Informationskapitalismus

Der informationstechnologische Angriff auf das Soziale am Beispiel des Internets. Ein Informationsdiebstahl von N. Laway aus Göttingen

1. Einleitung

2. Netzwerktechnologie und Internet

2.1 Die Geschichte des Internet
2.2 Der Aufbau von Netzwerkbeziehungen
2.2.1 Freeware-Computering und Peer-to-Peer-Computering im virtuellen Raum
2.2.2 Copyleft statt Copyright - das Unbehagen gegen den Software-Imperialismus

3. Die Neuorganisation der Ökonomie im Informationskapitalismus

3.1 New Economy
3.2 Planstaatliche Aufgaben und Regulationstechniken
3.3 Der Trikont und das Internet - ein Überblick

4. Die Durchsetzung der Netzwerktechnologie zu Regulation der Krise nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie und die Entwicklung eines neuen Akkumulationmodelles

4.1 Netzwerktechnologie und Software-Imperialismus zur Vernetzung der digitalen und materiellen Wertschöpfungsketten

4.2 Digitale Wertschöpfung durch Netzwerkerwartungen

4.3 Der Krisenzyklus, der Zwang zur Fusion und die Neuordnung der Informationstechnologiekonzerne
4.3.1.Die Neuordnung des informationstechnologischen Sektors
4.3.2 Die Neuordnung von Telekommunikationsunternehmen im europäischen Wirtschaftsraum
4.3.3 Der Technologietransfer von den Universitäten in die Wirtschaft
4.3.4 Biotechnologie, Gentechnologie und Life Sciences

4.4 Wertschöpfungsketten durch Netzwerktechnologie im virtuellen Raum / Intranet
4.4.1 Business-Netzwerke für den elektronischen Handel der Unternehmen (B-Web)
4.4.2 Die Krise der Wertschöpfungsketten in der Chipindustrie
4.4.3 Electronic-Supply-Chain-Management am Beispiel von Wal-Mart
4.4.4 Die Automobilindustrie und Intranet
4.4.5 Kartellbildung durch virtuelle Marktplätze, Börsen und Auktionen
4.4.6 E-Business und E-Commerce

4.5 Netzwerke im öffentlichen und privaten Raum
4.5.1 Netzwerkzugang über ISDN-Technologie im Telekommunikationssektor
4.5.2 Netzwerkzugang über die Breitbandtechnologie im Mediensektor
4.5.3 Internet- und Telefonzugang über das Stromnetz der Energieversorgungsunternehmen
4.5.4 Internetzugang über Funknetze von Mobilfunkkonzerne
4.5.5 Netzwerke über Richtfunktechnologie

4.6 Digitale Netzwerke für eine neue Kriegsökonomie

5. Die informationstechnologische Durchdringung des Sozialen

5.1 Die Reorganisation des privaten und öffentlichen Raums durch die Netzwerktechnologie
5.1.1 Soziale Kontrolle im öffentlichen und privaten Raum und die Angst vor dem unkontrollierbaren sozialen Subjekt im virtuellen Raum

5.2 Die Bedeutung der NetuserInnen für die Wertschöpfung
5.2.1 Taylorisierung des NetusersIn - ein Beispiel
5.2.3 Die Steuerung des Konsums durch den virtuellen Raum
5.2.4 Verhalten und Verweigerung von NetuserInnen
 

5. 3 Die Neuordnung der Arbeit durch die Netzwerktechnologie
5.3.1 Arbeit unter den Bedingungen der Netzwerktechnologie
5.3.2 Die Neuordnung der Arbeit durch den virtuellen Raum
5.3.3 Die Herausbildung einer neuen Reproduktionsökonomie
5.3.4 Die Entstehung neuer Klassen durch die Netzwerktechnologie?

5.4 Der politische Widerstand in den Zeiten der Netzwerktechnologie
5.4.1 Die Bedeutung des Internets für die politische Linke
5.4.2 Guerilla und Befreiungsbewegungen politische oppositionelle Bewegungen
 


1. Einleitung

"Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftliche Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoiseepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen

Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnten Absatz für die Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.

Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum größten bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, die nichtmehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden. An die stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedung erheischen. An Stelle der lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut." (Karl Marx / Friedrich Engels, Das Manifest der Kommunistischen Partei, MEW Bd. 4, Berlin 1977, S. 466f)

Die Beschreibung der politischen Ökonomie des Informationskapitalismus lässt sich nicht von den neuen Wirtschaftszweigen, wie der Biotechnologie (Gentechnik) oder der Entwicklung in der Raumfahrtindustrie, trennen. Es geht im Artikel nicht um die Alte Wirtschaft (Old Economy) oder um die Neue Wirtschaft (New Economy) es geht um die Digitale Wirtschaft (Cyber Economy), die ich im folgenden Informationskapitalismus nennen werde. Mit New Economy werden die Branchen Telekommunikation, Software, Hardware, Medien und Biotechnologie bezeichnet. Diese Branchen entwickeln sich durch digitale Netzwerke und dem "Netz der Netze", dem Internet. Zwischen Old Economy und New Economy gibt es viele Schnittstellen und die Übergange zwischen beiden sind fließend. Beispielsweise sind in modernen Werkzeugmaschinen informationstechnologische Komponenten eingebaut, die bis zu 30 Prozent des Wertes der Maschine ausmachen. Die Bezeichnungen New Economy und Old Economy sind daher künstlich.

Ohne Netzwerktechnologie ist der Informationskapitalismus nicht denkbar. Die genannten Branchen spielen für diese kleine Untersuchung eine wichtige Rolle. Aus ihr lassen sich mögliche Entwicklungen für die Wertschöpfung und die Zukunftserwartungen des global operierenden Kapitals interpretieren. Wenn der überwiegende Teil der Wertschöpfung im informations- und kommunikationsverarbeitenden Sektor und nicht mehr im materiell-produktiven Sektor erfolgt, ist tendenziell vom Informationskapitalismus zu sprechen; wenn der überwiegende Teil der Gesellschaft zu den notwendigen Medien massenhaften Zugang (mit oder ohne Bezahlung) hat, und die individuelle und massenhafte Kommunikation sowie der Umgang mit Informationen und Wissen digital über den virtuellen Raum organisiert wird und auf virtuellen und logischen Strukturen und nicht mehr auf physikalischen Strukturen aufbaut, ist von einer Informationsgesellschaft zu sprechen: die Vermengung von beidem steht für ein neues modernes Akkumulationsmodell. Im Kern geht es dabei erstens um die Modernisierung der Industrie mit digitaler Netzwerktechnologie und einem sich daraus ableitenden neuen technologischen Angriff, zweitens um die Durchsetzung einer Reproduktionsindustrie, in der die einfache Reproduktionsarbeit sich zu einer Reproduktionsökonomie durch die digitale Netzwerktechnologie mit dem Ziel entwickelt, das Soziale informationstechnologisch zu durchdringen und zu kontrollieren und drittens um die Ökonomisierung des Krieges auf Grundlage der digitalen Netzwerktechnologie.

Der Informationskapitalismus hat seit Anfang der neunziger Jahre zu einem Wirtschaftsboom geführt, der als Prozess der Ungleichzeitigkeit zunächst von den USA ausging, sich in Westeuropa fortsetzte - insbesondere in den skandinavischen Staaten -, Japan erfasste und gegenwärtig auf den Weg ist, den osteuropäischen Wirtschaftsraum zu durchdringen. Wie jeder Gründungsboom lebt der Informationskapitalismus von unscharfen Begriffen - in diesem Fall englische Fachbegriffe aus dem weiten Feld der Programmierersprache - für die es oft keine entsprechenden deutschen Wortschöpfungen gibt. Im Gründerkapitalismus des 19. Jahrhunderts wurde beispielsweise aufgrund der zunehmenden Arbeitsteilung in der Verwaltung der Beruf des "Angestellten" erfunden. In der "Digitalen Wirtschaft" gibt es heute den unscharfen Begriff des NetuserIn für das Surfen aus dem privaten und dem öffentlichen Raum und "digitales Proletariat, "Netslave", "Communikation Worker" oder andere für die Arbeit im öffentlichen Raum und der Anbindung im Internet (virtueller Raum) - eine Definition für den Klassenbegriff steht jedoch noch aus.

Der Versuch der Analyse der politischen Ökonomie ist heute so aktuell und modern wie noch vor dreißig oder vierzig Jahren. Eine Annäherung an das Kapital kann nur auf Grundlage von Krisenanalyse im Informationskapitalismus erfolgen. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit vielen Problemen der Klassenanalyse und der Entwicklung des Kapitalismus im Krisenverlauf beschäftigt. Die Reproduktionsarbeit der Frauen, der globale Rassismus, die Inwertsetzung von Kapital, Akkumulationsmodelle in der Kalten-Kriegsökonomie, Fordismus und Taylorismus in seinen neuen Facetten, die Ökonomie des Krieges am Beispiel von Jugoslawien, Flüchtlingspolitik im allgemeinen etc. Nun zeigt sich für mich, dass einige dieser diskutierten Fragen und Probleme mit der derzeitigen ökonomischen Entwicklung und dem Informationskapitalismus viel zu tun haben. Der Informationskapitalismus hat seine Wurzeln in der Kalten-Kriegsökonomie. Er ist eine neue Entwicklungsstufe des Kapitalismus überhaupt und erscheint mir als neues Akkumulationsmodell mit Wertschöpfungsaussichten von (noch) unbekanntem Ausmaß. Die Neuorganisation der Arbeit ist in einigen Bereichen bereits deutlich feststellbar, die Neuzusammensetzung von Arbeitskraft erweitert sich bis in die ökonomischen Nischen der digitalen Wirtschaft und bis in jeden einzelnen Haushalt.

Für das effiziente Betreiben des Internets sind infrastrukturelle Maßnahmen Voraussetzung. Ein Teil der Infrastruktur wurde bereits mit Beginn der flächendeckenden Elektrifizierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa und insbesondere in Deutschland umgesetzt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach der Hobsbawmschen Zeitalterrechnung seit 1991 (das Zeitalter der Extreme, ) und dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegs-Ökonomie scheint nach dem Ende des Zeitalters der Moderne (1789 bis 19991) mit der Informationstechnologie und Netzwerktechnologie für die Entwicklung des Kapitalismus ein epochaler Umbruch anzubrechen.

2. Netzwerktechnologie und Internet

2.1 Die Geschichte des Internet

Das Internet ist eine Entwicklung der Kalten Kriegsökonomie. Es wurde auf dem Höhepunkt der Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion erfunden und den jeweiligen Kriegsstrategien angepasst. Neue technologische Impulse der elektronischen Datenverarbeitung kamen Anfang der sechziger Jahre hauptsächlich durch militärische Initiativen zustande. Im amerikanischen Kriegsministerium, dem Department of Defense, hatte der Datenschutz für die militärische Kriegsführung im Kalten Krieg vorrangigen Stellenwert. Selbst bei einem atomaren Angriff der Sowjetunion sollten vorhandene Daten nicht zerstört werden. Als Lösung für dieses technologische Problem kam nur ein elektronisches Datennetz in Frage. Gleiche Daten sollten auf mehreren Rechnern (Datenverarbeitungsmaschinen), die weit über das Land verstreut waren und die miteinander in einem elektronischen Netzwerk verbunden waren, abgelegt werden. Bei neuen oder geänderten Daten sollten sich alle angeschlossenen Rechner binnen kürzester Zeit den aktuellen Datenstand zusenden. Jeder Rechner sollte dabei über mehrere Wege mit jedem anderen Rechner kommunizieren können. Militärische Überlegung war dabei, dass das Datennetz auch dann funktionieren würde, wenn einzelne Rechner bei einem atomaren Angriff oder Gegenschlag zerstört würden.

Die Advanced Research Projects Agency (ARPA), Teil des US-Militärs, realisierte das geplante militärische Projekt. Ende 1969 auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges waren die ersten 4 Rechner an das ARPA-Net angeschlossen. 1972 waren es bereits 40 Rechner. Damit war die Technologie des elektronischen Datennetzes zunächst nur auf den "militärischen Raum" begrenzt.

Vernetzte Rechner in elektronischen Datennetzen waren nicht nur für das US-Militär oder die NATO interessant. Der akademische Betrieb in den USA, sei es nun auf Betreiben der Militärs oder nicht, hatte großes wissenschaftliches Interesse, das APRA-Net zu nutzen. Anders als für die militärischen Kreise stand jedoch nicht das Synchronisieren der Datenmengen für den Betrieb von militärischen Waffensystemen im Vordergrund, sondern eher die Möglichkeit, Daten von anderen Rechnern abzurufen. Dabei kam dem akademischen Betrieb die offene Architektur des elektronischen Datennetzes zugute, es fand rasch ein Datenaustausch zwischen den in sich angeschlossenen Instituten und Universitäten statt.

Die Anzahl der angeschlossenen Datenmaschinen wuchs schnell an. Die ersten technischen Probleme entstanden durch unterschiedliche Rechnertypen und nicht kompatibler Betriebssysteme und durch unterschiedlichen Netzzugang: Großrechner verschiedener Fabrikate, UNIX-Rechner und die ersten Personal Computer suchten Zugang durch Anwahl über Telefon-Modem oder so genannte Standleitungen. Gelöst wurden die technischen Probleme durch die Einführung des TCP/IP-Protokolls. Damit fand die erste Vereinheitlichung und Standardisierung im ARPA-Net statt. Das ARPA-Net wurde damit teilweise zum "offenen virtuellen Raum", weil es nun auch Privatpersonen und Betrieben Zugang ermöglichte. Das TCP/IP-Protokoll führte dazu, dass sich das erste elektronische Datennetz am Ende der Kalten Kriegsökonomie zum Netz der Netze, d. h. zu einem Verbundsystem territorial oder organisatorisch begrenzter Netze, die durch eine Anbindung (den Backbones) an das Gesamtnetz, sich zum Internet entwickeln konnte.

Anfang der achtziger Jahre richtete das US-Militär aus strategischen Gründen ein neues militärisches Datennetz, das MILNET ein. Das MILNET wurde ARPA-Net abgekoppelt. Für den weitaus größten Teil der Datenverarbeitung ist das World Wide Web verantwortlich, also diejenigen Anwendungen im Internet, die zur Datenübertragung das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) benutzen. Im Laufe der neunziger Jahre hat sich das Internet zu einem Multimedia-Instrument für jedermann entwickelt. Einige Zahlen machen die explosionsartige Entwicklung deutlich: Gab es 1990 weltweit nur 200 000 an das Internet angeschlossene Computer (so genannte Hosts), die Web-Inhalte anboten, so sind es heute mehr als 60 Millionen. Damit hat sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Hosts jährlich fast verdoppelt.

2.2 Der Aufbau von Netzwerkbeziehungen

"Das Internet ist wie die richtige Welt. Es ist inzwischen eine fast komplette Spiegelung menschlicher Daseins- und Organisationsformen und hat in kürzester Zeit eine unglaubliche Variationsbereite erreicht." (Helmut und Ute Mocker, INTRANET-INTERNET im betrieblichen Einsatz, Frechen-Königsdorf 3. Auflage 2000, S. 15)

Auf den ersten Blick scheint das Internet ein recht simples Netzwerksystem zu sein, das in der technologischen Vorstellung einem undurchdringlichen Spagettiknäuel gleicht. Es besteht aus Computern, die über Datenleitungen miteinander verbunden sind und Informationen austauschen. Doch bei genauerem Hinsehen werden mehrere technologische Komplikationen deutlich. Die miteinander verbundenen Computer sind keineswegs alle identisch, und die Datenleitungen können höchst unterschiedliche Übertragungsgeschwindigkeiten besitzen: von der langsamen Telefonleitung bis zum superschnellen Glasfaserkabel. Auch die auf den Computern laufenden Anwendungen sind sehr verschieden, ganz abgesehen von den NetuserInnen, die sich im Internet bewegen. (Vgl. hierzu die Nzz, 21. 6. 2000)

2.2.1 Freeware-Computering und Peer-to-Peer-Computering im virtuellen Raum

Bei dem Peer-to-Peer-Computing (p2p )handelt es sich um ein Netzwerkkonzept, dem nachgesagt wird, es werde die derzeit dominierende Client-Server-Architektur des Internets ablösen. Damit geht die Hoffnung einher, die Internet-Technik auf eine neue Grundlage zu stellen - ohne überlastete Server als Engpässe im Datenstrom. Beim Peer-to-Peer-Computing benutzen die Anwender nicht zentrale Server als Sammelstelle für alle Inhalte, sondern lassen sich direkt mit den Rechnern anderer NetuserInnen verbinden. In diesem Netzwerk tauschen Computer die Daten also "von gleich zu gleich" aus. Auf Grundlage dieses Konzepts hat beispielsweise die US-Firma Napster hat eine Art Tauschbörse für Musik aufgebaut, die intensiv für den Austausch von Raubkopien im MP3-Format benutzt wird. Auf den eigenen Rechnern des Unternehmens findet sich jedoch kein einziges Musikstück, sondern nur die Angaben der am virtuellen Verbund beteiligten NetuserInnen. (vgl. Nzz, 29. 9. 2000, Nr. 227, Seite 81) Napster ist jedoch kein echtes p2p. Es gibt immer noch eine Zentrale, die man schließen und so das System abschalten kann. Damit ähnelt Napster dem Internet, das zwar nach seiner technischen Grundstruktur ein Netz aus gleichberechtigten Computern ist, dessen praktische Nutzbarkeit aber von vielen Knoten und Zentralrechnern abhängt. Ohne den zentral und streng hierarchisch organisierten Domain Name Service (DNS) der ICANN könnte keine Internetadresse anwählt werden, sondern müsste mit Zahlencodes wie 192.135.173.20 herumoperiert werden. Unliebsamen Internetadressen kann der Name entzogen werden, die dann nur noch über den Zahlencode erreichbar sind - eine beliebte Methode der politischen Zensur im Übrigen. Ohne zentrale Datenbanken können Suchmaschinen wie Yahoo, Altavista oder Google kaum unter Milliarden Websites die gesuchte Information finden. Und ohne die Vermittlung der Napster-Zentrale wüsste der / die NetuserIn nicht, bei wem er / sie gesuchten Audiodateien abrufen kann. Die Software Gnutella braucht keine Zentrale. Gnutella steht für Gnu-is-Not-Unix-Lizenzregelung der Free Software Foundation. Es ist eine echte p2p-Anwendung:

"Alle Teilnehmer im Netz bilden dessen Knoten, die sich mit kurzen Botschaften untereinander verständigen. Da die Nachrichten oft Handlungsanweisungen, also Programme enthalten, nennt man sie Agenten. Und wenn ein Teilnehmer etwas sucht - bei Gnutella müssen das keine Musikfiles sein, das System findet im Prinzip alles - schickt er Agenten an seine Nachbarn. Jeder davon schickt wieder Agenten mit dem gleichen Suchauftrag an seine entfernteren Nachbarn - und so weiter. Früher oder später hat ein Agent Erfolg, macht sich mit der Adresse der Fundstelle auf den Rückweg und stellt die direkte Verbindung zur Übertragung her." (Fr vom 09.12.2000)

Die bekanntesten Internet-Projekte laufen unter Freenet und Publius. Sie haben sich nichts Geringeres vorgenommen, als auf der technischen Grundlage des bestehenden Internets ein neues System gegen die Software-Monopolisten zu etablieren. Dieses Netzwerksystem speichert Daten und Inhalte auf so vielen Servern ab, dass es praktisch unmöglich ist zu sagen, wo sie liegen. Einige Systeme sind sogar so ausgelegt, dass nicht einmal feststellbar sein soll, ob ein bestimmter Server daran teilnimmt oder nicht. Es ist nicht erkennbar, wer etwas hochgeladen hat, und nur der UrheberIn kann die Information ändern oder löschen. Der Zugang zu den Informationen beruht auf einem eigenständigen System von Adressen. Jeder, der die Zugangssoftware installiert hat, kann sehen, was im "neuen Internet" veröffentlicht ist - und niemand kann den Zugang sperren. Eine Zeitlang sah es so aus, als ob Informationskapital und staatliche Regulierungsbehörden mit ihren Zensurgelüsten die Zukunft des Internets bestimmen könnten. Mit p2p - gleichgültig, wie man das nun aufschlüsselt und welche Systeme sich durchsetzen - sieht die Netzwelt gegenüber dem Informationskapital wieder ganz anders aus.

2.2.2 Copyleft statt Copyright - das Unbehagen gegen den Software-Imperialismus

Der Aufbau und die Durchsetzung des Internets ist von der Frage geprägt, wer hat die ökonomische Macht um es zu kontrollieren. Die Software Linux wurde 1991 in das Netz gestellt als ein Paradebeispiel für eine Open-Source-Software. Es ist das Betriebssystem für Rechner, das die Macht Microsoft über die Server und Desktops brechen könnte und gilt als Revolution in der Computerwelt, das den NetuserInnen wieder zu ihren Rechten verhilft. Es ist die Antwort der NetuserInnengemeinschaft in Form von Software als gemeinsame Intelligenzleistung an die Softwareindustrie, damit ein Softwarekonzern wie Microsoft die Economies of Scale im Softwaresektor durch Massenproduktion von digitalen Programmen nicht allein usurpieren kann. Mit Microsoft begannen immer mehr Softwarefirmen den Code ihrer Programme entgegen der langjährigen akademischen Praxis unter Verschluss zu halten. Das widersprach der Gesinnung der leidenschaftlichen HackerInnen und NetuserInnen fundamental, gemäß das der / die NetuserIn von Wertschöpfungsbindungen frei sein sollte, Programme nach eigenen Bedürfnissen zu modifizieren und an andere weiterzugeben. Diese Methode wird auch als ´Copyleftª bezeichnet, da der Hinweis auf den Urheber zwar erhalten bleibt, sich daraus aber keine Eigentumsansprüche ableiten lassen. Letztlich geht es dabei um den freien Willen der NetuserInnen, die digitale Umwelt nach eigenem Geschmack zusammenstellen zu können, es geht um freie die Meinungsäußerung im virtuellen Raum, und es geht um eine feindliche Einstellung gegenüber dem Wertschöpfungspotential des intellektuellen Eigentums der Softwareindustrie, die Wissen in Form von Massenwaren (Software aller Art) verkauft.

Das gesamte Internet beruht auf offenen Standards und wird weitgehend von Open-Source-Programmen am Laufen gehalten wie der Apache Webserver-Software oder Sendmail, dem Programm, das Email-Nachrichten von einem Internethost zum nächsten leitet. Deshalb war es eine Frage der Zeit, wann Unternehmen es für die Wertschöpfung entdecken und Business-Modelle rund um die Open Source entwickeln und diese zum Florieren bringen würden.Damit setzte eine schleichende Kommerzialisierung der Freeware-Bewegung ein. Die Open-Source-Programme wurden durch die Umarmung mit den Kapitalinteressen in ihrer Entwicklung blockiert. Selbst Linux ist mittlerweile davon betroffen: das alternative Betriebssystem könnte innerhalb weniger Jahre wegen Patent- und Urheberrechtefragen nicht mehr frei verfügbar sein.

Die Open Source-Strategie war innerhalb des Internets immer ein vielversprechendes Modell, das zunächst die Akkumulationsinteressen blockierte: Wer bei der Entwicklung von Software seine Karten auf den Tisch legt, kann motivierte Freiwillige gewinnen, die bessere kostenloseProgrammierungsarbeit leisten als teuer bezahlte Angestellte. So richtig diese Überlegung war, ließ sie sich jedoch auch kommerzialisieren: Inspiriert von Linux hat der Browser-Hersteller Netscape seine Source-Codes vor zwei Jahren offengelegt. Laut eigenen Angaben hat die Firma in der Folge von interessierten NetuserInnen wichtige unbezahlte Programmierhinweise erhalten, die in künftige Browser-Versionen eingehen werden. (vgl. Nzz, 12. März 1999)

Die Entwicklung im Freeware-Sektor bedeutet nicht das Ende der illegal kopierten Musik im Internet. Gnutella hat als größter dezentraler Digitalverteiler zur Zeit zwar nur eine Millionen NetuserInnen. Doch die Entwicklung hin zu unkontrollierbaren Datennetzen, die im Gegensatz zu Napster nicht einmal über ein zentrales Dateienverzeichnis verfügen, ist unaufhaltbar. Noch einmal greift der Mythos des hierarchielosen Netzes, das digitale Subversion an den Medienkonzernen vorbei möglich macht. Wenn es keine Zentrale gibt, dann kann man auch niemanden verklagen. Der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft in Hamburg reagiert auf die freien Datenströme ganz im Stile der old school: ausschließen, verbieten, Dämme bauen. Er will Providern mit einem eigens entwickelten "Rights Protection System" helfen, einschlägige Netzangebote automatisch auszusperren und den Diebstahl von urheberrechtlich geschützter Musik verhindern. Illegale Inhalte, die vorher in einer Negativliste erfasst wurden, können dann nicht mehr abgerufen werden. Ob damit Raubkopien, die ins Netz gestellt und Internetadressen blockiert werden, ist angesichts der Datenflut zweifelhaft und fordert die Hackercommunity heraus. Innerhalb von drei Wochen knackten amerikanische HackerInnen alle sechs Programme, die die amerikanische Secure Digital Music Initiative (SDDI), ein Zusammenschluss von 200 Musikunternehmen, zum Schutz vor Raubkopien entwickelt hatte. (vgl. Fr vom 10.11.2000)

3. Die Neuorganisation der Ökonomie im Informationskapitalismus

Der sich seit Anfang der neunziger Jahre formierende Informationskapitalismus hat seine volle Entfaltung noch lange nicht erreicht. Das hängt damit zusammen, dass eine vollständige Penetration der Gesellschaft in den Metropolen noch am Anfang steht. Der überwiegende Teil der gesellschaftlichen Wertschöpfung erfolgt noch nicht im informationsverarbeitenden Sektor sondern sie spielt sich im materiell produktiven Bereich ab. Der Übergang vom Industrie- zum Informationskapitalismus ist absehbar und er geschieht fließend. Mehr und mehr werden die individuelle und kollektive Kommunikation und der Umgang mit Wissen virtuell organisiert, es findet stetig eine Abkapselung von den physikalisch manifesten Strukturen des materiellen Produktionsprozesses statt. Die neuen Arbeitsmedien im Informationskapitalismus führen zu einer dramatischen Verringerung des eingesetzten Kapitals für das Speichern, Verarbeiten und die Übermittlung von Informationen. Es lassen sich hohe Profite durch den Warencharakter einer Information gewinnen. Die Verteilung von Waren und Dienstleistungen erfolgt durch die Neuordnung der Informationstechnologielogistik, der Neuordnung der betrieblichen Abläufe durch digitale Datennetze und der Neuzusammensetzung der Arbeitskraft.

Der Informationskapitalismus ist gekennzeichnet durch

3.1.New Economy

Der Begriff der new economy steht für die außergewöhnliche Entwicklung der US-amerikanischen Wirtschaft in den letzten zehn Jahren. Dort verband sich ein relativ hohes Wirtschaftswachstum mit weitgehender Preisstabilität, das sich möglicherweise als neues ökonomisches Paradigma auf Grundlage der Netzwerktechnologie herausschält. Die Inflation und Konjunkturschwankungen verschoben sich zeitlich ohne jedoch aufgehoben zu werden. Ein scheinbar von Krisen unabhängiges Wirtschaftswachstum ohne Ende auf hohem Niveau und hoher Wertschöpfung etablierte sich. Das hohe Produktivitätswachstum und die große Produktivkraftentwicklung war eng an dem Aufbau des Internets gekoppelt. Das Kapital der New Economy-Unternehmen blühte dort am kräftigsten auf, wo bereits in den achtziger Jahren unter den Präsidenten Carter und Reagan eine brutale Deregulierungspolitik gegen die sozial Schwachen und die Lohnabhängigen in allen Wirtschaftsbranchen betrieben und ein innovations- und wachstumsfreundliches Umfeld geschaffen wurde: es wurde in hohem Maße Individualismus, Eigenverantwortung und Konkurrenz gegen die Erwartungen des Sozialen gepredigt und weitgehend durchgesetzt. (vgl. Nzz, 18. März 2000)

Die großen Unternehmen in den USA stehen in den meisten Schlüsselindustrien der modernen Informationsgesellschaft an der Spitze und haben sich voll darauf eingestellt, dass das Internet die Wirtschaftswelt revolutionieren wird. Viele High-Tech- Unternehmen sind vielfach erst während der letzten zwanzig Jahre entstanden und führen insbesondere bei der Entwicklung von Computern, Hardware und Software sowie beim Aufbau des Internets. Hinzu kommen bedeutende technologische Vorsprünge in der Fernmeldetechnik und der Biotechnologie. Diese Fortschritte wären ohne die Informationstechnologie kaum realisiert worden.

Die Informations- und Netzwerktechnologie führt zu mächtigen Umwälzungen in der Wirtschaft und zu einer weiteren Beschleunigung der ökonomischen Machtkonzentration. Das US-Kapital hat sich früh mit den Möglichkeiten des Internets auseinandergesetzt und stark in Richtung Cyberspace investiert. Die amerikanischen Ausrüstungsinvestitionen in der Infrastruktur nahmen in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre massiv zu. Dabei stiegen die realen Auslagen für Computeranlagen jährlich um über 40 Prozent. Sehr stark wurden auch die Übertragungskapazitäten in der Fernmeldeindustrie ausgebaut, um den Internetdatenverkehr problemlos bewältigen zu können. Gegenwärtig wächst das amerikanische Glasfasernetz um rund 6000 Kilometer pro Tag. Annähernd 50 Prozent der US-Haushalte verfügen bereits über einen Internetanschluss, und auf sie entfallen mehr als zwei Drittel der Kaufkraft. In der Europäischen Union (EU) hat die Internet- Penetration seit 1993 ebenfalls stark zugenommen, doch liegt der Anteil der Online-Haushalte in 2000 bei rund 15 Prozent.

