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Anti-Thesen zu alternativen Medien als Instrumenten einer
Gegenöffentlichkeit
Alternative Medien als Instrumente einer
Gegenöffentlichkeit,
Von Agon S. Buchholz
für Kefk Network Politik,
Juni 2005 ff.
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Wer ist gerade online? - 10 aktive User.
Erstellt/Bearbeitet: 20-Jun-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 09.01.2009, 06:50:46.
Home : Politik : Alternative.Medien : Schlussfolgerungen : Anti-Thesen
Übersicht
Die zuvor formulierten Thesen sind provokant und teilweise kontrovers; in
einigen Fällen wäre eine weitergehende Untersuchung erforderlich.
Beispielsweise könnten folgende Einwände – hier als Anti-Thesen formuliert –
vorgebracht werden, die nicht ohne weiteres ignoriert werden können; die
not-wendigen Syn-Thesen bleiben zukünftigen Ausarbeitungen vorbehalten.
- Wenn sich die neuen Alternativmedien nicht an eine Gegenöffentlichkeit
richten, handelt es sich per definitionem nicht um alternative Medien,
sondern entweder um neue konventionelle Medien oder etwas anderes,
beispielsweise einfach neue Digitalmedien.
- Die neuen ‚Alternativmedien’ sind auch deshalb keine alternativen Medien,
weil ihr unmittelbares Ziel nicht das politsche Handeln ist. Weil es sich
gar nicht um alternative Medien einer Gegenöffentlichkeit handelt, wird
auch ihre rasche Akzeptanz im Raum der Öffentlichkeit erklärbar.
- Der höhere Grad an Partizipation, den neue Digitalmedien unstrittig
ermöglichen, führt allenfalls zu πολυμαθία (Vielwisserei), nicht jedoch zu
νόον (Einsicht) im Sinne von Heraklit; die Massen bilden sich nicht aus sich
selbst heraus, sondern akkumulieren allenfalls eine Fülle von Fakten und
Halbwissen, schaffen jedoch keine Bildung.
- Die Verfügbarkeit von
alternativen Informationsquellen hätte, selbst wenn man ihnen
Vertrauenswürdigkeit, Glaubhaftigkeit und Verläßlichkeit zubilli-gen würde,
keine Bedeutung, da sie nicht in politisches Handeln umgesetzt werden würde.
Ihnen kommt bestenfalls kompensatorische Bedeutung, schlimmstenfalls die
Rolle des ‚Hofnarren’ zu.
- Die Masse kann kein wertvolles Wissen schaffen, sondern nur Gemurmel,
Geschrei und Geraune. Es gilt »vox populi, vox bovi« sowie »Quod licet Iovi,
non licet bovi« [703] und nicht »vox populi,
vox dei« [704]. Denn: »Ein Volk, das tun und
lassen kann, was ihm beliebt, ist unweise« [705].
Wertvolles Wissen muß von Autoritäten
geprüft, validiert und didaktisch aufbereitet werden. Die Massen können
dies nicht leisten, sie müssen geleitet, gelenkt, geführt werden.
- Es gibt keine Transformation des gesamten Mediensystems hin zu
emanzipativem Mediengebrauch; das etablierte Mediensystem assimiliert
Elemente der neuen Digitalmedien, beispielsweise Elemente des Rückkanals in
Form von Foren- und Annotationssystemen, neutralisiert dabei jedoch das
emanzipatorische Potenzial dieser Elemente und verhindert so wirkungsvoll,
dass Konsumenten wirklich zu Prouzenten werden. Ihr kennzeichnendes Merkmal
ist nicht die inhärente aufklärerische Programmatik, sondern vielmehr ihre
technische Charakteristik als Digitalmedium.
- Die neuen Digitalmedien erzielen nicht mehr Aufgeklärtheit, sondern
verlagern allenfalls emanzipative Anteile ins Virtuelle und machen diese zu
modernen – zahnlosen – ‚Papiertigern’. Politisches Handeln entsteht nicht
in virtuellen Räumen, sondern an realen Orten; Politisches Handeln erfordert
reale Akteure, nicht virtuelle ‚Avatare’.
- Die Informationsinfrastruktur des Internet ist weder frei von Herrschaft
noch frei von kommerziellen Interessen und Einflüssen; die zunehmende
Kommerzialisierung des Internet wird mittel- und langfristig alle
Graswurzelinitiativen kompromittieren und korrumpieren; was sich nicht
mittels der Marktgesetzmäßigkeiten kompromittieren lässt, wird durch
Verschärfung der Rechtsordnung im Keimstadium erstickt werden – das Internet
ist kein rechtsfreier Raum mehr und auch nicht legitimiert, sich eine
eigene Rechtsordnung zu geben; die bisher etablierten Internet-Konventionen
sind un-recht oder sogar rechtswidrig und müssen und werden beseitigt werden.
- Der Modellcharakter von FLOSS- und P2P-Bewegung ist zweifelhaft; zum einen
fehlt diesen ‚Bewegungen’ die Homogenität, um sie überhaupt zulässigerweise
als Bewegungen bezeichnen zu können, zum anderen lassen diese Phänomene
nicht auf weitere soziale Zusammenhänge verallgemeinern.
‚Kollektive
Intelligenz’ ist ein Modewort ohne Gehalt, es gibt bei höheren Lebensformen
lediglich Individualität und Eigennutz als Triebfedern. Die angeblichen
‚Bewegungen’ sind daher singuläre Phänomene ohne gemeinsame Ideologie und
ohne jeden Zusammenhalt.
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Fußnoten
[703] Terentius, Eauton Timorumenos 797.
[704] Petrus Bledensis, Epistolae 15.
[705] Machiavelli, Discours sur la Première Décade
de Tite-Live, 1527.
Siehe auch
Quelle und Lizenz
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