[taz, die tageszeitung.] [Hilfe] [Suche] [ABO] [LeserInnenbrief]
TAZ 15.05.97 S. 18 Nr. 172
[taz]

Knast f? die Freiheit

Spaniens Weg zur Banana Republic: Ein Verleger wurde von der Regierung mit Gef?gnis bedroht, weil er nicht ins staatliche Digitalfernsehen investiert

"In Spanien herrscht Angst", fa?e Antonio Asensio, Direktor des spanischen Privatsenders Antena 3, kurz und knapp seine Gef?le zusammen, als er auf Catalunya Radio eine unglaubliche Geschichte erz?lte: Demnach habe bei ihm am vergangenen Heiligabend das Telefon geklingelt. Am Apparat sei "jemand aus der Moncloa" gewesen - dem Regierungspalast des konservativen Regierungspr?identen Jose Maria Aznar. Unmi?erst?dlich habe ihm die Person gedroht, ihn pers?lich und wirtschaftlich zu ruinieren, ja gar hinter Gitter zu bringen, falls er den Pakt zwischen Antena 3 und der Mediengruppe PRISA zur gemeinsamen Verwertung der Fernsehrechte nicht wieder l?e. Den Zorn der Regierung hatte Asensio auf sich gezogen, weil er aus dem von Aznar geplanten Digitalfernsehen ausgeschert und zu dem schon existierenden Unternehmen der PRISA gewechselt war.

Obwohl Asensio die Identit? des Anrufers nicht preisgeben wollte, deutet alles auf einen Mann hin: Miguel Angel Rodriguez, Regierungssprecher und jahrelang pers?licher Vertrauter des Regierungspr?identen. Der hat die Vorw?fe inzwischen dementiert: Weder Erpressung noch L?en oder Verleumdungen w?den die Regierung von ihrem Willen abbringen, "die Interessen der Allgemeinheit, der Pressefreiheit und Chancengleichheit zu verteidigen". Doch Asensio zeigte nur wenig Lust, sich auch noch beleidigen zu lassen: "Wenn Herr Rodriguez die Meinung der Regierung vertritt und diese glaubt, verleumdet worden zu sein, soll sie doch die Man?er vor die zust?digen Gerichte bringen." Dort w?den dann die entsprechenden Zeugen auftreten, um die Echtheit der Drohungen zu best?igen. So steht es in einem Kommunique des Vorstands von Antena 3.

Dabei ist der Verleger nur ein Bauernopfer in einem seit Monaten schwelenden Streit. Das eigentliche Ziel der eigenwilligen Regierungskampagne, bei der die Freiheit im Mediensektor mit Drohungen verteidigt wird, ist nicht Antena 3, sondern der Mediengigant PRISA von Jesus de Polanco - an den Asensio im letzten Dezember die kurz zuvor teuer erstandenen ?ertragungsrechte f? Spaniens erste und zweite Fu?alliga verkaufte. Im Tausch erhielt er Anteile am PRISA-Digitalfernsehen Canal Satelite, das den Fu?all k?ftig im "pay per view"-Verfahren (zahlen pro Spiel) anbietet.

Gleichzeitig ist PRISA Herausgeberin der wichtigsten spanischen Tageszeitung El Pais, und genau die wollen die Konservativen in die Knie zwingen. Die ?teste Nach- Franco-Zeitung, und als solch gl?ende Verteidigerin der demokratischen Freiheiten ist Regierungschef Aznar wegen ihres Hangs zu den Sozialisten seit jeher ein Dorn im Auge. Als sich PRISA in das teuerste Abenteuer seiner Geschichte, das Digitalfernsehen, st?zte, sahen die Konservativen ihre Stunde gekommen. Jedes Mittel ist ihnen seitdem recht, um dem Medienunternehmer Polanco zu schaden: von der Nichtgenehmigung des PRISA-Decoders ?er das Verbot der Kodifizierung von Sportereignissen bis hin zu einer von namhaften Rechtswissenschaftlern bel?helten Klage wegen angeblicher Veruntreuung.

Doch trotz dieser St?man?er ist der PRISA-Ableger Canal Satellite seit mehr als zwei Monaten auf Sendung und z?lt bereits 42.000 Abonnenten. Bis zum Jahresende sollen es 150.000 sein - weit mehr als erwartet. Und mit jedem neuen Abonnent macht sich die Regierung noch mehr Sorgen um die "Chancengleichheit", denn ihr eigenes digitales Fernsehprojekt, angef?rt von der spanischen Telefongesellschaft Telefonica, dem Staatsfernsehen RTVE und dem mexikanischen Privatsender Televisa, mu?e seinen Sendebeginn mehrmals verschieben. Nun soll es im September soweit sein.

Reiner Wandler

TAZ Nr. 5227 vom 15.05.1997 Seite 18 Flimmern und Rauschen 117 Zeilen
TAZ-Bericht Reiner Wandler

? Contrapress media GmbH
Vervielf?tigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags