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Ein Entwurf zur Intersubjektivit?:
Anerkennung und Zerst?ung
Wir alle werden in moralischer Dummheit geboren und sehen die Welt als Euter an,
das das H?hste in uns n?ren soll: Dorothea hatte schon fr? angefangen, sich aus
dieser Dummheit zu erheben, und doch w?e es leichter f? sie gewesen, h?te sie sich
vorstellen k?nen, wie sie ... in seiner St?ke und Weisheit weise und stark werden
k?nte, statt mit jener Deutlichkeit, die nicht mehr Reflexion, sondern ein Gef?l ist
... zu begreifen, da?er ein entsprechendes eigenes Ich hatte, von dem aus Licht und
Schatten immer etwas anders fallen mu?en.
George Eliot, Middlemarch
In den letzten Jahren haben verschiedene psychoanalytische Schulen den Versuch
unternommen, eine intersubjektive Theorie des Selbst zu entwickeln (Eagle, T984; Mitchell,
1988). Gemeinsam ist diesen Ans?zen die Annahme, das psychische Geschehen sei eher ein
interaktives als ein monadisches Geschehen; der psychoanalytische Proze?solle
entsprechend als ein Geschehen zwischen Individuen und nicht als intrapsychisches Erleben
verstanden werden (Atwood & Stolorow, 1984; Mitchell, 1988). Die Psyche wird vom
intersubjektiven Standpunkt aus betrachtet. Diese Perspektive hat in verschiedener
Hinsicht bereits unsere Theorie wie unsere Praxis ver?dert; sie wirft jedoch auch neue
Probleme auf. Eine Theorie, in der die absolute Herrschaft des einzelnen Subjekts
gebrochen ist, mu?sich dem Problem stellen, da?jedes dieser Subjekte grundlegende
Schwierigkeiten hat, andere als gleichwertige Zentren individueller Erfahrung anzuerkennen
(Benjamin,1988).
Das Problem der Anerkennung des Anderen taucht auf, sobald wir jenes schwierige Erbe
intrapsychisch orientierter Theorie betrachten, n?lich den Begriff des Objekts: In
seiner urspr?glichen Bedeutung, in der er auch heute noch in der Ichpsychologie und der
Objektbeziehungstheorie verwendet wird, meinte der Begriff der Objektbeziehung die
Internalisierung und psychische Repr?entation von Beziehungen zwischen dem Selbst und
Objekten. Obwohl in diesen Theorien der fr?kindlichen Umwelt und den Eltern-Objekten -
kurz: ?realen? Anderen - eine erhebliche Bedeutung zuf?lt, haben sie uns nicht weiter
gebracht als bis zu der Erkenntnis: ?Wo ein Ich ist, da sind auch Objekte?. So gehen
beispielsweise weder Fairbairns Insistenz, da?das ganze Objekt gebraucht werde, noch
Kohuts Verk?dung, da?Selbstobjekte ein Leben lang von Bedeutung bleiben, direkt auf
den Unterschied zwischen Objekt und ?dem Anderen? ein. Vielleicht wird die
Austauschbarkeit von wirklichen Anderen und ihren inneren Repr?entationen so
widerspruchslos hingenommen, weil die epistemologische Frage, was Realit? und was
Repr?entation ist, uns, die wir zu Recht bescheiden sind, f? unser begrenztes Handwerk
zu allgemein und zu abgehoben erscheint. Oder vielleicht einfach, weil wir
Psychoanalytikerlnnen uns durch die Frage der Realit? nicht wirklich st?en lassen.
Aber die ungl?kselige Neigung, andere Subjekte auf Objekte zu reduzieren, kann nicht
einfach dieser Unentschlossenheit in bezug auf Realit? zugeschrieben werden. Sie kann
auch nicht als begriffliche Verlegenheit abgetan werden, die sich durch gr?ere
sprachliche Genauigkeit bew?tigen lie? (so Kohut, 1984). Vielmehr handelt es sich
dabei um ein Symptom genau derjenigen Probleme der Psychoanalyse, auf deren Heilung eine
intersubjektive Theorie abzielen sollte. Die Erforschung der totersubjektiven Dimension
des analytischen Unternehmens w?de unsere Theorie und Praxis nach der Maxime ver?dern:
?Wo Objekte waren, sollen Subjekte sein!?
Was w?de eine solche Ver?derung der Psychoanalyse bedeuten? Mit der Einf?rung des
Begriffs der Intersubjektivit? in die analytische Situation ist ein Anfang gemacht
worden (Atwood & Stolorow, 1984; Stolorow, Brandchaft & Atwood, 1987). Hier wird
Intersubjektivit? als das Feld der Uberschneidung zwischen zwei Subjektivit?en, als
das Zusammenspiel zweier unterschiedlicher subjektiver Welten verstanden. Aber wie
unterscheidet sich nun das Zusammentreffen zweier Subjekte von einer Begegnung zwischen
Subjekt und Objekt? Wenn wir einmal anerkennen, da?das Objekt ein wichtiger Teil im
Leben des Subjekts ist, was wird dann noch durch die Umbenennung dieses Objekts in ein
Subjekt gewonnen? Und was sind die Hindernisse f? die Begegnung von zwei Menschen?
Um diese Untersuchung zu beginnen, m?sen wir folgende Frage konfrontieren: Welchen
Unterschied macht ein Anderer, der wirklich als ein Au?rhalb wahrgenommen wird, als
etwas von der eigenen Vorstellungswelt Geschiedenes? Gibt es nicht einen dramatischen
Unterschied zwischen der Erfahrung des Anderen, der in der Au?nwelt wahrgenommen wird,
und einem subjektiv vorgestellten Objekt? Winnicott (1971) formulierte die
richtungweisende Darstellung dieses Unterschiedes in ?Der Gebrauch eines Objektes und die
Identifikationsbeziehungen?, seiner wohl weitreichengsten und radikalsten ??rung.
Seither ist - abgesehen von wenigen Ausnahmen (Eigen, 1981; Ghent, 1989; Modell, 1984) -
kaum versucht worden, Winnicotts Gegen?erstellung zweier m?licher Objektbeziehungen
auszuarbeiten. Und doch ist, wie ich zeigen werde, der Unterschied zwischen dem Anderen
als Subjekt und dem Anderen als Objekt der entscheidende Unterschied f? eine
intersubjektive Psychoanalyse.
Diese Unterscheidung zwischen zweierlei Typen der Beziehung zum Anderen kann nur dann
deutlich hervortreten, wenn wir beide als integrale Bestandteile psychischen Erlebens und
deshalb auch beide als legitime Gegenst?de psychoanalytischer Erkenntnis verstehen. Wenn
es einen Widerspruch zwischen diesen beiden Formen der subjektiven Erfahrung gibt, so
sollten wir darin eher eine Bedingung unseres Wissens sehen, anstatt einen Scheideweg.
