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Fallstudie: Wikipedia
Projektcharakterisierung Wikipedia
Alternative Medien als Instrumente einer
Gegenöffentlichkeit,
Von Agon S. Buchholz
für Kefk Network Politik,
Juni 2005 ff.
Ihr Benutzername: Besucher
Wer ist gerade online? - 7 aktive User.
Erstellt/Bearbeitet: 20-Jun-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 09.01.2009, 07:31:34.
Home : Politik : Alternative.Medien : Fallstudien : Freies.Wissen : Wikipedia : Akzeptanz
Indikatoren für hohe Akzeptanz der Wikipedia
Wurde das Projekt zunächst als globaler Schmierzettel belächelt, stellt es
mittlerweile nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine
ernstzunehmende Konkurrenz für die kommerziellen Mitbewerber dar. Einige
Indikatoren für die zunehmende Anerkennung und Etablierung des kooperativen
Internet-Nachschlagewerks werden im Folgenden vorgestellt.
Zunahme der Anzahl der Zugriffe
Die Zugriffe auf das Web-Angebot nehmen rasant zu:
So meldete beispielsweise der US-amerikanische Analysedienst Hitwise Ende April 2005,
die Wikipedia habe im Jahr 2003 die Zahl der Besuche um 618 Prozent steigern
können; das Projekt kletterte damit im ‚Marktanteil’ an Besuchen („Internet
share of visits“) von Rang 16 im Vorjahr auf Rang zwei (!) unter den
Bildungsportalen (Hitwise-Kategorie „Education – Reference“); die
Wikipedia platziert sich damit nach
Dictionary.com und vor
About.com, Answers.com sowie vor den direkten Mitbewerbern
Encarta,
Merriam-Webster
Online und
Free Translation;
die meistbesuchte ‚Online-Enzyklopädie’ ist die Wikipedia ohnehin; cf.
Hitwi-se-Pressemitteilung
Open-Source
Wikipedia Zooms Ahead Of Other Reference Web Sites, New York, April 25,
2005 [Zugriff:
17-May-2005].
Auch Vergleiche der absoluten Beliebtheit – also Vergleiche der
Besucheranzahl der meistbesuchten Websites im Internet überhaupt – führen zu
entsprechenden Ergebnissen: Wikipedia erreichte im April 2004 erstmals Rang
500 unter den meistbesuchten Websites, im November 2004 Rang 400, dann 200
(Januar 2005) und 100 (April 2005) bei weiter steigender Tendenz. Derzeit
ist die Wikipedia beispielsweise beliebter als die Websites
WashingtonPost.com, Reuters.com, Usatoday.com und Al Jazeera; beliebter als
Wikipedia blieben jedoch weiterhin die Filmdatenbank IMDb, die
Nachrichtensender CNN und BBC sowie der Online-Händler Amazon; cf.
detaillierte und aktuelle Vergleiche in
Wikipedia.org
is more popular than...
Zunahme der Zitierhäufigkeit
Auch die Zitierhäufigkeit der Wikipedia nimmt kontinuierlich zu: Nach Erhebungen der
Wikipedia Awareness statistics steigt
die Zahl der Zitierungen von Wikipedia-Artikeln im Usenet bisher
exponentiell.
Aufmerksamkeitsstatistiken mit verschiedenen Messgrößen, Datenmaterial
und Diagrammen bieten die
Wikipedia
Awareness statistics
(englischsprachig) sowie die
Wikipedia-Aufmerksamkeitsstatistik
(deutschsprachig).
Würdigung in unabhängigen Vergleichstests
Mehrere unabhängige Vergleichstests mit kommerziellen Nachschlagewerken in
seriösen Publikationen wie dem Computermagazin c’t (Kurzidim 2004) oder der Wochezeitung
Die Zeit (Schult 2004) führten zu gleichermaßen positiven Ergebnissen für das kooperative
Projekt.
