|
| |
Fallstudien: Alternative Nachrichtenquellen
Alternative Medien als Instrumente einer
Gegenöffentlichkeit,
Von Agon S. Buchholz
für Kefk Network Politik,
Juni 2005 ff.
Ihr Benutzername: Besucher
Wer ist gerade online? - 7 aktive User.
Erstellt/Bearbeitet: 20-Jun-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 09.01.2009, 07:53:56.
Home : Politik : Alternative.Medien : Fallstudien : Alternative.Nachrichtenquellen
Übersicht
Unter einer »Nachricht« versteht man im Kommunikationsprozess eigentlich etwas
Überraschendes, Neues, Interessantes oder Mitteilungswürdiges, dennoch
müssen Zeitungen täglich das Papier der Rotations-pressen befüllen,
Nachrichtensendungen müssen sogar stündlich mit ‚Neuigkeiten’ bestückt
werden; in diesem Bereich verbreiten die Massenmedien »Ignoranz in der Form
von Tatsachen, die ständig erneuert werden müssen, damit man es nicht merkt«
[489]. Luhmann weist mit großer Deutlichkeit auf die evolutionäre
Unwahrscheinlichkeit solcher täglichen ‚Nachrichten’ hin, berücksichtigt
dabei jedoch nicht, dass Massenmedien kommerzielle Produkte sind, die nicht
allein der Verbeitung von ‚Wissenswürdigem’ dienen, sondern primär
Werbeträger [499] sind und Gewinn erwirtschaften müssen.
Nachrichten müssen also betriebswirtschaftlich möglichst günstig akquiriert
werden, was beispielsweise die Sorgfalt einer Recherche und damit auch die
erzielbare journalistische Qualität begrenzt. Quer durch die
Medienlandschaft ist daher ein Rückgang der publizistischen Primärquellen
zugunsten zentralisierter Nachrichtenquellen zu verzeichnen. Nahezu alle
Massenmedien beziehen ihre Meldungen kostengünstig von Nachrichten- und
Presseagenturen wie Agence France-Presse (AFP), The Associated Press (AP),
Reuters Limited und einigen (wenigen) anderen mit nationaler oder lokaler Bedeu-tung;
nur noch wenige Tageszeitungen leisten sich den klassischen Lokalreporter,
der aus den ‚Kie-zen’ berichtet, und kaum noch ein Fernsehsender verfügt
über qualifizierte Korrespondenten, die in Krisenregionen auf eigene Faust
recherchieren würden.
Aus der Erkenntnis dieses Defizits heraus entstanden im Internet
Graswurzel-Nachrichtenquellen, die authentische Primärinformationen
bereitstellen und so einen Gegenpol zum Einerlei der Nachrichten- und
Presseagenturen bieten wollen. Ermöglicht werden soll dies beispielsweise
durch das in den späten 1980er Jahren entstande Konzept des
Bürgerjournalismus (»citizen journalism« oder »participatory journalism«
[500]),
bei dem Bürger eine aktive Rolle beim Recherchieren, Berichten, Analysieren
und Verbreiten von Nachrichtenmeldungen spielen.
In dem Bericht »We Media:
How Audiences are Shaping the Future of News and Information« von Shayne
Bowman und Chris Willis wird dieses Konzept auf den Punkt gebracht:
»The
intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate,
wide-ranging and relevant information that a democracy requires« [501].
Der
Bürgerjournalist muss dabei nicht unbedingt Interviews führen oder eigene
Meldungen entwickeln, sondern kann auch andere Medien kritisch auswerten und
aggregieren, so wie dies beispielsweise Noam Chomsky mit verblüffendem
Erfolg seit Jahrzehnten betreibt.
Eine Variante dieses Konzepts ist der open source journalism; der Begriff
wurde 1999 von Andrew Leonard im Online-Magazin Salon.com geprägt und
bezeichnet eine Form des Online-Journalismus, bei dem ein Text zur freien
Nutzung verfasst und veröffentlicht wird. Beispiele hierfür sind das
spanische
20 Minutos und das im folgenden Abschnitt vorgestellte
Wikinews.
Eine jüngere Entwicklung ist eine neue Variante der
‚Lokalberichterstattung’, für die der Blogger Jeff Jarvis den Terminus des
hyperlocal journalism prägte; dabei handelt es sich um Beiträge von Bürgern,
die aus ihrem unmittelbaren Umfeld berichten und so journalistische
Primärinformationen liefern. Mary Lou Fulton, die Herausgeberin der
Northwest Voice aus dem kalifornischen Bakersfield beschreibt dieses
Konzept als ‚umgedrehten Journalismus’:
»We are the traditional journalism
model turned upside down […] Instead of being the gatekeeper, telling people
that what's important to them 'isn't news,' we're just opening up the gates
and letting people come on in. We are a better community newspaper for
having thousands of readers who serve as the eyes and ears for the Voice,
rather than having everything filtered through the views of a small group of
reporters and editors« [502].