Andere theoretische Muster, die psychoanalytisches Denken vor Entscheidungen stellten -
Triebtheorie versus Objektbeziehungstheorie, intrapsychische versus interpersonale Theorie
-, beharrten auf einer Wahl zwischen den entgegengesetzten Perspektiven. Dagegen bin ich
der Ansicht, da?die beiden Dimensionen der Erfahrung des Objekts/des Anderen einander
erg?zen, selbst wenn sie manchmal als Gegens?ze erscheinen. Indem wir beide
Dimensionen erfassen, k?nen wir die Absicht intersubjektiver Theorien verwirklichen,
sowohl den folgenreichen Auswirkungen menschlicher Beziehungen auf die individuelle
psychische Entwicklung als auch den ebenso unumg?glichen Auswirkungen intrapsychischer
Vorg?ge und Phantasien auf das psychische Erleben und die Interaktion zwischen
Individuen Rechnung zu tragen.
Ich nenne diese beiden Kategorien der Erfahrung ihre intrapsychische Dimension und ihre
intersubjektive Dimension (Benjamin, 1988). Die Idee der Intersubjektivit?, die aus der
Philosophie (Habermas, 1970) in die Psychoanalyse ?ernommen wurde, ist insbesondere
deshalb n?zlich, weil sie sich dem Problem der Definition des Anderen als eines Objektes
stellt. Intersubjektivit? wurde absichtsvoll der Logik von Subjekt und Objekt, die die
abendl?dische Philosophie und Wissenschaft beherrscht, gegen?ergestellt. Sie bezieht
sich auf jenen Bereich der Erfahrung und der Theorie, in der der Andere nicht nur Objekt
der Bed?fnisse/Triebe oder des Wissens/der Wahrnehmung des Ichs ist, sondern
unabh?giges und gleichwertiges Zentrum eines Selbst.
Die intersubjektive Theorie postuliert, da?der Andere vom Selbst als ein Subjekt
anerkannt werden mu? damit es die eigene Subjektivit? in Anwesenheit des Anderen ganz
erfahren kann. Dies bedeutet zum einen, da?wir ein Bed?fnis nach Anerkennung haben,
zum anderen, da?wir auch die F?igkeit haben, Andere ihrerseits anzuerkennen -also die
F?igkeit wechselseitiger Anerkennung. Aber Anerkennung ist ein Potential der
individuellen Entwicklung, das sich nur ungleichm?ig entfaltet. Der
Beziehungs-Psychoanalyse geht es gewisserma?n darum, diese Tatsache zu erkl?en. In der
Freudschen Metapsychologie w?de der Proze?der Anerkennung des Anderen ?mit jener
Deutlichkeit, die nicht mehr Reflexion, sondern Gef?le geworden ist, bestenfalls als
Hintergrund-Effekt in der Beziehung zwischen dem Ich und der ??ren Realit?
erscheinen. Mein Ziel ist es genau, den Proze?der Anerkennung in den Vordergrund unseres
Denkens zu r?ken.
Zun?hst m?hte ich eine vorl?fige Skizze der Entwicklungsstadien der F?igkeit
zur Anerkennung entwerfen. Diese konzentriert sich in erster Linie auf die Theorie von
Trennung und Individuation und zeigt, wieviel ertragreicher diese Theorie ist, wenn sie
durch die intersubjektive Brille, im Lichte der Beitr?e von Stern wie auch von
Winnicott, betrachtet wird. Da die Trennungs-Individuationstheorie auf der Grundlage der
Begriffe von Ich und Objekt formuliert worden ist, kann sie ihr eigenes
Erkl?ungspotential gar nicht voll entfalten. Aus der Perspektive von Ich und Objekt ist
das Kind das Individuum, das zur Abl?ung und Autonomie fortschreitet. Das Telos dieses
Prozesses ist die Erzeugung einer psychischen Struktur, die durch die Internalisierung des
Objektes gr?ere Unabh?gigkeit erringt. Als Folge davon konzentriert sich die
Trennungs-Individuationstheorie auf das strukturelle Residuum der kindlichen Interaktion
mit der Mutter als einem Objekt. Die Aspekte des Engagements, der Bindung und der aktiven
Best?igung, die in der Interaktion mit der Mutter als einem anderen Subjekt sich
ereignen, bleiben unbeachtet im Hintergrund.
Diese Perspektive ist kindzentriert, indifferent gegen?er den Ursachen der
m?terlichen Reaktionen, in denen sich jedoch nicht nur Pathologie oder Gesundheit der
Mutter spiegeln, ihr Narzi?us oder blo?s Gen?en, sondern auch ihre notwendig
unabh?gige Subjektivit?. Deshalb entgeht dieser Perspektive auch die Lust an einer
entstehenden Beziehung mit einem Partner, von dem man wei? wie man ihm eine Reaktion
entlocken kann, die jedoch nie v?lig verhergesehen und der Phantasievorstellung
angepa? werden kann. Die Idee der Lust ging verloren, als die Ich-Psychologie das Es auf
Sparflamme stellte, aber durch die Anerkennung der Subjektivit? des Anderen k?nte sie
wiederentdeckt werden. Mit Hilfe einer intersubjektiven Perspektive l?t sich der
kindzentrierte Blickwinkel der intrapsychischen Theorie ?erwinden, indem n?lich
gefragt wird, wie eine Person die F?igkeit der wechselseitigen Anerkennung erwirbt.
Logischerweise kann die Anerkennung der Elternperson als Subjekt nicht nur das Resultat
ihrer Internalisierung als Objektrepr?entation sein. Dies ist ein Entwicklungsproze?
der erst in Ans?zen beschrieben ist. Wie kann sich ein Kind in eine Person verwandeln,
die als Elternperson in der Lage ist, ihr eigenes Kind anzuerkennen? Was sind die internen
Prozesse, die psychischen Wendepunkte eines solchen Entwicklungsprozesses? Wo ist die
Theorie, die die Entwicklung der Reaktionsbereitschaft des Kindes, seiner Einf?lung und
Beziehungsintensit? beschreiet und nicht nur das Gen?en oder Versagen der Eltern?
In Hinblick auf genau diese Fragen haben die meisten Theorien des Selbst zu kurz
gegriffen. Sogar die Ichpsychologie, die - bezogen auf das analytische Setting - solchen
Nachdruck auf Einstimmung und Empathie legt, hat im Stillen ein einseitiges Bild von der
Eltern-Kind-Beziehung und der Entwicklung intersubjektiver Bindung. Kohut (1977, 1984)
definierte, wohl um dem ?malen Realit?sprinzip entgegenzutreten, die notwendige
Konfrontation der Bed?fnisse des Anderen oder von Grenzen ?erhaupt vom Selbstbezug her
als Verweigerungen von Empathie, die parallel zu den Irrt?ern des Analytikers erscheinen
-als ob es f? Kinder nichts ?er die Rechte und Gef?le des Anderen zu lernen g?e.
Obwohl das Ziel darin bestand, ?neue Wege f? Empathie? zu ?fnen und ?Selbst und
Selbst-Objekt in Harmonie zu bringen? (1984, S. 66), wurde das Selbst immer nur als
Empf?ger, nie als Geber von Empathie gedacht. Der Ansprechbarkeit des Selbstobjekts
kommt per definitionem die Funktion zu, ?unser Selbst aufzubauen?; doch an welchem Punkt
wird sie zur Empf?glichkeit und Reaktionsf?igkeit jenes ??ren Anderen, den wir
lieben? Denn jenes gelegentlich erw?nte (vielleicht h?figer schlicht vorausgesetzte)
?Liebesobjekt?, das doch den Ort eines ??ren Anderen einn?me, hat in der Theorie
gerede keinen klaren Ort. Deshalb wird Lust an der Wechselbeziehung von der Anerkennung
durch das Baby. Ein Baby, das weniger auf die zwischen zwei Subjekten ein weiteres Mal
darauf reduziert, das Selbst zu stabilisieren und dient nicht zu einer Erweiterung unserer
Wahrnehmungsf?igkeit des Au?n, noch zur Anerkennung, da?Andere von eigenen, aber
?nlichen Gef?len bewegt sind [*].
[* Meine Anmerkungen m?en speziell auf Kohuts Theorie passen und weniger f? die
Ichpsychologie insgesamt zutreffen, denn es hat in der letzten Zeit Versuche gegeben,
diese Einseitigkeit zu korrigieren und den Differenzierungsproze?in der Beziehung zum
anderen einzubeziehen (z.B. Lachmann, 1986), ebenso wie die Beziehung zum ?wirklichen
Objekt? (Stolorow, 1985).]
In diesem Aufsatz zeige ich einige entscheidende Punkte in der Entwicklung
wechselseitiger Anerkennung auf. Es ist gewi?richtig, da?der Proze?des Anerkennens
mit jener best?igenden Reaktion des Anderen beginnt, die uns zeigt, da?wir Bedeutung
geschaffen, einen Einflu?ausge?t oder eine Absicht bekundet haben. Doch sehr fr?
schon lernen wir, da?wechselseitige Anerkennung zwischen zwei Personen -- Verstehen und
Verstandenwerden, sich aufeinander einstimmen - f? sich selbst erstrebenswert wird.
Schon durch die Tatsache, da?wir uns ?er die best?igende Reaktion des Anderen
freuen, erkennen wir ihn oder sie unsererseits an. Meiner Ansicht nach l?t sich das,
was die Forschungen zu fr?en Mutter-Kind-Interaktionen ?er fr?e Reziprozit? und
gegenseitige Beeinflussung herausgearbeitet haben, am besten als die Entwicklung der
F?igkeit zu wechselseitiger Anerkennung konzeptualisieren. Die Bild f? Bild
vergleichenden Untersuchungen der Filmaufnahmen von M?tern mit ihren drei bis vier
Monate alten Babys haben uns eine Art Fr?geschichte des Prozesses der Anerkennung
geliefert.
Die bahnbrechenden Arbeiten von Stern (1974, 1977, 1985) und die neueren Beitr?e von
Beebe (1985; Beebe und Lachmann, 1988; Beebe und Stern, 1977) haben erhellt, wie
entscheidend Beziehungen, in denen wechselseitiger Einflu?ausge?t wird, f? die
fr?e Entwicklung des Selbst sind. Sie haben auch gezeigt, da?zu diesem Zeitpunkt
SelbstRegulierung durch die Beeinflussung des Anderen erreicht wird: Der eigene psychische
Zustand kann nun dadurch ver?dert werden, da?der Andere dazu gebracht wird, sich mehr
oder weniger stimulierend zu verhalten. Die Anerkennung der Mutter bildet die Grundlage
f? das Gef?l der eigenen Handlungsf?igkeit beim Baby. Mit etwas geringerer Betonung
ist doch die andere Seite dieses Interaktions-Spiels gleich wichtig: Die Mutter ist bis zu
einem gewissen Grade ebenfalls abh?gig von der Anerkennung durch das Baby. Ein Baby, das
weniger auf die Mutter reagiert, ist ein weniger ?anerkennendes? Baby, und die Mutter,
die auf ihr apathisches oder quengelndes Baby reagiert, indem sie es ?erm?ig
stimuliert oder sich zur?kzieht, ist eine Mutter, die Verzweiflung dar?er ausdr?kt,
da?das Baby sie nicht anerkennt.
In Sterns Sichtweise konstituiert jedoch das fr?e Spiel noch keine
zwischenmenschliche Bindung (1985). Eher bezeichnet er die n?hste Phase, in der das acht
bis neun Monate alte Baby zu affektiver Einstimmung auf andere f?ig wird, als
eigentliche Intersubjektivit?. Es ist der Augenblick, in dem wir entdecken, da?es noch
anderes Bewu?sein au?rhalb unseres Selbst gibt und da?unterschiedliche Wesen
?nliche Gef?lszust?de teilen k?nen. Ich w?de Stern zustimmen, da?diese Phase
einen Fortschritt in der Anerkennung des Anderen darstellt, aber ich meine, da?die
fr?ere Interaktion doch als ihr Vorl?fer in der Form eines konkreten affektiven
Austauschs betrachtet werden kann. Vom Standpunkt der Mutter aus, deren Kind ihr L?heln
erwidert, ist dies bestimmt schon der Beginn wechselseitiger Anerkennung. Deshalb m?hte
ich, statt ausschlie?ich die sp?ere Phase als intersubjektive Bindung zu bezeichnen,
einen Entwicklungsproze?der Intersubjektivit?, in dem es Schl?selmomente der
Transformation gibt, konzeptualisieren.
