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Ausblick: Telefonieren via Internet


Einführung

Die klassischen Dienste des Internet -- Mail, News, Telnet, IRC, FTP, Gopher und WWW -- sind grundsätzlich textorientiert; das WWW war ursprünglich konzipiert als Medium, dessen komplettes inhaltliches Potential mittels eines textorientierten Browsers (»Lynx«) erschlossen werden konnte; so war es möglich, den Inhalt von WWW-Seiten in Braille-Schrift oder über Sprachsynthese auszugeben (vgl. Ausführungen des W3C: Access for the Disabled). Andererseits gehörten hypermediale Elemente ebenfalls von Anfang an zum Konzept des World Wide Web: Einbindung von Grafiken, Tönen und Animationen.

Für alle Medientypen galt dasselbe Grundprinzip: Die Client-Software (der Web-Browser) forderte beim Host (Web-Server) eine Datei an, die dann übers Internet übertragen wurde; je nach Dateigröße und Kapazität der Internet-Anbindung kam es dann zu spürbaren Wartezeiten. Nach Beendigung der Übertragung wurde dann auf dem Client-Rechner eine Helper Application gestartet, welche die Wiedergabe der jeweiligen Datei erledigte. In modernen Browsern sind die Medientypen stärker integriert (Inlining), am Grundprinzip änderte sich jedoch nichts: Eine Datei muß komplett auf den Client-Rechner heruntergeladen werden, um weiterverarbeitet (gespeichert, abgespielt) werden zu können.

Mit dem Aufkommen von Echtzeit-Audio via Internet änderte sich dieses Paradigma. Neue Übertragungsformen und Dateiformate erlaubten es, längere Audiosequenzen in einem kontinuierlichen Datenstrom über das Netz zu übertragen; bereits nach Übertragung eines Bruchteils der Gesamtdatenmenge beginnt die abspielende Applikation mit der Wiedergabe. Dieses Echtzeit-Audio (real-time audio) erlaubt erstmals das Bereitstellen kompletter Hörfunkprogramme im Internet, da das Programm quasi in Echtzeit transferiert werden kann.

Es gibt eine Vielzahl von derartigen Angeboten im Netz; über StreamWorks-Server verbreiten beispielsweise Finland TV (Anbieter: Helsinki Telephone; IP-Nr.: 193.229.0.42) und Canadian Radio (Anbieter: CFRA/IBR; IP-Nr.: 204.50.29.2) ihre Programme; AudioNet bezeichnet sich vollmundig als »The Broadcast Network On The Internet«. Selbstverständlich handelt es sich bei den ausgestrahlten Medientypen nicht um Broadcasting (1:n-Kommunikation), sondern weiterhin um Point-to-Point Communication (1:1-Kommunikation); im Internet existiert bisher noch kein mulktimediafähiger Broadcasting-Dienst; man kann auch von Narrowcasting sprechen.

Zu den unterschiedlichen Produkten gehören u.a.:

Computer-Telefon-Integration

Als Computer-Telefon-Integration (CTI) bezeichnet man die Verbindung eines Computers bzw. eines LANs mit einer TK-Analge oder einem Telefon.

Zu den Pionieren der Computer-Telefon-Integration gehört IBM; das Unternehmen brachte bereits Ende der 80er Jahre Produkte auf Basis der proprietären CallPath Services Architecture (CSA) heraus, mit denen beispielsweise Anwendungen wie Telebanking per Telefon realisierbar sind (vgl. [12]:102-108).

Im Mai 1994 lieferte Novell die erste Version der ebenfalls proprietären Netware Telephony Services heraus, die auf Novells TSAPI (Telephony Services Applications Programming Interface) basiert. AT& bietet ebenfalls eine proprietäre Telefonie-Software an unter der Bezeichnung PassageWay Telephony Services Solution; ein vergleichbares, ebenfalls zu den übrigen Lösungen inkompatibles Produkt vertreibt DEC unter der Bezeichnung CIT (Computer Integrated Telephony Architecture). Weitere Produkte werden u.a. von SNI (TELA, Telephone Application System) und Hewlett-Packard (ACT, Applied Computerized Telephony) angeboten.

