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Thesen zu alternativen Medien als Instrumenten einer Gegenöffentlichkeit

Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit,

Von Agon S. Buchholz für Kefk Network Politik, Juni 2005 ff.

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Erstellt/Bearbeitet: 20-Jun-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 09.01.2009, 07:16:28.

Home : Politik : Alternative.Medien : Schlussfolgerungen : Thesen


Übersicht

Abschließend seien die Ergebnisse dieser Ausarbeitung noch einmal thesenartig zusammengefasst.

Konventionelle Medien

Funktions- und Legitimationsverlust konventioneller Medien.

  • Konventionelle Medien haben Wirkungen; diejenigen Wirkungen, die von der Wirkungsforschung der etablierten Kommunikations- und Publizistikwissenschaft untersucht werden, sind jedoch nicht identisch mit den gesellschaftspolitisch relevanten. Die Medienwirkungsforschung übersieht in ihren detaillierten Einzelanalysen die großen Wirkungszusammenhänge und war bisher nicht in der Lage, neue Entwicklungen theoretisch oder analytisch zu fundieren.
  • Konventionelle Massenmedien befinden sich in einer Krise; konventionelle Massenmedien verlie-ren ihre Glaubwürdigkeit und Legitimation durch Aufgabe klassischer publizistischer Grundsätze; gleichzeitig verlieren sie ihre Funktion als ‚vierte Gewalt’ und damit auch die Legitimation für ihre ökonomische und juristische Privilegierung.
  • Das System der konventionellen Massenmedien ist zu weiten Teilen korrumpiert und pervertiert; eine unmittelbare Ablösung durch ‚neue Medien’ ist nicht zu erwarten, vielmehr ist zu vermuten, dass sie sich entweder den neuen Kommunikationsverhältnissen anpassen oder funktional selbst eliminieren: Der Glaubwürdigkeitsverlust ist so immens, dass große Teile der heutigen Massen-medien allenfalls noch als Unterhaltungslieferanten genutzt werden können.

Konventionelle alternative Medien

Funktionsverlust konventioneller alternativer Medien.

  • Die konventionellen alternativen Medien siechen an der medialen Peripherie dahin und erfüllen allenfalls noch ergänzende oder kompensierende Funktionen; eine nenneswerte Gegenöffentlich-keit schaffen diese alternativen Medien nicht mehr.
  • Eine aktuelle alternative oder kritische Medientheorie existiert nicht; eine tragfähige sozialistische oder marxistische Medientheorie hat sich nie entwickelt. Emanzipatorische Medientheorien stag-nierten spätestens mit dem Scheitern des real existierenden Sozialismus und erlauben allenfalls noch in Interpolation eine Anwendung auf die heutigen ‚neuen’ Medien.

Rückkanal und Gegenmanipulation alleine reichen nicht.

  • Alternative Medien mit emanzipativen Zielen benötigen zum Prosperieren nicht nur einen ‚Rückkanal’, sondern ausgebildete dezentrale Aktions- und Organisationsformen sowie symmetrische und vergleichsweise herrschaftsarme Kommunikations- und Machtstrukturen, deren Grundzüge in den Bürgerbewegungen der 1970er und 1980er Jahre entwickelt wurden.
  • Die Etablierung einer Gegenöffentlichkeit und alternativer Informationsquellen führt nicht au-tomatisch zu emanzipativem Handeln. Aufklärung kann nicht in Top-down-Richtung verordnet werden, sondern muß in Bottom-up-Richtung durch »Entschließung« und »Mut« (Kant) als Gras-wurzelbewegung entstehen.

Neue alternative Medien

Moderne Graswurzelbewegungen sind (noch nicht) primär soziale Bewegungen.

  • Die FLOSS- und P2P-Bewegungen sind Modelle für moderne Graswurzelbewegungen mit eige-nen ‚Aktionsformen’ und neuen Formen ‚zivilen Ungehorsams’.
  • Die Bewegungen im Umfeld von Open Source, Freier Software und GNU/Linux entwickelten Ideologieäquivalente in Form der Konzepte der Freiheit, Offenheit und Kooperation, bewiesen die Funktionsfähigkeit massiver Kooperation und falsifizierten betriebswirtschaftliche Ideologien wie Brook’s Law (massive Kooperation erhöhe Fehleranfälligkeit und reduziere Effizienz).
  • Die Bewegungen im Umfeld von Peer-to-Peer, den Commons und den ‚Smart Mobs’ verdeutlichen die Macht kollektiver, verteilter oder ‚Schwarmintelligenz’ (z.B. Lévy 1997), die Selbstorganisationsfähigkeit und die Funktionsfähigkeit »netzwerkförmiger Kommunikationsmodelle« (Enzensberger 1970).
  • Die zunehmende Verzahnung von politischen Bewegungen wie Attac (z.B. AG Wissensallmende und freier Informationsfluß) mit FLOSS- und P2P-Bewegungen belegt die politische Brisanz der modernen Graswurzelbewegungen.