In dieser Phase besteht, wie Stern (198S) hervorgehoben hat, das Neue in der
M?lichkeit, die innere Welt mit Anderen zu teilen. Das Kind lernt herauszufinden, was
die Elternperson f?lt, etwa wenn es ein neues Spielzeug entdeckt hat und die
Elternperson dann demonstriert, da?sie sich darauf einstimmt, indem sie - in einem
anderen Medium -darauf reagiert. Indem der Erwachsene denselben affektiven Gehalt in eine
andere Modalit? - beispielsweise von der kinetischen in die stimmliche - ?ersetzt,
dr?kt er dabei die bedeutsame Tatsache aus, da?es die innere Erfahrung ist, die
gleichbleibt. Denn der Unterschied in der Form hebt das Element der ?nlichkeit oder des
Teilens hervor. Ich m?hte noch hinzuf?en, da?die Elternperson genaugenommen nicht
denselben Gef?lszustand teilt, denn gew?nlich sind die Eltern ?er die Reaktion des
Kindes, nicht ?er das neue Spielzeug entz?kt. Die Elternperson freut sich ?er den
Kontakt mit der Psyche des Kindes.
An dieser Stelle lassen sich intersubjektive Theorie und Ich-Psychologie gut
kontrastieren, wie bereits von Stern gezeigt wurde. Die Phase, in der das Kind Andere
entdeckt, stimmt ungef?r mit Mahlers Abl?ungs- und Ubungs-Phase ?erein; beide
Theorien betonen jedoch ganz unterschiedliche Elemente. Aus der intersubjektiven
Perspektive entwickelt sich die gr?ere Unabh?gigkeit des Kindes, die von Mahler
betont wird, mit Hilfe des Anderen und verst?kt gleichzeitig das Gef?l der
Verbundenheit mit ihm. Die Freude der intersubjektiven Einstimmung ist die Erfahrung:
Dieser Andere kann meine Gef?le teilen. Nach Mahler (Mahler et alt, 1975) ist jedoch das
zehn Monate alte Kind in der Hauptsache mit dem Erforschen, mit ?seiner Liebesaff?e mit
der Welt?, besch?tigt. Der pr?ende Blick zur?k zur Mutter hat Mahler zufolge nichts
mit dem Teilen der Erfahrung zu tun, sondern mit Vergcwisserung und ?gstlichkeit, er
dient dem ?Auftanken?. Und in Mahlers Augen nimmt die Mutter in dieser Phase auch nicht
mit dem Kind als Person Kontakt auf, sondern st?t es aus dem Nest. Obwohl Stern seine
Differenzen zu Mahler betont, meine ich, da?beide Modelle einander nicht ausschlie?n,
sondern erg?zen. Mir scheint, da?an dieser Stelle die intersubjektive Theorie die
Trennungs-Individuationstheorie erweitern kann, weil sie sich auf den affektiven Austausch
zwischen Elternperson und Kind konzentriert und die Gleichzeitigkeit von Verbundensein und
Trennung hervorhebt. Anstelle entgegengesetzter Endpunkte auf einer Entwicklungsskala
erzeugen Bindung und Trennung eine Spannung, die die gleichwertige Anziehungskraft beider
Pole voraussetzt.
Diese Spannung zwischen Bindung und Losl?ung wollen wir nun ?er die Periode der
affektiven Einstimmung hinaus verfolgen. Wenn wir sie im zweiten Lebensjahr betrachten, so
k?nen wir sehen, da?sich nun eine Spannung zwischen Selbstbest?igung und Anerkennung
des Anderen entwickelt. Wenn wir Mahlers Wiederann?erungskrise in die Terminologie der
intersubjektiven Theorie ?ersetzen, so l?t sich sagen, da?in dieser Phase die
Spannung zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung des Anderen zusammenbricht und sich als
Konflikt zwischen dem Selbst und dem Anderen manifestiert.
Mein Instrumentarium zur Analyse dieser Krise stammt teilweise aus der Philosophie, aus
Hegels Formulierung des Problems der Anerkennung in der Ph?omenologie des Geistes. In
seiner Er?terung von ?Abh?gigkeit und Unabh?gigkeit des Selbstbewu?seins? zeigte
Hegel, wie der Wunsch des Selbst nach absoluter Autonomie mit seinem Wunsch nach
Anerkennung durch den Anderen in Konflikt steht. Bei dem Versuch, sich selbst als
unabh?gige Entit? zu setzen, mu?das Selbst dennoch den Anderen als gleiches Subjekt
anerkennen, um seinerseits vom Anderen anerkannt werden zu k?nen. Dies kompromittiert
unmittelbar den Absolutheitsanspruch des Selbst und erzeugt das Problem, da?der Andere
gleicherma?n absolut und unabh?gig sein k?ne. Jedes Selbst will vom Anderen
anerkannt werden und will doch seine Unabh?gigkeit absolut erhalten. Das Selbst sagt:
?Ich will auf dich einwirken, aber nichts von dem, was du tust oder sagst, soll auf mich
einwirken - ich bin, der ich bin.?
Diese Beschreibung des Absolutheitsanspruchs des Selbst deckt in etwa dasselbe Terrain
ab wie der Narzi?us in der Freudschen Theorie, insbesondere seine Manifestation als
Allmachtsgef?l: das Insistieren auf dem Eins-Sein (jede/r ist identisch mit mir) und auf
dem Alleinsein (au?rhalb meiner selbst gibt es nichts, was ich nicht kontrolliere).
Freuds Konzeption des fr?en Ichs (19 1 1; 191 ,) mit seiner Feindseligkeit gegen die
Au?nwelt, seiner Neigung, sich alles Gute einzuverleiben, ist der Hegelschen Vorstellung
des absoluten Selbst nicht un?nlich. Hegels Feststellung eines Kampfes zwischen
Autonomie und Abh?gigkeit im Individuum entspricht der klassischen psychoanalytischen
Ansicht, da?das Selbst seine Allmachtsphantasie nicht aufgeben Will.
Doch selbst wenn wir die Freudsche Auffassung vom Ich ablehnen bleibt die
Auseinandersetzung mit der Subjektivit? des Anderen und die Bestimmung der Grcnzcn, die
dem Wunsch nach Selbstbest?igung gesetzt sind, ein schwieriges Problem. Denn mit dem
Bed?fnis nach Anerkennung ist jenes grundlegende Paradoxon gesetzt: In demselben
Augenblick, in dem man des eigenen, unabh?gigen Willens gewahr wird, braucht man einen
Anderen, der ihn anerkennt. In dem Augenblick, in dem mir die Bedeutung meines Ich, meines
Selbst bewu? wird, mu?ich auch die Grenzen dieses Selbst begreifen. Und im selben
Augenblick, in dem wir verstehen lernen, da?voneinander unterschiedene Individuen
dieselben Gef?le teilen k?nen, beginnen wir auch zu erleben, da?es zwischen diesen
beiden nicht nur Ubereinstimmung gibt.
Wenn wir nun zu Mahlers Beschreibung der Wiederann?erungskrise zur?kkehren, so
l?t sich zeigen, da?sie das Paradoxon der Anerkennung darstellt und wie das Kind es
?erwinden soll. Vor der Wiederann?erungskrise, in der Selbstgewi?eit der
?ungsphase, ist das Kind sich seiner selbst noch sicher, genauso wie es sich seiner
Mutter sicher ist. Es macht noch keinen deutlichen Unterschied f? das Kind, ob es etwas
allein oder mit Hilfe der Mutter vollbringt. Denn das Kind ist viel zu begeistert von
seinen Taten, um dar?er nachzudenken, wer sie eigentlich vollbringt. Beginnend etwa im
Lebensalter von 14 Monaten, entsteht ein Konflikt zwischen dem Grandiosit?sgef?l des
Kindes und seiner nunmehr wahrgenommenen Realit? der eigenen Begrenzungen und der
eigenen Abh?gigkeit von Anderen. Obwohl das Kleinkind nun mehr Dinge als fr?er
selbst?dig tun kann, sieht es auch, was es nicht tun kann und wozu es die Mutter nicht
zu bewegen vermag - zum Beispiel bei ihm zu bleiben, anstatt fortzugehen. Viele der
Machtk?pfe zwischen Kind und Mutter (in denen es die ganze Birne haben will, nicht nur
ein St?k davon) k?nen in der Forderung: ?Erkenne meinen Willen an!? zusammengefa?
werden. Das Kind besteht dann darauf, da?die Mutter alles mit ihm teilt, an allen seinen
Aktivit?en teilhat und alle seine Forderungen hinnimmt. Das Kleinkind beginnt nun auch,
sich gegen seine versch?fte Wahrnehmung des Getrenntseins und folglich auch der eigenen
Verletzlichkeit zu wehren: Zwar kann es sich von der Mutter fortbewegen, aber auch die
kann es verlassen.
Wenn wir diese Beschreibung aus der Perspektive der intersubjektiven Theorie
bestrukturieren, dann wei?das Kind nun, da?voneinander unterschiedene Personen auch
unterschiedliche Gef?le haben k?nen und da?es selbst sowohl unabh?gig als auch von
Anderen abh?gig ist. In diesem Sinne ist die Wiederann?erungskrise gleichbedeutend mit
einer Krise der F?igkeit, den Anderen anzuerkennen, besonders die Unabh?gigkeit der
Mutter von sich selbst zulassen zu k?nen. Nicht zuf?lig wird das Fortgehen der Mutter
zum Zentrum der Auseinandersetzungen, denn hier erlebt das Kind nicht nur das
Getrenntsein, sondern es wird auch mit ihren unabh?gigen Zielsetzungen konfrontiert. Aus
vergleichbaren Motiven heraus erlebt die Mutter unter Umst?den diesen
Entwicklungsschritt als konflikttraft; die Forderungen des Kindes sind nun bedrohlich,
keine blo?n Bed?fnisse mehr, sondern Ausdruck des unabh?gigen (und tyrannischen)
Willens des Kindes. Sie erlebt nun, da?das Kind sich von dem Bild, das sie sich von ihm
gemacht hat, unterscheidet - es ist nicht l?ger ihr Objekt. Vielleicht tauscht das Kind
sogar die Rolle mit ihr: passiv wird aktiv. Das Kind, und nicht mehr die Mutter, erscheint
nun als das Gef? jener Allmacht, die sie selbst einst der ?guten?, alles spendenden
Mutter zugeschrieben hatte. Wie sie auf ihr Kind reagieren kann, wird von ihrer F?igkeit
abh?gen, solche Phantasien durch ein Selbstwertgef?l abzumildern, das auf wirklicher
Handlungsf?igkeit und einem unabh?gigen Selbst basiert, und von ihrem Vertrauen in die
F?igkeit des Kindes, Konflikt, Verlust und menschliche Schw?he zu ?erleben. Die
Mutter mu?beides k?nen: Sie mu?dem Kind deutliche Grenzen setzen und den eigenen
Willen des Kindes anerkennen k?nen, sie mu?auf ihrer eigenen Unabh?gigkeit bestehen
und doch auch die des Kindes anerkennen - kurz, sie mu?die Balance zwischen
Selbstbest?igung und Anerkennung in der Beziehung zum Kind halten k?nen. Wenn es
Mutter und Kind nicht gelingt, eine solche Balance in ihrer Beziehung aufrechtzuerhalten,
dann florieren die Allmachtsphantasien weiter, entweder auf selten der Mutter oder des
Kindes, und in keinem der beiden F?le lie? sich sagen, da?die Entwicklung
wechselseitiger Anerkennung vorangetrieben worden sei.
Vom Standpunkt der intersubjektiven Theorie aus besteht die ideale L?ung des
Paradoxons der Anerkennung in der Aufrechterhaltung einer permanenten Spannung zwischen
Anerkennung des Anderen und Selbstbehauptung. In Mahlers Theorie dagegen scheint die Krise
der Wiederann?erungsphase auf dem Wege der Internalisierung gel?t zu werden, durch das
Erreichen der Objektkonstanz - dann, wenn das Kind die Trennung von der Mutter aushalten
kann, wenn es auf sie w?end sein kann und trotzdem noch in der Lage ist, ihre
Anwesenheit oder ihre guten Seiten zu genie?n. Damit wird aber das Ziel der Entwicklung
zu gering veranschlagt: Da es schwierig ist, ist es dann aber auch schon ausreichend, wenn
dem Kind eine realistische Integration guter und schlechter Objekt-Repr?entationen
gelingt (Kernberg, 1980) Die knappe Formulierung der Konfliktl?ung der
Wiederann?erungskrise ist sozusagen ohne jeden H?epunkt; sie l?t uns zur?k mit
der Frage: War das alles? Denn in dieser Beschreibung mu?das Kind nur akzeptieren
lernen, da?es von der Mutter entt?scht wird; es findet keine Verlagerung des eigenen
Schwerpunkts statt, um anzuerkennen, da?die Mutter so handelt, weil sie eine
unabh?gige Person ist.
Der Zusammenbruch der Spannung zwischen der Behauptung der eigenen Realit? und der
Anerkennung der Realit? des Anderen und die Wiederherstellung der Spannung ist ein
vernachl?sigter Aspekt der Krise; gleichwohl ist er ebenso wichtig. Dieser Aspekt tritt
deutlicher hervor, wenn wir Winnicotts Vorstellung von der Zerst?ung des Objekts (1971)
wie eine Folie ?er Mahlers Beschreibung der Wiederann?erungsbrise legen. Denn es ist
die Zerst?ung - Negation im Sinne Hegels -, die das Subjekt in die Lage versetzt, anders
als durch Identifikation, Projektion und andere intrapsychische Prozesse, die mit dem
subjektiv vorgestellten Objekt zu tun haben, mit dem Objekt in Beziehung zu treten. Sie
erm?licht den ?ergang von einem nur (intrapsychischen) Bezug auf das Objekt zu seiner
Benutzung, zum Kn?fen einer Beziehung zum Anderen, der objektiv als au?rhalb des
eigenen Selbst existierend wahrgenommen wird, als Wesen f? sich. Das hei?, im mentalen
Akt der Negation oder Vernichtung des Objekts, der eventuell von einem physischen Versuch
des Angriffs auf den Anderen begleitet wird, finden wir tats?hlich heraus, ob der reale
Andere ?erlebt oder nicht. Wenn der oder die Andere den Angriff ?erlebt, ohne sich zu
r?hen oder zur?kzuziehen, dann wissen wir auch, da?er oder sie au?rhalb unseres
Selbst existiert und nicht nur ein Produkt unserer Phantasie ist.
Winnicotts These st?zt die Vermutung einer grundlegenden Spannung zwischen
Verleugnung und Best?igung des Anderen (zwischen Allmachtsphantasie und Anerkennung der
Realit?). So lassen sich die Konflikte der Wiederann?erungsphase mit Hilfe des
Konzepts von Zerst?ung und ?erleben anders verstehen: Der Wunsch, das eigene Selbst
absolut zu behaupten und alles, was au?rhalb der eigenen Allmachtsvorstellungen liegt,
zu verleugnen, mu?manchmal an der unersch?terlichen Realit? des/der Anderen
zerschellen. Die Kollision, die Winnicott meint, ist jedoch nicht eine, in der Aggression
Reaktiv auf die Erfahrung mit dem Realit?sprinzip hin? erfolgt, sondern eine, in der
die Aggression ?die Qualit? der Externalit? erzeugte (Winnicott, I97I, S. 110). Wenn
die Destruktivit? weder die Elternperson noch einen selbst zerst?t, ger? die
??re Realit? in einen scharfen, deutlichen Kontrast zur inneren Welt der Phantasie.
Das Ergebnis dieses Prozesses ist nicht blo?die Wiedergutmachung am guten Objekt oder
seine Wiederherstellung, sondern Liebe, das Gef?l, den/die Andere(n) zu entdecken
(Eigen, 1981; Ghent, 1990).
Die Kehrseite von Winnicotts Analyse w?e folgendes: Wenn der Zerst?ung nicht durch
das ?erleben des Objektes entgegengearbeitet wird, wenn die Realit? des Anderen nicht
ins Blickfeld r?kt, findet ein defensiver Proze?der Verinnerlichung statt. Die eigene
Aggression wird zum Problem - wie kann man das schlechte Gef?l loswerden? Nun wird das,
was zusammen mit dem ??ren Anderen durchgearbeitet und bew?tigt werden k?nte, in
ein Drama zwischen internalisierten Objekten verwandelt. Es wird aus der Dom?e des
Intersubjektiven in die Dom?e des Intrapsychischen verschoben. Im wirklichen Leben gibt
es - selbst wenn die Reaktion des/der Anderen die Aggression zerstreut - keinen
vollkommenen Proze?der Zerst?ung und des Uberlebens; immer findet auch ein Proze?der
Internalisierung statt. Man k?nte versucht sein zu sagen, da?jede Erfahrung auch
intrapsychisch verarbeitet wird, aber wenn der/die Andere nicht ?erlebt und die
Aggression nicht aufgel?t wird, dann wird dies fast ausschlie?ich zu einem
intrapsychischen Proze? Es w?e deshalb irref?rend, Internalisierungsprozesse nur als
Resultat von Zusammenbr?hen oder Abwehrhaltungen zu interpretieren; vielmehr scheinen
sie eine Art permanenter Unterf?terung unserer psychischen Aktivit? zu bilden -einen
st?digen symbolischen Verdauungsproze? der ein wichtiges Element im Austausch zwischen
dem Individuum und der Au?nwelt darstellt. Erst der Verlust der Balance zwischen
Intrapsychischem und Intersubjektivem, zwischen Phantasie und Realit? wird zum Problem.
Es ist tats?hlich ein Problem der psychoanalytischen Theorie, da?Internalisierung -
entweder in ihrem defensiven Aspekt oder unter dem der Strukturbildung, je nachdem, welche
Objektbezichungstheorie gew?lt wurde - die Komponente der Zerst?ung verdeckt hat, die
Winnicott (1964, S. 69) hervorgehoben hat: Das Entdecken, da??Wirklichkeit und
Phantasie beide wichtig sind, sich aber trotzdem voneinander unterscheidend. Hier ist der
Charakter wechselseitiger Erg?zung der intrapsychischen und der intersubjektiven
Erfahrungsweise zentral: Wie Winnicott deutlich gemacht hat, geht es um den Kontrast der
ZerSt?ungsphantasie zur Realit? des Uberlebens des/der Anderen. Es ist dieser
Kontrast, der die Erfahrung so befriedigend und authentisch macht.
Winnicott hat also auf eine Realit? aufmerksam gemacht, die geliebt werden kann, die
?er die Integration von Gut und B?e hinausgeht. W?rend dem intrapsychischen Ich die
Realit? von au?n ?ergest?pt wird, entdeckt das intersubjektive Ich die Realit?.
Das Realit?sprinzip steht nicht f? die Abweichung vom Weg der Wunscherf?lung, es
fordert keine Modifikation des Lustprinzips. Es bedeutet auch nicht die Hinnahme eines
falschen Lebens der Anpassung. Es bedeutet eher eine Fortsetzung der urspr?glichen
Faszination des Kleinkindes durch die und mit der Au?nwelt, seiner Begeisterung f?
Unterschiedliches und Neues, allerdings nun unter weitaus komplexeren Bedingungen. Diese
Begeisterung gibt hier der Trennung ihre positive F?bung, im Unterschied zu einer
schlicht feindseligen: Liebe zur Welt, nicht nur Verlassen der Mutter oder Entfernung von
ihr. In dem Ma?, in dem die Mutter dann in der Au?nwelt plaziert wird, kann sie auch
wieder geliebt werden; denn Losl?ung ist in Wahrheit die andere Seite der Bindung an den
Anderen.