Auszeichnungen von unabhängigen Institutionen
Die Wikipedia wurde mehrfach von unabhängigen Institutionen
ausgezeichnet; zuletzt gewann die Wikipedia beim
Grimme Online Award im Juni 2005 gleich
zwei Preise: Zum einen wurde die Wikipedia in der Kategorie Wissen und
Bildung als „herausragendes Beispiel kollaborativer Nutzung des Internet“
ausgezeichnet, zum anderen erhielt das Projekt einen Publikums-Preis.
Zitationen durch deutsche Richter
Deutsche Richter zitieren mittlerweile aus Artikeln der Wikipedia, so
beispielsweise das Bundespatentgericht, cf. Meldung bei Intern.de:
Symicron-Beschwerde
abgewiesen, 17.04.2004 oder das VG Osnabrück im Beschluss vom 01.03.2005
Zur
‚Irreführung’ bei Nichtverwendung der Produktbezeichnung
‚Separatorenfleisch’ (Aktenzeichen 3 B 39/04).
Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion
Die Wikipedia selbst ist Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion; eine
Übersicht zu aktuellen und abgeschlossenen Forschungsarbeiten über die
Wikipedia wird gepflegt unter
meta.wikimedia.org/wiki/Research;
eine recht umfangreiche Bibliographie existiert unter
de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedistik/Bibliographie
[Zugriff: 22.05.2005].
Einige Wissenschaftler betrachten die Wikipedia als Alternative zum
Wissenschaftsjournalismus bzw. als Instrument der »Demokratisierung
wissenschaftlicher Information«, so beispielsweise der Koblenzer
Sprachwissenschaftler Wolf-Andreas Liebert, der darauf hinweist, dass
Wissenschaftsjournalismus unter „Zwängen der Kommerzialisierung“
stehe, von denen die Wikipedia noch frei sei; in der Wikipedia hätten daher
noch Dinge Platz, die im normalen Journalismus nicht mehr verkauft oder auch
nicht mehr gesagt werden könnten; in einer detaillierten Analyse von
Beiträgen aus der Wochenzeitung Die Zeit und des
Wissenschaftsmagazins Bild der Wissenschaft über einen Zeitraum von
15 Jahren wies Liebert nach, dass es nicht möglich sei, „die
Bevölkerung über die kommerziellen Massenmedien so zu informieren, dass sie
an den gesellschaftlichen Entscheidungen über Technik- und
Wissenschaftsentwicklungen kompetent partizipieren“ könnten (Liebert
2001). Außerdem werde in der Wikipedia sehr viel stärker der
Diskussionscharakter von Wissenschaft deutlich, wobei Wissenschaft nicht als
ein einheitliches System darstellt werde, das Wahrheit produziere; cf.
Liebert 2001 und dpa 2005.
Unterstützung und Manipulation durch Politiker
Aktive Politiker nehmen die Wikipedia war und unterstützen sie, so
beispielsweise MdB Axel Schäfer (SPD), der auf seiner Website eine
Downloadversion der Wikipedia anbietet; zu seiner Motivation cf. die
Beiträge
Das
Wissen der Welt gehört der Menscheit und
Wikipedia:
mit schnellen Schritten voran [Zugriff am 22.05.2005].
Andere politische Akteure versuchen sogar, die Wikipedia zu manipulieren (»Wikipediagate«).
So fielen im Vorfeld der Landtagswahlen 2005 in NRW inhaltliche
Manipulationen an den Wikipedia-Artikeln der Spitzenkandidaten
Jürgen
Rüttgers (CDU) und
Peer
Steinbrück (SPD) auf, die eindeutig auf ein Büro im Deutschen Bundestag
zurückgeführt werden konnten; durch verschiedene Indizien fiel der Verdacht
zunächst auf MdB Dr. Ole Schröder (CDU), der den Vorwürfen jedoch
widersprach.
