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Radiotheorie
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23-Jun-2004/14-Jan-07
Übersicht
Als Radiotheorie bezeichnet man eine auf das Medium Rundfunk,
insbesondere den Hörfunk, spezialisierte
Medientheorie. Bekannte
Radiotheorien wurden verfasst von Bertolt Brecht, Rudolf Arnheim, Walter
Benjamin, Gerd Eckert und Eugen Kurt Fischer.
Brechts Radiotheorie
Eine der ersten Radiotheorien entwickelte Bertolt Brecht; es handelt
sich dabei im engeren Sinne nicht um eine geschlossene Theorie, sondern
eher um einen Versuch, die in Brechts Radiopraxis intendierten
Vorstellungen theoretisch zu begründen. Systematisch im Spektrum der
vorhandenen Medientheorien betrachtet, ist Brechts Ansatz vortheoretisch
und erhebt nicht den Anspruch einer vollständigen Theorie des Mediums;
sie ist daher den Ansätzen der rationalisierten Praxis zuzuordnen.
Die Radiotheorie entwickelte Brecht zwischen 1927 und 1932; Brechts
Texte zum Thema finden sich folglich nicht in einer einzigen Arbeit,
sondern über verschiedene Texte verstreut:
- Radio – Eine vorsintflutliche Erfindung? In: Bertolt Brecht:
Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a.
M., S. 119-121
- Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks. In: Bertolt
Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd.,
Frankfurt a. M., S. 121-123
- Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht:
Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a.
M., S. 127-134
- Über Verwertungen. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20
Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 123-124
Kernaussagen
Brecht sieht das Grundproblem des Hörfunks darin, dass er erfunden
wurde, ohne dass es ein gesellschaftliches Bedürfnis danach gegeben
habe: »Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern
der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit«. Ironisch merkt er an:
»Man
hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte,
wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. [...] Ein Mann, der was zu
sagen hat, und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer
sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat«.
Dies sei auch der tiefere Grund, so mutmaßt Brecht, dass im Hörfunk
nichts Neues übertragen, sondern nur Vorhandenes imitiert werde.
Basierend auf dieser Analyse überlegt Brecht, wie das vorhandene
Medium nutzbringend eingesetzt werden könnte: »Um nun positiv zu werden:
d.h., um das Positive am Rundfunk aufzustöbern; ein Vorschlag zur
Umfunktionierung des Rundfunks: Der Rundfunk ist aus einem
Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln«. Der
Hörfunk könne den Austausch ermöglichen und zu Gesprächen, Debatten und
Disputen genutzt werden.
In dem Rundfunkexperiment, von dem drei Fassungen gesendet wurden,
versucht Brecht, die theoretische Erkenntnis in praktisches Handeln
umzusetzen; die Entwicklung des Experiments spiegelt gleichzeitig den
Wandel in Brechts Vorstellungen wider:
- Die erste Fassung wurde unter dem Titel "Lindbergh" gesendet;
Brecht erkannte, dass die Zuhörer dazu neigten, sich mit der
überlebensgroßen Person des Flugpioniers Lindbergh zu
identifizieren; dies versuchte er zu vermeiden und anstelle dessen
die kollektive Leistung zu betonen.
- Die zweite Fassung trug daher den verfremdeten Titel "Der Flug
der Lindberghs".
- Die dritte und letzte Fassung ließ die individuelle Leistung des
Flugpioniers noch weiter zurücktreten, der Titel lautete nur noch
"Ozeanflug".
Brecht wünschte sich: »Hörer sollen zum Mitspieler werden«, und:
»Das
Radio wird zum Sprecher und Medium in einem: es kommuniziert mit den
Hörern ("die Lindberghs")«. Sein Ziel war es, Höreraktivität zu
erreichen und so den Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat
zu verwandeln. Die Hörfunksendung fasste er als Radiolehrstück zur
Einübung in eine neue Gesellschaftsform auf. Brecht war also überzeugt
davon, dass Medien positive gesellschaftliche Veränderungen hervorrufen
können.
Über die Realisierbarkeit seiner Vorstellungen machte sich Brecht
allerdings keine Illusionen: »Undurchführbar in dieser
Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen die
Vorschläge, welche doch nur eine natürliche Konsequenz der technischen
Entwicklung bilden, der Propagierung und Form dieser anderen Ordnung.
[...] Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber
nachzudenken, warum es utopisch ist«.
Rezeption und Wirkung
Hans Magnus Enzensberger greift in seiner emanzipatorischen
Medientheorie des
Medienbaukastens (1970) Brechts Ansätze wieder auf und erweitert
sie; der Medienbaukasten
steht in direkter Folge von Brechts Radiotheorie.
Jean Baudrillard setzt sich in
Requiem für die Medien
(1972) ebenfalls mit den beiden emanzipatorischen Ansätzen auseinander,
kritisiert diese jedoch scharf.
Neuere Medientheoretiker aus den 1980er und 90er Jahren wie Friedrich
Kittler und Norbert Bolz greifen teilweise ebenfalls auf die
Radiotheorie zurück, stehen jedoch nicht in deren emanzipatorischer
Denktradition wie Enzensberger.
Literatur
Zu Brechts Radiotheorie:
- Dieter Wöhrle: Bertolt Brechts medienästhetische Versuche,
insbes. Kapitel IV: "Das Radioexperiment 'Der Lindberghflug' und
Brechts Auseinandersetzung mit dem Medium Rundfunk", S. 45-60.
Prometh: Köln 1988.
Andere Radiotheorien:
- Werner Faulstich: Radiotheorie. Eine Studie zum Hörspiel 'The
War of the Worlds' (1938) von Orson Welles, 1981. ISBN: 3878089554
Siehe auch
Quelle
Diese Artikel wurde erstmals am 27. März 2004 in
Wikipedia, der
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Stand: 02:11, 2. Jun 2004.
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