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Alfred AdlerZunächst hatte Alfred Adler, ein Wiener Arzt aus der Mitarbeiterrunde Freuds (darauf legte Adler besonderen Wert. Er wollte nie als "Schüler Freuds« gelten, vielmehr als "Mitarbeiter"), seine Auffassungen "Freie Psychoanalyse" genannt mit der Bezeichnung "Individualpsychologie" wollte er dann klarstellen, daß es ihm vor allem um die Einmaligkeit und Ganzheit des Individuums ging. Mißverständlich ist der Name trotzdem. Denn gerade Adler betonte in besonderem Maß, daß der Mensch eben kein Einzelindividuum ist, sondern eingebunden in soziale Gefüge, verbunden mit seinen Mitmenschen, denen gegenüber er besondere Verantwortung habe. Adler übernahm für seine Theorie die Freud'schen Begriffe des Unbewußten, der Übertragung und Gegenübertragung und des Widerstandes sowie die besondere Rolle der Kindheit für die Entwicklung der Persönlichkeit. Sexualität nicht zentralWas ihm aber an den Thesen Freuds nicht paßte, war die starke Betonung der Sexualität als des wichtigsten Antriebes des Menschen, der am häufigsten gestört sei, am häufigsten verdrängtden man daher vordringlich bearbeiten müsse. Adler verstand den Menschen primär als sozial bestimmtes Wesen. Die psychische Gesundheit kann daher an der Fähigkeit gemessen werden, sich in die Gemeinschaft der anderen Menschen einzufügen. Von Adler stammt der wie so viele andere Begriffe aus den Gründerjahren der Psychotherapie überaus populär gewordene Begriff des Minderwertigkeitsgefühls und auch der des Gemeinschaftsgefühls. Ganz zentral ist für die Individualpsychologie die Erkenntnis, daß der neurotische Mensch ein Lebensideal zu verwirklichen versucht, das eine Fiktion ist, das nie erfüllt werden kann. Meist geht es dabei um das Ideal einer Überlegenheit. Der Neurotiker in der Sicht der Individualpsychologie lebt andauernd unter dem Gefühl, von anderen Menschen als unterlegen angesehen zu werden und er versucht deshalb, mittels "Überkompensation" (wieder so ein populärer Begriff) sich die Illusion zu geben, daß er überlegen sei. Machtstreben geht zum Beispiel auf eine solche Uberkompensation zurück, glaubte Adler. Arrangements und PrivatlogikWer für sich solch ein Arrangement getroffen hat, hat damit so Adler eine »private Logik" geschaffen, die im Gegensatz zum »common sense« stehe. Positiv ausgedrückt, arbeitet die menschliche Bewußtseinstätigkeit auf diese Weise mit zwar falschen, aber praktisch brauchbaren Hilfskonstruktionen, die eine Orientierung im Chaos des Lebens erlauben. Auch Erinnerungen und Wahrnehmungen werden diesem Gerüst angepaßtalles dient der Bestätigung des Selbstbildes. Minderwertigkeit und KompensationAdler'sche Therapeuten arbeiten, wie schon gesagt, mit dem Konzept der Minderwertigkeit, der Kompensation und der Ermutigung. In Theorie und Praxis ist dieses Konzept leichter verständlich und leichter akzeptabel als die vergleichsweise komplizierte und teilweise erschreckende Freud'sche Theorie. Die 2. Schule der Tiefenpsychologie, wie die Individualpsychologie auch oft genannt wird, hat daher besonders unter den Pädagogen viele Anhänger gefunden, die weniger an direkter Psychotherapie interessiert sind als vielmehr an einfachen, leicht in die Praxis umsetzbaren Handlungsanweisungen. Die Praxis der Individualpsychologischen Therapie unterscheidet sich in manchem von der Psychoanalyse: Der Patient liegt nicht auf der Couch, er sitzt dem Therapeuten gegenüber. Im Gespräch geht es darum, herauszufinden, wo -Bruchstellen" in der persönlichen Entwicklung liegen, man spricht über ganz aktuelle Probleme, über Kindheitserinnerungen, über Träume und Assoziationen. Die Idee, daß es vor allem falsche, unerreichbare und fiktive Idealvorstellungen sind, die einen Menschen zum Neurotiker machenständig hin- und hergerissen zwischen kurzfristig überzeugenden Beweisen seiner Überlegenheit und den unweigerlich immer wieder folgenden Bestätigungen, daß das ein Irrtum ist, diese Idee findet sich in vielen anderen, späteren psychotherapeutischen Schulen auch. Alfred Adler hat hier einen Wesenszug aufgegriffen, der unendlich vielen Menschen aus dem eigenen Erleben bekannt ist. Wesentlich an der Individualpsychologie ist außerdem, daß es in der Therapie nicht auslangt, wenn der Patient sich seiner verfehlten Lebenseinstellung bewußt wird; intellektuell einzusehen: »Ja, stimmt, ich jage eigentlich wirklich immer einem völlig unrealistischen Ziel nach!« ... das alleine genügt nicht. Es genügt deshalb nicht, weil die Erkenntnis eines Zusammenhangs noch lange nicht gleichzusetzen ist mit der Fähigkeit, diese Einsicht auch wirklich in die Praxis umzusetzen. Man kann zwar wissen, daß ein Verhalten falsch ist, und es trotzdem immer wieder tun. Hunderttausende Zigarettenraucher, die genau wissen, daß sie sich und anderen damit schaden, wissen darüber ein Lied zu singen. Die Therapie legt daher großen Wert auf die Freisetzung verdrängter Gefühle und Empfindungen das Erleben ist das Um und Auf des heilenden Prozesses. Die Individualpsychologie gibt dem Verstehen den Vorzug gegenüber dem Erklären. Die Gestalttherapie baut teilweise auf Adler'schen Ideen auf, ebenso die personenzentrierte Gesprächstherapie des Carl Rogers, aber auch andere Richtungen der Humanistischen Psychologie. Quelle: Wanschura 1990 |
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Zuletzt bearbeitet: 07-Jan-06 von: Agon S. Buchholz |