Die Netzwerktechnologie als neues Medium erlaubt einen friktionslosen Informationskapitalismus. Käufer und Verkäufer könnten sich weit einfacher, rascher und billiger finden und ihre Kapitalinteressen erheblich besser aufeinander abstimmen. Tatsächlich hat die Leistungsexplosion in der Netzwerktechnologie und die noch atemberaubendere Ausdehnung der Fernmeldekapazitäten die Möglichkeit zu einem gegenwärtig nahezu kostenlosen Austausch reichhaltiger Informationen geschaffen. Nach den Schätzungen des amerikanischen Handelsministeriums lassen sich Flugticket-Buchungen achtmal günstiger und Bankgeschäfte gar hundertmal billiger mit dem Internet abwickeln. Informationen sind so entscheidend für die New Economy wie das Nervensystem für den menschlichen Körper. Informationen sind die Grundlage bei allen unternehmerischen Entscheiden und reduzieren eine mögliche vorhandene Handlungsunsicherheit, Lagerhaltung von Waren und die Einplanung von Sicherheitsreserven .Der Informationskapitalismus wandelt letztlich jedes Unternehmen in ein Informationsunternehmen um. (vgl. hierzu auch die vom Nzz, 13. Mai 2000)

Der Informationskapitalismus ist grenzenlos im Rahmen der Globalisierung. Grenze ist der Erdball selbst. Die Zeitökonomie des Subjekts wird aufgelöst, der Ruf nach der Langsamkeit verhallt im unüberschaubaren digitalen Netzwerk. Aus dem Industriekapitalismus sind hochgradige Automatisierungsformen und die Neuzusammensetzung der Industriearbeit in der Massenproduktion bereits bekannt. Modellwechsel von Waren waren wegen der Aufwendigkeit der Produktionsumstellung in der Massenfertigung nur an nur an bestimmten Stichtagen und in mittelfristigen längeren Zeitabständen möglich. Die Informationstechnologie im Informationskapitalismus kennt nur den ständigen Wandel in Industrie und in den Dienstleistungsunternehmen: Aufgaben, Organisationsformen, die Zusammenstellung und Zusammensetzung von Arbeit ändern sich permanent."Die Teilnahme an diesen beliebig und hoch differenzierten Prozessen setzt für den Einzelnen voraus, dass nicht nur die erforderlichen Informations- und Kommunikationstechniken sicher beherrscht werden, sondern auch das System als ganzes verstanden wird. Überspitzt gesagt, wenn die ganze Gesellschaft, die Arbeitswelt, eine einzige Hypertextmetapher ist, so ist das Surfen in diesem Datenmeer eine überlebensnotwendige Kulturtechnik". (Helmut und Ute Mocker, S. 23)

3.2.Planstaatliche Aufgaben und Regulationstechniken

Es wird geschätzt, dass sich der digitale Datenverkehr und -austausch gegenwärtig alle 100 Tage verdoppelt. Inwieweit der digitale Handel, Informationsaustausch und die Kommunikation die internationale Arbeitsteilung beschleunigt, hängt auch von den administrativen Bedingungen des weltweiten Zugangs zum Internet, von den Marktzutrittskonditionen und juristischen Fragen z.B. dem Urheberrecht ab.

Es besteht ein großes Interesse beim Informationskapital, staatliche Eingriffe bei der Betreibung des Internets zu vermeiden. Mit ICANN wurde 1998 eine multinationale Organisation geschaffen, die den zentralen hierarchischen Aufbau des Internets unter der Kontrolle der US-Administration absichert und die Domainenamen vergibt. Indirekt hat sich damit der US-Imperialismus zur Herrschaft über das Internet erhoben. Nicht nur der Organisationsaufbau des Internets unterliegt staatlichem Zugriff, auch die Penetration der Netzwerktechnologie ist ohne planstaatliche Eingriffe nicht möglich. Insbesondere wenn es um den Ausbau der Infrastruktur geht (z. B. Verlegung der Breitbandkabel oder die Aufstellung von Funkantennen).

Elektronischer Handel kann nur ausgeführt werden, wenn die notwendige Hard- und Software zur Verfügung steht und wenn der Zugang zu Kommunikationsdienstleistungen möglich ist. Die WTO hat erste Schritte unternommen, um den Zugang zum Internet zu regulieren. Durch das Information Technology Agreement waren spätestens ab dem 1. 1 .2000 keine Zölle mehr für Telekommunikationsgeräte, Computerbestandteile, Software usw. zu bezahlen. Das Abkommen deckt 93% des Welthandels im Informationstechnologie-Sektor. (Vgl. Nzz, 7. Juli 1999)

Darüber hinaus bestehen Unsicherheiten bei der Abwicklung der ökonomischen Geschäftsbeziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten, da über die Staatsgrenzen hinweg Waren gehandelt werden können. Juristische Grundlage aller von der Europäischen Union (EU) zum elektronischen Geschäftsverkehr (E-Commerce) erlassenen oder geplanten Rechtsakte bildet eine im April 1997 von der Europäischen Kommission verabschiedete Mitteilung über eine ´europäische Initiative zum elektronischen Handelª. Diese stellt einen geeigneten Rechtsrahmen für das Informationskapital dar, mit dem der profitable Zugang zur Infrastruktur und Netzwerktechnologie und die internationalen Zusammenarbeit in den Schlüsselbereichen des Internets in der EU geregelt wird. Der juristische Rechtsrahmen soll auf die Prinzipien des EU-Binnenmarktes aufbauen, also den freien Dienstleistungs-, Personen-, Waren- und Kapitalverkehr sowie die Niederlassungsfreiheit im Europäischen Wirtschaftsraum sichern. Grundlage dieser kapitalkonformen Überlegungen ist nicht eine umfassenden Regulierung, sondern das Ziel, eine Rechtssicherheit zu schaffen, die dem Kapitalverwertungsinteresse entspricht. Staatliche Behörden und Regeln sollen dort ergänzt werden, wo durch das Aufkommen des E-Commerce Lücken entstehen und unterschiedliche Rechtssysteme in der EU vereinheitlicht werden.

Weltweite Regeln bei Geschäftsbeziehungen im virtuellen Raum / Cyberspace sind zur Zeit nur in Ansätzen in Sicht. Die Unsicherheit von Geldabwicklungen im Internets und die angeblich um sich greifende Cyberkriminalität wird aus politischem Kalkül in der EU immer wieder angeführt, um den digital abgewickelten Handels- und Warenverkehr unter Kontrolle zu bringen. Dabei geht es auch um für den Staat entgangene Steuereinnahmen zur Finanzierung der staatlichen Etats. Die Diskussion um Urheberrechte im Mediensektor spiegeln den Disput zwischen unreguliertem und reguliertem Netzwerk wieder. In den USA wird dagegen stark vertreten, dass die Regulierung des Internet bestenfalls ´industry-drivenª sein könne, also technologisch neutral erfolgen und möglichst auf Selbstregulierung abstellt sein müsse. (vgl. hierzu auch die Nzz, 8. Februar 2000)

3.3.Der Trikont und das Internet - ein Überblick

Die Netzwerktechnologie ermöglicht die Vernetzung der Kontinente. Doch der Netzwerkimperialismus ist gegenwärtig so angelegt, das der größte Teil der Menschheit von der Nutzung ausgeschlossen ist und in Zukunft sein wird. Das betrifft vor allem den Trikont: dort fehlt die informationstechnologische Infrastruktur. Der Unterschied zwischen Metropole und Trikont setzt sich als digitale Kluft fort, die ökonomische Herrschaft wird auf die Herrschaft über die Information, Kommunikation und Medien verlängert. Selbst die die Internationale Arbeitsorganisation (Ilo) analysierte in ihrem Weltbeschäftigungsbericht 2001, dass nur 5 Prozent der Weltbevölkerung das Internet nutzen würden, davon leben 88 Prozent in den metropolitanen Industriestaaten. Afrika und der Nahe Osten würden gerade 1 Prozent aller NetuserInnen stellen. (vgl. FR vom 24.1.2001/ Nr. 20)

Tabelle 1 Zahl der NetuserInnen in Millionen
 

Jahr Nordamerika Westeuropa (EG) Osteuropa Asien, Pazifik Mittlerer Osten /Afrika Zentral- und Südamerika
1995 31 9 0,4 4 0,4 0,4
2000 150 94 17 107 11 21
2005 (geschätzt) 229 227 62 323 45 70
             

Quelle: Stern Nr. 45 vom 2.11.2000, Seite 138

Selbstverständlich gibt diese Aufstellung keine Auskunft über regionale Unterschiede. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent gibt es zur Zeit nur 14 Millionen Telefonanschlüsse (weniger als in New York oder Tokio zum Vergleich). In Südafrika kommen auf 100 Menschen 10 Telefonanschlüsse, in Ländern wie Tschad, Kongo oder Niger liegt die Quote bei 500 Menschen auf ein Telefonanschluss. Das globale Dorf ist also eine Legende. Internet wird sich auch im Trikont in den großen infrastrukturell erschlossenen Städten und in den besserverdienenden Mittelschichten durchsetzen. Zur Zeit verfügt Südafrika über zwei Drittel aller vorhandenen afrikanischen Netzanschlüsse und erreicht damit fast westeuropäisches Niveau. 200000 Internetzugänge verteilen sich auf vier nordafrikanische Staaten, der Rest von 150000 Zugänge verteilt sich auf 50 afrikanische Staaten. Staaten wie Libyen, Sierra Leone, der Sudan und Tunesien stehen dem Internet kritisch gegenüber und kontrollieren die Zugänge. Das Internet ist abhängig von der Bildung in der Bevölkerung. Da ein sehr großer Teil der Bevölkerung im Trikont Analphabeten sind, werden sie wohl für immer von der Netzwerktechnologie ausgeschlossen bleiben. Dies gilt im Übrigen für die Analphabeten in der Metropole genauso.

Die Ungleichzeitigkeit beim Aufbau von Netzwerktechnologie zwischen Metropole und Trikont ist gewaltig. Dieses Phänomen ist bereits aus der Vergangenheit bekannt. Die vorhandene Infrastruktur in der Metropole und die Anwendung von Hardware und Software ermöglichen Entwicklungsvorsprünge, von denen die meisten Menschen im Trikont ausgeschlossen sein werden. Der Netzwerk-, Hardware- und Softwareimperialismus wird die Ungleichzeitigkeit der infrastrukturellen Entwicklung durch das vorhandene Mehrwertgefälle für die Wertschöpfung versilbern. Solange das Netzwerk gewaltige Lücken hat, ist eine Art ursprüngliche informationstechnologische Akkumulation zur Entwicklung der Cyber-Economy aus dem Trikont, die auf der Verwertung von Migration beruht, in die Metropole nicht ausgeschlossen.

Verschiedene Staaten wie Vietnam, Indien, Philippen und werden sich in absehbarer Zeit zu wichtigen Telekommunikationsmärkte für metropolitane Unternehmen entwickeln. In Indien gab es im Jahr 1980 nur ca. 2,7 Millionen Telefonanschlüsse über das Festnetz. Im Jahr 2000 lag die Zahl der Festanschlüsse bei 22 Millionen (bei einer Bevölkerung von rund 1 Milliarde Menschen). In den letzten Jahren sind 3 Millionen Mobiltelefonanschlüsse hinzu gekommen. Prognosen gehen davon aus, dass bis Ende 2003 23 Millionen InderInnen über einen Internetanschluss verfügen werden. Die mangelnde informationstechnologische Infrastruktur und das langsame Erschließungstempo sorgen dafür, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis eine angemessene Zahl der Bevölkerung überhaupt an das Internet oder an Telefonnetz angeschlossen werden können. (vgl. FR vom 11.12.2000 / Nr. 288) Dass sich in Indien überhaupt eine Softwareindustrie von hohem Niveau entwickeln konnte, liegt an der gutausgebildeten Mittelschicht und den Festnetzen in den großen Städten. Insbesondere wird auf Mobilfunk in den Ländern gesetzt, die über kaum ausgebaute Festnetze verfügen. Auch haben sich diesen Staaten Unternehmen etabliert, die mit ihrer produzierten Software auf dem Weltmarkt eine große Rolle spielen. Die Green-Card-Aktion der deutschen Bundesregierung zielte gerade darauf, diese Spezialisten und Programmierer abzuwerben, von denen viele auf Universitäten in der Metropole studiert haben.

Wie die meisten Staaten der südostasiatischen Vereinigung Asean investiert auch Vietnam enorme Summen in die Zukunftsbranche Informationstechnik und in die Ausbildung des Nachwuchses. In die Internet-Infrastruktur steckte die kommunistische Führung bislang 26 Millionen Dollar. Seit einigen Jahren gehört das 80 Millionen Einwohner zählende Land mit jährlichen realen Wachstumsraten des Bruttosozialproduktes von rund zehn Prozent zu den am schnellsten expandierenden Märkten für elektronische Konsumgüter. Das vietnamesischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie gab das ehrgeizige Ziel aus, in den nächsten drei Jahren der weltweit drittgrößte Software-Exporteur zu werden, hinter Indien und den Philippinen. Bereits heute produziere Vietnam qualitativ hochwertige Software zu Kosten, die nur rund 15 Prozent des deutschen Niveaus betragen.

Gegenwärtig können die rund 80 000 vietnamesischen Internet-NetuserInnen, nahezu ausschließlich Unternehmen und Institutionen, zwischen fünf lizenzierten Internet-Providern wählen. Marktführer sind die Vietnam Data Communications (VDC), eine Tochter des staatlichen Post- und Telekommunikations-Konzerns, sowie die FPT. Da es den technischen Zugang zum Web nur über die VDC gibt, ist der Wettbewerb nicht frei. Die Folge sind sehr hohe Gebühren. Sich täglich zehn Minuten einzubinden kostet umgerechnet etwa 80 DM. Das ist mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt von 500 000 Dong. In der Tat wird das Internet in Vietnam kontrolliert und streng zensiert. (Vgl. FR vom 20.10.2000) Auch in den großen Städten Chinas (ohne Hongkong), wie in Schanghai, werden die erst Internetunternehmen gegründet. Allerdings tut sich die chinesische Staatsführung mit dem Internet sehr schwer:"China hat nach einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua strenge Vorschriften für Internet-Anbieter erlassen. So wurden Provider angewiesen, Informationen über Inhalte und Nutzer aufzuzeichnen und der Polizei zur Verfügung zu stellen. Alle Veröffentlichungen mit ´subversiven Inhaltenª sollen künftig gemeldet werden. Ausländische Investitionen in Internet-Firmen in China werden streng limitiert." (Nzz, 3.10. 2000, Nr. 230, Seite 21)Daraus wird deutlich, dass autoritäre Regime mit dem Informationsaustausch und den Kommunikationsmöglichkeiten der Netzwerktechnologie überfordert sind, weil in ihnen der Keim nach dem Ruf nach Freiheit steckt.
 

