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Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit

Themenstellung und Zielsetzung

Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit,

Von Agon S. Buchholz für Kefk Network Politik, Juni 2005 ff.

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Erstellt/Bearbeitet: 20-Jun-2005/14-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 09.01.2009, 07:58:48.

Home : Politik : Alternative.Medien : Einleitung : Themenstellung


Übersicht

Im Anschluss an ausgewählte emanzipatorische Medientheorien von Tretjakov, Brecht, Enzensberger et al. wird angenommen, konventionelle Massenmedien hätten systemimmanente Funktionen wie beispielsweise die der Entpolitisierung, der Konsensgenerierung sowie zumindest partiell der Repression und der Manipulation; weiterhin wird angenommen, konventionellen alternativen Medien komme im Rahmen des gegenwärtigen Mediensystems vor allem eine kompensatorische, jedoch keine revolutionäre Bedeutung zu: Die konventionellen Instrumente der Gegenöffentlichkeit konn-ten ihre zentrale Programmatik – die Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse – nicht einlösen.

Ausgehend von der zu beobachtenden Entwicklung neuer – netzwerkförmiger – gesellschaftlicher Strukturen in Verbindung mit neuen Technologien – den ‚neuen’ digitalen und vernetzten Medien unserer Epoche – sollen neue Ansätze im Bereich alternativer Medien vorgestellt werden; dabei wird einerseits zu erörtern sein, welche emanzipativen Potenziale durch dieses Neue entstehen könnten und andererseits, welchen Anteil das Neue an diesen drei Komponenten wirklich hat.

Einige dieser zeitgenössischen alternativen Medien stützen sich auf die offene Informationsinfrastruktur des globalen Computernetzwerks Internet und präsentieren in dem Internet-Dienst World Wide Web Aussagen, die zumindest partiell den Anspruch erheben, in der vorfindlichen Öffentlichkeit nicht frei geäußert oder dort marginalisiert zu werden [1]; diese häufig kollektiv erstellten Angebote zielen unmittelbar weniger auf eine Dekonstruktion herrschender Öffentlichkeit, als vielmehr auf die Herstellung und Durchsetzung einer Alternative zu dieser – also einer Gegenöffentlichkeit –, sie streben also mehr oder minder reflektiert einen Bruch des herrschenden Meinungsmonopols an.

Im Gegensatz zu früheren Formen der Gegenöffentlichkeit formulieren viele dieser Projekte allenfalls ansatzweise eine Programmatik der mittelbar verfolgten Ziele. Dennoch – oder vielleicht auch gerade auf Grund dieses scheinbaren Defizits – entfalten einige dieser Projekte eine erstaunliche Dynamik und geradezu verblüffende Wirkung. In publizistischen Prozessen des Erstellens, Veröffentlichens und Rezipierens von Dokumenten manifestieren sich diese medialen Transformationen als Verschiebungen von asymmetrischen und unidirektionalen hin zu symmetrischen und bidirektionalen Formen. Wir beobachten mit dem Erstarken bidirektionaler und hochgradig interaktiver Kommunikations-strukturen die faktische Revitalisierung emanzipatorischer Medientheorien, die den Rezipienten nicht nur als Konsumenten kommerzialisierter Inhalte, sondern als gleichberechtigten Produzenten sehen [2].

Sind die alternativen Medienaktivisten nun durch Naivität, Anmaßung, Selbstüberschätzung und Hybris verblendet, oder liegt hier möglicherweise eine intellektuelle Emanzipationsbewegung vor, deren Akteure sich von zunehmend monopolisiertem, kommodifizierten [3] und ‚venterisierten’ [4] Wissen aus ihrer Heteronomie [5] befreien wollen? Ist diese emancipatio ein erster Schritt der Befreiung von den institutionalisierten Wissens-Vormündern aus Enzensbergers »Bewusstseins-Industrie«? [6]

Kant formulierte im Dezember 1784, die Ursache der selbstverschuldeten Unmündigkeit liege »nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes [...] sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen« [7]. Die Selbstbefreiung und Selbsterziehung ereignet sich durch Wissen, allerdings im Sinne einer geistigen Selbstbefreiung vom Irrtum oder vom Irrglauben (Popper 1961). Gibt es nun eine gesellschaftliche Bewegung in den Hinterzimmern der vernetzten Computeranwender, deren Partizipanten den Mut gefunden haben, ihre Fähigkeiten im Sinne der Kantschen Forderung autonom zu nutzen und im Popperschen Sinne vom Irrglauben zu befreien?

