Im Anschluss an ausgewählte emanzipatorische Medientheorien von
Tretjakov, Brecht, Enzensberger et al. wird angenommen, konventionelle
Massenmedien hätten systemimmanente Funktionen wie beispielsweise die der
Entpolitisierung, der Konsensgenerierung sowie zumindest partiell der
Repression und der Manipulation; weiterhin wird angenommen, konventionellen
alternativen Medien komme im Rahmen des gegenwärtigen Mediensystems vor
allem eine kompensatorische, jedoch keine revolutionäre Bedeutung zu: Die
konventionellen Instrumente der Gegenöffentlichkeit konn-ten ihre zentrale
Programmatik – die Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse – nicht
einlösen.
Ausgehend von der zu beobachtenden Entwicklung neuer – netzwerkförmiger –
gesellschaftlicher Strukturen in Verbindung mit neuen Technologien – den
‚neuen’ digitalen und vernetzten Medien unserer Epoche – sollen neue Ansätze
im Bereich alternativer Medien vorgestellt werden; dabei wird einerseits zu
erörtern sein, welche emanzipativen Potenziale durch dieses Neue entstehen
könnten und andererseits, welchen Anteil das Neue an diesen drei Komponenten
wirklich hat.
Einige dieser zeitgenössischen alternativen Medien stützen sich auf die
offene Informationsinfrastruktur des globalen Computernetzwerks Internet und
präsentieren in dem Internet-Dienst World Wide Web Aussagen, die zumindest
partiell den Anspruch erheben, in der vorfindlichen Öffentlichkeit nicht
frei geäußert oder dort marginalisiert zu werden [1]; diese häufig kollektiv
erstellten Angebote zielen unmittelbar weniger auf eine Dekonstruktion
herrschender Öffentlichkeit, als vielmehr auf die Herstellung und
Durchsetzung einer Alternative zu dieser – also einer Gegenöffentlichkeit –,
sie streben also mehr oder minder reflektiert einen Bruch des herrschenden
Meinungsmonopols an.
Im Gegensatz zu früheren Formen der Gegenöffentlichkeit formulieren viele
dieser Projekte allenfalls ansatzweise eine Programmatik der mittelbar
verfolgten Ziele. Dennoch – oder vielleicht auch gerade auf Grund dieses
scheinbaren Defizits – entfalten einige dieser Projekte eine erstaunliche
Dynamik und geradezu verblüffende Wirkung. In publizistischen Prozessen des
Erstellens, Veröffentlichens und Rezipierens von Dokumenten manifestieren
sich diese medialen Transformationen als Verschiebungen von asymmetrischen
und unidirektionalen hin zu symmetrischen und bidirektionalen Formen. Wir
beobachten mit dem Erstarken bidirektionaler und hochgradig interaktiver
Kommunikations-strukturen die faktische Revitalisierung emanzipatorischer
Medientheorien, die den Rezipienten nicht nur als Konsumenten
kommerzialisierter Inhalte, sondern als gleichberechtigten Produzenten
sehen [2].
Sind die alternativen Medienaktivisten nun durch Naivität, Anmaßung,
Selbstüberschätzung und Hybris verblendet, oder liegt hier möglicherweise
eine intellektuelle Emanzipationsbewegung vor, deren Akteure sich von
zunehmend monopolisiertem, kommodifizierten [3] und ‚venterisierten’
[4] Wissen aus
ihrer Heteronomie [5] befreien wollen? Ist diese emancipatio ein erster Schritt
der Befreiung von den institutionalisierten Wissens-Vormündern aus
Enzensbergers »Bewusstseins-Industrie«? [6]
Kant formulierte im Dezember 1784, die Ursache der selbstverschuldeten
Unmündigkeit liege »nicht am Mangel des Verstandes, sondern der
Entschließung und des Mutes [...] sich seiner ohne Leitung eines anderen zu
bedienen« [7]. Die Selbstbefreiung und Selbsterziehung ereignet sich durch
Wissen, allerdings im Sinne einer geistigen Selbstbefreiung vom Irrtum oder
vom Irrglauben (Popper 1961). Gibt es nun eine gesellschaftliche Bewegung in
den Hinterzimmern der vernetzten Computeranwender, deren Partizipanten den
Mut gefunden haben, ihre Fähigkeiten im Sinne der Kantschen Forderung
autonom zu nutzen und im Popperschen Sinne vom Irrglauben zu befreien?
Mündigkeit und Emanzipation sind zwar – als Grundlagen einer
demokratischen Gesellschaft – erklärte pädagogische und politische Ziele, es
ist jedoch fraglich, ob das eingesetzte Instrumentarium zur Erreichung
dieser Zielvorgaben geeignet ist. Ist eine pädagogische und politische
Bildung ‚von oben’ wirklich geeignet, mehr Aufgeklärtheit zu erreichen, oder
sind selbstorganisierende Formen ‚von unten’ die geeigneteren Instrumente?
Entwickeln sich gerade klammheimlich – am Staats- und Bildungswesen vorbei –
die Grundvoraussetzungen für »den Ausgang des Menschen aus seiner
selbstverschuldeten Unmündigkeit« [8]? In welchem Verhältnis stehen
Informiertheit und Vielwisserei zu dieser potenziellen Aufklärung? Führen
die neuen alternativen Medienprojekte zu mehr Aufgeklärtheit?
Welche Bedeutung kommt technischen Faktoren (wie der so genannten Social
Software) oder soziologischen (wie den virtuellen Gemeinschaften, den
Smart
Mobs oder der Schwarmintelligenz ) zu? Ist durch die dezentrale
Informationsinfrastruktur des Internet und den darauf aufsetzenden Dienst
des World Wide Web in Verbindung mit ‚Social Software’ und
‚Schwarmintelligenz’ eine »kollektive Struktur« [10] mit subversivem Charakter
entstanden? Existiert nunmehr der »Kommunikationsapparat« [11], der tatsächlich
der Kommunikation und nicht ihrer »Verhinderung« [12] dient, der also eine
echte
Wechselwirkung zwischen Sender/Produzent und Empfänger/Konsument ermöglicht
und so einen emanzipatorischen Mediengebrauch ermöglicht? Bieten diese
‚neuen’ Medien, die als Graswurzelprojekte ohne zentrale Steuerung oder
Kontrolle entstanden sind, eine Alternative zu den etablierten
Massenmedien, in welchem Umfang werden sie wahrgenommen, und können sie
möglicherweise gesamtgesellschaftliche Transformationsbewegungen
beeinflussen?
Zur Beantwortung dieser Fragen soll die Rolle ausgewählter
zeitgenössischer alternativer Medien als Instrumente einer
Gegenöffentlichkeit untersucht werden; schwerpunktmäßig soll dabei verfolgt
werden, welchen Anspruch diese Projekte an die eigene Arbeit stellen, welche
Erfolgsaussichten zur Verwirklichung dieser Programmatik bestehen und wie
sich die alternativen Medienprojekte im Verhältnis zu den konventionellen
Medien positionieren.
Wir gehen von der Arbeitshypothese aus, dass es sich bei den emergierenden
alternativen ‚Massen-Medien’ nicht um Substitute der konventionellen
Massenmedien handelt, sondern um eine neuartige Mediengattung, die
gekennzeichnet ist durch
- technische Verbreitungsmittel (Medien, hier Internet, WWW und
Social
Software),
- eine Breitenwirkung gegenüber einer Öffentlichkeit bzw.
Gegenöffentlichkeit und
- räumliche oder zeitliche oder raumzeitliche Distanz der
Kommunikationspartner, jedoch
- die charakteristischen Merkmale von Massenkommunikation –
insbesondere das disperse Publikum und die Unidirektionalität – nicht
aufweist.
Sie weisen ein hohes emanzipatorisches Potenzial auf durch ihre
Verbindung mit den folgenden Merkmalen:
- Sie ermöglichen die Kommunikation zwischen Individuen (den Peers
oder Commons) im Sinne von Brechts »Kommunikationsapparat« unter
Umgehung von institutionalisierten oder faktischen Gatekeepern und
lassen den Konsumenten zum Produzenten und den Empfänger zum Sender
werden.
- Sie entstanden als Graswurzelprojekte ‚von unten’.
- Ihre Arbeitsweisen sind kollektiv oder zumindest kooperativ, offen
und selbstorganisierend (»Schwarmintelligenz«).
- Sie weisen als nichtkommerzielle und nicht kommerzialisierbare
Projekte einen hohen Grad der Unabhängigkeit von wirtschaftlichen
Interessen auf.
- Sie zielen auf einen Bruch des Meinungsmonopols ab, das durch freie
Inhalte (»Wissens-Allmende«) abzulösen ist.
Zur Prüfung dieser Arbeitshypothese sind folgende Fragen zu beantworten:
- Wie können die etablierten Massenmedien in ihrer
gesellschaftspolitischen Funktion charakterisiert werden?
- Welche alternativen Medien gibt es, wie haben sie sich in der
jüngeren Geschichte entwickelt und welche Merkmale kennzeichnen sie
gegenüber den etablierten Massenmedien? Wie unterscheiden sich aktuelle
internetbasierte alternative Medien von ihren Vorgängern?
- Welche Funktion kommt alternativen Medien zum gegenwärtigen
Zeitpunkt zu, und wie könnte sich diese Funktion perspektivisch
entwickeln?
- Können die emergierenden alternativen ‚Massen’-Medien wie die
Blogosphäre, Indymedia, Wikipedia oder Wikinews eine
gesamtgesellschaftliche Tranformationsbewegung beeinflussen?
Sollte – anhand der exemplarisch ausgewählten Fallstudien – der
indizienhafte Nachweis gelingen, dass es aufgrund veränderter technischer
Voraussetzungen Ansätze für grossflächige intellektuelle
Emanzipationsbewegungen gibt, könnte dies möglicherweise als erster Schritt
hin zu einer wachsenden Mündigkeit und als Indikator eines Wandels von einer
‚informierten’ hin zu einer ‚aufgeklärten’ Gesellschaft interpretiert
werden.
[1] Mit einer speziellen Variante dieser Marginalisierung
war der Autor bei der Literaturbeschaffung konfrontiert: Gottfried Oys beim
‚Westfälischen Dampfboot’ im Jahr 2001 erschienener Band Die Gemeinschaft
der Lüge. Medien- und Öffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der
Bundesrepublik war weder im Buchhandel vor Ort noch bei den
einschlägigen Internet-Buchversendern zu beschaffen. Buch.de und Buecher.de
führten den Titel gar nicht erst im Online-Katalog, der Marktführer
Amazon.de bezeichnet ihn als vergriffen, ebenso wie die ortsansässigen
Händler Dussmann, Hugendubel und eine kleine „wissenschaftliche
Buchhandlung“ in Berlin-Mitte. Der normale Kunde müsste annehmen, dass ein
Titel, der vom Buchhändler als „nicht lieferbar“ bezeichnet wird, auch
tatsächlich nicht lieferbar sein müsse. Oys im Verzeichnis Lieferbarer
Bücher <sic!> allerdings durchaus verzeichneter Band war jedoch nicht
vergriffen, sondern beim Verlag umgehend lieferbar; der Buchhandel beziehe
seine Produkte mittlerweile ausschließlich über Zwischenhändler
(Barsortimente), „die den Markt filtern und den Buchhandlungen Soft-
und Hardware in den Laden gestellt haben“; dabei gehe es „selbstverständlich
nur ums Umsatzvolumen“ (so Guenter Thien in einer E-Mail vom 19. Mai
2005 an den Autoren).
[2] So beispielsweise Tretjakovs „Kunst in der
Revolution und Revolution in der Kunst“ aus dem Jahr 1923, Brechts
zwischen 1927 und 1932 entstandene ‚Radiotheorie’, sowie
Enzensbergers ‚Medienbaukasten’ aus dem Jahr 1970 (Brecht 1992,
Enzensberger 1974); cf. Oy 2001: 22 ss, 46 ss.
[3] In diesem Sinne bspw. Pross 1996: 159.
[4] Kuhlen 2002; cf. Fn. 383 (p. 63).
[5] Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785.
[6] Enzensberger 1974: 91.
[7] Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?,
1783 (Bahr 1974: 9 ss.).
[8] Op. cit. 9.
[9] Cf.
Bedeutung der Massen: Verteilte Kooperation und kollektive Intelligenz.
[10] Enzensberger 1974: 104.
[11] Brecht 1992: 552 ss.
[12] Enzensberger 1974: 93.