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Verhaltenstherapie (Behaviorismus)Der Verhaltenstherapie liegt eine für die meisten Menschen nicht sehr angenehme Tatsache zugrunde: daß der Mensch in seinem Verhalten oft (vielleicht sogar meistens) nichts ist als ein (zwar hoch entwickeltes) Tier. So wie ein Hund sich unaufhaltsam vom nächsten Baum angezogen fühlt, von dem her es hochinteressant nach Duftmarken anderer Hunde riecht (auf Details anderer Art tierischer Anziehung brauchen wir nicht einzugehen, die Phantasie des Lesers reicht hier aus), genauso lebt auch der Mensch am Gängelband seiner Instinkte, des Spiels der Hormone, des Körpers ganz allgemein gesagt. Das Balzverhalten der Auerhähne, das Revierabstecken von Hirschen, der Nestbau der Vögel . . . das sind alles instinktive Mechanismen, eine Verhaltensmatrize, sozusagen die Software, nach der sich Leben abspielt. Gängelband in die FreiheitWer ehrlich ist vor allem zu sich selbst , wird zugeben: Ja, eigentlich ist der freie Wille sehr begrenzt. Wir sind Schauspieler auf einer Bühne, die Rollen sind uns weitgehend vorgeschrieben, wir können sie höchstens ein klein wenig modifizieren. Die Verhaltenstherapie hat, weil sie offen ausgesprochen hat, was nur wenige wahrhaben wollen, innerhalb der psychotherapeutischen Welt viele Prügel einstecken müssen. Sie ist als mechanistisch, unmenschlich bezeichnet worden und die Argumente vieler ihrer Vertreter haben das ihre dazu beigetragen, indem man sich recht radikal gab und meinte: Ja, an sich reiche es, dem Patienten statt des Therapeuten eine Maschine gegenüberzusetzen, die ihm Aufgaben stellt. Außerdem hat die Verhaltenstherapie sich von Anfang an als Gegenprogramm zur Psychoanalyse verstanden, geboren teilweise aus einem Unwillen, die langen Therapiezeiten der Analyse hinzunehmen und die nicht genau festlegbaren Therapieerfolge zu akzeptieren. Ergebnisse sind leicht meßbarDas ist ein zentraler Punkt: der Therapieerfolg. Während in den tiefenpsychologischen Schulen der Therapieerfolg nicht mittels Tabellen, Zahlen oder Statistiken nachgewiesen werden kann (schließlich geht es um Persönlichkeitsentwicklung und nicht um irgendwelche Mikrobenkulturen; bis zum heutigen Tag wehren sich viele Tiefenpsychologen ein wenig hochmütig, auf diese Ebene der Beweisführung hinabzusteigen), kann die Verhaltenstherapie Eindeutiges vorweisen. Sie beschränkt sich auf die Veränderung einzelner, genau beobachtbarer Verhaltensweisen. Es geht nicht um Einstellung, es geht um Verhalten. Wenn es zum Beispiel ein Mann mit Spinnenphobie (krankhafte Angst vor Spinnen) am Ende der Therapie fünf Minuten lang aushält, an eine Spinne auf seiner Hand zu denken, sie sich in der Phantasie vorzustellen, während das vor der Therapie Panik ausgelöst hätte, dann ist das ein meßbarer Erfolg. Der Behaviorismus, die Lehre hinter der Verhaltenstherapie, besagt, daß nur das direkt Beobachtbare und naturwissenschaftlich Beweisbare existiere und eine Rolle spielealles andere sei unwissenschaftlich. Der Erfolg der Verhaltenstherapie geht auf diese Grundeinstellung zurück: Das Schema der Medizin funktioniert nach dieser Regel. Die Verhaltenstherapie war und ist deshalb auch jene Form der Psychotherapie, die am leichtesten in das vom medizinischen Verständnis dominierte Krankenversicherungswesen Eingang fand: Hier läßt sich der Erfolg messen und ablesen, da weiß man, was man fördert und finanziert... Heute haben sich die Gegensätze entschärft. Die Verhaltenstherapie akzeptiert, was sie anfangs vehement abgelehnt hatte: Der Therapeut als Person spielt für den Therapieverlauf eine wesentliche Rolle. Man kann eben doch keine Maschine statt seiner hinsetzen. Desensibilisierung oder: Wie man Spinnen lieben lerntDie Grundlagen der Verhaltenstherapie: Alles Verhalten ist als Reaktion auf Umweltreize zu verstehen, als erlernt. Was erlernt wurde, kann prinzipiell auch verlernt werden. Und so bemüht sich die Verhaltenstherapie, unerwünschtes Verhalten (Platzangst, Schüchternheit, Ticks, Ängste der verschiedensten Art) verlernen zu lassen. Die dabei eingesetzten Mittel sind relativ primitiv: Eines der Hauptmittel zum Beispiel, die Systematische Desensibilisierung«, arbeitet damit, die angstauslösende Situation oder Vorstellung in zunächst ganz kleinen Dosen, die dann immer größer werden, zu verwenden. Bei der erwähnten Spinnenphobie zum Beispiel stellt sich der Patient eine winzige Spinne vor, wie sie auf ihn zukriecht. Das geht mit Mühe. Dann schreitet man weiter: Die Spinne wird größer, kommt immer näher. Bei jeder dieser Vorstellungsübungen bricht man immer dann ab, wenn die Angst übermächtig zu werden droht. Schrittweise kann die Spinne schließlich sogar auf die Hand wandern, der Patient hat einen zwar noch nicht angstfreien, aber doch einigermaßen normalen Umgang mit der Spinne gefunden. Es ist ihm nach wie vor unbehaglich, aber er verfällt nicht mehr in Krämpfe, wenn er solch ein Tier auch nur in der Ferne sieht. Die Technik ist ähnlich wie in der Medizin die Allergiebehandlung. Andere Methoden der Verhaltenstherapie sind:
Die Belohnungen zum Beispiel: Für jede Zigarette, die man sich verkniffen hat (wenn sich jemand das Rauchen abgewöhnen will), darf man sich in ein eigens angelegtes Heft einen goldenen Stern einkleben. So skurril es auch klingen mag: Fast jeder Mensch springt auf solche einfachen Belohnungsmechanismen an es wirkt! Therapie gegen Menschen?Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Methoden, die sich in der Praxis bewährt haben, die teilweise der Verhaltenstherapie aber auch den Vorwurf eingebracht haben, unethisch zu seindiese Methoden können durchaus auch verwendet werden, um Menschen zu angepaßten Typen zu machen, deren Persönlichkeit aber in keiner Weise gefördert wird. "Clockwork Orange", dieser Roman (und Film) über die brutale Anwendung von -Aversionstherapien bei zugegebenermaßen genauso brutalen Verbrechern, ist ein Beispiel für die Anwendung therapeutischer Techniken mit dem Ziel, Menschen zu "brechen«. In der neueren Verhaltenstherapie wird die Rolle der Einstellung, der psychischen Verarbeitung, eingebaut, die Verhaltenstherapie hat sich verändert und angepaßt. Elemente der Verhaltenstherapie finden sich übrigens in vielen anderen Psychotherapiemethoden wieder die einzelnen Übungen können hervorragend als Hilfsmethoden eingesetzt werden, zur Lösung eng umschriebener Probleme. Quelle: Wanschura 1990 |
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Zuletzt bearbeitet: 07-Jan-06 von: Agon S. Buchholz |