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Argumente gegen Freie Software

Von Agon S. Buchholz, Februar 2003 ff.

Meinung : Freie Software : Contra : Übersicht
16-Feb-2003/09-Jan-07


Übersicht

Dieser Abschnitt ist Bestandteil des Diskurses über GNU/Linux; er fasst stichpunktartig die Argumente gegen Free Software, Open Source und GNU/Linux zusammen und referenziert ggf. auf mögliche Lösungsansätze.

Ich habe die jeweiligen Argumente nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt und mich bemüht, die Aussagen sowie die dazugehörigen Anmerkungen und Gegenargumente bestmöglich durch Fakten zu untermauern. Möglicherweise ist mir das nicht in jedem Fall gelungen; ich freue mich daher über Anmerkungen, Korrekturen und Ergänzungen:

Anmerkung: Die Unterscheidung zwischen Open Source und Free Software scheint mir essentiell zu sein; in diesem Abschnitt geht es tatsächlich um Open Source- Software, nicht um Freie Software.

Vielfalt und Komplexität.

Die Open Source Community entwickelt eine Vielzahl von Applikationen mit ähnlicher Funktionalität; insbesondere für Umsteiger von proprietären Systemen und Neueinsteiger ist die Orientierung unter den zahllosen Alternativen schwierig, da nahezu alle Applikationen frei als Optionen zur Verfügung stehen. Etablierte Selektionsmechanismen wie Hersteller, Preis, Marktdurchdringung und Support greifen nur eingeschränkt.

Das Problem hierbei ist, dass Vielfalt eine Zunahme der Komplexität bedingt, Menschen in einer komplizierten Welt jedoch eher nach Komplexitätsredution suchen. Komplexitätsreduktion ist notwendig, um Entlastung zu ermöglichen; andererseits bewirkt möglicherweise eine übertriebene Komplexitätsreduktion Simplifizierung, also eine verfälschende Vereinfachung von Zusammenhängen. Es ist der Open Source Community bisher nur eingeschränkt gelungen, Lösungen für dieses alte Dilemma zu entwickeln.

Beispiele:

  • Diverse MTAs (postfix, sendmail, qmail...),
  • zahllose MUAs (mutt, pine, evolution, Mozilla Mail, Sylpheed...),
  • zahllose Editoren (vi, vim, emacs, xemacs, nedit, gedit, kedit...),
  • diverse Window Manager (Metacity, fvwm, windowmaker, icewm...)
  • mehrere Desktop-Umgebungen (Gnome, KDE, GNUstep...) usw.

Lösungsansätze:

  • Elitebildung.
    Motto: "Lebe mit der Komplexität, auch wenn es Dich verrückt macht; schaffst Du das nicht, bleibst Du ein Loser (Newbie, Wintroll etc.)".
  • Debian Paketverwaltung: Alternative commands.
    Debian ermöglicht , basierend auf den ansatzweise sematischen Funktionen von DPKG, durch das Kommando update-alternatives das Definieren von Alternativen für eine bestimmte Anwendung; eine Liste der Alternativen wird systemweit unter /etc/alternatives geführt. Beispiel: vi, elvis-tiny, vim, nvi.
  • Vorabselektion durch den Distributor.
    Ansatz, den beispielsweise Red Hat mit dem vorkonfigurierten Bluecurve- Desktop verfolgt; eine Auswahl von Anwendungen wird prominent gefeatured, z.B. Mozilla, Evolution und OpenOffice.org; Alternativen dazu sind zwar in der Distribution weiterhin enthalten, werden aber eher "versteckt".

Redundanz.

Die Open Source Community zelebriert genussvoll Doppelentwicklungen und duldet Forking von Projekten. Dies bedingt einen verschwenderischen Umgang mit Entwickler-Resourcen. Es werden Alternativen entwickelt, es könnten jedoch möglicherweise bessere Applikationen entstehen, wenn die Kraft der Entwickler sich auf eine begrenzte Anzahl von Applikationen, Bibliotheken etc. konzentrieren würde.