4. Die Durchsetzung der Netzwerktechnologie zu Regulation der Krise nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie und die Entwicklung eines neuen Akkumulationmodelles

Die Errichtung eines Netzwerkes ist ohne eine vorhandene Infrastruktur (Stromkabel, Telefonkabel = Festnetz und Mobilnetz) Hardware (Produktionsmittel) und Software (Werkzeuge für das Produktionsmittel) nicht möglich. Die Software ist für die Rechnersteuerung unerlässlich. Werden verschiedene Rechner miteinander in Unternehmen oder Universitäten verbunden, entstehen lokale Netzwerke, die eine Wertschöpfung im auf betrieblicher oder institutioneller Ebene erlauben. Die Verknüpfung von kleineren, mittleren und großen Netzwerken erlaubt den Zugriff auf Wertschöpfungsketten, wenn die partizipierenden Kapitale oder Universitäten ihre Einwilligung dafür geben. Die Verknüpfung von Wertschöpfungsketten und den einzelnen NetuserInnen über das Internet erweitert den Wertschöpfungsprozess zu einem neuen Akkumulationsmodell, in dem Handels,- Kunden,- und Kommerzbeziehungen den sozialen Alltag völlig neu zusammensetzen und neu gestalten. Wertschöpfung und Netzwerkerwartungen verschmelzen in einem Kreislauf, der nur durch moderne Software gesteuert werden kann.

4.1 Netzwerktechnologie und Software-Imperialismus zur Vernetzung der digitalen und materiellen Wertschöpfungsketten

Mit dem Betriebssystem Windows und dem Officepaket hatte der Sofwarekonzern Microsoft zu Beginn der neunziger Jahre die Monopolstellung auf dem Weltmarkt für Betriebssysteme und Anwenderprogramme erlangt. Um die Monopolstellung im sich entwickelnden Internet zu sichern entwickelte Microsoft den Internetexplorer, der kostenlos mit dem neuen Betriebssystem Windows 95 an die Besitzer von Computer ausgeliefert wurde. Mit dem kapitalstrategischen Schachzug gelang es innerhalb von kurzer Zeit andere Browser zu verdrängen.

Die Software für den Internetzugang ist das Hirn für die Verknüpfung von Wertschöpfungsketten auf der einen Seite und die Verknüpfung der NetuserInnen auf der anderen Seite. Dabei soll das E-Commerce und E-Business mit den Wertschöpfungsketten der Unternehmen verknüpft werden. Darüber hinaus gibt es mit der fortschreitenden Entwicklung des Internets Bestrebungen, eine Master-Software als Universalwerkzeug zu entwickeln, die die unterschiedlichen Netzwerke - auch Mobiltelefon - miteinander kommunizieren lässt und Web- und Bedienungsportale ohne Probleme bedienen kann.

Um die Monopolstellung von Microsoft anzutasten, unterbreiten Softwareunternehmen den Betrieben und NetuserInnen Angebote zur Kundenbindung über das Internet an:

So kündigte Microsoft als Reaktion auf den Softwarekonkurrenten Sun Microsystems an, dass demnächst die Standardprogramme von Microsoft Office, aus dem Internet geladen werden könnten. Sun Microsystems hatte im September 1999 die deutsche Star Division gekauft und damit begonnen, das Büropaket Star-Office unter dem Namen .com-Office im Internet gratis anzubieten. Ein spezielle Portal-Version, für Netzwerkcomputer (NC) gedacht ist, erlaubt es, kleinste Softwaremodule nach Bedarf zu laden. Diese Distributionstechnik erlaubt den von teurer Software abgespeckten Netzwerkcomputer - der wird Personalcomputer überflüssig - und tastet natürlich die Monopolstellung von Microsoft an. Je nach Bedarf kann eine Anwendung auf Mietbasis mit verschiedenen Modulen zum NetuserIn oder Unternehmen digital gesendet werden und neues Verwertungsmodell mit der Software kreiert werden. (vgl. Nzz, 10. September 1999)

Dieses Softwareverwertungsmodell zielt auf neue Abhängigkeitsverhältnisse. Geht es nach den großen Softwarekonzernen sollen Unternehmen in Zukunft weder Server noch Software kaufen, sondern informationstechnologische Leistungen direkt aus der Steckdose beziehen. Die Anwender sollen von reduzierten Support- und Wartungskosten profitieren und gleichzeitig vom Direktzugriff auf neuste Softwareversionen umständliche Nachrüstungen unterbleiben. Alle großen Soft- und Hardwarehersteller von Microsoft, Oracle und SAP bis hin zu IBM, Dell und Compaq versprechen derzeit den Unternehmen und NetuserInnen, dass skalierbare Applikationen aus den Bereichen Finanz- und Rechnungswesen, Customer-Relationship Management, E-Commerce und E-Mail sowie die gesamte Systemintegration aus einer Hand über so genanntes Application Service Providing (ASP) zur Verfügung gestellt werden. ASP ist als Antwort der Industrie und von Dienstleistungsunternehmen auf das Betriebssystem Windows zu werten, mit dem die einseitige Monostruktur der Software - die an vielen Betriebsabläufen vorbei geht - gebrochen werden soll. Wichtigstes Argument für ASP ist die Möglichkeit, die Software zu mieten und das die Wartung entfällt. Auf der anderen Seite entstehen neue Abhängigkeitsverhältnisse zu den Softwarevermietern. Es wird geschätzt, das der Markt für Mietsoftware von 100 Millionen Dollar bis zum Jahr 2003 auf 20 Milliarden Dollar weltweit steigen wird. (vgl. FR vom 29.11.2000 / 278)

Flexible Betriebsabläufe und die Vernetzung der Wertschöpfungsketten benötigen moderne leicht bedienbare Software, die oft nur kleine Softwareunternehmen, wie die Stuttgarter Firma Abaxx bieten können (vgl. FR vom 22.11.2000 / 272). Wegen der Komplexität der Microsoft-Produkte sind Kosten in vielen Betrieben überproportional gestiegen und viele NetuserInnen wünschen die DOS-Zeit zurück, in der die Software-Infrastruktur einfach, robust und bedienbar war. So versuchen immer mehr kleine Softwareunternehmen Programme für Bedienungsportale im Bank- und Telekommunikationssektor zu schreiben, die nach dem Baukastenprinzip eine Standardbedienung für den ungeübten Anwender erlauben.

Microsoft hat auf die Softwareunternehmen reagiert, die ihr als Konkurrenten den Softwaremarkt für Unternehmen streitig machen möchten, die die Wertschöpfungsketten rationalisieren wollen: mit der Software wurde BizTalk wurde die plattformunabhängige Metasprache XML geschrieben. Unternehmensinformationen werden in XML-Schemata beschrieben, die auf vorhandenen Industrienormen, auf traditionellen Datenformen - unter anderem ANSI X.12 und Edifact - oder auf neu entwickelten Beschreibungen für Produktkataloge, Angebote, Werbekampagnen und anderen Daten basieren.

"In Großbritannien setzt Marks & Spencer - mit über 500 Warenhäusern weltweit und einem Jahresumsatz von rund 13 Milliarden Dollar der größte Einzelhändler des Landes - BizTalk-Technologie ein, um seine heterogenen Warenwirtschafts- und Buchhaltungssysteme unternehmensintern zu integrieren. Die US-Regierung baut auf der Basis von BizTalk die heutige Procurement-Lösung ihres Verteidigungsministeriums, mit der die Warenbeschaffung für Armee, Luftwaffe und Marine bewältigt wird, zu einem E-Procurement-System aus. Ohne die Standardisierung der einzelnen Produktdatenbanken zu forcieren, wird auf diese Weise ein Zusammenspiel der unterschiedlichen Applikationen und Plattformen erzielt. Der Fluss von Tausenden von Regierungsdokumenten kann automatisiert werden, und die Zulieferkette innerhalb der beteiligten Organisationen, zwischen ihnen sowie zu Dritten lässt sich wesentlich effizienter gestalten." (Nzz 26.9.2000, Nr. 224, Seite 90) Microsoft will die Software BizTalk als weltweite Norm durchsetzen. Aus diesem Grund hat der Softwarekonzern Initiative ergriffen und diversen Industrie-Gruppierungen, Technologie- und Service-Anbietern sowie den internationalen Konzernen der Netzwerktechnologie die Zusammenarbeit angeboten: Konzerne und Unternehmen aus über 100 Branchen - unter ihnen führende Unternehmen wie Ariba, SAP, Peoplesoft, Commerce One und J. D. Edwards - unterstützen die Initiative und entwickeln bereits BizTalk-Schemata.

Um die bereits dürftige Konkurrenz unter Kontrolle zu halten, strebt Microsoft danach, weitere Schlüsselpositionen auf dem Weltmarkt der Software zu erobern. Es handelt sich um Software für Dienstleistungsunternehmen, die mit dem Internet die Verwertungsketten für die allgemeine Wertschöpfung bis hin zum NetuserIn transportieren wollen. Die im Februar 2000 angekündigte Fusion von Checkfree und Transpoint ließ in den USA ein Unternehmen entstehen, das in der Lage ist, den weltweiten Internet-Zahlungsverkehr für Transaktionen ab rund 500 Dollar zu dominieren. Mitbesitzer von Checkfree ist Microsoft, die damit endgültig im Finanzsektor der Zukunft Fuß gefasst hat. Die Fusionsabsicht schreckte den europäischen Finanzsektor auf, weil sich ein amerikanisches Dienstleistungsunternehmen in die weltweit dominierende Rolle bei der elektronischen Rechnungsunterbreitung und beim Zahlungsverkehr (electronic bill presentment and payment; EBPP) zwischen Konsumenten und den Einzelhandel sowie zwischen den Unternehmen gedrängelt hatte. Mit diesem Coup hat sich Microsoft als Softwarekonzern an die Spitze des weltweiten Internet-Zahlungsverkehrsgeschäftes gesetzt und einen neuen Maßstab für die Kontrolle des Softwaremarktes aufgestellt. Über die Verbindung zum global operierenden Zahlungsvermittler First Data wird Checkfree Zugriff auf das Netzwerk der Western Union haben, an das als 82 000 Niederlassungen in 176 Ländern angeschlossen sind und außerdem bestehen hervorragende Verbindungen zu nationalen Post-Zahlungssystemen. (vgl. Nzz, 25. Februar 2000)

An ein Softwareprogramm, das die Wertschöpfungskette zum Konsumenten profitabel gestalten soll, arbeitet Microsoft zur Zeit. Das Programm hat den Arbeitstitel dot.Net (.Net) Mit diesem Softwareprogramm wird versucht, einen Softwarestandard durchsetzen: ".Net ist eine Technik, die alle Geräte, die Zugang zum Internet haben, auf eine gemeinsame Plattform stellt. Es ist eine Software, die auf einem PC genauso funktioniert wie auf einem Handy oder einem Taschencomputer und die sogar auf einem Internet-Server laufen kann. Mit .Net können alle Web-Anwendungen lückenlos verbunden werden, weil sie eine standardisierte Technologie gemeinsam haben." (Der Spiegel vom 2.11.2000 ) Das Softwareprogramm unterstützt beispielsweise die NetuserInnen beim Buchen eines Fluges, es unterrichtet das Hotel am Zielort der Flug Verspätung hat. Gleichzeitig veranlasst es, dass die Post beim Postamt für den NetuserIn zurückgehalten wird und das die Zeitung ab- oder umbestellt wird usw. Diese geplanten tiefgreifenden Einschnitte der sozialen Kontrolle, in der eine Software über Satellitennavigationssystem den Standort des NetuserIn ermittelt und Aufgaben aus dem privaten Raum regelt, würde in der Tat eine Wertschöpfungskette aktivieren, die in Verbindung mit der Vielzahl von Wertschöpfungsketten in ein neues Akkumulationsmodell einmündet - in das des Informationskapitalismus. Zur Zeit scheitert das Schreiben einer derartigen Web-Präsenz an den technischen Grenzen der Mobiltelefone und an den Internetsites - z. B. der Fluggesellschaft - die besucht werden müssen. Geplant ist, diese Software zu verkaufen bzw. sie zu vermieten. Gleichzeitig sollen die NetuserInnen an den Zustand gewöhnt werden, eine Software als verkaufte Dienstleistung zu betrachten.

4.2 Digitale Wertschöpfung durch Netzwerkerwartungen

Das Internet wird für eine Reihe von Unternehmen enorme Profiterwartungen mit sich bringen. Nach einer Konsolidierungsphase die eng am Krisenverlauf gebunden ist, werden ausgewählte Online-Einzelhändler, Software-Unternehmen, Medien, Web-Portale oder Suchmaschinen die Blue Chips der Zukunft sein. Neue Marktmechanismen oder die schwindelerregenden Börsenkurse bestimmter Unternehmen in der New Economy lassen sich nur noch psychologisch erklären: die Spekulationsblase ist im März 2000 geplatzt und hat neben den üblichen Spekulanten, Fonds und Banken als Gewinner viele Kleinanleger an Börse als Verlierer in den Ruin getrieben.

Der Schlüssel für die Profiterwartungen der Unternehmen leitet sich aus den so genannten Netzwerkeffekten ab. Netzwerkeffekte können vielfältig sein und haben unmittelbare Auswirkungen auf das Wertgesetz und die virtuelle Wertschöpfung. Doch nicht alle Internetunternehmen sind auch "Netzwerk-Unternehmen". So dürften Unternehmen, die Internet-Auftritte gestalten, so genannte Web- Agenturen, oder Internetstrategieberatungsunternehmen zwar auch weiterhin vom rasanten Wachstum des Internets profitieren, nicht aber von Netzeffekten. Bei Anbietern von Kommunikationsleistungen im weitesten Sinne, wie beispielsweise Chatrooms oder Diskussionsforen, zeigen sich tatsächlich positive externe Effekte: je mehr NetuserInnen an der Unterhaltung im virtuellen Raum teilnehmen, desto interessanter wird diese für die anderen TeilnehmerInnen. Auch bei Internet-Auktionen und virtuellen Börsen und Marktplätze steigt der "Wert" des Handels- und Versteigerungsnetzwerkes für jedeN NetuserIn mit jedem zusätzlichen NetuserIn und für jedes Unternehmen mit jedem zusätzlichen Unternehmen ó schließlich werden so theoretisch mehr virtuelle Händler, Kunden und Verkäufer angezogen und damit das Angebot an gekauften und verkauften Waren erhöht.

Von Netzwerkeffekten werden nur einige wenige Unternehmen profitieren. Was nutzt es einem auf Wertschöpfung ausgelegten Unternehmen, dass zum Beispiel ein Chatforum betreibt, wenn es immer mehr Diskussionsfreudige anlocken kann und es dadurch immer attraktiver für weitere Teilnehmer wird, aber die Angelockten nicht bereit sind, für die angebotenen virtuelle Leistung einen Geldbetrag zu bezahlen? Der Wert des Netzwerkes steigt in diesem Fall nur theoretisch, aber nicht faktisch als Informationswarenwert. Derartige Unternehmen setzen zur Verwertung ihrer Informationswaren in der Regel auf Werbe- oder Transaktionserlöse: je mehr NetuserInnen sie nachweisen können, desto mehr sind Werbekunden bereit, für einen Werbeplatz auf der Chathomepage zu bezahlen.