Es ist diese Begeisterung f? die Realit? des/der Anderen, die das Bild der
Losl?ung vervollst?digt und gleichzeitig erkl?t, was jenseits der Internalisierung
liegt - n?lich die Verankerung einer geteilten Realit?. First (1988) hat einige sehr
?nliche Beobachtungen der Phase beigesteuert, in der das Kleinkind zu verstehen beginnt,
da?Wechselseitigkeit eine Begleiterscheinung des Getrenntseins ist, besonders im
Hinblick auf Situationen des Verlassenwerdens, wenn die Mutter weggeht. In Ankn?fung an
Winnicott wird bei First die Uber-Kreuz-Identifizierung zum Vehikel der Konfliktl?ung:
Die F?igkeit, sich selbst an die Stelle der Anderen zu setzen, gr?det in einem
emphatischen Verst?dnis der Gemeinsamkeiten innerer Erfahrung. Das anf?gliche Spiel
zweij?riger Kinder, die imitieren, wie die Mutter sie verl?t, ist zun?hst vom Geist
der Rache und Umkehrung gekennzeichnet: ?Ich werde dir auch antun, was du mir angetan
hast!? Aber allm?lich lernt das Kind, sich mit der subjektiven Erfahrung der Mutter zu
identifizieren, und es merkt: ?Ich k?nte dich vermissen, so wie du jetzt mich
vermi??, und begreift deshalb: ?Ich wei? da?du vielleicht auch ein eigenes Leben
haben willst, so wie ich meines habe.? First hat gezeigt, wie sich das Kind durch die
Anerkennung solcher gemeinsamer Erfahrung schlie?ich aus einer rachs?htigen Welt der
Kontrolle in eine Welt wechselseitigen Verstehens und geteilter Gef?le bewegt. Diese
Analyse f?t der Idee des Erreichens der Objektkonstanz, in der das gute Objekt die
schlechte Erfahrung ?erlebt, die Vorstellung hinzu, da?die fortgehende Mutter nicht
schlecht ist, sondern nur unabh?gig, eine Person wie man selbst. Indem das Kind dies
akzeptiert, gewinnt es die eigene Unabh?gigkeit - das wurde auch schon in traditionellen
Theorieans?zen hervorgehoben - und dar?er hinaus auch die Lust am wechselseitigen
Verstehen.
Im R?kblick lassen sich nun die Konturen einer Entwicklungslinie zur intersubjektiven
Beziehungsf?igkeit bis zu diesem Punkt nachzeichnen. Sein Hauptmerkmal ist die
Anerkennung der ?nlichkeit innerer Erfahrung bei gleichzeitiger Erfahrung von Differenz.
Man k?nte sagen, es beginnt mit: ?Wir f?len dieses Gef?l?, und schreitet dann fort
zu: ?Ich wei? da?du, getrenntes Bewu?sein, mit mir dieses Gef?l teilst.? In der
Wiederann?erungsphase spitzt sich jedoch die Krise zu, wenn das Kind die Differenz
merkt: ?Du und ich, wir wollen nicht dasselbe, wir f?len nicht dasselbe.? Die
anf?gliche Antwort auf diese Entdeckung ist der Zusammenbruch der Anerkennung zwischen
Selbst und Anderem: ?Ich bestehe auf meinem Willen, ich verweigere dir die Anerkennung,
ich versuche dich zu zwingen, und deshalb erfahre ich deine Verweigerung als Umkehrung: Du
zwingst mich.? Hier mu?die F?igkeit zu wechselseitiger Anerkennung ausgeweitet
werden, um die Spannung aufzufangen, die durch die Differenz erzeugt wird, das Wissen um
konfligierende W?sche.
Im dritten Lebensjahr des Kindes taucht dieses Thema oft im symbolischen Spiel auf.
Hier kann das fr?e Spiel der Rache nehmenden Umkehrung zu einer Art Erm?htigung des
Kindes werden, in der das Kind f?lt: ?Ich kann dir antun, was du mir angetan hast.?
Aber dann beginnt das Spiel, auch die emotionale Identifizierung mit der Position der
Anderen zu umfassen, wodurch es reflexiv wird; das hei?, in der Formulierung von First:
?Ich wei? da?du wei?, was ich f?len In diesem Sinne bleibt das Medium gemeinsamer
Gef?le in sp?eren Phasen der Entwicklung gleich wichtig f? die intersubjektive
Beziehungsf?igkeit wie in den fr?eren. Aber es ist nun ausgedehnt worden auf die Ebene
symbolischer Verst?digung ?er Gef?le ?erhaupt zu: ?Du wei?, was ich fohle,
selbst wenn ich das Gegenteil von dem, was du willst oder f?lst, will oder f?len
Dieser Fortschritt in der Differenzierung bedeutet: ?Wir k?nen Gef?le teilen, ohne
da?ich Angst haben m?te, da?meine Gef?le in Wirklichkeit nur deine Gef?le
w?en.?
Das Kind, das nun in seiner Phantasie beide Rollen - die der fortgehenden Person und
die der Person, die verlassen wird - ?ernehmen kann, beginnt damit, die bisher nur
komplement?e Form der MutterKind-Beziehung zu ?erschreiten. Die komplement?e
Beziehungsform organisiert ein Verh?tnis von gebendem und empfangendem, von aktivem und
passivem Partner, von M?htigem und Ohnm?htigem. Darin ist es zwar m?lich, die Rollen
zu vertauschen, aber nicht, ihre Struktur aufzuheben. Auch wenn die Rollen in der
Beziehung vertauscht werden, so kann doch nur eine Person das Subjekt sein, die andere
mu?das Objekt spielen: Die eine Person wird anerkannt, die andere negiert; eine ist
Subjekt, die andere Person bleibt Objekt. In der komplement?en Beziehungsstruktur werden
die Allmachtsphantasien nicht aufgel?t, sondern zwischen den beiden Partnern hin- und
hergeschoben. Durch die Bewegung aus der Welt komplement?er Machtbeziehungen heraus in
die Welt wechselseitiger Verst?digung hinein wird ein wichtiger Schritt zum Abbau der
Allmachtsvorstellungen getan: Macht wird nun aufl?bar, statt da?sie in einem nicht
endenwollenden Kreislauf zwischen Mutter und Kind hin- und hergeschoben wird.
Aber wenn wechselseitige Anerkennung nicht wiederhergestellt wird, wenn die gemeinsame
Realit? der Beziehung die Zerst?ung nicht ?erlebt, dann regieren wieder die
komplement?en Strukturen, und der ?Bezug? auf das innere Objekt wird dominant. Weil
dies h?fig genug vorkommt, stimmt das intrapsychische Konzept der
Subjekt-Objekt-Bezichung tats?hlich mit dem dominanten Modus innerer Erfahrung ?erein.
