen nie oder nur am Rande in den öffentlichen oder
wisenschaftlichen Diskurs, kurzum: die Evolution von Wissen wird verhindert oder zumindest
ausgebremst.
Das Web ermöglicht es jedermann, der die technischen Fähigkeiten und das
erforderliche Geld aufbringt, seine Ansichten zu veröffentlichen. Dieser Fortschritt hat
auch seine Schattenseiten: Die Fülle an nur schwer zu beurteilenden Informationen
schreckt ab, ein Information Overload droht.
Dies liegt u.a. daran, daß die Rekombination von Wissen über das Web nicht wirklich
funktioniert: Die klassischen Internet-Vorzeigeprojekte, welche meist herangezogen werden,
um die Leistungsfähigkeit der gemeinsamen Anstrengungen weltweit verteilter Entwickler zu
demonstrieren [2], sind nur die Spitze des Eisbergs. In diesen Projekten werden zahlreiche
Hilfsmittel und Internet-Dienste vom Web über Mailinglisten und Newsgroups bis hin
zu IRC und Revisionskontrollsystemen kombiniert; diese technische Komplexität
schließt derzeit bestimmte nicht-technisch-orientierete Gruppen wie Geistes- und
Sozialwissenschaftler aus; das erklärt auch, warum technische Produkte wie Linux so
erfolgreich und andere, eher "weiche" Wissensgebiete so vergleichsweise
unterentwickelt sind.
Was würde nun aber geschehen, wenn man noch größeren Segmenten der Weltbevölkerung
ein enormes, noch nicht einmal ansatzweise angezapftes Wissensreservoir
leistungsfähige und benutzerfreudnliche Werkzeuge an die Hand geben würde, um sich in
die Fortentwicklung des Welt-Wissens mit ihren Fähigkeiten einbringen zu können?
Das Foresight-Institut im amerikanischen Palo Alto wagt eine mutige Einschätzung:
Systeme mit echten Hypertext-Publishing-Fähigkeiten werden als Durchbruch in einer
Dimension bezeichnet, die mit der Erfindung von Bibliotheken vergleichbar ist (Foresight Institute,
Foresight Update 27, Page 2). Vergegenwärtigt man sich, daß auch heute noch
trotz Internet und WWW -- Bibliotheken die bedeutendsten Wissensspeicher der Welt sind,
kann man sich an den Fingern einer Hand ausrechnen, daß wir möglicherweise erst am
Beginn einer atemberaubenden Entwicklung stehen.
Weiter: Web Enhancement Project
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