Welche Perspektiven hat P2P, eine Gruppe von erklärungsbedürftigen
und komplexen Technologien, die weder neu sind, noch evidente
ökonomische Vorteile bietet? Entscheidend für die unmittelbare weitere
Entwicklung ist wohl vor allem, ob der schlechte Leumund, den P2P durch
die sog. "Tauschbörsen" bekommen hat, das gesamte P2P-Paradigma
diskreditiert. Sollten weitere Gerichtsverfahren à la Napster und
FastTrack mit vergleichbaren Urteilen abgeschlossen werden, dürfte der
Begriff "Peer-to-Peer" wohl ein für alle mal zum Synonym für -- je nach
Perspektive -- zivilen Ungehorsam bzw. organisiertes Verbrechen im
internationalen Massstab werden; die Presse wird diese Skandale dann
sicherlich bereitwillig aufgreifen und zahllose Fälle von
Urheberverletzungen und Kinderpornographie dokumentieren.
Hier zeigen sich Parallelen zum Konflikt der Open Source-Community,
die gegen Software-Patente Sturm läuft; auch hier gibt es eine
anwenderfeindliche, die Rechte des Konsumenten bedrohende Interpretation
etablierter Rechtsgrundsätze. Durch Priorisierung einer bestimmten Form
der Rechtsauslegung werden andere Rechte -- ebenfalls etabliert und
durch Verfassungen und Grundgesetze geschützt -- eingeschränkt. Welche
Seite sich in diesem Diskurs kurzfristig durchsetzen wird, ist zur Zeit
noch völlig offen.
Analysiert man die Entwicklung mit einem längerfristigen
Interpretationsschema ist der Ausgang der Entwicklung vorhersehbar: Die
Grassroots-Initiativen, die heute als Peer-to-Peer oder Open
Source-Bewegung bezeichnet werden, werden sich durchsetzen. Indikatoren
hierfür sind bekannte Fakten: Microsoft bedient sich aus frei
verfügbarem Wissen (Quellcode unter BSD-Lizenz) und baut daraus
kommerzielle Produkte mit mehr oder minder attraktiven
Benutzeroberflächen, bekämpft jedoch mit aller Macht die konsequentere
Form des frei verfügbaren Wissens: die GNU GPL.
Die Open Source-Community konstituiert sich selbst, aus eigenem
Antrieb, ohne zentrale Leitung und ohne Führer; sie stützt sich daher
selbst durch ihre enorme numerische Anzahl sowie gleichzeitig durch ihre
Einheitlichkeit und ihre Vielfalt.
Ähnlich stellt sich die P2P-Bewegung dar: Eine enorme Masse, die
gleichermassen durch Einheitlichkeit und Vielfalt gekennzeichnet ist.
Eine numerisch kleine, aber gesellschaftlich mächtige Interessengruppe
versucht, überkommene Besitzstände und Kommunikationsformen zu
verteidigen; die Masse akzeptiert dies immer weniger; Veränderungen
werden stattfinden, ebenso wie die Staatsform der Monarchie durch die
Staatsform der Demokratie abgelöst wurde.
Letztlich stellt sich die Frage, wie Evolution abläuft: Kann eine
numerisch kleine Gruppe, in der Biologie als Population bezeichnet,
langfristig bessere Leistungen erbringen als eine numerisch um ein
Vielfaches grössere Population? Die Wahrscheinlichkeit, dass
Nischenpopulationen überhaupt langfristig existieren können, ist --
biologisch betrachtet -- unwahrscheinlich.
Auch in der IT-Branche wird es sicherlich immer ein
Galapagos-Archipel geben, die Evolution findet jedoch woanders statt. Es
ist alles eine Frage der Zeit.
Siehe auch: Emelie Rutherford,
www.cio.com/research/knowledge/edit/p2p_content.html.