Katalysatorfunktion neuer Informationsinfrastrukturen.

  • Alternative Öffentlichkeiten benötigen nichtkommerzielle Räume; die bisher beste Annäherung an solche Räume entstand mit der Ausbildung der Informationsinfrastruktur des Internet, des Dienstes World Wide Web und der darauf aufsetzenden Dienste wie Wikis und Weblogs.
  • Projekte wie die freie Enzyklopädie Wikipedia weisen ein gleichermaßen ausgeprägtes emanzipatives Potenzial auf wie die Gesamtheit der ‚Blogosphäre’.

Neuen Alternativmedien gelingt der Interessenausgleich zwischen Indiviualität und Sozietät.

  • Das Erfolgsrezept der neuen Alternativmedien basiert auf dem geschickten Ausgleich von individuellen und kollektiven Interessen, also von Individualität und Sozietät; es handelt sich dabei um eine Adaptation des »Wissenskommunismus der Wissenschaft« (Merton 1973, Spinner 1994) an das emergierende alternative Mediensystem bzw. die neue Wissensordnung der Wissens-Allmende bzw. der knowledge commons (Grassmuck 2002, Attac 2005).

Neue Alternativmedien fordern nicht Veränderungen, sondern schaffen selbst Alternativen.

  • Die neuen Alternativmedien adressieren typischerweise nicht mehr Gegenöffentlichkeiten, sondern allenfalls alternative Öffentlichkeiten; sie sind nicht gegen etwas gerichtet (z.B. Medienmonopol des Springer-Konzerns), sondern schaffen die Alternativen selbst.
  • Neue Alternativmedien distanzieren sich vom Konzept der Gegenmanipulation und setzen dem Konzepte wie den neutralen Standpunkt (Neutral Point of View, NPOV) entgegen.
  • Neue Alternativmedien durchschlagen den Knoten zwischen der Verfügbarkeit alternativer Information und dem Ausbleiben politischen Handelns, indem sie den Rezipienten nicht belehren oder aufklären wollen (Top-down), sondern ein Umfeld schaffen, in dem dieser sich selbst belehren oder aufklären kann (Bottom-up).
  • Neue Alternativmedien klären nicht allein auf, sondern sind durch ihre Produktions- und Revisionsprozesse selbst Aufklärung. Rezipienten werden nicht zu eigenständigem Denken aufgefordert, sondern bringen dies aus eigenem Antrieb ein und werden so von Konsumenten zu Produzenten.
  • Im und mit Hilfe des Internet haben sich neuartige alternative Kommunikationsformen und -konventionen herausgebildet; um sie herum entstanden mehr oder minder homogene Graswurzelbewegungen, die sich durch eine enorme Aktivität und Dynamik auszeichnen. Die FLOSS- und die P2P-Bewegung erreichen eine Breitenwirkung, die weit über die der konventionellen Gegenöffentlichkeiten hinausgeht. Teile dieser Bewegungen können als eine gleichermaßen neue wie neuartige Gegenöffentlichkeit angesehen werden. Die Informationsinfrastruktur des Internet wirkt dabei als Katalysator und ermöglicht die meisten Projekte überhaupt erst – ohne das Internet wäre keine dieser Initiativen vorstellbar.
  • Neuartige alternative Medien mit emanzipativen Wirkungspotenzialen ersetzen den Glaubwürdigkeitsverlust konventioneller Massenmedien durch eigene Mittel und Methoden, vor allem durch die Möglichkeiten der unmittelbaren Beteiligung und der dialogischen Kommunikation. Konsumenten fordern in diesem Prozess zunehmend ihre Rolle als Produzenten ein.
  • Insbesondere bei den aktiven Teilnehmern schufen die Projekte ein Bewusstsein für die Möglichkeit des Einzelnen, zu einem größeren Werk beizutragen; allein durch ihre andauernde Existenz und ihr zunehmendes Prosperieren haben viele der Projekte eine emanzipatorische Wirkung be-wiesen; durch Graswurzelbewegungen wird die unterbrochene Aufklärung des 18. Jahrhunderts in kleinen Schritten fortgesetzt.
  • Die neuen alternativen Medien haben sich bisher als relativ resistent gegenüber dem Versuch der kommerziellen Beeinflussung oder der Instrumentalisierung für Partikularinteressen erwiesen; so wacht beispielsweise eine Vielzahl engagierter Teilnehmer in den Wikimedia-Projekten über die Einhaltung der zentralen Projektrichtlinien, insbesondere über die Einhaltung des ‚neutralen Standpunkts’.
  • Die heutigen alternativen Medien im Internet substituieren in Teilen ihre konventionellen Vorgänger und gehen dabei – zumindest teilweise – in ihrer Breitenwirkung weit über diese hinaus; gleichzeitig sind die neuen alternativen Medien charakterisiert durch das Fehlen einer einer expliziten und präzise fassbaren theoretischen und ideologischen Fundierung, die gleichzeitig mögli-cherweise die Grundlage für ihren bisherigen Erfolg liefert: Das Fehlen eines theoretischen Fundaments erzwingt pragmatische Vorgehensweisen und entzieht theoretischen Grundsatzdebatten den Boden; die Distanzierung von ideologischen Positionen ermöglicht weiten Teilen der Bevölkerung mit unterschiedlicher ideologischer Prägung die Partizipation an den Projekten.
  • Weblogs und Wikis stellen derzeit die medienartigen Technologien mit dem größten emanzipati-ven Potenzial dar; insbesondere das Wiki-Prinzip ermöglicht dabei die derzeit größtmögliche und unmittelbarste Partizipation von Individuen an kooperativen Projekten.
  • Bereits in den wenigen Jahren der Existenz haben die alternativen Medienprojekte eine Vielzahl von aktiven Teilnehmern und eine noch erheblich größere Zahl von Nutzern angezogen; die Projekte werden innerhalb und außerhalb des Internet wahrgenommen und entwickeln sich langsam zu anerkannten Informationsquellen.
  • Im Gegensatz zu früheren alternativen Medien werden die neuen alternativen Medien – zumindest bisher – von der Öffentlichkeit nicht marginalisiert, sondern vergleichsweise aufgeschlossen beobachtet. Die höhere Akzeptanz begründet sich möglicherweise aus den Partizipationsmöglichkeiten der Rezipienten.
  • Die neuen Alternativmedien vermitteln ihre Themen und Anliegen mit erstaunlicher Geschwin-digkeit an eine breite Öffentlichkeit: Während klassische Themen der Gegenöffentlichkeit wie Umweltschutz und Frauenbewegung Jahrzehnte brauchten, um in den Massenmedien wahrgenommen zu werden, drückten die Internet-Projekte ihre Themen wie Open Source, Softwarepatente, Peer-to-Peer usw. mit verblüffender Geschwindigkeit in die konventionellen Massenmedien.
  • Nicht allein die Informationsifrastruktur des Internet ist global: Parallel zur Globalisierung der Ökonomie ‚ globalisieren’ sich auch Individuen und Kooperativen. Die neuen Alternativmedien sind per se ebenso global wie Peer-to-Peer-Netzwerke oder die FLOSS-Bewegung; alle diese Projekte übergreifen weltweit verschiedene gesellschaftliche, politische und rechtliche Räume.
  • Thesen von kommunikativen oder medialen ‚Revolutionen’ wurden in den vergangenen Jahr-zehnten mit großer Regelmäßigkeit aufgestellt [617]. Erik Möllers gewagte These von einer sich ereignenden »Medienrevolution« lässt sich angesichts dieser Bestandsaufnahme nicht ohne weiteres negieren: Ganz offensichtlich ereignet sich derzeit ein massiver Umbruch im Mediensystem. Ob es sich dabei um eher revolutionäre oder evolutionäre Umbrüche handelt, muss ebenso von späteren Untersuchungen geklärt werden wie die Frage, ob diese Veränderungen eher Transformationen oder Transitionen sind.

