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Fallstudie: Indymeda

Projektcharakterisierung Indymedia

Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit,

Von Agon S. Buchholz für Kefk Network Politik, Juni 2005 ff.

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Erstellt/Bearbeitet: 20-Jun-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 09.01.2009, 01:01:04.

Home : Politik : Alternative.Medien : Fallstudien : Diskursplattformen : Indymedia : Charakterisierung


Übersicht

Das erste Independent Media Center (IMC) wurde im November 1999 anläßlich der Proteste der Globalisierungsgegner gegen die Welthandelsorganisation WTO gegründet; der erste deutsche Ableger ging im März 2001 online [533]. In den knapp sechs Jahren seit der Gründung entstanden bisher über 150 lokale Ableger auf allen Kontinenten, allein 60 davon in den USA und zwölf in Kanada.

In der Selbstdarstellung verspricht Indymedia »unabhängige, nichtkommerzielle Berichterstattung von unten über wichtige soziale und politische Themen vor Ort und weltweit« [534]; Indymedia erhält keine Unterstützung von einer einzelnen Organisation, Partei oder Regierung.

Indymedia versteht sich explizit als Teil einer sozialen Bewegung und definiert sich als »internationales, hierarchiefreies« und »emanzipatorisches, unabhängiges Mediennetzwerk« [535] sowie gleichzeitig als »Teil des weltweiten Widerstands gegen die kapitalistische Globalisierung« [536]; daneben tritt Indymedia bewusst der Medienkonzentration entgegen, fordert die »Zurückeroberung der Medien« (»reclaim the media«) und setzt der medialen Monokultur eine Berichterstattung ‚von unten’ nach dem Bottom-up-Prinzip entgegen [537]. Indymedia will dabei bestehende alternative Informationsstrukturen nicht substituieren, sondern als Vernetzungplattform die bereits bestehenden alternativen Medienprojekte miteinander in Verbindung bringen.

Die IMCs sind strukturiert in einer dezentralen, selbstorganisierenden Struktur, die der Topologie eines Peer-to-Peer-Netzwerks [538] ähnelt; es gibt weder eine zentrale Projektleitung, noch eine Redaktion oder ein regelmäßig besetztes Büro mit telefonisch erreichbaren Ansprechpartnern; jedes der über 150 IMCs ist »autonom, finanziert sich selbst und trifft eigene Entscheidungen über Aussehen und Inhalte der Seite« [539].

Die jeweiligen IMCs pflegen möglichst enge Kontakte mit ihren Partnerprojekten, so werden beispielsweise viele Berichte in andere Sprachen übersetzt [540]. Nicht zuletzt verweisen die landesspezifischen IMCs auch intensiv auf die Inhalte anderer IMCs; dadurch erhält das Gesamtprojekt nicht nur eine gewisse Kohäsion, sondern nutzt auch ein Spezifikum des Mediums WWW: Hyperlinks bilden hier eine Art immaterieller ‚Währung’: Je besser ein Dokument verlinkt ist, desto stärker kann es wahrgenommen werden [541]. Neben den lokalen und regionalen IMCs gibt es darüber hinaus auch koordinierte weltweite Initiativen, beispielsweise zum Themenkomplex der Globalisierung.

Die jeweiligen Web-Portale der einzelnen IMCs werden in einen relativ offenen Publikationssystem betrieben, in dem prinzipiell jeder eigene Beiträge veröffentlichen kann. Die bei Indymedia veröffentlichten Beiträge werden wahlweise unter einer Creative-Commons-Lizenz [542] veröffentlicht oder als Public Domain vollständig freigegeben. Wie viele Benutzer die Seiten von Indymedia lesen, ist im Detail nicht bekannt; als Größenordnung wird angegeben, es gebe täglich etwas 5.000 bis 10.000 Besucher, »während großer Proteste wie beispielsweise dem G8-Gipfel in Genua« könne diese Zahl auch auf täglich 30.000 wachsen [543].

Der Berliner Verfassungsschutz stuft die Inhalte von Indymedia als »überwiegend linkextremistisch« ein [544], und auch der bundesdeutsche Verfassungsschutz betrachtet Indymedia als »von Linksextremisten genutzte« Plattform [545]. In Italien bezeichnete die Regierungspartei Alleanza Nazionale Indymedia als »Terroristen-Netzwerk«.

Verschiedene lokale Indymedia-Zentren bekamen immer wieder Probleme mit den Behörden, so wurde das dortige IMC während der Proteste in Genua anlässlich des G8-Gipfels von Polizeieinheiten durchsucht; am 7. Oktober 2004 wurden Server von Indymedia im texanischen San Antonio vom FBI und in London aufgrund einer Anordnung eines US-Gerichts in Amtshilfe vorübergehend beschlagnahmt [546].