Nachrichtenagtenturen sind in mehrfacher Hinsicht von politischer Brisanz:
- Es gibt es eine unbestritten »starke Affinität zwischen Nachricht
und Herrschaft« [504];
- Nachrichtenagenturen wirken im publizistischen Prozess also als
vorgeschaltete Informationsfilter, lange bevor die Nachricht den
Gatekeepter in den Nachrichtenredaktionen überhaupt erreichen könnte;
- Nachrichtenagenturen wirken als Multiplikatoren für Meldungen, die
den Filterprozess erfolgreich durchlaufen; diese vorgefilterten
Nachrichten werden in nahezu allen Massenmedien weitgehend ungepüft
wiedergegeben [505];
- Die einflussreichen Nachrichtenagenturen operieren in einer
kommerzielle Arbeitsweise und unterliegen somit Marktgesetzen, zudem
weisen sie einen vergleichsweise hohen wirtschaftlichen
Konzentrationsgrad auf [506].
Weiter: Fallstudien: Alternative Nachrichtenquellen.
Kapitelgliederung
Fallstudie: Wikinews
Weitere Projekte aus dem Bereich der
alternativen Nachrichtenquellen.
Fußnoten
[489] Luhmann1996/2004, op. cit. p. 53.
[499] In diesem Sinne äußerte sich bspw. auch der
britische Journalist Hannen Swaffer (1879-1962): „Pressefreiheit ist
die Freiheit, diejenigen Vorurteile des Verlegers zu drucken, gegen die die
Werbeleute nichts einzuwenden haben“ (Hannen Swaffer, s.s., zit. im
Marketing-Lexikon von Hindle/Thomas 1994: 165; entsprechend auch in
der englischen Originalformulierung: „Freedom of the press in Britain
means freedom to print such of the proprietor's prejudices as the
advertisers don't object to“,
www.saidwhat.co.uk/quote3732.html
[Zugriff: 21.05.2005].
[500] Cf. hierzu englischsprachige Wikipedia, Stichwort
Citizen
journalism.
[501] The Media Center – We Media: How audiences are
shaping the future of news and information,
Introduction
to participatory journalism [Zugriff: 01-Jul-2005].
[502] Mark Glaser:
The
New Voices: Hyperlocal Citizen Media Sites Want You (to Write)!, 17.
November 2004, in: USC Annenberg: Online Journalism Review.
[504] Noelle-Neumann et al. 1990: 217; dieser
Zusammenhang geht bereits aus der Etymologie des Begriffes Nachrichtung
hervor, welcher ursprünglich so viel wie Anweisung – also das, wonach
man sich zu richten hat – bedeutete.
[505] Seriöse Massenmedien geben die Quelle ihrer
Nachrichten in der sog. Datumszeile (date line) an.
[506] Rein quantitativ ist allerdings eine Zunahme
der Anzahl der Nachrichtenagenturen zu verzeichnen (1945: 55 Agenturen
in 30 Ländern; 1980er Jahre: 180 Agenturen in 125 Ländern), allerdings sind
die meisten dieser Agenturen „organisatorisch schwach“, „auf
den nationalen Markt begrenzt“ und „ohne internationalen
Einfluss“ (Noelle-Neumann 1990: 223); hinzu kommt, dass viele dieser
unbedeutenden Agenturen lediglich „das Angebot anderer Agenturen
auswerten“ (op. cit. 225). Tatsächlich gibt es nur vier (!)
international bedeutende Anbieter, die über ein weltweites
Korrespondentennetz verfügen: die sog. Weltagenturen oder „Big
Four“ – Reuters, Associated Press (AP), United Press International (UPI)
und Agence France Press (AFP).
Siehe auch
Weitere Fallstudien:
Quelle und Lizenz
Anmerkungen
| |
Alternative Nachrichtenquellen |
|
Ihr Name: Besucher (nicht angemeldet).
Online: 7 aktive User.
|
|
Anmelden | Abmelden
|
|
|
Benachrichtigen bei Änderungen: |
|
|
|
|
Thematisch verwandte Subsites:
Arbeit,
Bildung,
GNU/Linux,
Internet,
Medium,
Networking,
Peer-to-Peer,
Recht,
Research,
Streaming,
Wissen. |
| |
[ Zurück ] [ Weiter ]
| URL:
http://www.kefk.net/Politik/Alternative.Medien/Fallstudien/Alternative.Nachrichtenquellen/index.asp. |
|
|
|
|