Seit etwa Ende 2000 lässt der 19-jährige Studienabrecher die großen
Musikkonzerne erzittern. Mit Hilfe seines mittlerweile weltweit
verbreiteten Programms Napster tauschen die Nutzer ihre MP3- Dateien
kostenlos untereinander aus und sparen sich nach Meinung einiger
betroffenen Musiker so den Kauf der einen oder anderen CD.

Die Geschichte seines Lebens beginnt 1980 auf einer High School
Abschlussfeier, denn dort wurde er ungewollt gezeugt. Obwohl sein
leiblicher Vater das Weite suchte, entschied sich die damals erst
17-jährige werdende Mutter Colleen Fanning letztlich gegen eine
Abtreibung. Unter schwierigen sozialen Bedingungen wuchs er dann in
Brockton und Harwich Port (Massachusetts) auf. Seine Mutter heiratete
später einen LKW-Fahrer und im Laufe der Zeit bekam Shawn vier weitere
Brüder und Schwestern. Während Colleen Haushalt und Kinder versorgte,
arbeitete sein Stiefvater als Auslieferer für eine örtliche Bäckerei,
verdiente aber nicht besonders viel. Wie Shawn sich erinnert, stand das
Thema Geld immer auf der Tagesordnung. Die Dinge liefen für die Familie
Fanning nicht besonders gut. Da seine Eltern Job und Wohnung verloren
hatten und obdachlos wurden, lebte er mit seinen jüngeren Geschwistern
ein Jahr lang in einer Pflegefamilie.
Doch in seinem Onkel (und späteren Napster-Teilhaber) John Fanning
fand Shawn früh einen großzügigen Förderer. 1996 bekam er von ihm einen
Computer - einen Apple Macintosh 512+ - inklusive Internetanschluss
geschenkt. Außerdem konnte Shawn während der Sommerferien in der Firma
seines Onkels erste Computer- Erfahrungen machen. Es dauerte nicht lange
und seine bisher begeistert ausgeübten sportlichen Aktivitäten gerieten
deswegen ins Hintertreffen. Nach Abschluss der High School begann er
dann im Herbst 1998 ein Studium der Computerwissenschaften an der
Northeastern University in Boston. Bereits hier spielte der Name Napster
eine große Rolle in seinem Leben; es war sein Nickname in Internet Relay
Chat-Räumen (IRC), wo er sich mit erfahrenen Programmierern unterhielt
und so seine Computerkenntnisse stetig ausbaute.
Den umstrittenen und kürzlich von Bertelsmann teuer erkauften
Napster-Stein brachte sein musikbegeisterter Zimmergenosse Matt ins
Rollen. Dieser war im Netz ständig auf der Suche nach neuen Musikstücken
im MP3-Format. Des öfteren lud er seinen Frust über schlecht zu findende
MP3-Dateien, über tote Links oder nicht aktualisierte Suchmaschinen bei
Shawn ab und fand dort einen interessierten Zuhörer. Fanning machte sich
alsbald inspiriert ans Werk, musste sich dafür sogar ein für die
Windows- Programmierung geschriebenes Buch besorgen, da er bislang er
nur unter UNIX gearbeitet hatte.
Anfänglich für Shawn nur ein kleines Nebenbei-Projekt, begann Napster
rasch und unaufhaltsam zu wachsen. Nach Fertigstellung einer ersten
Testversion verteilte er diese an einige Freunde und bereits kurz darauf
wurde er von einer ganzen Reihe an Reaktionen und Anfragen förmlich
überrollt. Mit dem Wachsen der Ansprüche wuchs aber auch der für die
Weiterentwicklung von Napster nötige Zeitbedarf. Im Winter beschloss er,
sein Studium zu unterbrechen. Die Arbeit an seiner Software kostete ihn
einfach zu viel Zeit. Eigentlich wollte er ursprünglich nur eine Auszeit
nehmen und Napster fertig stellen, doch mittlerweile ist er sich sicher,
sein Studium nicht mehr zu beenden.
Die Grundidee seiner "Music-Community" fand rasch viele Anhänger. Im
Mai 1999 gründete er mit tatkräftiger Unterstützung seines bereits
erwähnten Onkels John die Napster Incorporated. Sein in Virginia
lebender Freund Sean Parker - er hatte ihn im IRC kennengelernt - stieg
Mitte 1999 in das Projekt ein. Zusammen mit John Ritter, auch ihn hatte
Shawn im IRC getroffen, veröffentlichte das Trio im Juni 1999 eine
offizielle Beta-Version und verfeinerten diese mit Hilfe der bis zu
diesem Zeitpunkt noch relativ wenigen Nutzer. Aber der Dienst sprach
sich im Netz schnell herum und bereits in den ersten Wochen zählten sie
an die 15.000 Downloads. Als Download.com das Programm im Herbst 1999
zum "Download of the week" erklärte, explodierte die Nutzerzahl
sprichwörtlich.
Dieser riesige Erfolg führte dazu, dass sich sein Onkel John
erfolgreich um 15 Millionen Dollar Risikokapital bemühte und die Firma
im September 1999 offizielle Geschäftsräume in San Mateo (Kalifornien)
bezog. Doch der unerwartete Erfolg ließ die Musikindustrie schnell
aufhorchen und so dauerte es nicht lange, bis sich eine mächtige Allianz
gegen den MP3-Tauschdienst entwickelte. Im Juni 2000 strengte der
Verband der amerikanischen Musikindustrie (RIAA) eine Klage wegen
Verletzung der Urheberrechte gegen Napster an. Nach einigem hin-und-her
und der zeitweiligen zwangsweisen Schließung der Seite, steht eine
endgültige Entscheidung darüber aber immer noch aus.
Ende des Jahres 2000 folgte nun sein zweiter großer Deal. Frei nach
dem Motto "Mache deinen Feind zum Freund" konnte er Ende Oktober einen
Kooperationsvertrag mit der Bertelsmann eCommerce Group unter Dach und
Fach bringen. Diese unterstützen Napster nun finanziell beim Aufbau
eines kostenpflichtigen Abonnementsystem, das nach Fertigstellung
insbesondere die Titel der bei der BMG unter Vertrag stehenden Künstler
digital vertreiben soll. Die BMG zog daraufhin die Klage gegen Napster
zurück. Ob Fanning damit dem bislang bekannten Napster einen Bärendienst
erwiesen haben könnte, wird sich zeigen. Der noch vor kurzem als "Held
der Generation @" bezeichnete Fanning zog durch dieses Geschäft mit der
unbeliebten Gegenseite die Wut seiner Fans und der über 30 Millionen
registrierter Napster-Nutzer auf sich. In Diskussionsforen und
Newsgroups wird zum Boykott aufgerufen und ein erneutes "Abtauchen in
den Untergrund" angekündigt.
Dem Geschäftsmann Shawn Fanning wird dies wenig ausmachen; erst
kürzlich wurde er von der renomierten Zeitschrift "Entertainment Weekly"
auf Platz sechs der 101 wichtigsten Persönlichkeiten aus dem Show
Business gewählt.
Quelle:
www.politik-digital.de/koepfe/fanning.