Die Familientherapie beratet auf der Überzeugung, daß die Behandlung von Krankheitssymptomen nur Stückwerk ist, solange man nicht deren Ursache erkertat und beseitigt. Für ihre Arbeit hat sie ein Theoriegebäude erstellt, das definiert, was Systeme sind und wie man steckengebliebene menschliche Beziehungen wieder in Gang setzen kann.

Die bisher erwähnten Psychotherapiemethoden haben eines gemeinsam: sie glauben, psychisches Leid, seelische Probleme müßten dort bearbeitet werden, wo sie auftreten, und das heißt, beim Patienten, beim einzelnen Menschen.

Auch wenn man eine therapeutische Gruppe bildet, in der alle Mitglieder einander unterstützen und weiterhelfen, ist das immer noch eine Gruppe aus einzelnen Menschen, die alle ihr individuelles Leid haben — sie sind die sogenannten »Symptomträger«, wie das in der Medizin so unschön heißt.

Die systemische Familientherapie — basierend auf der Systemtheorie — geht da ganz anders vor.

Sie meint, daß es sehr oft nicht sinnvoll sei, am Symptom berumzudoktern, wenn die Ursachen nicht im Individuum liegen.

Sie meint, das Symptom, also das Leid des einzelnen, sei Ausdruck einer tieferliegenden Störung, an der man weit wirkungsvoller ansetzen könne.

Sie meint auch, daß man damit — so wie das tapfere Schneiderlein — mehrere Fliegen auf einen Streich erlegen könne.

Wie ist das zu erklären? Recht einfach!

Strukturen und Hierarchien

Ob es in der Familie ist, ob am Arbeitsplatz, ob unter Freunden, am Wirtshaustisch... wo immer Menschen zusammenkommen, entstehen Beziehungen.

Beziehungen zwischen Menschen sind heikel — ununterbrochen wird da ein Spiel gespielt, man blickt einander in die Augen (oder vermeidet das bewußt), man spricht mit unterschiedlichen Menschen auf unterschiedliche Art und Weise (das kann jeder an sich selbst beobachten: einmal hat man einen eher hohen Tonfall, eine gepreßte Stimme, ein andermal klingt die eigene Stimme gelassen, man fühlt sich wohl), man mag den einen, den anderen weniger usw.

In jedem System—und eine Gruppe von Menschen ist immer ein System, von kürzerer oder längerer Lebensdauer, mehr oder weniger fest ausgeprägt—bilden sich Hierarchien. Es gibt Stärkere und Schwächere, solche, die sich besser durchsetzen können, andere, die eher abseits stehen . . .

Es bildet sich also innerhalb des Systems eine Struktur. Nun gibt es Strukturen, die das Funktionieren des Systems leicht machen—es besteht eine gewisse Gleichberechtigung der einzelnen Systemteile, eine klare Definition der einzelnen Positionen, mit der sich jeder einverstanden erklärt, ohne sich übervorteilt oder unterdrückt vorzukommen.

Andererseits gibt es Strukturen, die das Leben im System schwer machen — autoritäres Gehaben ohne wirkliche Autorität, Machtausübung ohne Verantwortung, die Einstellung "Rutscht's mir den Buckel runter!", geringe Identifikation mit gemeinsamen Zielen usw. In einem solchen System wird der "Hausfriedens schief hängen ... man braucht es nicht im einzelnen aufzuzählen, was da alles vorkommen kann, jeder Leser wird Beispiele von Familien oder Arbeitsplätzen kennen, die das verdeutlichen — vielleicht sogar aus eigener Erfahrung.

Wenn gewisse Grundregeln nicht beachtet werden, bildet sich ein Systemzustand heraus, den man "Ungleichgewicht" nennen könnte: Alle müssen Energie und Kraft aufwenden, um das System am Leben zu erhalten und einen Zusammenbruch zu vermeiden. Am Arbeitsplatz wird man das tun, weil man nicht die Stelle verlieren möchte; in der Familie wird man es tun, weil es oft existentiell nicht anders geht, und weil jedes Ding zwei Seiten hat: Auch Menschen, die einem Unrecht zufügen, die einen verletzen und beleidigen, kann man lieben — schließlich sind sie ja nicht immer so . . .

