Ein Entwurf zur Intersubjektivit?:
Anerkennung und Zerst?ung

(?An Outline of Intersubjectivity: The Development of Recognition?.
Psychoanalytic Psychology 7, suppl., 1990, 33-46.)

Zusammenfassung von Agon S. Buchholz

Gliederung:


Ansatz, Einordnung und Forschungsstand

  • Ausgangspunkt:
    • Versuch, eine intersubjektive Theorie des Selbst zu entwickeln [39]. Alternativkonstuktion zur intrapsychischen Theorie [39].
  • Intersubjektive Theorie:
    • Das psychische Geschehen ist eher ein interaktives als ein monadisches Geschehen; der psychoanalytische Proze?sollte entsprechend als ein Geschehen zwischen Individuen und nicht als intrapsychisches Erleben verstanden werden [39].
    • Das aus der Philosophie Habermas' entlehnte Konzept der Intersubjektivit? ist der Logik von Subjekt und Objekt, die die abendl?dische Philosophie und Wissenschaft beherrscht, gegen?ergestellt [42].
    • Sie bezieht sich auf jenen Bereich der Erfahrung und der Theorie, in der der Andere nicht nur Objekt der Bed?fnisse/ Triebe oder des Wissens/ der Wahrnehmung des Ichs ist, sondern unabh?giges und gleichwertiges Zentrum eines Selbst [42].
  • Intersubjektiven Theorie:
    • Einordnung: Intersubjektive Theorie nicht konzipiert als Ersatz (Gegensatz), sondern als Erg?zung f? die intrapsychische Theorie [41].
    • Vorteile: Die beiden Diemnsionen der Erfahrung des Objekts/ des Anderen erg?zen einander
  • Postulate der intersubjektiven Theorie:
    • Der Andere mu?vom Selbst als Subjekt anerkannt werden, damit es die eigene Subjektivit? des Anderen ganz erfahren kann [42].
    • Wir haben ein Bed?fnis nach Anerkennung [42].
    • Wir haben die F?igkeit, andere ihrerseits anzuerkennen, also die F?igkeit wechselseitiger Anerkennung [42].
  • Kernproblem: Anerkennung der Anderen:
    • Jedes der Subjekte hat grundlegende Schwierigkeiten, andere als gleichwertige Zentren individueller Erfahrung anzuerkennen [39].
      Ziel von BENJAMIN ist es (in Abgrenzung von FREUD), den Proze?der Anerkennung in den Vordergrund unseres Denkens zu r?ken [42].
  • Begriff des Objekts (Objektbeziehung):
    • Urspr?gliche Bedeutung (intrapsychische Theorie, Ichpsychologie, Objektbeziehungstheorie): Internalisierung und psychische Repr?entation von Beziehungen zwischen Selbst und Objekten [40]. Austauschbarkeit von wirklichen Anderen und ihren inneren Repr?entationen [40]. Reduktion anderer Subjekte auf Objekte [40].
  • Fragestellung:
    • ?Welchen Unterschied macht ein Anderer, der wirklich als ein Au?rhalb wahrgenommen wird, als etwas von der eigenen Vorstellungswelt Geschiedenes? Gibt es nicht einen dramatischen Unterschied zwischen der Erfahrung des Anderen, der in der Au?nwelt wahrgenommen wird, und einem subjektiv vorgestellten Objekt?? [41]
  • Zum Forschungsstand:
    • Entwicklung der Fragestellung: WINCOTT, ?Der Gebrauch eines Objektes und die Identifikationsbeziehungen? (1971) [41]
  • Unterscheidung zwischen zwei Kategorien der Erfahrung:
    • Intrapsychische Dimension und
    • intersubjektive Dimension [41].