Anerkennung erntete Indymedia Deutschland dagegen beispielsweise in Form einer Nominierung für den Grimme Online Award sowie des Jurypreises für Wissenschaft, Bildung & Kultur ,Poldi’ [547], und eines Preises der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung [548].

Weiter: Art und Ausgestaltung der Inhalte von Indymedia.

Fußnoten

[532]  IMC (Abk. für Independent Media Center); das deutsche IMC findet sich unter  de.indymedia.org bzw.  germany.indymedia.org, das schweizerische unter  switzerland.indymedia.org und das österreichische unter  austria.indymedia.org.

[533] Cf. Soyer 2001.

[534] Selbstdarstellung von Indymedia Deutschland:  Selbstverständnis [Zugriff: 23.05.2005].

[535] Selbstdarstellung  Grundsätze: Was ist Indymedia? [Zugriff: 23.05.2005].

[536] Selbstdarstellung von Indymedia Deutschland, op. cit.

[537] Cf. cap. 2.1.2.3, Top-down und Bottom-up (p. 15 ss.).

[538] Cf. cap. 2.7.4, Bedeutung der Massen: Verteilte Kooperation und kollektive Intelligenz (p. 56 ss.).

[539] Cf. Indymedia Deutschland:  Häufig gestellte Fragen (FAQ).

[540] Cf. Indymedia: Translation Tool: Coordination of Translations for Indymedia,  translations.indymedia.org.

[541] Ähnlich wie in der wissenschaftlichen Literatur, wo die formale Bedeutung eines Autors anhand der Zitierhäufigkeit bestimmt werden kann, wird im WWW die formale Bedeutung eines Web-Angebots u.a. durch die Anzahl der Verweise (Hyperlinks) bestimmt; dieser Page Rank hat bspw. Einfluss auf die Platzierung in Suchmaschinen wie Google, und diese bestimmt wiederum in signifikantem Ausmaß, in welchem Umfang ein Web-Angebot wahrgenommen wird und überhaupt rezipiert werden kann; cf. Fn. 533 (p. 88); cf. auch die Einschätzung von Joseph Reagle vom W3C:  Your clickstream is your vote, in: Internet Quotation Appendix.

[542] Vom deutschen IMC wird die CC-Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 2.0 Germany verwendet, cf.  creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.de.

[543] Indymedia Deutschland:  Häufig gestellte Fragen (FAQ).

[544] BerVerfS 2003: 205 s.

[545] DeuVerfS 2003.

[546] Cf. Lee 2004.

[547] Der ‚Poldi’ ist eine Preis des Internet-Portals Politik Digital; cf.  de.indymedia.org/2002/08/28480.shtml und  www.politik-digital.de/edemocracy/netzkultur/paward7.shtml.

[548] Rosa-Luxemburg-Stiftung - Gesellschaftsanalyse und Politische Bildung e.V.; Homepage der Bundes-Stiftung:  www.rosalux.de; daneben existieren noch diverse Landesstiftungen.

Siehe auch

Weitere Fallstudien:

Quelle und Lizenz

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Kontext: Der Text Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit entstand im Sommersemester 2005 als studienbegleitender Leistungsnachweis im Rahmen des Hauptseminars »Kritik und Alternativen des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland« unter Leitung von Prof. Dr. Fritz Vilmar am Otto-Suhr-Institut des Fachbereichs Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.
Gliederung Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit:
  1. Einleitung: Themenstellung und Zielsetzung - Schwerpunkte und Eingrenzung der Thematik - Disposition.
  2. Medien und Öffentlichkeit: Theoretische Vorüberlegungen - Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit - Bildung und Aufklärung - Individualität und Sozialität - System der konventionellen Massenmedien - Konventionelle alternative Medien - Transformationen des Mediensystems.
  3. Fallstudien: Freies Wissen (Wikipedia, weitere Projekte) - Alternative Nachrichtenquellen (Wikinews, weitere Projekte) - Diskursplattformen (Indymedia, weitere Projekte) - Publikations- und Diskussionsplattformen (Blogosphäre, weitere Projekte) - Zusammenfassung.
  4. Schlussfolgerungen: Thesen - Anti-Thesen.
  5. Anhang: Materialien - Quellennachweise - Personen- und Stichwortverzeichnis.
Stand der Textbasis: 22. Juni 2005 | Changelog.
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Anmerkungen

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