Fußnoten

[617] So bspw. von Gernot Wersig in den 1980er Jahren (Wersig 1985) sowie zuletzt von Erik Möller (Möller 2005).

Siehe auch

Quelle und Lizenz

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Kontext: Der Text Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit entstand im Sommersemester 2005 als studienbegleitender Leistungsnachweis im Rahmen des Hauptseminars »Kritik und Alternativen des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland« unter Leitung von Prof. Dr. Fritz Vilmar am Otto-Suhr-Institut des Fachbereichs Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.
Gliederung Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit:
  1. Einleitung: Themenstellung und Zielsetzung - Schwerpunkte und Eingrenzung der Thematik - Disposition.
  2. Medien und Öffentlichkeit: Theoretische Vorüberlegungen - Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit - Bildung und Aufklärung - Individualität und Sozialität - System der konventionellen Massenmedien - Konventionelle alternative Medien - Transformationen des Mediensystems.
  3. Fallstudien: Freies Wissen (Wikipedia, weitere Projekte) - Alternative Nachrichtenquellen (Wikinews, weitere Projekte) - Diskursplattformen (Indymedia, weitere Projekte) - Publikations- und Diskussionsplattformen (Blogosphäre, weitere Projekte) - Zusammenfassung.
  4. Schlussfolgerungen: Thesen - Anti-Thesen.
  5. Anhang: Materialien - Quellennachweise - Personen- und Stichwortverzeichnis.
Stand der Textbasis: 22. Juni 2005 | Changelog.
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Anmerkungen

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