Skizze der Entwicklungsstadien der F?igkeit zur Anerkennung

  • Bezug auf die Theorie von Trennung und Individuation (Trennungs-Individuationstheorie)
    • ...aus der Perspektive der Begriffe Ich und Objekt:
      Das Kind ist ein Individuum, das zur Abl?ung und Autonomie fortschreitet. Ziel dieses Prozesses ist die Erzeugung einer psychischen Struktur, die durch die Internalisierung des Objekts gr?ere Unabh?gigkeit erlangt. Die Mutter wird dabei als Objekt betrachtet, die Ursachen der m?terlichen Reaktion und ihre notwendig unabh?gige Subjektivit? geraten in den Hintergrund [42 f.].
    • ...aus der intersubjektiven Perspektive:
      Das Selbst wird vom Empf?ger zum Geber von Empathie. Eine Idee des Lust an einer entstehenden (Wechsel-) Beziehung wird vorgestellt [43 f.].
  • Beginn des Prozesses der Anerkennung:
    • Best?igende Reaktion des Anderen, die uns zeigt, da?wir Bedeutung geschaffen, einen Einflu?ausge?t oder eine Absicht bekundet haben [44].
  • Folgendes Stadium (drei bis vier Monate alte Babys):
    • Erkenntnis, da?wechselseitige Anerkennung zwischen zwei Personen (Verstehen und Verstandenwerden, sich aufeinander einstimmen) f? sich selbst erstrebenswert ist [44].
  • Selbstregulierung durch Beeinflussung des Anderen:
    • Der eigene psychische Zustand kann dadurch ver?dert werden, da?der Andere dazu gebracht wird, sich mehr oder weniger stimulierend zu verhalten [44]. Dieses Interaktions-Spiel hat zwei Seiten, z.B. Mutter und Kind, auch die Mutter ist bis zu einem gewissen Grad abh?gig von der Anerkennung durch das Baby [45].
  • Fortschritt in der Anerkennung des Anderen (acht bis neun Monate alte Babys):
    • Abl?ungs- und ?ungs-Phase (MAHLER).
      Entdeckung, da?es noch anderes Bewu?sein au?rhalb unseres Selbst gibt und da? unterschiedliche Wesen ?nliche Gef?lszust?de teilen k?nen (konkreter affektiver Austausch) [45].
    • M?lichkeit, die innere Welt mit anderen zu teilen (STERN) [45].
    • Gr?ere Unabh?gigkeit wird mit Hilfe des Anderen erlangt, das Gef?l der Verbundenheit mit ihm wird verst?kt, die Freude der intersubjektiven Einstmmung ist die Erfahrung: Dieser Andere kann meine Gef?le teilen [46].
  • ?Liebesaff?e mit der Welt? (zehn Monate altes Kind):
    • Gleichzeitigkeit von Verbundensein und Trennung, Spannung zwischen Bindung und Losl?ung [46].
    • Kein deutlicher Unterschied f? das Kind, ob es etwas allein oder mit Hilfe der Mutter vollbringt [47 f.].
    • Grandiosit?sgef?l des Kindes [48].
  • Entwicklung einer Spannung zwischen Selbstbest?igung und Anerkennung des Anderen (zweites Lebensjahr, ca. 14 Monate):
    • Wiederann?erungskrise (MAHLER).
      Spannung zwischen Selbstbehauptung und Anerkennung des Anderen bricht zusammen und manifestiert sich als Konflikt zwischen dem Selbst und dem Anderen [46].
    • Absolutheitsanspruch des Selbst: Jedes Selbst will vom Anderen anerkannt werden und will doch seine Unabh?gigkeit absolut wahren (Ph?omenologie des Geistes, ?Abh?gigkeit und Unabh?gigkeit des Selbstbewu?seins?, HEGEL) [46 f.].
    • Narzi?us, Manifestation als Allmachtsgef?l (FREUD): Insistieren auf dem Eins-Sein (jede/r ist identisch mit mir) und auf dem Alleinsein (au?rhalb meiner selbst gibt es nichts, was ich nicht kontrolliere).