Unternehmen, die ihre Waren über das Internet verkaufen, erreichen über die Netzwerktechnologie eine potentielle Käuferschaft und beteiligen beispielsweise im Gegenzug den Anbieter des Chatforums an ihren Umsätzen. Doch welchen Wert hat ein virtuelles Unternehmen für die Profiterwartungren, wenn es eines unter vielen ist? Die Konkurrenz der Unternehmen und die Unübersichtlichkeit des Netzwerkes führt dazu, dass nur wenige bekannte Marken aus dem öffentlichen Raum sich im virtuellen Raum durchsetzen werden. Gegenwärtig setzt ein Großteil der Internetfirmen als Akkumulationsmodell auf die Einnahmequelle Werbung - und zwar von Onlinebanken bis hin zu Einzelhändlern. Auch viele Unternehmen der "old economy" setzen mit ihren Websites auf Werbeeinnahmen: in der ´alten Wirtschaftª wären sie wohl niemals auf die Idee gekommen, sich als Werbeträger zu verdingen. Erfolg werden im Informationskapitalismus nur solchen Unternehmen haben, die die richtige Kapitalstrategie haben und sich den Wertschöpfungsgesetzen im virtuellen Raum anpassen können, um die Netzwerkeffekte für die Akkumulation spielen zu lassen. So wird das kapitalstrategische Handeln der Internetunternehmen vor allem durch Geschwindigkeit im virtuellen Raum und von den konkurrierenden Unternehmen geprägt.

Für die Verwertung und Akkumulation von Urheberrechten kommt so genannten Verwertungsgesellschaften - sie sind gewissermaßen Treuhänder der Autoren - eine besondere Rolle zu. Die Verwertungsgesellschaften haben erkannt, dass die Bewirtschaftung der Urheberrechte durch den Einzelnen nicht zu bewältigen ist. Die Netzwerkerwartungen der Verwertungsgesellschaften zielen darauf, möglichst viele Rechte aus dem Medienbereich zu akkumulieren, um sie den NetuserInnen möglichst zentral anbieten zu können. Zielvorstellung ist der so genannte "one-stop shop": Der / die NetuserIn soll alle Rechte in einem einzigen Akt bei einer zentralen Stelle einkaufen können. Die Vernetzung mit Urheberrechtsgesellschaften rund um den Erdball ist eine Stärke dieses Wertschöpfungssystems. Für den einzelnen NetuserIn wäre es ein immenser Aufwand, wenn er bei Verwertungsgesellschaften in verschiedenen Staaten vorstellig werden müsste. Durch die mehr oder minder institutionalisierte Zusammenarbeit der Urheberrechtsgesellschaften wird die Lizenzierung vereinfacht. Das setzt natürlich voraus, dass die Gesellschaften die digitalen Rechte überhaupt innehaben. (vgl. Nzz, 19. März 1999)

Am Beispiel der Schallplattenindustrie kann die Krise der Urheberrechte verdeutlicht werden. Digitale Musik droht den bekannten Speichermedien und den herkömmlichen Vertriebskanälen im der audiovisuellen Mediensektor zu entfliehen, sich durch den unkontrollierbaren NetuserIn auf wundersame Weise zu vervielfältigen und den Regulierungsmaßnahmen der Urheberrechtsinhaber zu entwischen. Auf Veranlassung der Recording Industry Association of America (RIAA) und der International Federation of the Phonographic Industry (IFPI) wurde 1999 die Secure Digital Music Initiative (SDMI) als Kontrollinstitution gegründet. Unter den mehr als 200 Firmen oder Organisationen, die SDMI unterstützen, finden sich neben den großen Schallplattenfirmen bekannte Unternehmen der Computerindustrie (Compaq, Microsoft), der Telekommunikationsbranche (America Online, Deutsche Telekom, AT&T, Nokia) und der Unterhaltungselektronik (Philips, Sony).

Man stellt sich bei SDMI den Musikmarkt der Zukunft als eine verteilte, durch Internet-Verbindungen zusammengehaltene, heterogene Informatikumgebung vor, mit der durch die Netzwerktechnologie ein geschlossene Kreislauf eingerichtet wird, der die Verwertungsinteressen schützt, in dem ein Stück Musik stets weiß, wer sein Urheber ist und wer der berechtigte Hörer, wie viele Kopien für den privaten Gebrauch bereits hergestellt wurden und wie viele noch gemacht werden dürfen. Der Medienindustrie schwebt vor, dass künftig alle digitale Musik, Videos und Filme mit Codes versehen sind, die über ihre Herkunft informieren und ihre Benutzung regeln. Derart codierte Musik heißt SDMI-geschützt (SDMI protected content). Wo immer solche Musik kopiert oder transferiert wird, soll Software, licensed compliant module (LCM) genannt, darüber wachen, dass die jeweilige abgerufenen Daten den vom Urheber festgelegten Regeln entsprechen und dass sie protokolliert werden. Mit großer Sicherheit soll diese LCM ein hierarchisch gegliedertes Netzwerk bilden, das mit Hilfe von digitalen Zertifikaten unehrliche Mitglieder ausschließt. Solange Musikaufnahmen nur innerhalb dieses Netzwerks verschoben werden und digitale Zertifikate nicht gefälscht werden können, wird sichergestellt, dass es keine illegale Kopien geben kann. Mit der Portable Device Specification wird nun so etwas wie ein geschlossenen Netzwerksystem etabliert, um sicherzustellen, dass Musik dieses Netzwerk nicht unbemerkt verlassen und dass Musik mit gefälschten Herkunftsbezeichnungen nicht in das Netz eingeschmuggelt werden kann. (Vgl. Nzz, 23. Juli 1999)

In diesem netzwerkbezogenen Konkurrenzverhältnis werden einzelne Unternehmen und Konzerne nach einiger Zeit monopolartige Stellungen, die sie im öffentlichen Raum inne hatten auch auf den virtuellen Raum übertragen: Da sich mit jedem zusätzlichen Unternehmen und NetuserIn der Wert des Netzwerkes für jedes bisherige Unternehmen und den einzelnen NetuserIn akkumuliert, wird der Vorsprung des Unternehmens irgendwann so groß, dass es die Konkurrenten verdrängt und zum Totengräber des Informationskapitals im Krisenzyklus wird. Die im Netzwerk angebotene Ware wird zum Monopolstandard wie beispielsweise das Betriebssystem Windows von Microsoft oder die Computerchips von Intel. Unternehmen von Internet-Technologie bzw. -software dürften gegenwärtig am stärksten von diesen Netzwerkeffekten profitieren, wie zum Beispiel Software-Unternehmen die Bedienungsportale einrichten. Aber auch Anbieter von Internet-Infrastruktur sind typische Netzwerkeffekt-Profiteure, wie die Telekommunikationsunternehmen in der EU mit ihrem Drang den osteuropäischen Wirtschaftsraum mit mobiler Netzwerktechnologie zu überziehen. Diese Unternehmen beschleunigen durch die Netzwerkeffekte ihre Profite und steuern auf eine Monopolstellung in der Metropole hin: sie werden hoch profitabel sein, die Kapitalakkumulation basiert auf vielfältige Ausbeutungsstrategien von Arbeitskraft in einem gewaltigen Wertschöpfungsgefälle, das sich an der Penetration des Informationskapitals von West nach Ost und später von Nord nach Süd orientieren wird. In gewissen Grenzen lässt sich hier die verhältnismäßig hohe Bewertung an der Börse im Rahmen der Spekulationsblase rechtfertigen. (Vgl. hierzu auch die Nzz, 1. April 2000)

Für die Bewältigung der digitalen Datenverarbeitung sind Netzwerke im öffentlichen und privaten Raum mittlerweile unerlässlich. Der Aufbau der Netzwerktechnologie geht einher mit dem Bestreben eine neue Reproduktionsökonomie zu entwickeln. Radio, Fernsehen, Printmedien über das Internet sind nur ein Standbein. Oneline-Dienste verschiedenster Art, um die Haushalte noch mehr in die Wertschöpfung einzubinden, die Rationalisierung des Gesundheitswesens im Allgemeinen und die Biotechnologie sind das andere Standbein. Die Verwertung der Nichtarbeit steht dabei im Mittelpunkt des Interesses. Jeder NetuserIn, der im Internet als Freizeitbeschäftigung surft, stellt einen Wert dar. Jeder NetuserIn, der im Internet seine Bankgeschäfte abwickelt und sich am E-Business beteiligt, dient der allgemeinen Wertschöpfung. Jeder Haushalt, der dem Netzwerk angeschlossen ist, bindet seine Haushaltsmitglieder in die Reproduktionsökonomie mit ein, ob er seinen Einkauf im nächsten Supermarkt via Internet abwickelt und sich die Waren anliefern lässt, ob Schularbeitenhilfe für die Kinder geordert wird, ob eine Rechts- oder Gesundheitsberatung erfolgt. Mit dem Internet wird es zum ersten Mal möglich, die Reproduktionsarbeit so zu verwerten, dass sie ein gleichrangiger Faktor in der Wertschöpfung wird. Die Reproduktionsökonomie wird sowohl unbezahlte als auch bezahlte Reproduktionsarbeit beinhalten, die digitale Informationstechnologie wird sie mit anderen Wirtschaftszweigen über die vorhandene Netzwerkinfrastruktur verbinden.

4.3 Der Krisenzyklus, der Zwang zur Fusion und die Neuordnung der Informationstechnologiekonzerne

Die rasante ökonomische Entwicklung des Internets nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie fordert den Medien-, Technologie- und Kommunikationskonzernen eine neue Verwertungsstrategie und die Neuordnung der Konzernstrukturen ab. Mit dem Streben ins Netz der Netze soll die Konkurrenzfähigkeit erhalten bleiben. Aus dem Konkurrenzkampf ergeben sich kapitalstrategische Annäherungsversuche um das informationstechnologische Netzwerk unter Kontrolle zu bringen. Ein Vielzahl von Fusionen und Firmenzusammenschlüsse ist seit Anfang der neunziger Jahre um den Aufbau des Internets festzustellen. Die von der ökonomischen Qualität und Quantität größten Fusionen, Beteiligungen und Übernahmen ereigneten sich in der Informationstechnologiebranche. Damit wurde eine imperialistische Konzentration des Kapitals auf hohem Niveau forciert und der Weltmarkt für freie Produktionszonen und der Weltmarkt für zur Übernahme anstehende Firmen und Unternehmen etablierte sich im Rahmen dieser Neuordnung. Allein 90 Prozent aller Fusionen ereigneten sich in der Metropole.

"So kommt es, dass inmitten weltweiter Marktwirtschaft ein ganz anderes Prinzip immer mehr Bedeutung gewinnt: die Planwirtschaft des global operierenden Konzerns, das weltumspannende Netzwerk aus Zentrum, Stützpunkten und Ablegern, Beteiligungen und Partnerschaften. Diese Gebilde sind mehr oder weniger hierarchisch organisiert, mit der Macht im Zentrum und durch ausgeklügelte Informationstechnik und Kommandostrukturen vernetzt. Die größten unter ihnen - die Daimler Chryslers, Wal-Marts, Citigroups und Sonys - erzeugen und verschieben jährlich Güter im Wert von 50, 100, 150 Milliarden US-Dollar, mehr als das Bruttosozialprodukt von Irland oder Dänemark. Das Fusionsfieber hat bereits dazu geführt, dass sich die Spitze weit vom Hauptfeld abgesetzt hat. Nur noch eine Hand voll Konzerne dominiert heute die Weltmärkte für Öl, Mineralstoffe und Agrarprodukte, etwa 100 Unternehmen die Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Die Planwirtschaften der Mega-Konzerne sind die Schrittmacher der Weltwirtschaft. Vor ein paar Jahrzehnten wäre diese Weiterentwicklung der konzerninternen Planwirtschaft in ihrer eigenen Papierflut stecken geblieben. Heute ist sie möglich, dank der Revolution in der Informations- und Kommunikationstechnik. Konzerne nutzen Computer und Internet von der E-Mail bis zur Videokonferenz. "Dezentralisierende Zentralisierung" haben Wirtschaftsforscher dieses Paradox genannt."( DIE ZEIT 37/2000)

Überall auf der Welt genehmigen die staatlichen Kartellbehörden Fusionen ohne große Probleme. Die angedachte Zerschlagung von Microsoft bleibt vorerst ein Einzelfall. Nicht die Politik setzt das Kapital und die Konzerne unter Druck, sondern umgekehrt spielen die riesigen Konzerne ihre ökonomische Macht aus: tatsächlich stellt sich die Frage vom Primat der Politik, wenn Konzernmanager willfährigen Politikern Subventionen, Steuererleichterungen oder die Lockerung des Einwanderungsgesetzes im Verwertungsinteresse durchgesetzten, indem sie andernfalls mit Abwanderung oder Schließung drohen und die soziale Frage in den Vordergrund stellen.

Kommunikation und Information und Medien synchronisieren sich im Informationskapitalismus und führen zu einem neuen Konjunkturzyklus. Dieser Prozess der Übernahmen, Beteiligungen und Fusionen verläuft jedoch krisenhaft, auch wenn es so aussieht, als halte der Krisenverlauf sich nicht den bisherigen Zeitrahmen des Wellenzyklus von Konjunktur und Rezession. Während in der europäischen Metropole der Aufbau der Netzwerktechnologie in vollem Gang ist, werden von Wirtschaftsauguren in den USA Ende des Jahres 2000 die ersten Anzeichen einer konjunkturellen Abkühlung ausgemacht und eine Wirtschaftsrezession prognostiziert, obwohl gewaltige Produktionssprünge durch die Informationstechnologie festgestellt wurden. (vgl. Fr Nr. 290 vom 13.12.2000) Andererseits ist der Krisenverlauf mit Beginn des Herbstes 2000 von gewaltigen Schwankungen an der Börse durch die geplatzte Spekulationsblase aus dem Frühjahr gekennzeichnet. Die Börsenkurse fallen. Neuemissionen, wie z.B. von Leica Microsystems werden verschoben (vgl. FR vom 7.10.2000 / 233). Eine Neubewertung der Unternehmen auf dem Parkett der Börse findet statt. Wie immer gibt es Gewinner und Verlierer auf Unternehmerseite in diesem Umwälzungsprozess. Auch die Telekommunikationsunternehmen, die in der Einführung des Mobilfunkstandards UMTS 100 Milliarden DM investiert haben zählen nicht unbedingt zu den Gewinnern. Dennoch gehen Wirtschaftsauguren für den europäischen Wirtschaftsraum davon aus, dass in der nächsten Dekade mit einem gewaltigen Wertschöpfungsprozess durch die Netzwerktechnologie und informationskapitalistischen Waren zu rechnen ist: Vorteilhaft gegenüber US-Ökonomie scheint dabei zu sein, dass gesamtkapitalistisch betrachtet aus dem Wirtschaftsboom gelernt wird und nicht die gleichen Fehler beim Aufbau der Cyber-Ökonomie gemacht werden - die ungleichzeitige Entwicklung schont in diesem Fall die Kapitalressourcen und steigert die Profiterwartungen.

