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Calcaria Linux7k-Project

16-Jul-2000/14-01-07
PDA : OS : Linux7k : Artikel


»Psion als Server? Linux auf dem Serie 5«

»Jetzt sind die Typen komplett durchgeknallt«, mag sich mancher denken, wenn er vom Linux 7k-Projekt hört. Eine Reihe von Entwicklern hat sich daran gemacht, das Public-Domain-UNIX-Betriebssystem Linux auf den Psion Serie 5 zu portieren. Inzwischen kann der erste bootfähige Kernel vom Internet geladen werden -- viel mehr als eine Technologiestudie ist das Ganze allerdings noch nicht. Trotzdem bietet Linux auf dem Psion schon jetzt genug »food for thought«, sowohl für den Psion-Nutzer, der an Linux interessiert ist, als auch für den Linux-User, der nach einem mobilen Pendant zu seinem UNIX-Desktop sucht. Das Linux 7k-Projekt ist angetreten, Linux auf den CL-PS7100-Prozessor zu portieren, der im Serie 5 eingebaut ist. Laut der »Heimat«-Website des Projektes (www.calcaria.net) reicht die Rechenpower des Psion 5 aus, die in etwa einem Intel 486/33 entspricht; darüber hinaus stehen mit acht MByte RAM genug Arbeitspeicher und mit den Flashcards erweiterbarer »Plattenplatz« zur Verfügung. Technisch finden sich also keine unüberwindbaren Hindernisse, vor allem, wenn man in Betracht zieht, daß Linux schon seit einiger Zeit auf den ARM-Prozessoren läuft, auf dem auch der Psion 5-Hauptprozessor basiert.

Neben der technischen Machbarkeit steht natürlich die Frage: »Warum?« Was fange ich als Psion-User mit einem Betriebssystem an, das eigentlich als Serverbetriebssystem entwickelt wurde? Der bekannte Psion-Softwareentwickler Mark Esposito hat da seine Meinung: »Ich kann im Markt beim besten Willen keinen Bedarf für einen Server auf einem Palmtop erkennen. Der Psion ist im Gegenteil eigentlich prädestiniert als Client eines Linux-Servers. Trotzdem bin ich sicher, daß irgendein Psion-Maniac nur so zum Spaß einen Webserver auf einem Serie 5 starten wird. Diese Maschine wird dann aber nicht mehr mobil sein!« Auf der anderen Seite sieht Mark auch positive Aspekte: »Sicherlich kann das Linux-Projekt irgendwann einmal nützlich sein, beispielsweise wenn eines Tages vielleicht eine größere Maschine mit EPOC vorgestellt wird.« Diese Hoffnung ist sicherlich nicht unberechtigt, allerdings hängt dies nicht vom Betriebssystem EPOC ab, da dies ja durch Linux ersetzt wird. Ausschlaggebend für die Lauffähigkeit ist die Hardware. Natürlich existiert für Linux in der PC-Version eine nahezu grenzenlose Vielfalt von Anwendungsprogrammen, von Freeware-Gimmicks bis hin zu kompletten (für Privatnutzer kostenlosen!) Officepaketen wie dem in Deutschland entwickelten Staroffice.

Sieht man einmal ab von Kommandozeilenprogrammen, die eher für den Hacker interessant sind, laufen die meisten Programme mit grafischer Oberfläche allerdings unter XWindows, dem grafischen Aufsatz für Linux -- analog zu Linux und XWindows kann man die PC-Konfiguration mit DOS und Windows sehen. XWindows benötigt jedoch einiges an Speicher und Rechenleistung, was an die Grenzen des Psion gehen dürfte. Alle Anwendungen müssen für den Einsatz auf dem Psion neu kompiliert werden, in vielen Fällen muß wahrscheinlich der Quellcode angepaßt werden. Die größte Schwierigkeit wird allerdings sicherlich an der von einem Desktop-Computer in vieler Hinsicht abweichenden Hardware und Bedienung des Palmtop liegen. Der Psion-Bildschirm hat zum einen ein völlig anderes Format wie ein Desktop-Monitor, zum anderen benötigen Linux-Applikationen im Gegensatz zu Psion-Programmen relativ viel Platz auf dem Bildschirm - nicht umsonst klappen die Menüs auf dem Psion weg, wenn sie nicht benötigt werden.