Das Leben in einem solchen "schiefen" System ist jedenfalls sehr streßreich, leidvoll und schwierig.

Man muß auch mitunter große Opfer bringen, wenn einem daran gelegen ist, das System zu erhalten. Angenommen, ein Ehepaar steht vor der Scheidung — man versteht sich nicht mehr, streitet dauernd . . .; das Kind (oder die Kinder) will aber nicht, daß die Eltern auseinandergehen. Es liebt beide, es braucht auch beide.

Ausweg?

Das Kind — eingezwickt in einer Situation, die es nicht bestimmen kann—wird krank. Es bekommt Asthma, Herzanfälle, hungert bis zur völligen Abmagerung, entwickelt Dickdarmentzündung . . .

Was ist die natürliche Folge?

Möglicherweise kommen die Eltern in ihrer beider Sorge um das kranke Kind wieder zusammen, vereinen sich erneut.

Das Symptom (die aufgezählten sind Paradebeispiele für Krankheiten, die häufig psychosomatisch bedingt sind) hat eine Funktion erfüllt. Natürlich macht das Kind so etwas nicht bewußt; es reagiert entsprechend seiner Persönlichkeit unbewußt mit einer Erkrankung, für die es disponiert ist.

Wenn Hilfe zur Bedrohung wird

Halten Sie es für sehr sinnvoll, wenn jetzt die Medizin sich der Sache annimmt und versucht, die Krankheit zu heilen?

Oder wenn ein Psychotherapeut das Kind behandelt, mit dem Ziel, es psychisch zu stabilisieren?

Was wird höchstwahrscheinlich geschehen?

Das Kind empfindet die gutgemeinten Interventionen entweder unbewußt als Bedrohung — es verliert damit ja sein Werkzeug, die Eltern beisammen zu halten. Das Unbewußte wird daher alles tun, um die Krankheit aufrechtzuerhalten, und wie wir gesehen haben (siehe Placebo), ist es zu erstaunlichen Leistungen imstande...; die Behandlung wird also boykottiert, es resultiert eine chronische Krankheit, mit enormen Aufwendungen seitens der Therapie, mit Operationen, Chemotherapie und und und...

Oder aber die Behandlungen sind erfolgreich, es gelingt zum Beispiel dem Psychotherapeuten, das Kind seelisch so zu stabilisieren, daß es gleichsam alleine durchkommt, nicht mehr glaubt, aufs äußerste bedroht zu sein, wenn die Eltern sich trennen.

Dann fällt das Symptom weg, und es kann sein, daß jetzt (wenn es mehrere Kinder gibt) der Bruder oder die Schwester krank wird, anfängt, Suchtgifte zu nehmen... Funktion: siehe oben. Möglicherweise kommt es aber gar nicht dazu, und es geschieht, was das kranke Kind verhindern wollte: die Eltern gehen auseinander.

Das muß nicht unbedingt ein Nachteil sein, nur ist in diesem Fall eine Chance verpaßt worden, die die systemische Familientherapie auch bietet: sich "gut zu trennen". Wenn es nicht mehr gemeinsam geht, dann sollte man doch mindestens so auseinandergehen, daß der geringste Schaden entsteht, das Leid in Grenzen bleibt, Verletzungen nicht unnötig ausgeteilt und empfangen werden.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten des Einsatzes von Familientherapie.

Fälle wie der oben genannte sind Paradebeispiele für Indikationen zur "Systemtherapie", wie man vielleicht besser sagen sollte — die Anwendung beschränkt sich Ja nicht auf Familien.