4.3.1 Die Neuordnung des informationstechnologischen Sektors

Seit Mitte der neunziger Jahre ist weltweit die Neuordnung des informationstechnologischen Sektors zu beobachten. Allein im Jahr 2000 Wurden 408 Fusionen im Telekommunikations- und Informationstechnologischen Sektor gezählt. Die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone war dabei die größte Fusion weltweit. Die Investmentbank Goldman-Sachs aus den USA hat im Jahr 2000 den Deal zwischen Vodafone und Mannesmann abgewickelt, bei dem es immerhin um 413 Mrd. DM ging. Vodafone steht dabei nur als ein Beispiel für eine aggressive Finanzpolitik dieser Investmentgroßbanken zur Neuordnung des Telekommunikationssektors. Die Beseitigung von Konkurrenten durch feindliche Übernahme oder erzwungener Fusion scheint dabei ein probates finanzpolitisches Mittel zu sein. Die anschließende Zerschlagung des angeschlossenen Unternehmens ist profitabel und für Vodafone und Goldman-Sachs lukrativ gewesen. (vgl. der Spiegel Nr. 2 vom 8.1.2001) Mit Vodafone entwickelt sich neben der Deutschen Telekom AG der größte Telekommunikationskonzern im europäischen Wirtschaftsraum: in der Mobilfunksparte ist Vodafone bereits der weltgrößte Konzern. Die im Dezember 2000 erfolgte Übernahme der irischen Telekomgesellschaft Eircell im Wert von 4,5 Milliarden Euro durch Vodafone hat das Unternehmen zum größten Anbieter auf dem Mobilfunkmarkt katapultiert. Die 11%-ige Beteiligung durch die Deutsche Telekom AG im Wert von 100 Milliarden DM am US-Mobilfunkunternehmen Voicestream ist im Vergleich dazu eher eine mittlere Summe. Die Fusionierung von Viag und Veba zur E.on in der Größenordnung von 35 Milliarden DM war dagegen eher als kleine Transaktion zu bezeichnen. (vgl. Fr Nr. 9 vom 9.1.2001)

Insbesondere in der europäischen Metropole ist der informationstechnologischen Sektor seit Januar 1998 im Umbruch. Der staatlich monopolisierte Fernmeldesektor im europäischen Wirtschaftsraum wurde aus der nationalstaatlich orientierten Fokussierung gebrochen und ungestüm dereguliert und privatisiert. Die Staatsgrenzen wurden für die Fernmeldefestnetze mit der Entwicklung europäischen Binnenmarktes bedeutungslos. Gleichzeitig sorgte die technologische Umwälzung im informationstechnologischen Sektor durch die Ablösung der Kupfer- durch leistungsstarke Glasfaserkabel, den Aufbau des Internets und die Verlagerung vom Sprech- zum Datenverkehr und die Ergänzung der Festnetze durch mobile Netze für neue Konkurrenzverhältnisse und Rationalisierungsoffensiven. Die Glasfaserkabel haben die Produktionskosten im Telekom-Geschäft dramatisch gesenkt und das Preisgefälle zwischen Fern- und Lokalgesprächen ausgeglichen. Die riesigen neuen oder sich im Aufbau befindlichen Glasfasernetze haben die digitalen Übertragungskapazitäten der Informations- und Kommunikationsindustrie massiv erhöht. Wenn die geplanten Glasfasernetze gebaut werden, die amerikanische Betreiber angekündigt haben, wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren die Kapazität der amerikanischen Hauptnetze verzweihundertfachen. Eine ähnliche Entwicklung ist im europäischen Wirtschaftsraum feststellbar. Die Ausdehnung der Übertragungskapazitäten bedeutetet deshalb: die Betreibung digitaler Netzwerke auf Basis der Breitbandtechnologie verwandelt den vermarktbaren Informations- und Kommunikationsdatenfluss und das Netzwerk an sich zur Massenware. Zu einer Massenware, die von Telekomunternehmen gekauft und verkauft wird wie jede andere Ware auch. Ein Weltmarkt für digitale Netzwerke ist nicht mehr undenkbar. Es ist daher absehbar, dass die Übertragungskapazitäten der großen internationalen Netzwerke von einigen wenigen effizienten Betreibern kontrolliert werden. Diese Netzwerke werden zerstückelt an Zwischenhändler verkauft und von dort aus an kleine lokale Unternehmen.

Schlüssel für diese Entwicklung ist der digitale Informationsaustausch, der nicht auf die Technologie der alten, auf Sprechverkehr hin angelegten Telefonnetze angewiesen ist, sondern mit digitalen Netzwerken stattfindet, wie dem Internet. Weil auch Gespräche als Daten übermittelt werden können, werden die neuen digitalen Netzwerke nicht nur den wachsenden Datenverkehr transportieren, sondern auch einen Teil des Sprechverkehrs, der bislang in den herkömmlichen Festnetzen stattfand, absorbieren. Diese informationstechnologischen Veränderungen bedeuten für die großen Telefongesellschaften eine Bedrohung der Wertschöpfung, und sind Indiz für die mittlerweile erfolgreichen Versuche, mit Unternehmen aus dem Informations- und Kommunikationssektor zu fusionieren, zusammen zu arbeiten oder sich zu beteiligen. (vgl. NZZ FOLIO, September 1999)

Anfang Februar 1999 haben die beiden größten US-Unternehmen der Telekom- und der Medienbranche AT&T und Time Warner der Öffentlichkeit eine konzernstrategische Allianz bekanntgegeben: Im Zentrum der Zusammenarbeit steht der Ausbau des gewaltigen Kabelnetzes des Medienriesen zu beider Nutzen. Die Breitbandtechnologienetze von AT&T sollen zu einem komfortablen Multimedia-Highway der Zukunft ausgebaut werden, auf dem parallel Telekomdienste betrieben, Fernsehprogramme verbreitet und ein Internetzugang angeboten werden soll. Damit kamen zwei bisher konkurrierende Großkonzerne durch das Internet zusammengeführt. Vor dieser Allianz war AT&T nur reinen Telekom-Geschäft aktiv. Die Neuordnung des Konzerns erfolgte über die Übernahme der zweitgrößten amerikanischen Kabelfirma, TCI, und der Einstieg beim Provider At Home, der sich auf den Internetzugang per Kabel spezialisiert hat. AT&T wandelte sich zum Anbieter einer kompletten Plattform für Unterhaltung, Information und Kommunikation um. Die Konzentration verschiedener Sparten in einem Unternehmen soll den Konsumenten künftig alle Telekom-, Fernseh- und Internet-Dienste zu einem festen Preis verkaufen. Die Fusion zwischen Time Warner und AOL im Wert von 111 Milliarden Dollar zur AOL Time Warner im Dezember 2000 hat das weltgrößte Medien- und Internetunternehmen geschaffen: neben Filmrechte, Zeitschriften und TV-Kanäle hat Time-Warner das zweitgrößte Kabelnetz der USA mit 20 Millionen angeschlossenen Haushalten und AOL mit 25 Millionen Internetkunden eine kapitalstrategische Allianz geschaffen, die weltweit Internetprovider und Medienkonzerne unter Konkurrenzdruck setzen wird.

Auf der anderen Seite gliedern sich große Telekommunikationskonzerne wie der US-amerikanische Konzern AT&T in eigenständige Unternehmen mit den Sparten Mobilfunk und Breitbandkabel auf, um konkurrenzfähiger zu bleiben (vgl. FR vom 26.10.2000 / Nr. 249). British Telekom hat vier Sparten aus dem Konzern ausgegliedert und will sie an die Börse bringen: Internetaktivitäten sollen in der neuen Gesellschaft Net-Co gebündelt werden, die Mobiltochter BT Wireless, der Adressendienst Yell und das Datenverarbeitungsunternehmen Ignite sollen den umfassenden Restrukturierungsprozess zur Sanierung des Konzerns abschliessen. (vgl. Fr vom 10.11.2000 / Nr. 262) So auch die Siemenstochter Infineon Technologies, die den Geschäftszweig Verbraucher-Elektronik an die Micronas Semiconductor Holding / Schweiz verkauft hat, um sich auf die Schwerpunktmärkte Optische Netzwerke, Breitbandkommunikation und Zukunftsmobiltechnik zu konzentrieren (vgl. FR vom 25.10.2000 / Nr. 248).

Time Warner engagierte sich bislang im Mediensektor und produzierte so genannte Contents (Inhalte) für die Wertschöpfung: Fernsehprogramme, Filme (MGM-Studios) oder News (CNN): Vorbild für diese branchen- und konzernübergreifende Kapitalstrategie war der Medienkonzern Walt Disney, der über ein geschickt vernetztes Imperium aus Filmstudios, Verlagen, Vergnügungsparks und Disney-Läden verfügt und der Medienkonzern ABC/Capital Cities, der den den Internet-Dienst Infoseek geschluckt hatte. Anfang Februar 1999 übernahm Medienkonzern USA Networks die Internet-Firma Lycos, die das am zweithäufigsten besuchte Web-Portal in den USA betreibt und das Einzelhandelsgeschäft von USA Networks ergänzen und zu einem gewaltigen, interaktiven elektronischen Warenhaus heranwachsen soll. Zu Beginn des neuen Jahrtausends deutet vieles darauf hin, dass die Verbindung und Fusion von Telekomdiensten, Kabelfernsehen und Internet künftig eine große Rolle für die Herausbildung des Informationskapitalismus spielen wird. "AT&T, Time Warner, Disney oder USA/Lycos sind denn auch keine Einzelfälle mehr. Weltweit arbeiten fast alle Großen dieser Branchen an multimedialen Strategien. In den USA baut etwa der Computerhersteller Compaq sein mit der Akquisition von Digital Equipment übernommenes Internet-Juwel Altavista aus. Bertelsmann wiederum wagte sich durch Beteiligungen an AOL (America Online), Barnes and Noble ins Internet-Geschäft vor; vor kurzem führte der deutsche Konzern mit Books Online (BOL) auch einen eigenen Buchvertrieb ein. Hinzu kommt das Telefonangebot Callas. Auch das Pariser Unternehmen Vivendi (Havas, Canal plus) ist in das Telefon- (Cegetel) und Internet-Business eingestiegen. Es fällt auf, wie eng dabei Bertelsmann, Vivendi und die deutsche Telekomfirma Mannesmann kooperieren. Parallel dazu ging kürzlich die Deutsche Telekom eine Allianz mit Kirch ein. Und die Liste der Interessenten an Lycos las sich vor dem USA-Networks-Deal fast wie ein Who's who der internationalen Konzerne: Time Warner, News Corp., Bertelsmann, Microsoft oder General Electric. Wen wundert es da noch, dass AOL angeblich auf der Suche nach einem Fernsehsender sein soll." (Nzz, 19.2.1999)

Daneben strukturieren sich diese Konzerne in der Form neu, indem sie sich von Unternehmen oder Beteiligungen trennen, die nichts mit der Informationstechnologie zu tun haben. So hat der Vivendi Universal aus Frankreich nach AOL / Timer Warner der zweitgrößte Medienkonzern Ende Dezember sich von von Beteiligungen des Getränkeunternehmens Seagrem (Kanada) im Wert von 18 Milliarden DM getrennt um zum einen kartellrechtliche Auflagen (Gewährung von Zugang anderer Medienunternehmen an Canal +) zu erfüllen und zum anderen Kapital für den weiteren informationstechnologischen Expansionsdrang zu erwerben. (vgl. Fr vom 21.12.2000 / 297) Darüber hinaus gibt es Bestrebungen von den metropolitanen Telekommunikationsgesellschaften im Trikont sich an Konkurrenzunternehmen zu beteiligen oder sie zu übernehmen: so der Medienkonzern Vivendi Universal eine 35-%ige Beteiligung an der Maroc Telecom im Wert von 4, 7 Milliarden DM erworben. (vgl. FR vom 23.12.2000 / Nr. 299)

4.3.2 Die Neuordnung von Telekommunikationsunternehmen im europäischen Wirtschaftsraum

Die Neuordnung des europäischen Fernmeldemarktes hat die ehemaligen staatlichen Monopolkonzerne British Telecom oder Deutsche Telekom unter Konkurrenzdruck ausgesetzt und sie gezwungen, ihre Netztarife markant zu reduzieren und gleichzeitig hohe Kapitalbeträge und Investitionen für die Bereitstellung neuer Netdienste durchzuführen. Ob die die diversifizierten Großkonzerne in der Lage sind, sowohl im Mobilfunk als auch im Festleitungsnetz und mit Internetdiensten konkurrenzfähig zu bleiben, ist für zukünftige Wertschöpfung sicherlich von Bedeutung. Der Versuch zur Modernisierung, indem verschiedene Konzernsparten unter einem Konzerndach vereint werden, hat gleichzeitig den Zwang zur Neuordnung und Aufspaltung analog des US-Telekomkonzerns AT&T geführt: es besteht der Zwang die schwerfälligen Konzerne stärker zu fokussieren, um gegen kleinere und mittelständische spezialisierte und selbständige Unternehmen konkurrenzfähig zu bleiben. Daher hat British Telecom reagiert und eine umfassende Restrukturierung und Neuausrichtung vorgenommen. Mitte April 2000 reagierte British Telecom auf die Kritik, zu bürokratisch und zu inflexibel zu sein, indem vier selbständige Geschäftsbereiche geschaffen wurden, die an die Börse gebracht werden sollen. Mit der Bildung der Hauptbereiche Ignite (Daten-Internet-Geschäft für Großkunden), BT Openworld (Internet für Konsumenten), BT Wireless (Mobilfunk) und Yell (Branchenadressbücher und E-Commerce) hat der Konzern die traditionelle regionale Organisation aufgegeben. Yell soll noch vor Ende des Jahres an die Börse gebracht werden.

British Telecom ist mit der Neuordnung weniger weit fortgeschritten als andere europäische Telekomkonzerne, die - wie France Télécom, Deutsche Telekom und Telefónica - bereits Minderheitsbeteiligungen an ihren Internetfirmen an der Börse aufgelegt haben.