Allerdings läßt sich mit Windows-Managern wie fvwm oder KDE das Aussehen des XWindows-Desktops und der einzelnen Fenster in weiten Bereichen anpassen. Dies könnte eine Möglichkeit zur technischen Realisierung sein: Die Grafik-Engine von XWindows läßt sich nahezu unbegrenzt konfigurieren, so daß mit einem Grafiktreiber und einem passenden Eintrag in der Konfigurationsdatei Xconfig auch der »Breitwand«-Bildschirm des S5 zu nutzen sein sollte. Ein spezieller Psion-Windowmanager könnte die wegklappende Menüs und Fenster ohne »Kopfzeile« bereitstellen, so daß in Endeffekt doch noch ein Psion-Feeling aufkommt. XWindows besitzt übrigens meist mehrere virtuelle Desktops, was auf dem begrenzten Bildschirm des Psion Platz schaffen würde.

Berücksichtigt man dies, zeigt sich, daß für einen Einsatz von Linux als EPOC-Ersatz einiges an Arbeit in die Linux-Programme stecken müßte. Dabei stellt sich wiederum die Frage nach dem Sinn, da der Psion sehr ausgereifte EPOC-Applikationen mitbringt beziehungsweise solche Applikationen von Drittanbietern zur Verfügung stehen. »Was also kann Linux, was EPOC nicht kann -- und was auf einem Palmtop nützlich sein könnte?« Kurz gesagt - derzeit nichts; dies kann sich allerdings in der Zukunft ändern, und falls so komplexe Applikationen wie StarOffice auf dem Psion-Linux laufen würden, würde dies natürlich von der Funktionalität -- auch und gerade gegenüber Windows CE -- einen Quantensprung bedeuten. Umgekehrt allerdings - also aus Sicht des Linux-Users -- ist das Gedankenspiel interessanter. Einer der Linux 7k-Entwickler sagt: »Alles in allem glaube ich, daß es in der Linux-Gemeinde ein Interesse an einer sehr portablen Linux-Plattform gibt, die nicht übermäßig Batterien verbraucht. Auf meinem Desktop benutze ich Linux und Public Domain-Software, warum soll dann mein PDA nicht auch unter Linux und mit freier Software laufen?« Also ein portabler Linux-Rechner, auf dem die selben Applikationen laufen wie auf dem Desktop -- kompatible Datenformate, einheitliche Bedienung? Sicher ein bestechender Gedanke, aber dies erinnert an die Geschichte von Windows CE: Irgendwann müssen die Entwickler erkennen, daß es unsinnig ist, die »platzverschwendenden« PC-Datenformate auf dem Palmtop zu speichern, und beginnen das Format abzuspecken -- womit die Binärkompatibilität der Daten dahin ist.

Natürlich bietet ein Psion Serie 5 mit seiner Fähigkeit, bis zu 40 MByte an Flash-RAM hinzuzufügen, wesentlich mehr Speicherplatz als beispielsweise die Serie 3, weshalb das Abspeichern der Linux-Formate grundsätzlich möglich ist, aber dies erinnert doch etwas an den Versuch, aus einem Sportwagen einen Umzugs-LKW zu machen. Natürlich ist die Vernetzung zweier Linux-Rechner einfacher als die Anbindung eines EPOC-Rechners an den UNIX-Desktop. Über TCP/IP beziehungsweise PPP müßte sich eine echte Netzwerkverbindung zwischen PC und Psion schaffen lassen - Datenaustausch per FTP oder das direkte Mounten (Einbinden) der Psion-Platten in das Dateisystem des PC rücken damit in technische Reichweite.