Die Systemtherapie hat mehrere Grundsätze, einer davon ist für die Patienten besonders angenehm: Es werden keine Verurteilungen ausgesprochen.

Man vermeidet es, einzelnen Mitgliedern eines Systems Schuld zuzuschreiben; Sündenböcke gibt es hier nicht.

Schuld ist verteilt — das ist einer der grundlegenden Sprüche der systemischen Therapie; man braucht diesen Begriff nicht. Denn es ist möglich, in der gegebenen Situation einzugreifen, gezielte Veränderungen vorzunehmen, die oft wie Wunder wirken. Systemtherapeuten sind gute Beobachter dessen, was sich zwischen Menschen abspielt — wie sich Koalitionen bilden, Großmütter mit den Kindern gegen die Eltern taktieren, Väter mit ihren Töchtern eine Front gegen die Mutter machen, die Kinder sich zusammenschließen und jede Veränderung boykottieren usw.

Man spricht von »Subsystemen«, die sich solcherart bilden.

Es ist meist nicht leicht, solche bestehenden Verhältnisse zu verändern. Der Therapeut muß sehr darauf achten, nicht in das System und seine Gesetze hineingezogen zu werden — das Beharrungsvermögen von solchen "Beziehungsknoten" ist beachtlich; denn zunächst einmal ist nichts so anstrengend wie die Veränderung; genau die will aber der Therapeut anregen.

Auf zahlreichen Ebenen können sich die negativen Auswirkungen von Beziehungsstörungen zeigen: in Form von Krankheit, im Bereich von Sexualität, Arbeit, Schule, Freundschaft...

Es ist im übrigen falsch, zu glauben, Familientherapie würde immer verlangen, die ganze Familie in die Sprechstunde zu schleppen. Das ist manchmal notwendig, geht oft aber gar nicht (obwohl es erstaunlich ist, welche Anstrengungen Menschen, die Veränderung wirklich wollen, auf sich nehmen). Systemische Therapie kann man auch mit einzelnen Menschen durchführen. Erstens trägt doch jeder Mensch seine Angehörigen, seine Familie, seine Eltern, Großeltern, Ahnen ständig in Hirn und Herz bei sich. In Erinnerung und Verhalten, auch in neuen Beziehungen sind die Menschen, die einem jemals nahe waren, immer präsent — direkt oder indirekt.

Und zweitens lebt niemand gänzlich ohne Beziehungen—er geht zumindest einmal aus; kennt den Trafikanten am Eck, den Friseur . . . und es heißt doch -Systemische Therapien: Zum System menschlicher Beziehungen gehören viele Menschen — man muß mit ihnen nicht verwandt sein.

Die Methoden der Familientherapie sind hochkomplex. Es handelt sich um meist sehr rasche Eingriffe genau an den neuralgischen Punkten des Beziehungsgeflechts, strategisch genau geplant.

Familientherapie kann man nicht im Vorbeigehen lernen. Viele Jahre intensives Studium an einer speziellen Ausbildungsstätte sind Voraussetzung, um familientherapeutische Maßnahmen einsetzen zu können.

Wenn ein Arzt die Familie eines Patienten einberuft, dann ist das mit Sicherheit keine Familientherapie — es ist die uralte Aufgabe des Arztes, auch die sozialen Beziehungen seiner Patienten zu kennen. Er kann auch manchen guten Rat geben. Familientherapie aber ist etwas anderes.

Keinem Menschen würde es einfallen, Kurzkurse zur Blinddarmoperation für jedermann anzubieten — er hätte sofort den Staatsanwalt am Hals, und zu Recht.

Psychotherapeutische Maßnahmen können ebenso scharf und wirksam sein wie ein Skalpell — nur jemand, der dieses Instrument wirklich zu führen gelernt hat, sollte es auch anwenden dürfen.

Quelle: Wanschura 1990

 


Zuletzt bearbeitet: 07-Jan-06 von: Agon S. Buchholz