(vgl. Nzz, 27.10. 2000, Nr. 251, Seite 27) Doch die Deutsche Telekom AG spielt eine Schlüsselrolle bei der Durchdringung mit Netzwerktechnologie in den Staaten Mittel- und Osteuropas, die im Zuge der Erweiterung der EG als Ergänzungsraum für die Wertschöpfung in der Mobilfunksparte gilt. Während in der EG die Profiterwartungen sich konsolidiert haben und die monopolartigen Strukturen auf dem deutschen Telekommarkt durch Kontrolle der Ortsnetze gewährleistet bleiben (vgl. Fr Nr. 285 vom 23.12.2000), geht die Deutsche Telekom AG nach der Durchdringung Osteuropas von einer gewaltigen Wertschöpfung aus: bis zum Jahr 2004 wird mit einer Vervierfachung der Mobilfunkanschlüsse auf 50 Millionen gerechnet. In acht mittel- und osteuropäischen Staaten unterhält die Deutsche Telekom AG mittlerweile Beteiligungen an den meist noch staatlichen Telefongesellschaften, die sowohl für das Festnetz als auch für das Mobilnetz gelten. Im Gegensatz zu den Konkurrenten zielt die Kapitalstrategie der Telekom nicht auf Minderheitsbeteiligungen sondern auf Majorisierung und letztlich die Kontrolle der Telefongesellschaften und überproportionale Profite. (vgl. Fr Nr. 285 vom 15.11. und 8.12.2000) Aber auch in Südeuropa hat sich die Deutsche Telekom AG über T-Oneline die Markthegemonie im Internetsektor verschafft: mit dem Kauf des spanischen Internet-Dienstleister Yacom für 1,1 Milliarden DM konnte der "Einstieg in einen weiteren europäischen Schlüsselmarkt" erfolgen, "der beträchtliche Wachtumspotenziale" aufweist. Yacom dient als Sprungbrett für die Erschließung des Internetmarktes Lateinamerika. In Portugal bedient Yacom bereits heute 400000 Kunden, in Spanien 2,3 Millionen Kunden, die dem Provider angeschlossen sind. Schwerpunkt der Informationsaktiviäten über das Internet durch Yacom ist der Tourismus, Lifestyle- und Entertainment-Angebote - in Hinblick darauf, das Spanien das beliebteste Reiseziel der Deutschen ist, eine gewaltige Wertschöpfungsmaschine durch den virtuellen Raum. (FR vom 10.10. 2000)

4.3.3 Der Technologietransfer von den Universitäten in die Wirtschaft

Um die Wertschöpfung und Akkumulation für die Neuordnung der Wirtschaft nach dem Zusammenbruch der Kalten-Kriegsökonomie zu sichern sind Kapitaltransfer in die Wissenschaft und ein optimaler Rückfluss an Know-how von den Universitäten in die Unternehmen der Informationstechnologie notwendig. Noch bevor der Boom durch die New Economy einsetzte wurden in der Deregulationsära Anfang der achtziger Jahre an amerikanischen Universitäten Technologiebüros eingerichtet, die genau diesem Technologietransfer den Weg zu ebnen. Bedeutsam war dafür die 1980 administrativ erlassene Bayh-Dole-Verordnung, welche den Universitäten die Verwertungsrechte für ihre Forschungsaktivitäten garantierte. Damit stieg der Technologietransfer von den Universitäten in die Wirtschaft markant an.

Die Anzahl der Universitäten, die sich aktiv um einen Technologietransfer in die Industrie bemühten, erhöhte sich innerhalb von zwölf Jahren von 25 auf über 200 (Stand 1992). "Schätzungsweise 20 000 bis 40 000 Arbeitsplätze werden jährlich direkt durch universitären Technologietransfer geschaffen. Die klare und transparente Regelung erleichtert Studenten und Akademikern die Kommerzialisierung ihrer Erfindungen. Viele erfolgreiche Start-up-Firmen führen ihre Technologiebasis auf Universitäts-Lizenzen zurück. Unter den Studenten selbst herrscht ein zunehmend unternehmerisch geprägtes Klima. Kurse zu Unternehmensgründung und E-Commerce erleben einen regelrechten Boom, besonders bei Studenten der Ingenieurs- und Wirtschaftsdisziplinen".

Eines der bekanntesten Beispiele der New Economy ist das US-Unternehmen Akamai, dass sich aus dem Technologietransfer aus den Universitäten in die Wirtschaft entwickelte:

"Akamai hat einen der erfolgreichsten Börsengänge aller Zeiten aufzuweisen. Schon am ersten Tag wurde das Unternehmen mit mehr als 13 Mrd. $ kotiert. Dabei ist das Produkt relativ simpel: Akamai beschleunigt den Datenzugriff durch Umgehen von lokalen Internetstaus über weltweit verteilte Datenzwischenlager und Server. Ein ausgeklügelter Algorithmus berechnet optimale Verbindungswege zum Transport der angeforderten Information. Dieser Service ist vorab für Internetgroßkunden interessant, die über die Anzahl Zugriffe auf ihre Internetseiten konkurrieren. Unter den rund 300 Vertragspartnern befinden sich Kunden wie Yahoo!, Microsoft und CNN. Akamai hat zurzeit eine Börsenkapitalisierung von rund 8 Mrd. $, nachdem dieser Wert schon einmal über 30 Mrd. $ gelegen hat. Dabei existierte diese Firma vor knapp anderthalb Jahren noch gar nicht. Ihr Ursprung findet sich im weltbekannten Massachusetts Institute of Technology, wo Internet-Mitbegründer Tim Berners- Lee 1995 Computerwissenschafter anregte, sich über den Transport von großen Datenmengen in Netzwerken Gedanken zu machen. Eine Gruppe von Informatikern entwickelte schließlich einen verheißungsvollen Ansatz und beschloss, diese Idee zu kommerzialisieren (Nzz, 19. August 2000)

Im europäischen Wirtschaftsraum entwickeln sich seit Ende der neunziger Jahre zur Beschleunigung der New Economy Technologiebüros an den Universitäten mit dem Ziel, den Technologietransfer von der Universität zur Industrie zu erleichtern und zu unterstützen. Dabei geht es um die konsequente Weiterentwicklung von Grundlagentechnologien und deren erfolgreiche Vermarktung. Die Lizenzeinnahmen werden den Erfindern, den angegliederten Universitätsinstituten in der Regel in gleichen Teilen rückvergütet. Technologiebüros betrachten sich selbst als ´Inkubatorª, als Brutkasten für neue Ideen. Neben Büroraum der zur Verfügung gestellt wird, bieten Technologiebüros ihre wissenschaftliche Erfahrung von der Patentanmeldung bis hin zur Aufnahme von Kontakten mit Investoren an.

Wie die Technologiebüros kommt die Inkubator-Idee aus den USA, wo sie sich zu einem festen Bestandteil der Internetökonomie entwickelt hat. Voraussetzungen für die Durchsetzung dieser Idee sind der große Kapitalmarkt, das unternehmerisches Denken der Universitäten und Firmengründer und die Bereitschaft des Kapitals Privatinvestitionen zu tätigen. Die National Business Incubation Association (NBIA) schätzt, dass es rund 800 Inkubatoren in den USA gibt. Rund drei Viertel der Brutkästen sind nichtkommerziell und werden u. a. von Universitäten betrieben. Im europäischen Wirtschaftsraum steht seit Ende der neunziger Jahre mehr und mehr Risikokapital für Jungunternehmen bereit, dass das Internet als Quelle für Geschäftsideen entdeckt hat: Europa ist interessant für Inkubatoren geworden, Ende des Jahres 2000 wurden bereits 150 so genannter Brutkästen für die Entwicklung Internetökonomie eingerichtet. Der Inkubator ist dabei eine Art Beschleuniger für die Wertschöpfung: Er stellt Dienstleistungen, Zugriff auf ein Beziehungsnetz, intensive Beratung und meist auch Risikokapital und Managementkapazitäten zur Verfügung; als Gegenleistung erhält er eine Beteiligung an dem Jungunternehmen. (vgl. Nzz, 4. November 2000)

4.3.4 Biotechnologie, Gentechnologie und Life Sciences

Der Schwerpunkt der Darstellung dieses Abschnitts liegt darin, die Bedeutung der informationstechnologischen Netzwerke für die Wertschöpfung, Wertschöpfungsketten und den informationstechnologischen Rationalisierungsangriff zu skizzieren. Eine vollständige detaillierte Beschreibung ist nicht möglich. So werden die Biotechnologie, Gentechnologie und die Life Sciences nur unter dem Aspekt der netzwerktechnologischen Rationalisierung angerissen, um zu verdeutlichen, dass dieser ökonomische Bereich ohne die informationstechnologische Durchdringung und Datenverarbeitung nie die technologischen Entwicklungssprünge der letzten Jahren gemacht hätte. Nur genaue Einzeluntersuchungen aus einem linken Politikverständnis würden diesen Themata gerecht werden, hier sprengen sie den Rahmen der Darstellungsmöglichkeiten. Die Biotechnologie ist ein Sammelbegriff für technologische Anwendungen, die über die Gentechnologie weit herausragt. Gentechnische Wertschöpfung findet in der industriellen Produktion von Lebensmitteln und Lebensmittelzusatzstoffen, in der industriellen Produktion Pharmazeutika und Diagnostika und in der Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnik am Menschen oder an Tieren statt.

Im Zeitraum von weniger als 30 Jahren ist die Biotechnologie in den USA zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Faktor geworden. Entscheidend für den Erfolg waren Ballungszentren (´Clusterª), die Wissens-Spillover und technische Spitzenleistungen sowie Venture-Capital und eine begleitende Netzwerkinfrastruktur zu Wertschöpfungsketten bündelten. Mit einer zeitlichen Verzögerung von etwa zehn Jahren hat sich auch i m europäischen Wirtschaftsraum eine biotechnologischer Sektor herangebildet, der als Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts bezeichnet wird. In High-Tech-Regionen wie den US-Bundesstaat Kalifornien ist die Biotechnologie ein hohe Beschäftigungs- und Wertschöpfungspotential geworden. In Kalifornien ist der gesundheitstechnische Sektor (Biotechnologie unter Einschluss verwandter Gebiete aus dem medizinischen Bereich) mit 212 700 Beschäftigten hinter der Elektronikindustrie (264 400 Mitarbeiter) und vor der Versicherungsbranche (209 100) zum zweitwichtigsten Beschäftigungssektor in den letzten Jahren aufgerückt. Im gesundheitstechnische Sektor werden die höchsten Löhne gezahlt: der Durchschnittslohn in diesem Bereich mit 64 300 $ um 85% über dem Mittel des Bundesstaates von 34 700 $, wobei die Saläre in der Biotechnologie mit 71 200 $ mit Abstand am höchsten sind. In der High-Tech-Kernregion um die Bucht von San Francisco wurden 747 biomedizinische Unternehmen registriert, die mit 84 819 Mitarbeitern einen Umsatz von 8 Mrd. $ erwirtschafteten und Löhne von 5,6 Mrd. $ bezahlten. Insgesamt sind in den USA derzeit mehr als 330 Biotech-Unternehmen an der Börse kotiert, gegenüber rund 70 Unternehmen in Europa. 56 Prozent der biomedizinischen Unternehmen in Kalifornien wurden im Verlauf der neunziger Jahre gegründet

Die "Cluster" in High-Tech-Regionen können "Ballungszentren" der ökonomischen Entwicklung und Ungleichzeitigkeit verstanden werden, in denen alle wichtigen Funktionen der Wertschöpfung in einem unternehmerischen System vereint sind, das kollektives Lernen und flexible Anpassung gefördert habe. Von Bedeutung für diese ökonomische Entwicklung sind die sozialen Netze des halben Dutzends von Spitzenuniversitäten um San Francisco im Umfeld der High-Tech-Region sowie der fluktuierende Arbeitsmarkt und die Beziehungen zwischen dem akademischen Umfeld und den Unternehmen. Am Ende Entwicklungsschleife entstehen kumulative, sich selbst verstärkende Ballungszentren, in denen Wissens-Spillovers und technische Spitzenleistungen mit Venture Capital und spezialisierten Dienstleistungen verknüpft werden. (vgl. Nzz, 3.6. 2000)

Im europäischen Wirtschaftsraum sind die Unternehmen aus der chemischen und biotechnologischen Branche an den klassischen Standorten wie um Basel oder Köln / Leverkusen konzentriert. Die Biotechnologie, Gentechnologie und die Life Sciences war genauso wie der Bereich der Telekommunikation seit Beginn der neunziger Jahre von einer Fusionswelle der Unternehmen betroffen. eine Fusionswelle in Hinblick auf die Wertschöpfungserwartungen zwischen den Konzernen statt. Die Liste dieser Fusionen ist lang, einige Beispiel bis Mitte der neunziger Jahre, dem Beginn der Netzwerktechnologieära, sollen an dieser Stelle angeführt werden:

"Der Fusionstherapie unterzogen sich in den letzten Jahren jedoch nicht bloss Konzerne aus dem gleichen Ursprungsland, wie etwa Sandoz/Ciba, Glaxo/Wellcome (Grossbritannien, 1995, 14 Mrd. $ in Bargeld) oder American Home Products / American Cyanamid (USA, 1994, 9,6 Mrd. $ in bar). Häufig wurden auch internationale Grossfusionen und -übernahmen in der Pharmabranche, die bereits traditionell einen hohen Globalisierungsgrad aufwies (´Krankheit kennt keine Grenzenª) und die von amerikanischen und europäischen Konzernen dominiert wird. Deutschlands Hoechst schluckte so beispielsweise 1995 die amerikanische Marion Merrell Dow für 7,1 Mrd. $. Der US- Konzern Upjohn vermählte sich im gleichen Jahr in einem auf 7 Mrd. $ bewerteten Aktientausch mit der schwedischen Pharmacia, nachdem Roche im Vorjahr für 5,3 Mrd. $ die amerikanische Syntex und Sandoz für 2 Mrd. $ praktisch die Kontrolle über die amerikanische Chiron erworben hatten." (Neue Zürcher Zeitung, 9. März 1996)

Die Hoffnung der Pharmakonzerne in der industriellen Produktion von Pharmazeutika und Diagnostika und in der Fortpflanzungsmedizin ruht auf der Entzifferung des menschlichen Erbguts. "Den Genformationen wollen sie präzise Diagnoseverfahren und eine Vielzahl neuer Medikamente entlocken. So tut sich den Bio-Tech-Unternehmen eine riesige Marktlücke auf. Die einen suchen nach den Schätzen des Erbguts. Andere entwickeln die Werkzeuge, die man dafür braucht. Sie setzen auf Robotik, Automatisierung und brutale Rechenkraft. Schon entsteht eine neue Sparte: i-Biology - eine Fusion der Gen- und Computerbranche." (DIE ZEIT 44/2000) Die Industrialisierung der Forschung im biotechnologischen Sektor hat zu einer Massenproduktion geführt: wo früher Forscher und Laboranten von Hand Experiment um Experiment zusammenrührten, werden von Laborrobotern in netzwerkgesteuerte Fertigungsstraßen der Life-Science-Industrie zusammengefasst. Damit erhofft sich die Life-Science-Industrie bessere Medikamente für die Menschen und große Gewinne für Pharma- und Biotechnologiekonzerne. Mit den Hochleistungs-Laborautomaten in der Life-Science-Industrie sollen bis Ende des Jahres 2002 22 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet werden, schätzen die Analysten bei Strategic Decisions im kalifornischen Menlo Park. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Produktionskonzerne von Hochleistungsrechnern die Life-Sciences entdeckt haben. Für die PC-Konzerne hat der Rechenbedarf bei Forschungsinstituten und Bio-Tech-Unternehmen eine neues Wertschöpfungspotential geschaffen. Hewlett-Packard zusammen mit Intel neue Hochleistungsprozessoren für diesen immensen Datenverarbeitungsbedarf, auf den auch IBM hofft: innerhalb von Jahren wird der Weltmarkt für biologische Informationstechnik auf neun Milliarden Dollar wachsen. Der Computerkonzern reagierte mit der Gründung einer Life-Science-Abteilung und investiert 100 Millionen Dollar in die Entwicklung von Biosoftware. Seit 1999 baut IBM am leistungsstärksten Großrechner aller Zeiten, um die Datenflut zu verarbeiten.