Fazit: Alles Quatsch? Sicherlich nicht, denn die Möglichkeit, Linux in die Hosentasche stecken zu können, hat ihre Vorteile, und, wie Mark Esposito sagte: Wer weiß, welche EPOC-Maschinen die Zukunft bringt. Als Beweis, daß der Psion Serie 5 ein echter Computer im Taschenformat ist, taugt Linux 7k allemal. Darüber hinaus kann er beispielsweise dem UNIX-Servicetechniker als portable Anzeigemaschine für die man-Onlinehilfedateien in UNIX dienen, weitere Anwendungsfälle werden wahrscheinlich schneller als vermutet auftauchen. Zum Schluß ist den Entwicklern des Linux 7k-Projektes viel Glück und gutes Gelingen zu wünschen.

Linux 7k -- Die Technik

Das Grundproblem beim Booten eines Linux-Systems auf dem Psion ist, daß das Betriebssystem nicht wie beim PC auf der Festplatte liegt, sondern sozusagen festverdrahtet im ROM-Speicher. Der Psion bootet nach einem Reset unweigerlich und unvermeidbar zuerst EPOC. Für den Weg zur Lösung gibt es jedoch schon ein Vorbild: Für den PC existiert ein Programm namens loadlin, mit dem von der DOS-Ebene aus ein Linux-System gebootet werden kann. Beim Bootvorgang lädt sich loadlin in den Hauptspeicher und »formatiert« diesen, so daß DOS regelrecht abgewürgt wird. In den nun freien Hauptspeicher hinein bootet der Linux-Kernel. Diese Vorgehensweise ist übrigens nicht neu: Selbst solch ein mächtiges Betriebssystem wie Novells Netware wird aus DOS heraus gebootet - allerdings wird DOS dabei nicht aus dem Speicher »geschossen«, sondern es »schläft« im Hintergrund, bis es explizit aus dem Speicher gelöscht wird.

Die Vorgehensweise zum Starten von Linux auf dem Psion ist ähnlich, allerdings ist die Implementierung schwieriger, da EPOC nach Auskunft der Linux 7k-Spezialisten »more sophisticated« als DOS ist (hab´ ich ´s doch gewußt!). Ein ARM-Assembler-Programm namens ARLO (Advanced Risc Loader) wird aus EPOC heraus gestartet und lädt den Linux-Kernel. Derzeit lassen sich nur wenige Kommandos ausführen - wie gesagt, der Kernel ist im Stadium einer Technologiestudie. Ein Anzeigen der C:-»Platte« ist möglich, und eine Prozeßliste läßt sich auf den Schirm rufen. Seit kurzem kann auch eine CompactFlash-Karte angesprochen werden.

Der nächste Schritt ist die Vervollständigung des Kartensupports, um eine bootfähige Flashkarte herstellen zu können. Damit würde auch die größte Problematik des derzeitigen Entwicklungsstandes lösen: Beim Herunterfahren des Linux-Kernels stürzt der Psion ab und muß mit einem Hard-Reset ins Leben zurückgerufen werden. Der Stand der Entwicklung sieht derzeit noch nicht sehr aufsehenerregend aus. Man muß sich jedoch klarmachen, welche Vorarbeit notwendig war, um wenigstens einen Kernel booten zu können: Eine »Cross-Platform«-Entwicklungsumgebung wurde geschaffen, mittels der Psion-Linux-Programme unter PC-Linux erzeugt werden können. Aufgrund der restriktiven Informationspolitik von Psion war sicherlich auch einige Arbeit notwendig, um Grundinformationen über die Hardware zu gewinnen. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß die Linux-Entwicklung -- nachdem die ersten Schwierigkeiten auf einer neuen Hardwareplattform gelöst sind -- rasend Fahrt aufnimmt. Vom Linux 7k-Projekt ist sicherlich noch einiges zu erwarten! Weiterführende Informationen finden sich unter http://www.calcaria.net/index.html.

Quelle: http://www.calcaria.net/germppro.html.

Kommentare und Anmerkungen zu OS/Linux7k.

 
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