Mündigkeit und Emanzipation sind zwar – als Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft – erklärte pädagogische und politische Ziele, es ist jedoch fraglich, ob das eingesetzte Instrumentarium zur Erreichung dieser Zielvorgaben geeignet ist. Ist eine pädagogische und politische Bildung ‚von oben’ wirklich geeignet, mehr Aufgeklärtheit zu erreichen, oder sind selbstorganisierende Formen ‚von unten’ die geeigneteren Instrumente? Entwickeln sich gerade klammheimlich – am Staats- und Bildungswesen vorbei – die Grundvoraussetzungen für »den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« [8]? In welchem Verhältnis stehen Informiertheit und Vielwisserei zu dieser potenziellen Aufklärung? Führen die neuen alternativen Medienprojekte zu mehr Aufgeklärtheit?

Welche Bedeutung kommt technischen Faktoren (wie der so genannten Social Software) oder soziologischen (wie den virtuellen Gemeinschaften, den Smart Mobs oder der Schwarmintelligenz ) zu? Ist durch die dezentrale Informationsinfrastruktur des Internet und den darauf aufsetzenden Dienst des World Wide Web in Verbindung mit ‚Social Software’ und ‚Schwarmintelligenz’ eine »kollektive Struktur« [10] mit subversivem Charakter entstanden? Existiert nunmehr der »Kommunikationsapparat« [11], der tatsächlich der Kommunikation und nicht ihrer »Verhinderung« [12] dient, der also eine echte Wechselwirkung zwischen Sender/Produzent und Empfänger/Konsument ermöglicht und so einen emanzipatorischen Mediengebrauch ermöglicht? Bieten diese ‚neuen’ Medien, die als Graswurzelprojekte ohne zentrale Steuerung oder Kontrolle entstanden sind, eine Alternative zu den etablierten Massenmedien, in welchem Umfang werden sie wahrgenommen, und können sie möglicherweise gesamtgesellschaftliche Transformationsbewegungen beeinflussen?

Zur Beantwortung dieser Fragen soll die Rolle ausgewählter zeitgenössischer alternativer Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit untersucht werden; schwerpunktmäßig soll dabei verfolgt werden, welchen Anspruch diese Projekte an die eigene Arbeit stellen, welche Erfolgsaussichten zur Verwirklichung dieser Programmatik bestehen und wie sich die alternativen Medienprojekte im Verhältnis zu den konventionellen Medien positionieren.

Wir gehen von der Arbeitshypothese aus, dass es sich bei den emergierenden alternativen ‚Massen-Medien’ nicht um Substitute der konventionellen Massenmedien handelt, sondern um eine neuartige Mediengattung, die gekennzeichnet ist durch

  • technische Verbreitungsmittel (Medien, hier Internet, WWW und Social Software),
  • eine Breitenwirkung gegenüber einer Öffentlichkeit bzw. Gegenöffentlichkeit und
  • räumliche oder zeitliche oder raumzeitliche Distanz der Kommunikationspartner, jedoch
  • die charakteristischen Merkmale von Massenkommunikation – insbesondere das disperse Publikum und die Unidirektionalität – nicht aufweist.

Sie weisen ein hohes emanzipatorisches Potenzial auf durch ihre Verbindung mit den folgenden Merkmalen:

  • Sie ermöglichen die Kommunikation zwischen Individuen (den Peers oder Commons) im Sinne von Brechts »Kommunikationsapparat« unter Umgehung von institutionalisierten oder faktischen Gatekeepern und lassen den Konsumenten zum Produzenten und den Empfänger zum Sender werden.
  • Sie entstanden als Graswurzelprojekte ‚von unten’.
  • Ihre Arbeitsweisen sind kollektiv oder zumindest kooperativ, offen und selbstorganisierend (»Schwarmintelligenz«).
  • Sie weisen als nichtkommerzielle und nicht kommerzialisierbare Projekte einen hohen Grad der Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen auf.
  • Sie zielen auf einen Bruch des Meinungsmonopols ab, das durch freie Inhalte (»Wissens-Allmende«) abzulösen ist.

Zur Prüfung dieser Arbeitshypothese sind folgende Fragen zu beantworten:

  • Wie können die etablierten Massenmedien in ihrer gesellschaftspolitischen Funktion charakterisiert werden?
  • Welche alternativen Medien gibt es, wie haben sie sich in der jüngeren Geschichte entwickelt und welche Merkmale kennzeichnen sie gegenüber den etablierten Massenmedien? Wie unterscheiden sich aktuelle internetbasierte alternative Medien von ihren Vorgängern?
  • Welche Funktion kommt alternativen Medien zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu, und wie könnte sich diese Funktion perspektivisch entwickeln?
  • Können die emergierenden alternativen ‚Massen’-Medien wie die Blogosphäre, Indymedia, Wikipedia oder Wikinews eine gesamtgesellschaftliche Tranformationsbewegung beeinflussen?

