Interaktivität


Interaktion und Massenmedien

Bertolt Brechts »Radiotheorie«

Quellen zur »Radiotheorie«

Brechts »Radiotheorie« ist im eigentlichen Sinne keine geschlossene Theorie sondern eher der Versuch, in Brechts Radiopraxis intendierte Vorstellungen theoretisch zu begründen. Darüber hinaus machten Brechts Ideen einen Entwicklungsprozeß durch; die Positionen veränderten sich insbesondere zwischen 1927 und 1932. Brechts Texte zum Thema finden sich folglich nicht in einer einzelnen Arbeit, sondern über verschiedene Texte verstreut; vgl. hierzu ausführlich WÖHRLE '88 (WÖHRLE, Dieter. Bertolt Brechts medienästetische Versuche. Kap. IV: »Das Radioexperiment »Der Lindberghflug« und Brechts Auseinandersetzung mit dem Medium Rundfunk« (S. 45-60). Köln: Prometh Verlag 1988. BfP M 1849).

Verwendet wurden im Rahmen dieser Arbeit u.a.:

Quelle: Bertolt Brecht. Werke. Berliner und Frankfurter Ausgabe. Bd. 21: Schriften 1. Berlin, Weimar / Frankfurt am Main: Aufbau / Suhrkamp 1992. BfP M 184821)

Aussagen

Bert Brecht sieht das Grundproblem des Hörfunks darin, daß es erfunden wurde, ohne daß ein gesellschaftliches Bedürfnis danach vorhanden gewesen wäre: »Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit« (Brecht, »Der Rundfunk als Kommunikationsapparat«: 552). Ironisch merkt er an: »Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. [...] Ein Mann, der was zu sagen hat, und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.« Das sei auch der tiefere Grund, so mutmaßt er, daß im Hörfunk nichts Neues übertragen, sondern nur Vorhandenes imitiert werde.

Basierend auf dieser Analyse überlegt Brecht, wie das vorhandene Medium nutzbringend eingesetzt werden könnte: »Und um nun positiv zu werden: d.h., um das Positive am Rundfunk aufzustöbern; ein Vorschlag zur Umfunktionierung des Rundfunks: Der Rundfunk ist aus einem, Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.« Der Hörfunk könne den Austausch ermöglichen und zu Gesprächen, Debatten und Disputen genutzt werden.

In dem »Rundfunkexperiement«, von dem drei Fassungen gesendet wurden, versuchte Brecht, die theoretische Erkenntnis in praktisches Handeln umzusetzen; die Entwicklung des »Experiments« spiegelt gleichzeitig den Wandel in Brechts Vorstellungen wieder. Die erste Fassung wurde unter dem Titel »LINDBERGH« gesendet. Brecht erkannte, daß die Zuhörer dazu neigten, sich mit der überlebensgroßen Person des Flugpioniers Lindbergh zu identifizieren; dies versuchte er zu vermeiden und anstelle dessen die kollektive Leistung zu betonen. Die zweite Fassung trug daher den verfremdeten Titel »DER FLUG DER LINDBERGHS«. Die dritte und letzte Fassung hob die kollektive Leistung noch weiter hervor: »OZEANFLUG«

Er wünschte sich: »Hörer sollen zum Mitspieler werden«. Und: »Das Radio wird zum Sprecher und Medium in einem: es kommuniziert mit den Hörern (»die Lindberghs«).« Sein Ziel war es, Höreraktivität zu erreichen und so den Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Die Hörfunksendung faßte er als Radiolehrstück zur Einübung in eine neue Gesellschaftsform auf. Brecht glaubt, daß Medien positive gesellschaftliche Veränderungen hervorrufen können.

Über die Realisierbarkeit seiner Vorstellungen machte sich Brecht keine Illusionen: »Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen die Vorschläge, welche doch nur eine natürliche Konsequenz der technischen Entwicklung bilden, der Propagierung und Formung dieser anderen Ordnung. [...] Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.«

Brecht impliziert in dieser Aussage, daß er davon ausgeht, daß die technischen Möglichkeiten des Mediums bewußt nicht genutzt werden, um eine progressive Nutzung des Hörfunks zu verhindern.


Hans Magnus Enzensbergers »Medienbaukasten«

Aussagen

Hans Magnus Enzensberger knüpft in den frühen 70er Jahren an Brechts Aussagen aus den späten 20er Jahren an. Unter Rückbezug auf Horkheimer und Adorno formuliert er in seinem »Medienbaukasten« im kämpferischen 68er-Ton: »Mit der Entwicklung der elektronischen Medien ist die Bewußtseins-Industrie zum Schrittmacher der sozio-ökonomischen Entwicklung spätindustrieller Gesellschaften geworden« (ENZENSBERGER, Hans Magnus. Palaver. Politische Überlegungen (1967-1973 ; Edition Suhrkamp). Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974. BfP A 2681.).