    • Grundlegendes Paradoxon: In demselben Augenblick, in dem man des eigenen, unabh?gigen Willens gewahr wird, braucht man einen Anderen, der ihn anerkennt. In dem Augenblick, in dem mir die Bedeutung meines Ich, meines Selbst, bewu? wird, mu?ich auch die Grenzen dieses Selbst begreifen. Und im selben Augenblick, in dem wir verstehen lernen, da?voneinander unterschiedene Indiviuen dieselben Gef?le teilen k?nen, beginnen wir auch  zu erleben, da?es zwischen diesen beiden nicht nur ?ereinstimmung gibt [47].
    • Entwicklung eines Konflikts zwischen Grandiosit?sgef?l des Kindes und seiner nunmehr wahrgenommenen Realit? der eigenen Begrenzungen und der eigenen Abh?gigkeit von Anderen [48]; Machtk?pfe zwischen Kind und Mutter.
    • Krise der F?igkeit, den Anderen anzuerkennen.
  • L?ung des Paradoxons der Anerkennung:
    • Aufrechterhaltung einer permanenten Spannung zwischen Anerkennung des Anderen und Selbstbehauptung [49].
  • Unzureichend: Konfliktl?ung der Widerann?erungskrise:
    • MAHLER: Unbefriedigende Formulierung der Konfliktl?ung der Widerann?erungskrise. Das Kind mu?hier nur lernen, da?es von der Mutter entt?scht wird; es findet keine Verlagerung des Schwerpunktes statt, um anzuerkennen, da?die Mutter so handelt, weil sie eine unabh?gige Person ist [49].
  • Erweiterung: Konzept von Zerst?ung (Negation, HEGEL) und ?erleben des Objekts:
    • WINNICOTT: Zerst?ung versetzt das Subjekt in die Lage, anders als durch Identifikation, Projektion und andere intrapsychische Prozesse, mit dem Objekt in Beziehung zu treten [50].
      Zerst?ung erm?licht den ?ergang von einem nur (intrapsychischen) Bezug auf das Objekt zu seiner Benutzung, zum Kn?fen einer Beziehung zum Anderen, der objektiv als au?rhalb des eigenen Selbst existierend wahrgenommen wird, als Wesen f? sich [50].
    • Der Wunsch, das eigene Selbst absolut zu behaupten und alles, was au?rhab der eigenen Allmachtvorstellung liegt, zu verleugnen, mu?manchmal an der unersch?terlichen Realit? des/der Anderen zerschellen [50].
    • Ergebnis dieses Prozesses ist nicht blo?die Wiedergutmachung am guten Objekt, oder seine Wiederherstellung, sondern Liebe, das Gef?l, den/ die Andere(n) zu entdecken [50].
    • WINNICOTT: Entdecken, da??Wirklichkeit und Phantasie beide wichtig sind, sich aber trotzdem voneinader unterscheiden? [51]. Entscheidend ist hier die wechselseitige Erg?zung der intrapsychischen und der intersubjektiven Erfahrungsweise: Die Erfahrung wird so befriedigend und authentich durch den Kontrast der Zerst?ungsphantasie zur Realit? des ?erlebens des/ der Anderen [51].
  • Trennung: Verankerung einer geteilten Realit?:
    • Trennung von der Mutter bedeutet nicht nur Verlassensein und Ertfernung, sondern auch Liebe zur Welt,  eine Fortsetzung der urspr?glichen Faszination des Kleinkindes durch und mit der Au?nwelt, seiner Begeisterung f? Unterschiedliches und Neues [51].
    • Wechselseitigkeit ist eine Begleiterscheinung des Getrenntseins (FIRST) [52].
    • Losl?ung als andere Seite der Bindung an den Anderen erm?licht die Verankerung einer geteilten Realit? [52].
  • Konfliktl?ung durch ?er-Kreuz-Identifizierung:
    • Die F?igkeit, sich selbst an die Stelle der Anderen zu setzen, gr?det in einem emphatischen Verst?dnis der Gemeinsamkeiten innerer Erfahrung [52].
    • Transformationsproze? Das Kind bewegt sich durch Anerkennung solcher gemeinsamer Erfahrung aus einer rachs?htigen Welt der Kontrolle in eine Welt wechselseitigen Verstehens und geteilter Gef?le [52].
    • Das Kind gewinnt dadurch die eigene Unabh?gigkeit und dar?er hinaus auch die Lust am wechselseitigen Verstehen.
  • Komplement?e Beziehungsform:
    • Die komplement?e Beziehungsform organisiert ein Verh?tnis von gebenden und empfangenden, von aktivem und passivem Partner, von M?htigem und Ohnm?htigem.
    • Darin ist es zwar m?lich, die Rollen zu vertauschen, aber nicht, ihre Struktur aufzuheben. Auch wenn die Rollen in der Beziehung vertauscht werden, so kann doch nur eine Person das Subjekt sein, die andere mu?das Objekt spielen: Die eine Person wird anerkannt, die andere negiert; eine ist subjekt, die andere Person bleibt Objekt [53].
    • In der komplement?en Beziehungsstruktur werden die Allmachtsphantasien nicht aufgel?t, sondern zwischen den beiden Partnern hin- und hergeschoben [53].
  • Symbolische Verst?digung ?er Gef?le ?erhaupt: Fortschritt der Differenzierung (drittes Lebensjahr):
    • Spiel beginnt, auch die emotionale Identifizierung mit der Position der Anderen zu umfassen und wird dadurch reflexiv [53].
    • Das Medium gemeinsamer Gef?le bleibt bedeutend, wird jedoch ausgedehnt auf die Ebene symbolischer Verst?digung ?er Gef?le ?erhaupt [53].
    • Das Kind kann nun in seiner Phantasie beide Rollen ?ernehmen und ?erschreitet damit die bisher nur komplement?e Form der Mutter-Kind-Beziehung [53].
    • Durch die Bewegung aus der Welt komplement?er Machtbeziehungen heraus in die Welt wechselseitiger Verst?digung hinein wird ein wichtiger Schritt zum Abbau der Allmachtsvorstellungen getan: Macht wird nun aufgel?t, statt da?sie in einem nicht endenwollenden Kreislauf zwischen Mutter und Kind hin- und hergeschoben wird [53].
    • Intersubjektive Strukturen: Wechselseitigkeit, Gleichzeitigkeit und Paradoxie [55].
  • Intrapsychisches Konzept der Subjekt-Objekt-Beziehungen dennoch weiterhin g?tig:
    • Wenn wechselseitige Anerkennung scheitert, dann regieren wieder die komplement?en Strukturen, und der ?Bezug? auf das innere Objekt wird dominant [54].
    • Die F?igkeit des Selbstzu manipulieren, zu entfernen, Bedingungen zu verkehren und ein Ding in ein anderes zu verwandeln, istkeine blo? Negation der Realit?, sondern auch die Quelle geistiger Kreativit? [54].
    • Komplementarit? ist in notwendiger Schritt auf dem Weg zur Wechselseitigkeit, im Proze?der der Identifizierung, der letzlich zum gegenseitigen Verstehen f?rt [54].
  • Normalit?:
    • Der Zusammenbruch der Spannung zwischen dem Selbst und dem Anderen ist ein gew?nlicher Tatbestand des psychischen Lebens, kein Versagen [55].
  • Dominieren der intersubjektiven Verst?digung:
    • in Dominieren der intersubjektiven Verst?digung w?de ?zum Triumph der ??ren Realit? einladen, zu einer schrecklichen psychischen Leere und zum Ende jeglicher Kreativit? f?ren? [56].

Zusammenfassung

  • Hauptmerkmal der Entwicklungslinie zur intersubjektiven Beziehungsf?igkeit:
    • Anerkennung der ?nlichkeit innerer Erfahrung bei gleichzeitiger Erfahrung der Differenz [52].
  • Verdienst der intersubjektiven Perspektive:
    • ?Eine psychoanalytische Beziehungstheorie sollte f? die schmuddelige, intrapsychische Seite von Kreativit? und Aggression Raum lassen; es ist das Verdienst der intersubjektiven Perspektive, diesen Elementen einen hoffnungsvollen Anstrich geben zu k?nen, indem sie uns das `Andere? der Zerst?ung zeigt: die Anerkennung.? [56].
 

 


Zuletzt bearbeitet: 07-Jan-06 von: Agon S. Buchholz