Sollte – anhand der exemplarisch ausgewählten Fallstudien – der indizienhafte Nachweis gelingen, dass es aufgrund veränderter technischer Voraussetzungen Ansätze für grossflächige intellektuelle Emanzipationsbewegungen gibt, könnte dies möglicherweise als erster Schritt hin zu einer wachsenden Mündigkeit und als Indikator eines Wandels von einer ‚informierten’ hin zu einer ‚aufgeklärten’ Gesellschaft interpretiert werden.

Fußnoten

[1] Mit einer speziellen Variante dieser Marginalisierung war der Autor bei der Literaturbeschaffung konfrontiert: Gottfried Oys beim ‚Westfälischen Dampfboot’ im Jahr 2001 erschienener Band Die Gemeinschaft der Lüge. Medien- und Öffentlichkeitskritik sozialer Bewegungen in der Bundesrepublik war weder im Buchhandel vor Ort noch bei den einschlägigen Internet-Buchversendern zu beschaffen. Buch.de und Buecher.de führten den Titel gar nicht erst im Online-Katalog, der Marktführer Amazon.de bezeichnet ihn als vergriffen, ebenso wie die ortsansässigen Händler Dussmann, Hugendubel und eine kleine „wissenschaftliche Buchhandlung“ in Berlin-Mitte. Der normale Kunde müsste annehmen, dass ein Titel, der vom Buchhändler als „nicht lieferbar“ bezeichnet wird, auch tatsächlich nicht lieferbar sein müsse. Oys im Verzeichnis Lieferbarer Bücher <sic!> allerdings durchaus verzeichneter Band war jedoch nicht vergriffen, sondern beim Verlag umgehend lieferbar; der Buchhandel beziehe seine Produkte mittlerweile ausschließlich über Zwischenhändler (Barsortimente), „die den Markt filtern und den Buchhandlungen Soft- und Hardware in den Laden gestellt haben“; dabei gehe es „selbstverständlich nur ums Umsatzvolumen“ (so Guenter Thien in einer E-Mail vom 19. Mai 2005 an den Autoren).

[2] So beispielsweise Tretjakovs „Kunst in der Revolution und Revolution in der Kunst“ aus dem Jahr 1923, Brechts zwischen 1927 und 1932 entstandene ‚Radiotheorie’, sowie Enzensbergers ‚Medienbaukasten’ aus dem Jahr 1970 (Brecht 1992, Enzensberger 1974); cf. Oy 2001: 22 ss, 46 ss.

[3] In diesem Sinne bspw. Pross 1996: 159.

[4] Kuhlen 2002; cf. Fn. 383 (p. 63).

[5] Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785.

[6] Enzensberger 1974: 91.

[7] Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, 1783 (Bahr 1974: 9 ss.).

[8] Op. cit. 9.

[9] Cf. Bedeutung der Massen: Verteilte Kooperation und kollektive Intelligenz.

[10] Enzensberger 1974: 104.

[11] Brecht 1992: 552 ss.

[12] Enzensberger 1974: 93.

Quelle und Lizenz

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Kontext: Der Text Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit entstand im Sommersemester 2005 als studienbegleitender Leistungsnachweis im Rahmen des Hauptseminars »Kritik und Alternativen des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland« unter Leitung von Prof. Dr. Fritz Vilmar am Otto-Suhr-Institut des Fachbereichs Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin.
Gliederung Alternative Medien als Instrumente einer Gegenöffentlichkeit:
  1. Einleitung: Themenstellung und Zielsetzung - Schwerpunkte und Eingrenzung der Thematik - Disposition.
  2. Medien und Öffentlichkeit: Theoretische Vorüberlegungen - Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit - Bildung und Aufklärung - Individualität und Sozialität - System der konventionellen Massenmedien - Konventionelle alternative Medien - Transformationen des Mediensystems.
  3. Fallstudien: Freies Wissen (Wikipedia, weitere Projekte) - Alternative Nachrichtenquellen (Wikinews, weitere Projekte) - Diskursplattformen (Indymedia, weitere Projekte) - Publikations- und Diskussionsplattformen (Blogosphäre, weitere Projekte) - Zusammenfassung.
  4. Schlussfolgerungen: Thesen - Anti-Thesen.
  5. Anhang: Materialien - Quellennachweise - Personen- und Stichwortverzeichnis.
Stand der Textbasis: 22. Juni 2005 | Changelog.
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