Das erste Independent Media Center (IMC) wurde im November 1999 anläßlich
der Proteste der Globalisierungsgegner gegen die Welthandelsorganisation WTO
gegründet; der erste deutsche Ableger ging im März 2001 online [533]. In den
knapp sechs Jahren seit der Gründung entstanden bisher über 150 lokale
Ableger auf allen Kontinenten, allein 60 davon in den USA und zwölf in
Kanada.
In der Selbstdarstellung verspricht Indymedia »unabhängige,
nichtkommerzielle Berichterstattung von unten über wichtige soziale und
politische Themen vor Ort und weltweit« [534]; Indymedia erhält keine
Unterstützung von einer einzelnen Organisation, Partei oder Regierung.
Indymedia versteht sich explizit als Teil einer sozialen Bewegung und
definiert sich als »internationales, hierarchiefreies« und
»emanzipatorisches, unabhängiges Mediennetzwerk« [535] sowie gleichzeitig als
»Teil des weltweiten Widerstands gegen die kapitalistische Globalisierung«
[536];
daneben tritt Indymedia bewusst der Medienkonzentration entgegen, fordert
die »Zurückeroberung der Medien« (»reclaim the media«) und setzt der
medialen Monokultur eine Berichterstattung ‚von unten’ nach dem
Bottom-up-Prinzip entgegen [537]. Indymedia will dabei bestehende alternative
Informationsstrukturen nicht substituieren, sondern als Vernetzungplattform
die bereits bestehenden alternativen Medienprojekte miteinander in
Verbindung bringen.
Die IMCs sind strukturiert in einer dezentralen, selbstorganisierenden
Struktur, die der Topologie eines Peer-to-Peer-Netzwerks [538] ähnelt; es gibt
weder eine zentrale Projektleitung, noch eine Redaktion oder ein regelmäßig
besetztes Büro mit telefonisch erreichbaren Ansprechpartnern; jedes der über
150 IMCs ist »autonom, finanziert sich selbst und trifft eigene
Entscheidungen über Aussehen und Inhalte der Seite« [539].
Die jeweiligen IMCs
pflegen möglichst enge Kontakte mit ihren Partnerprojekten, so werden
beispielsweise viele Berichte in andere Sprachen übersetzt [540]. Nicht zuletzt
verweisen die landesspezifischen IMCs auch intensiv auf die Inhalte anderer
IMCs; dadurch erhält das Gesamtprojekt nicht nur eine gewisse Kohäsion,
sondern nutzt auch ein Spezifikum des Mediums WWW: Hyperlinks bilden hier
eine Art immaterieller ‚Währung’: Je besser ein Dokument verlinkt ist, desto
stärker kann es wahrgenommen werden [541]. Neben den lokalen und regionalen IMCs
gibt es darüber hinaus auch koordinierte weltweite Initiativen,
beispielsweise zum Themenkomplex der Globalisierung.
Die jeweiligen Web-Portale der einzelnen IMCs werden in einen relativ
offenen Publikationssystem betrieben, in dem prinzipiell jeder eigene
Beiträge veröffentlichen kann. Die bei Indymedia veröffentlichten Beiträge
werden wahlweise unter einer Creative-Commons-Lizenz [542] veröffentlicht oder als
Public Domain vollständig freigegeben. Wie viele Benutzer die Seiten von
Indymedia lesen, ist im Detail nicht bekannt; als Größenordnung wird
angegeben, es gebe täglich etwas 5.000 bis 10.000 Besucher, »während großer
Proteste wie beispielsweise dem G8-Gipfel in Genua« könne diese Zahl auch
auf täglich 30.000 wachsen [543].
Der Berliner Verfassungsschutz stuft die Inhalte von Indymedia als
»überwiegend linkextremistisch« ein [544], und auch der bundesdeutsche
Verfassungsschutz betrachtet Indymedia als »von Linksextremisten genutzte«
Plattform [545]. In Italien bezeichnete die Regierungspartei Alleanza Nazionale
Indymedia als »Terroristen-Netzwerk«.
Verschiedene lokale Indymedia-Zentren bekamen immer wieder Probleme mit den
Behörden, so wurde das dortige IMC während der Proteste in Genua anlässlich
des G8-Gipfels von Polizeieinheiten durchsucht; am 7. Oktober 2004 wurden
Server von Indymedia im texanischen San Antonio vom FBI und in London
aufgrund einer Anordnung eines US-Gerichts in Amtshilfe vorübergehend
beschlagnahmt [546].
Anerkennung erntete Indymedia Deutschland dagegen beispielsweise in Form
einer Nominierung für den Grimme Online Award sowie des Jurypreises für
Wissenschaft, Bildung & Kultur ,Poldi’ [547], und eines Preises der PDS-nahen
Rosa-Luxemburg-Stiftung [548].
Weiter: Art und Ausgestaltung der Inhalte von
Indymedia.
[532]
IMC
(Abk. für Independent Media Center); das deutsche IMC findet sich
unter
de.indymedia.org
bzw.
germany.indymedia.org,
das schweizerische unter
switzerland.indymedia.org
und das österreichische unter
austria.indymedia.org.
[533] Cf. Soyer 2001.
[534] Selbstdarstellung von Indymedia Deutschland:
Selbstverständnis
[Zugriff: 23.05.2005].
[535] Selbstdarstellung
Grundsätze:
Was ist Indymedia? [Zugriff: 23.05.2005].
[536] Selbstdarstellung von Indymedia Deutschland, op.
cit.
[537] Cf. cap. 2.1.2.3,
Top-down und Bottom-up (p. 15 ss.).
[538] Cf. cap. 2.7.4,
Bedeutung der Massen: Verteilte Kooperation und kollektive Intelligenz
(p. 56 ss.).
[539] Cf. Indymedia Deutschland:
Häufig
gestellte Fragen (FAQ).
[540] Cf. Indymedia: Translation Tool: Coordination
of Translations for Indymedia,
translations.indymedia.org.
[541] Ähnlich wie in der wissenschaftlichen Literatur,
wo die formale Bedeutung eines Autors anhand der Zitierhäufigkeit
bestimmt werden kann, wird im WWW die formale Bedeutung eines Web-Angebots
u.a. durch die Anzahl der Verweise (Hyperlinks) bestimmt; dieser
Page Rank hat bspw. Einfluss auf die Platzierung in Suchmaschinen wie
Google, und diese bestimmt wiederum in signifikantem Ausmaß, in welchem
Umfang ein Web-Angebot wahrgenommen wird und überhaupt rezipiert werden
kann; cf. Fn. 533 (p. 88); cf. auch die Einschätzung von Joseph Reagle vom
W3C:
Your
clickstream is your vote, in: Internet Quotation Appendix.
[542] Vom deutschen IMC wird die CC-Lizenz Creative
Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Germany verwendet, cf.
creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.de.
[543] Indymedia Deutschland:
Häufig
gestellte Fragen (FAQ).
[544] BerVerfS 2003: 205 s.
[545] DeuVerfS 2003.
[546] Cf. Lee 2004.
[547] Der ‚Poldi’ ist eine Preis des Internet-Portals
Politik Digital; cf.
de.indymedia.org/2002/08/28480.shtml
und
www.politik-digital.de/edemocracy/netzkultur/paward7.shtml.
[548] Rosa-Luxemburg-Stiftung - Gesellschaftsanalyse
und Politische Bildung e.V.; Homepage der Bundes-Stiftung:
www.rosalux.de;
daneben existieren noch diverse Landesstiftungen.