Berichte zum »Wikipediagate« erschienen in verschienen
Online- und Print-Medien, beispielsweise:
Dementi von MdB Ole Schröder:
Ich habe keine Einträge in Wikipedia vorgenommen [Zugriff: 22.05.2005].
Nutzung durch etablierte Medien
Zahlreiche etablierte Online- und Offline-Medien greifen auf die Inhalte
der Wikipedia zurück, dazu zählen beispielsweise Spiegel Online, Tagesschau.de,
Bertelsmann und sogar die Infothek aus dem Hause
Brockhaus;
besonders gut dokumentiert sind diese Nutzungen, wenn Verstöße gegen die
GNU-Lizenzbestimmungen oder das deutsche Urheberrecht aufgedeckt wurden.
So übernahm beispielsweise ein Redakteur von Spiegel Online den
Artikel
Hintergrund:
Der Völkermord von Ruanda vom 24.02.2005 nahezu vollständig aus dem
Wikipedia-Artikel
Völkermord
in Ruanda; Spiegel Online verzichtete sowohl auf eine
Quellenangabe wie auch auf einen Verweis auf die Quelle: Den Artikel hatte
nachweislich der Wikipedianer Leon Weber maßgeblich verfasst. Weber meldete
den Urheberrechtsverstoß an Spiegel Online, erhielt jedoch keine
Antwort und
publizierte den Vorfall daraufhin, dort finden sich auch auch Verweise
auf weitere Berichte in verschiedenen Weblogs. Wenig später entschuldigte
sich Spiegel Online öffentlich:
„Bedauerlicher Fehler bei Spiegel Online: An dieser Stelle
stand ein Text, der so nicht auf Spiegel Online hätte erscheinen dürfen.
Er erläuterte die Hintergründe zum Völkermord in Ruanda und bestand in
wesentlichen Teilen aus Passagen, die wörtlich dem Online-Lexikon
Wikipedia entnommen wurden, ohne die Quelle zu nennen.
Selbstverständlich handelt es sich dabei um einen klaren Verstoß gegen
die redaktionellen Richtlinien von Spiegel Online. Dort, wo in Texten
Informationen aus fremden Quellen verwendet werden, muss dies immer
kenntlich gemacht werden. Die Chefredaktion von SPIEGEL ONLINE bedauert
diesen Vorgang und entschuldigt sich ausdrücklich bei den Machern und
Autoren von Wikipedia für die fehlende Zitation“ (Spiegel Online,
op.cit.).
Bereits zuvor hatte Spiegel Online lizenz- und rechtswidrig
Inhalte der Wikipedia in dem im August 2004 veröffentlichten Artikel
„Geheimnis der Namen: Warum Firmen heißen wie sie heißen“ verwendet: Der
Weblogger Rochus Wolff
dokumentierte
bereits am 17.08.2004, dass der Artikel ohne Angabe der Quelle auf dem
Wikipedia-Artikel
List
of company name etymologies basierte; Spiegel Online hatte die
Inhalte einfach übersetzt und dabei auch einen ein Sortierungsfehler
übernommen. Erst auf wiederholte Nachfrage von Wikipedianern ergänzte
Spiegel Online den Quellenhinweis.
Nicht nur Spiegel Online nutzt Wikipedia-Inahlte, sondern auch
Tagesschau.de: So ähneln sich beispielsweise der Wikipedia-Artikel
Vertrauensfrage
und der Tagesschau.de-Artikel
Vorgezogene
Bundestagswahlen: Verfassungsrechtler zweifelt an SPD-Strategie:
„Viele der Formulierungen stehen in auffallend ähnlicher Weise
in der Wikipedia“ […] „für Redakteure scheint die Wikipedia
die Primärquelle zu sein“, cf. Florian Feldhaus, Beitrag
Vertrauensfrage
auf der deutschsprachigen Mailingliste WikiDE-L, Son Mai 22 23:10:07 UTC
2005 [24.05.2005].
Zu den noch unerfreulicheren Urheberrechtsverletzungen gehört der
Textklau in einer kommerziellen Studie. Sony BMG (die fusionierten
Unternehmen Bertelsmann und Sony) und T-Online ließen
die Studie „Deutschland-Online 2: Die Zukunft des Breitband-Internets“
anfertigen und veröffentlichten diese im November 2004 unter unrechtmäßiger
Beanspruchung eines „Copyright“: das der Studie angeführte Glossar wurde
ohne Kennzeichnung der Quellen fast vollständig aus Wikipedia-Artikeln
zusammenkopiert.
Sony BMG und die angeblichen Autoren des Glossar verstoßen somit
sowohl gegen die Lizenzbestimmungen der GNU FDL als auch gegen geltendes
Urheberrecht, nämlich die Quellenangabepflicht nach § 63 UrhG.
Pikanterweise hatten ausgerechnet die Auftraggeber der Studie – Sony
und Bertelsmann – ausgerechnet einen der Wikipedia-Autoren der
betreffenden Artikel nur einen Monat zuvor mit einem Streitwert von 75.000
Euro unter dem Vorwurf des Verstoßes gegen §§ 95 a III und 85 UrhG abgemahnt
und eine Freiheitsstrafe von drei Jahren Haft angedroht: Vorgeworfen wurde
die Zueigenmachung angeblich illegaler externer Verweisziele in einem
offenen Forum durch Nichtverhindertung der Linksetzung durch einen Dritten –
eine im Bereich der Hyperlinkhaftung bisher beispiellose Konstruktion (cf.
dazu
Abmahnung
des Kefk Network).
Auch seriöse Unternehmen bedienen sich anscheinend gelegentlich an
Wikipedia-Inhalten. So dokumentierte der Wikipedianer Mathias Schindler
Anfang Mai 2005 erhebliche Übereinstimmungen zwischen dem Wikipedia-Artikel
zu Kardinal Ratzinger alias
Benedikt
XVI. und dem Brockhaus-Infothek-Artikel
Der
deutsche Papst – Benedikt XVI. Schindler konnte anhand der
Versionsgeschichte des Wikipedia-Artikels detailliert nachweisen, dass
Brockhaus große Teile des ‚eigenen’ Artikels aus der Wikipedia übernommen
hatte ( Textsynchronopse;
cf. auch Diskussion im Thread
Dreimal
geprüft. Bitte prüfen auf der deutschsprachigen Mailingliste WikiDE-L).
Brockhaus-Pressesprecher Klaus Holoch räumte nach anfänglichem Abstreiten
des Sachverhalts schließlich ein: „Möglicherweise wurden hier Fehler
gemacht“ (cf. Bericht bei
PC
Welt).
Vergleiche mit Erfolg von GNU/Linux und FLOSS-Software
Das Wikipedia-Phänomen wird verglichen mit den Erfolgen des freien
Betriebssystems GNU/Linux und der FLOSS-Software, die seit einigen Jahren
als vollwertige Alternative zu proprietärer Software gelten.
Nach einer IDC-Studie hatten Derivate des GNU/Linux-Betriebssystems im
Jahr 2004 im Bereich der Server einen Anteil von 28,3 Prozent aller
Server-Verkäufe; die quelloffene Software Apache, mit der Web-Server
betrieben werden, hatte nach Statistiken von Netcraft bereits Anfang 2004
einen Marktanteil von 67 Prozent bei einer Installati-onsbasis von 31
Millionen. Vergleiche mit der beispiellosen Erfolgsgeschichte von GNU/Linux
und FLOSS-Software adeln die Wikipedia also als ernstzunehmenden Mitbewerber
im Wissensmarkt.
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Projektcharakterisierung der Wikipedia.
Siehe auch
Weitere Fallstudien:
Quelle und Lizenz
Anmerkungen
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Akzeptanz |
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Ihr Name: Besucher (nicht angemeldet).
Online: 7 aktive User.
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