Aus diesem Grunde, unbenommen des menschlichen Potentials zu intersubjektiver Erfahrung,
erhellt die umkehrbare, komplement?e Beziehungsstruktur zwischen Subjekt und Objekt, wie
sie von der intrapsychischen Theorie konzeptualisiert worden ist, so viel von der inneren
Erfahrung. Die von Freud zuerst analysierten Prinzipien des Unbewu?en (wie die
Vertauschung der Gegens?ze, zum Beispiel von aktiv und passiv, die Austauschbarkeit oder
Ersetzbarkeit innerer Objekte) bleiben deshalb unentbehrliche Leits?ze zur Deutung der
inneren Welt der Objekte.
Doch auch wenn die F?igkeit zur Anerkennung des Anderen gut entwickelt ist, wenn das
Subjekt zu gemeinsamer Erfahrung und zur Aufnahme jener Nahrung ?Anders-als-ich? f?ig
ist, bleiben die intrapsychischen F?igkeiten wirksam. Denn die F?igkeit des Selbst zu
manipulieren, zu entfernen, Bedingungen zu verkehren und ein Ding in ein anderes zu
verwandeln, ist keine blo? Negation der Realit?, sondern auch die Quelle geistiger
Kreativit?. Dar?er hinaus bedeutet Komplementarit? - wenn alles gut geht - auch
einen Schritt auf dem Weg zur Wechselseitigkeit. Die beharrliche Reziprozit?, die
Kleinkinder oft zeigen, ihre Anstrengungen, im Spiel die Beziehung zur Mutter umzukehren,
sie zu f?tern, zu pflegen und zu verlassen, ist ein Schritt im Proze?der
Identifizierung, der letztlich zum gegenseitigen Verstehen f?rt.
So bleibt die richtige ?Benuttung? des oder der Anderen im Kontrapunkt zur
?Beziehung durch Identifikationen?. Benutzen, das hei? Anerkennen, impliziert die
F?igkeit, komplement?e Strukturen zu ?erschreiten, aber nicht etwa, da?keine
solchen Strukturen vorhanden w?en. Es bedeutet nicht, da?Phantasien oder Negation
verschwinden, sondern da??Destruktion ... zum unbewu?en Hintergrund f? die Liebe
zum realen Objekt [wird]? (Winnicott, 1979; S. 110). Es bedeutet eine Balance zwischen
Zerst?ung und Anerkennung. Im weitesten Sinne versuchen die inneren Phantasien immer,
die ??re Realit? aufzufressen oder zu negieren - ?Obwohl ich dich liebe, zerst?e
ich dich in meiner (unbewu?en) Phantasie? (S. 105). Der geliebte Mensch wird st?dig
zerst?t, aber sein Oberleben bedeutet, da?wir in unserer Realit? beides haben
k?nen. Aus der intersubjektiven Perspektive ist die Negation des realen Anderen in
jeglicher Phantasie impliziert, gleich ob ihr Inhalt negativ ist oder idealisiert. Ebenso
erscheint aus intrapsychischer Perspektive die ??re Realit? einfach als das, was als
Phantasie verinnerlicht wird. Das dauernde Zusammenspiel von Zerst?ung und Anerkennung
ist die Dialektik zwischen Phantasie und ??rer Realit?.
Im analytischen Proze? in der Anstrengung des Analysanden, die Produkte seiner
Phantasie dem Analytiker mitzuteilen, wird der Status der Phantasie selber ver?dert, er
wird aus der inneren Realit? herausger?kt in die intersubjektive Kommunikation. Das
Objekt der Phantasie, auf das man sich bezieht oder das man zerst?t, und der verwendbare
Andere, der der Empf?ger der kommunikativen Anstrengung ist und geliebt werden kann,
erg?zen einander. In gelungenen AnalyseStunden entsteht eine momentane Balance zwischen
intrapsychischer und intersubjektiver Dimension, eine anhaltende Spannung oder schnelle
Bewegung zwischen der Erfahrung des Patienten von uns als innerem Material und von uns als
anerkennendem Anderen. (Die Aufhebung des Konflikts zwischen diesen beiden
Erfahrungsweisen beruht ebenfalls auf dem Verst?dnis des Ubergangsraumes im Sinne
Winnicotts.) Die M?lichkeit, sich auf beiden Ebenen zu engagieren, konstituiert den
therapeutischen Aspekt der Beziehung. Die Wiederherstellung der Balance zwischen
Intrapsychischem und Intersubjektivem im psychoanalytischen Proze?soll nicht als
Anpassung aufgefa? werden, die Phantasien auf Realit? reduziert, sondern eher als eine
Praktik zum Aushalten von Widerspr?hen.
Wenn die emotionale Anspannung, die zum Aushalten von Widerspr?hen notwendig ist,
zusammenbricht, was h?fig geschieht, werden die intersubjektiven Strukturen -
Wechselseitigkeit, Gleichzeitigkeit und Paradoxie - den komplement?en untergeordnet. Der
Zusammenbruch der Spannung zwischen dem Selbst und dem Anderen zugunsten einer Beziehung
zwischen Subjekt und Objekt ist ein gew?nlicher Tatbestand des psychischen Lebens. Aber
diesem Zusammenbruch der Spannung kann nicht durch das Ideal der Balance Rechnung getragen
oder entgegengearbeitet werden. Das w?de eine Vorstellung von Normalit? implizieren,
die den Zusammenbruch der Spannung zum Versagen erkl?en w?de und seine
Begleitph?omene - Internalisierung, Phantasie und Aggression - zum pathologischen
Symptom. Wenn der Zusammenprall zweier unterschiedlicher Willen ein inh?enter Teil
intersubjektiver Beziehungen ist, dann kann auch keine noch so perfekte Umgebung der
Erfahrung mit der Andersartigkeit die Stacheln nehmen. Zur Frage wird dann, wie die
unvermeidlichen Elemente der Negation gehandhabt werden. Es ist schon -ausreichende, wenn
der inwendigen Bewegung, die die Realit? negiert und Kreativit? freisetzt, durch eine
??re Bewegung zur Anerkennung der ??ren Realit? gegengesteuert wird. Mehr von
intersubjektiver Verst?digung zu verlangen, w?de schon zum Triumph der ??ren
Realit? einladen, zu einer schrecklichen psychischen Leere und zum Ende jeglicher
Kreativit?. Eine psychoanalytische Beziehungstheorie sollte f? die schmuddelige,
intrapsychische Seite von Kreativit? und Aggression Raum lassen; es ist das Verdienst
der totersubjektiven Perspektive, diesen Elementen einen hoffnungsvotieren Anstrich geben
zu k?nen, indem sie uns das ?Andere? der Zerst?ung zeigt: die Anerkennung.
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