Die digitale Netzwerktechnologie via Internet bekommt für die Datenverarbeitung große Bedeutung: Laborroboter, die aus Gendaten die Form von Eiweißmolekülen errechnen können liefern für die Entwicklung neuer Medikamente jeden Tag so viele Daten, dass Unternehmen Monate mit der Auswertung brauchen. Unternehmen wie Lion haben die Marktnische entdeckt: Sie entwickeln Software und Internet-Angebote welche die Informationsdaten der 350 größten Biodatenbanken der Welt in Form von Datamining filtern. Die Netzwerktechnologie des Internets bietet für die Pharmakonzerne interessante Wertschöpfungsmöglichkeiten mit Einbeziehung der Krankheiten von Patienten. Durch die Genomforschung wird nach den Vorstellungen diverser Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne schon bald die Veranlagung für Krankheiten an Patienten erkennen können, auch wenn die Betroffenen noch völlig gesund sind. Es ist eine Frage der Zeit wann jeder Patient sein Genprofil auf einer CD-ROM mit sich herumtragen wird und Tests von den Phamakonzernen angeboten werden, die den Patienten die diagnostischen Ergebnisse mitteilen und ihnen die Medikamente verkaufen, die sie gesund erhalten. Für den geplanten Datenverkehr zwischen Patienten, Pharmaunternehmen und Ärzten wird nicht einmal ein PC benötigt sondern reichen mobile Kleincomputer: "Motorola entwickelt bereits Handys für die Übertragung von Erbinformationen. Vorexerziert haben es finnische Wissenschaftler. Das Institute of Medical Technology bietet den ersten WAP-Service für Bioinformatik an. Mit BioWAP können Wissenschaftler Gensequenzen oder Eiweißstrukturen über ihr Handy abrufen". (DIE ZEIT 44/2000)

4.4 Wertschöpfungsketten durch Netzwerktechnologie im virtuellen Raum / Intranet

Die Neuordnung der Informationstechnologiekonzerne als Wegbereiter für die Entwicklung des Informationskapitalismus hat unmittelbare Auswirkungen bei der Betreibung von Netzwerktechnologie zur Beherrschung des geschlossenen virtuellen Raumes und des öffentlichen und privaten Raumes. Netzwerke können ein unterschiedliche Anzahl an angeschlossenen Personalcomputern oder Großrechnern haben (z. B. Auf betrieblicher Ebene) und können sich bei Bedarf in größere Netzwerke einbinden, wie in das Internet. Die Netzwerktechnologie hat als Infrastruktur großen Einfluss auf die Rationalisierungsmaßnahmen aller Unternehmen in der Metropole. In den USA sind in den vergangenen zehn Jahren nicht nur Tausende neuer Online-Firmen aus dem Boden geschossen, die Pionierunternehmen wie Amazon, Yahoo!, E*Trade oder Ebay nachzueifern versuchen. Auch die meisten Unternehmen und Konzerne der "old economy" haben die neue Herausforderung zur Neuordnung und damit zur vertikalen oder horizontalen Umstrukturierung angenommen.

4.4.1 Business-Netzwerke für den elektronischen Handel der Unternehmen (B-Web)

Das E-Business ist ein Synonym für eine Entwicklung, die in den vergangenen Jahren zunehmend die Wirtschaftsordnung aller Industrieländer regelrecht durcheinander bringt und für allgemeine Verunsicherung sorgt. Mit dem Internet haben sich die wirtschaftlichen Gegebenheiten verändert und ist nach dem krisenhaften Prozess der Kalten Kriegsökonomie die Neuordnung der Wertschöpfung möglich geworden. Bisherige Wirtschaftsstrukturen sind in Frage gestellt und durchlaufen einen krisenhaften Prozess. Diese Neuordnung führt zu neuen Unternehmensformen und auch zu neuen Spielregeln im Konkurrenzkampf zwischen Unternehmen und Industrien auf dem Weltmarkt. Für die Konkurrenzfähigkeit des Informationskapitals ist die Verfügbarkeit und das Know-how im Umgang mit den Kommunikations- und Informationstechnologien daher von immenser Bedeutung und die Fähigkeit, an den neu entstehenden Wertschöpfungsketten aktiv partizipieren zu können. Diese neuen Wertschöpfungsketten sind dynamisch und entwickeln sich im Umfeld von globalen Business-Netzen (B-Web), dem Electronic-Supply-Chain-Management zur Neuorganisation der Zulieferung, den konzerninternen Netzwerken (Intranet), welche die (noch) bestehenden Firmenstrukturen und regionalen Wirtschaftsräume der modernisierten internationalen Arbeitsteilung auf dem Weltmarkt anpassen.
 

4.4.2 Die Krise der Wertschöpfungsketten in der Chipindustrie

Auch in der Chip- und Computerindustrie wurde über die Netzwerktechnologie eine profitable Wertschöpfungskette aufgebaut. Dabei dürften die Unternehmen Konkurrenzvorteile haben, die nach dem ´Build-to-Orderª System produzieren. Der Computerproduzent Dell ist ein Pionier im Build-to-Order- Ansatz. Der Computerhersteller gründet seinen Wirtschaftserfolg auf der engen Vernetzung der gesamten Leistungs- und Wertschöpfungskette.

"Dell agiert in raschen Planungszyklen und hat die Lieferanten eng in die eigene Wertschöpfungskette integriert. Dies ermöglicht ein weitgehendes Outsourcing von Aufgaben, welche nicht als Kernkompetenz betrachtet werden. Jede Kundenbestellung auf dem Internet wird in Echtzeit an die Lieferanten weitergeleitet und löst die Auftragsabwicklung aus. Die Lieferanten ihrerseits werden kontinuierlich und automatisch an ihrer Leistung gemessen. Telefon und Fax wurden als Kommunikationskanal durch das Internet ersetzt. Dell betreibt nicht mehr den traditionellen Wettbewerb zwischen einzelnen Computerherstellern, sondern einen Wettbewerb zwischen integrierten Wertschöpfungsketten (Nzz, 14. November 2000, Nr. 266, Seite 111)

Dennoch hatten die US-Hersteller von Personal-Computern wie Dell und Apple im Herbst 2000 Absatzprobleme für ihre Maschinen. Konnten zur Jahrtausendwende durch Neuausrüstung aufgrund der Jahr-2000-Umstellung hohe Umsätze und Gewinne erzielt werden, verzeichnen diese Unternehmen Umsatzrückgänge. Begründet wurde dieses mit schwachen Euro, der die in Dollar umgerechten Gewinne schmälere. Tatsächlich geht es bei diesem Geschäftseinbruch um eine nachhaltige Umwälzung auf dem Rechner Markt: "Der PC wird zunehmend das, was er früher war, nämlich ein reines Arbeitsgerät... Viele Verbraucher hätten sich bisher einen leistungsstarken Rechner nicht allein wegen der Textverarbeitung gekauft, sondern vor allem wegen des Internetzugangs und Computerspielen. Doch hier bekomme der PC Konkurrenz durch Set-Top-Boxen für den Netzanschluss per Fernseher und durch Spielkonsolen." (vgl. FR vom 7.10.2000 / 233)

Die optimale Einrichtung von Wertschöpfungsketten alleine sichert in der Computerbranche nicht die Konkurrenzvorteile. Der Zwang zur Diversifikation und das Streben nach Zusammenschlüssen und Fusionen scheint eine Antwort auf die gegenwärtige Krisenbewältigung zu sein: So haben sich die Unternehmen Maxtor und Quantom aus den USA zu einem neuen Festplattenriesen mit mehr als 50 Millionen verkauften Festplatten pro Jahr bei einem Umsatz von sechs Milliarden Dollar zusammengeschlossen (vgl. FR vom 7.10.2000 / 233) und der amerikanische Computerkonzern Hewlett-Packard (HP) hat mitgeteilt, dass er Verhandlungen über einen Erwerb der Beratungs-Sparte von Pricewaterhouse Coopers (PwC) führe. Damit verfolgt HP eine ambitiöse Expansion des Dienstleistungsgeschäfts. Der Wert der Übernahme wurde auf annähernd 18 Mrd. $ veranschlagt. Hewlett-Packard - hinter IBM und Compaq das drittgrößte Computerunternehmen der Welt. Mit PwC hofft nun HP, mit einem Schlag zu den führenden Anbietern von Technologiediensten aufzusteigen. PwC hatte sich in den vergangenen Jahren - wie auch einige ihrer Rivalen - zunehmend auf Technologieberatung (samt E-Commerce) spezialisiert. (vgl. Nzz, 12. 9. 2000, Nr. 212, Seite 21)
 

4.4.3 Electronic-Supply-Chain-Management am Beispiel von Wal-Mart

Seit der amerikanische Einzelhandelskonzern Wal-Mart durch die Übernahme von Wertkauf und Interspar im Jahre 1997 auf dem deutschen Markt Fuß gefasst hat, herrscht Unsicherheit innerhalb der Branche, da der Konzern wie kein anderer auf die Netzwerktechnologie als Rationalisierungsstrategie setzt. Fast alle Handelsunternehmen Europas wurden bereits als Übernahmeobjekte mit Wal-Mart in Verbindung gebracht. "Der Konzern wartet mit spektakulären Unternehmensdaten, einem rasanten Wachstum und einem hohen Profit auf. Wal-Mart ist mit über 1,1 Mio. Beschäftigten, mit einem Umsatz von 165 Mrd. US $ und mit einem Reingewinn von 5,4 Mrd. US $ im Geschäftsjahr 2000 der mit Abstand größte Handelskonzern der Welt. Wal-Mart hat bereits erklärt, in den nächsten 10 bis 20 Jahren auch den globalen Einzelhandel dominieren zu wollen. Die Wettbewerbsvorteile: eine schier unermessliche Finanzkraft, uneingeschränkte Kundenorientierung, perfekt funktionierende Mitarbeitermotivation, modernste Logistik und zukunftsweisende Informationstechnologie.

Der Markteintritt in Deutschland wurde von Wal-Mart unter strategischen Gesichtspunkten geplant. Deutschland gilt als Einstiegsland für Europa und Osteuropa. Mit einem Gesamtumsatz von 5,5 Mrd. DM besitzt Wal-Mart 2,4 Prozent der Marktanteile im deutschen Einzelhandel." (Fr vom 24.11.2000)

Das Electronic-Supply-Chain-Management wurde im Einzelhandel der Schlüssel für nachhaltige Profit- und Netzwerkerwartungen. Der effektive und effiziente Einsatz von digitalen Informationen mit der Netzwerktechnologie macht es möglich, den Warenfluss deutlich zu steigern. Wal-Mart kann in diesem Bereich als Vorreiter für eine neue Kapitalstrategie gelten. Der effizienten Bewirtschaftung der Zulieferer- und Beschaffungskette - der Supply-Chain (SC) - wird im Einzelhandel in den nächsten Jahren eine entscheidende strategische Bedeutung in der Metropole zukommen, denn die Logistikkosten machen im Einzelhandel fast 20% der Gesamtkosten aus. Deshalb kann der Einsatz von neuen Technologien, um die SC optimal zu steuern, zum Konkurrenzvorteil, denn der Druck der Unternehmen durch Kostensenkungen eine aktive Wertschöpfung zu betreiben, wird immer größer. Motor dieser Entwicklung sind die Möglichkeiten, die sich durch den E-Commerce im Business-to-Business-Bereich abzeichnen, wie durch den konsequenten Einsatz von Intranet-Lösungen, die zur optimalen Steuerung des Warenflusses in den dezentralen Filialen führen.

"Retail Link" heißt die Zulieferungstechnologie, mit der Wal-Mart in den USA ein neues Rationalisierungsmodell etabliert hat. Es "beruht auf einem zentralisierten Einkauf, verbunden mit einer zentral gesteuerten Auslieferung aller Produkte. In den USA werden die Filialen von einer standardisierten LKW-Flotte binnen 24 Stunden beliefert. Grundlage des Systems ist eine ständige Analyse der Verkäufe in den einzelnen Filialen, so dass bedarfsgerecht geliefert werden kann. Damit hat Wal-Mart das derzeit am weitesten ausgereifte System zur Bewirtschaftung seiner SC. Einer der Vorteile des zentralen Einkaufs sind die besseren Konditionen, die Wal-Mart von seinen Lieferanten erhält, und die größeren Lagerumsätze. Knapp achtmal pro Jahr wird das Lager umgeschlagen. Der Erfolg liegt im Wissen über die Kunden. Kein anderes Unternehmen weiß so viel über die Sortimente in seinen 3500 Läden und was bei den Kunden ankommt und was nicht. Vor allem haben die mehr als 5000 Lieferanten direkten Zugriff auf eine riesige Datenbank und können so Produktion, Lagerbestände und Lieferzeit optimal steuern." Nzz vom 14. November 2000, Nr. 266, Seite 106)

Mit der Eröffnung des Einzelhandelsfilialiensystems im europäischen Wirtschaftsraum hat Wal-Mart eine europäische SC aufgezogen und gehört damit zu den kapitalistischen Vorreitern eines Modernisierungstrends: der Auflösung von regionalen Lieferantennetzen zur Etablierung eines europaweiten Electronic-Supply-Chain-Systems. Vor allem die Einführung Einheitswährung Euro wird diesen Modernisierungsprozess weiter beschleunigen und die ökonomische Macht der großen Einzelhandelskonzerne gegenüber den Lieferanten beträchtlich verstärken. Große Einzelhandelskonzerne wie Metro, Carrefour und Promodès verfügen über ein zentrales Einkaufssystem für die Abwicklung der Handelsbeziehungen im Großraum. Der Einhandelskonzern Rewe organisiert die Verteilung der Handelswaren ebenfalls zentral, ein Netz von 30 Lagerstandorten und eine einheitliche LKW-Flotte sorgen für eine schnelle Auslieferung. Auch andere, wie etwa Otto-Versand in Deutschland, Tesco in Großbritannien oder Zara in Spanien, haben in den letzten Jahren stark in ihre Electronic-Supply-Chain-System investiert.

Doch Wal-Mart war der erste Handelskonzern, der erfolgreich auf die Anwendung von Netzwerktechnologie gesetzt hat. Andere Handelskonzerne sind Wal-Mart gefolgt. Inzwischen bereitet die Umsetzung von SC Wal-Mart in der BRD große Schwierigkeiten: aufgrund dauerhafter Logistikprobleme funktioniert die Warenwirtschaft und Zentrallagerbelieferung nur schlecht. Spediteure berichteten von stundenlangen, z. T. tagelangen Wartezeiten am neu eingerichteten Zentrallager in Kempen. Marktleiter verschiedener Filialen klagten über unregelmäßige und "falsche" Belieferung. Mehrere Fachverbände der Industrie, die Wettbewerbszentrale und Wal-Mart liegen in einem Dauerkonflikt um umstrittene Lieferantenverträge. (vgl. Fr vom 24.11.2000)

Ein ähnliches Modell der Wertschöpfung etabliert der Karstadt-Quelle Konzern in der BRD mit dem Ziel, sich zu einem vernetzten Handels- und Servicunternehmen über die Netzwerktechnologie umzustrukturieren. Dabei soll die verschiedenen Betätigungsfelder des Konzerns (Mode, Sport, Technik, Touristik) mit einer optimalen Nutzung der Vertriebswege aus dem Versandgeschäft in einem Netzwerk verknüpft werden um "wettbewerbsdominante Vorteile" auf dem europäischen Ha