Ähnlich wie Brecht, allerdings erheblich deutlicher, weist er der aktuellen Erscheinungsform der Medien eine repressive Funktion zu: »In der heutigen Gestalt dienen Apparate wie das Fernsehen oder der Film nämlich nicht der Kommunikation, sondern ihrer Verhinderung. Sie lassen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zu: technisch gesprochen, reduzieren sie den feedback auf das systemtheoretisch mögliche Minimum.«

Enzensberger S. 111-112 (Zusammenfassung):

Repressiver Mediengebrauch Emanzipatorischer Mediengebrauch
Zentralgesteuertes Programm Dezentralisiertes Programm
Ein Sender, viele Empfänger Jeder Empfänger ein potentieller Sender
Immobilisierung isolierter Individuen Mobilisierung der Massen
Passive Konsumentenhaltung Interaktion der Teilnehmer
Entpolitisierungsprozeß Politischer Lernprozeß
Produktion durch Spezialisten Kollektive Produktion
Kontrolle durch Eigentümer oder Bürokraten Gesellschaftliche Kontrolle durch Selbstorganisation

Er meint, daß den Medien ein erhebliches progressives Potential zukomme: »Das offenbare Geheimnis der elektronischen Medien, das entscheidende politische Moment, das bis heute unterdrückt oder verstümmelt auf seine Stunde wartet, ist ihre mobilisierende Kraft.«

In einem verblüffenden Vorgriff auf Technologien der späten 80er Jahre erkennt Enzensberger: »Hinweise zur Überwindung dieses Zustandes könnten netzartige Kommunikationsmodelle liefern, die auf dem Prinzip der Wechselwirkung aufgebaut sind: eine Massenzeitung, die von ihren Lesern geschrieben und verteilt wird, ein Videonetz politisch arbeitender Gruppen usw.«


Zusammenfassung

Das Schlagwort »Interaktivität« ist keine Erfindung der 90er Jahre; die theoretischen Grundlagen gehen auf Überlegungen Brechts aus den späten 20er Jahren zurück, die von Enzensberger in der frühen 70er Jahren aufgegriffen, aktualisiert und erweitert wurden.

Sowohl Brecht, als auch Enzensberger gehen davon aus, daß Medien positive gesellschaftliche Veränderungen bewirken könnten; dieses Potential sei auch von gesellschaftlichen Eliten erkannt und nach Möglichkeit unterbunden worden: Das Potential einer symmetrischen Kommunikation der elektronischen Medien wurde reduziert auf eine asymmetrische, die Emanzipation der Rezipienten verhindert.

Die Kommunikationsformen veränderten sich evolutiv im Verlauf der Menschheitsentwicklung (Vgl. MERTEN, Medien der Kommunikation, 1977: 142):

Voraussetzung Kommunikationstypus Gesellschaftstypus
Sprache interaktive Kommunikation archaische Gesellschaft
Sprache, Schrift interaktive und non-interaktive Kommunikation Hochkultur
Sprache, Schrift, Technik interaktive, non-interaktive-nicht-organisierte, non-interaktiv-organisierte Kommunikation Weltgesellschaft

Ende der 80er Jahre setzte sich ein neues Kommunikationsmedium weltweit bei mehreren Millionen Teilnehmern durch, welches das Potential hat, ein seit hunderten von Jahren etabliertes Publikationswesen grundlegend zu verändern: Das Internet bietet die von Enzensberger geforderten netzartigen Strukturen und ermöglicht es darüber hinaus jedem Teilnehmer, gleichermaßen Kommunikator wie Rezipient zu sein.

Möglich war diese Entwicklung nur außerhalb kommerzieller und politischer Interessen: Im Kreise akademischer Ausbildung (Akademien, Universitäten, Schulen, Forschungseinrichtungen) und interessierter Bürger (kostenlose, frei zugängliche Netzzugänge, die sogenannten »Freenets«) entstand, basierend auf militärischer Technologie, ein beispielloses Medium.


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Erstellt am: 25-May-1996 von: Agon S. Buchholz <asb@nsharra.snafu.de>
Zuletzt bearbeitet am: 24-Oct-1996 von: Agon S. Buchholz <asb@nsharra.snafu.de>
Projekt: Medien/Funk/Interaktivität
URL: <http://userpage.fu-berlin.de/~asb/Medien/Funk/interaktivitaet.htm>