Um die Interoperabilität der unterschiedlichen Produkte zu gewährleisten, starteten Apple Computer, AT&, IBM und Siemens im September 1994 eine Inititiative, die einen offenen (plattformunabhängigen) Standard zur Computer-Telefon-Integration erarbeiten sollte. Das Ergebnis der Initiative ist das Versit TSAPI (Versit: Cooperation for Diversit), das u.a. Novells TSAPI und IBMs CSA integriert.

Bei den auf CSA, TSAPI oder Versit TSAPI basierenden CTI-Systemen wird ein LAN bzw. ein Computer mit einer Telekommunikationsanlage verbunden; diese Architektur wird als Third-Party-Call-Control bezeichnet.

Die Funktionalität der TK-Analge kann jedoch auch von einem PC übernommen werden, der mit zusätzlicher Hardware ausgestettet ist und die Signale des Telefons empfangen und erzeugen kann; diese Architektur wird als First-Party-Call-Control bezeichnet. Das Verfahren wird beispielsweise in dem von Microsoft und Intel entwickelten TAPI (Telephony Applications Programming Interface) verwendet.

CTI im Internet:

Telefonieren übers Internet: Grundlagen

Seit Frühjahr 1995 gibt es Programme, mit deren Hilfe Sprache so stark komprimiert werden kann, daß es mit verhältnismäßig geringem Aufwand [1] möglich ist, über da Internet zu telefonieren [078:10].

Konzptionell ähnelt Internet-Telefonie der Echtzeitübertragung von Audiodaten; bei einem Telefongespräch muß es beispielsweise möglich sein, den Gesprächspartner in Echtzeit zu unterbrechen, ohne auf die Beendigung der Übertragung eines Datenpakets warten zu müssen. Im Gegensatz zur unidirketionalen Datenübertragung von Server zu Client ist der Kommunikationsfluß bei einem Telefongespräch im Normalfall bidirektional; dies setzt u.a. eine vollduplexfähige Hardware voraus. Eine Halbduplex-Telefoniesoftware unterstützt jeweils nur in einer Richtung das Sprechen (Talk) oder das Hören (Listen).

Die Benutzung von Telefonie-Software ist relativ einfach; im Internet kann die jeweilige (meist proprietäre) Software als Demoversion bezogen werden, in der Software werden Benutzername und einige weitere Einträge konfiguriert; ein Internet Phone Server wird angewählt, der meist auch ein weltweites Verzeichnis mit anderen registrierten Benutzern der Software bereitstellt. Anschließend kann die Verbindung zum jeweiligen Partner hergestellt werden, vorausgesetzt, dieser verfügt über dieselbe Telefonie-Software und ist online erreichbar [091:112 ff.].

Internet-Telefonie-Applikationen

Folgender Anbieter haben Software für die Internet-Telefonie erstellt (Auswahl; alphabetische Sortierung):

Probleme der Internet-Telefonie

Zur Zeit gibt es noch eine Reihe gravierender Schwierigkeiten bei der Internet-Telefonie:

  1. Proprietäre Software:
    Die zur Zeit verfügbare erste Generation der Internet- Telefonie-Software ist i.d.R. nur zu sich selbst kompatibel. Dies hat zur Folge, daß beide Partner das gleiche Produkt einsetzen müssen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich jedoch kurzfristig Standards (z.B. der H.323-Standard) durchsetzen.
  2. Inkompatibilität zum Telefonnetz:
    Über Internet-Telephonie sind Anschlüsse im konventionallen Telefonnetz grundsätzlich nicht erreichbar. Eine Ausnahme bilden Gateway-Server, wie sie beispielsweise von Net2Phone Direct betrieben werden.
  3. Übertragungsqualität:
    Die Tonqualität ist aufgrund der geringen verfügbaren Bandbreite im Internet sehr begrenzt und von Faktoren wie Internet-Anbindung und Tageszeit abhängig. InternetPhone (VocalTec) reduziert das Sprachsignal beispielsweise um den Faktor 15 auf 8,5 kbit/s [078:12]. Derzeit werden die Bandbreiten des Internet massiv erweitert; hinzu kommen immer leistungsfähigere Kompressionsalgorithmen (z.B. Audiokompression mit MPEG Layer 3)
  4. Rechtliche Unsicherheit:
    Interessenverbände der internationalen Phone Companies (z.B. die America Carriers Telecommunication Assocication) versuchen, ein Verbot der Internet-Telefonie durchzusetzen, weil sie die äußerst lukrativen Gewinne aus Ferngesprächen gefährdet sehen.
  5. Kosten:
    Komfort und Kostenersparnisse bei Ferngesprächen werden mit -- verglichen mit dem Anschaffungspreis eine Telefons -- deutlich höheren Fixkosten sowie einer Verdoppelung der Telefongebühren im Ortsbereich erkauft. Beide Teilnehmer der Internet-Telefonie müssen Hard- und Software für mehrere Tausend Mark erwerden, um überhaupt über das Internet telefonieren zu können; beide Teilnehmer müssen über eine physikalische Verbindung zum Internet (Modem, ISDN etc.) sowie über Internet-Anbindung mit einem Internet Service Provider (ISP) oder einem Online-Dienst (z.B. AOL, CompuServe) verfügen, der meist nach einem Zeittakt abgerechnet wird. Darüber hinaus fallen -- im Gegensatz zu einem Ortsgespräch -- für beide Teilnehmer Telefongebühren an, da ja beide Parnter ins Internet eingebunden sein müssen.

Standardisierung

Im Internet-Standard RFC 1789 über »INET Phone...« wird mit der Standardisierung begonnen.

Weitere Bemühungen gehen von der Genfer International Telecommunications Union (ITU) aus, die den H.323-Standard erarbeitet hat (vgl. [090:68 f.]).

Speziell für die Echtzeitübertragung von Audio und Video wurde das Realtime Transfer Protocol (RTP) entwickelt.

Unruhestifter...

Internet-Telefonie beunruhigt die etablierten Phone Companies: »Bei praktisch allen Telefonriesen liegen inzwischen Studien über das Bedrohungspotential für das Telefongeschäft durchs Internet vor.« [090:70]. VocalTec verzeichnet beispielsweise pro Quartal bis zu 150.000 Abrufe seiner Telefon-Software [090:69]. Das Marktforschungsinstitut IDC schätzt, daß es bereits 1995 rund eine halbe Million Internet-Telefongespräche von amerikanischen Teilnehmern gegeben habe; für 1999 werden 16 Millionen Gespräche und ein Branchenumsatz von 560 Millionen Dollar prognostiziert [090:69]. AT&T befürchtet daher massive Umsatzeinbrüche, wenn ihre Kunden Ferngespräche in andere Bundesstaaten oder ins Ausland über einen pauschal bezahlten Internetzugang abwickeln und dafür nur einen Bruchteil der üblichen Gebühren bezahlen.

Was als High-Tech-Spielerei begann, wurde spätestens zum Politikum, als die America's Carriers Telecommunication Association (ACTA) die zuständige US-Aufsichtsbehörde (Federal Communications Comission, FCC) im März 1986 aufforderte, zu entscheiden, ob die Sprachvermittlung in Echtzeit über das Internet nicht verboten werden müßte [091]; andernfalls müßten die Anbieter der entsprechenden Programme und Services als Telefongesellschaften eingestuft werden, was steuerrechtliche Konsequenzen zuungunsten der ISPs bedeuten würde [090:70].

Gateways

Übergänge zwischen Telefonnetz und Internet

Über Gateway-Server können Telefon-Verbindungen aus dem Internet in das konventionelle Telefonnetz geroutet werden. Dabei muß der Server die paketvermittelte Verbindung in eine leitungsvermittelte (und umgekehrt) umwandeln (vgl. [090:68 ff.] u.a.).

Eine Schema der Funktionsweise eines Internet Telefonie-Gayteways wurde im Artikel »Zwischen Gimmick und Größenwahn« in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift Gateway veröffentlicht.

Beispiel: Net2Phone Direct

Über diese neue Variante der Internet-Telefonie berichtet Jessie Scanlon im Internet-Magazin Wired [087:41], die »Internet telephony with a twist«. Hierbei ruft der Anrufende mit einem normalen Tastentelefon die Nummer der Gegenstelle an, vor die ein Access Code gesetzt wird; mit Hilfe dieses Codes wird die Verbindung vom Standard-Telefonnetz (»standard telephone circuit-switch network«) auf das Netz des Internet Service Providers IDT in Hackensack, News Jersey, umgeleitet; hier wird das Telefongespräch digitalisiert und in das Internet (»packet-switch network«) und wieder zurück transferiert. Der Benutzer benötigt zur Nutzung dieses Dienstes weder einen Computer, noch eine proprietäre Software; das normale Tastentelefon und ein Net2Phone-Konto reichen aus.

Der Net2Phone Direct-Service ermöglicht es, weltweit und legal für 10 Cent pro Minute zu telephonieren; das ist etwa 80% weniger, als das Telekommunikationsunternehmen AT&T verlangt [087:41].

Taiwan Telecommunications Network Services (TTN)

»Zwischen der Taiwan Telecommunications Network Services (TTN) und den USA wurde der erste öffentlich verfügbare Internet-Telefonie-Service eingerichtet«, berichtet Hans-Jörg Schilder in seinem Artikel Telefonie über IP. Zwischen Gimmick und Größenwahn. in der Julli-Ausgabe der Zeitschrift Gateway. Verwendet werden hierbei mehrere Telefonie-Gateways von Vocaltec.

Folgende Unternehmen nutzen ebenfalls Internet-Telefonie ([161]):

  1. Telecom New Zealand (Neuseeland),
  2. Dacom (Südkorea),
  3. Telecom Finland (Finnland)

Vgl. auch Erste Projekte von Hans-Jörg Schilder.

Mehr als ein Telefon...

Das Potential von Internet-Telefonie geht weit über das bloße Nachahmen eines Telefonapparats hinaus; es ist eine neue Generation innovativer Anwendungen denkbar, die das Verständnis von Telekommunikation revolutionieren könnten:

Zusammenfassung

»Für die Kommunikation existieren derzeit zwei weltweite Netzinfrastrukturen, das Telefonnetz und das Internet« (Peter Pribilla, Vorsitzender des Bereichsvorstandes Öffentliche Kommunikationsnetze der Siemens AG, München, zit. in: [078:13])

»Telefonieren im Internet ist keine Spielerei für Freaks mehr« ([078:12])

Andererseits gibt es keine Anzeichen, daß Internet-Telefonie das konventionelle Telefonieren in absehbarer Zeit ersetzen wird; falls es überhaupt jemals zu einer Ablösung kommen wird, dann handelt es sich um einen Vorgang, der sich über mehrere Generationen erstrecken wird; in hohem Maße etablierte, preisgünstige und zuverlässige Einrichtungen wie das Telefonnetz lassen sich nicht kurzzeitig durch neue Techniken ablösen, es sei denn, dies geschieht für den Benutzer unmerklich [2].

Vgl. auch Marktschätzungen zur Internet-Telefonie von Hans-Jörg Schilder.

Vgl: Telefonie über IP. Zwischen Gimmick und Größenwahn. von Hans-Jörg Schilder In: Gateway 07 (1997).


[1] »Verhältnismäßig geringer Aufwand« heißt konkret: V.32bis-Modem (14,4 kbit/s), Soundkarte, PC mit 486er-CPU.
[2] Ein Beispiel hierfür ist die von vielen Telefon-Teilnehmern unbemerkte Umstellung der analogen auf digitale Vermittlungstechnik.


Erstellt am: 31-Mar-1997 von: Agon S. Buchholz <asb@zedat.fu-berlin.de>
Zuletzt bearbeitet am: 19-Jul-1997 von: Agon S. Buchholz <asb@zedat.fu-berlin.de> mit: Hab.
Projekt: Kabelnetze als Telekommunikationsnetze: Ausblick: Telefonieren via Internet
URL: http://userpage.fu-berlin.de/~asb/Internet/Kabelnetze/telefon-via-internet.html