Dieses Argument verkennt den Charakter von Open Source Software: Es geht hier nicht um den effizienten Einsatz von Entwickler- Ressourcen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien, sondern um Spaß am Programmieren, Selbstverwirklichung, Lernen an einem eigenen Projekt, das Verbessern der eigenen Coding- Fähigkeiten und das Erreichen von Renommee bei anderen Entwicklern ("Fame").

Mangel an Applikationen.

Nach dem Open Source- Modell werden bestimmte Anwendungen schlicht und ergreifend nicht entwickelt, wenn es -- aus der Perspektive der Entwickler -- keine Notwendigkeit dafür gibt.

Das eklatanteste Beispiel ist wohl das absolute Nichtvorhandensein eines visuellen HTML- Editors à la Microsoft Frontpage, Macromedia Dreamweaver oder Adobe GoLive! Vermutlich besteht für die FLOSS- Entwickler keine Notwendigkeit zur Entwicklung visueller Applikationen für Site Management oder einfache Markup- Sprachen.

Auch dieses Problem liegt im Open Source- Modell begründet: FLOSS- Software wird von Programmierern gschrieben, um ein eigenes Problem zu lösen; Open Source- Software entsteht nie, um die Probleme anderer zu lösen -- nämlich derer, die nicht programmieren können oder wollen.

Mangelhafte Usability.

Open Source bedeutet Spass am Coding, nicht notwendigerweise Spass am Interface- Design oder an der verbesserung der Usability. In der Microsoft- Welt ereignen sich dagegen seit einigen Jahren die meisten (Weiter-) Entwicklungen im Bereich der Usability und der Benutzerschnittstellen. Einerseits wollen sich die Open Source- Entwickler sicherlich davon distanzieren, andererseits scheint fraglich, ob die fragmentierten FLOSS- Entwickler überhaupt Willens und in der Lage wären, betriebssystemweite Standards wie CUA/ SAA zu etablieren und durchzusetzen.

Bestrebungen zur Verbesserung der Usability werden von weiten Teilen der Community rigoros abgelehnt oder durch Nichtbeachtung unterlaufen.

Beispiele:

  • Die mit Red Hat Linux 8.0 eingeführte vereinheitlichte Desktop- Umgebung Bluecurve versuchte, die Bedienung von KDE und GNOME  einander anzugleichen; dies führt zu heftigster Kritik seitens der Community.
  • Sun Microsystems steckt erhebliche Ressourcen in die Verbesserung der Usability des Gnome- Desktops (z.B. HIG); dennoch wird Gnome seitens der Community nicht so gut angenommen wie KDE. Ein Grund dafür mag sein, dass die FLOSS- Entwickler die vergleichsweise restriktiven Vorgaben über Schnittstellen und Interfaces nicht akzeptieren bzw. deren EInhaltung zu aufwändig ist.

Ungenügende Reife und Stabilität.

Es gibt zwar eine Vielzahl an Open Source- Anwendungen, die meisten Projekte bringen jedoch keine produktiv einsetzbaren Produkte hervor; Ausnahmen bestätigen die Regel: Beispiele: GNU Emacs, Apache httpd, The GIMP.

Auch dieses Problem ist systemimmanent; der Grundsatz von Open Source lautet: "release early, release often". Dem entsprechend werden zahllose Programme bereits in einem unfertigen Zustand veröffentlicht (Pre-Alpha-, Alpha-, Beta- Versionen); die Community entscheidet dann durch ihre Mitarbeit, ob das Projekt weiterentwickelt wird. Durch diesesen unkoordinierten Selektionsprozess verbleiben die quantitativ meisten Open Source- Applikationen in einem nahezu unbrauchbaren Zustand.

Mangelnde Innovationsfähigkeit.

Nach dem Open Source- Modell kann komplexe Software nur begrenzt entwickelt werden; von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen bildet Open Source- Software nur die Funktionalität kommerzieller Applikationen nach. Die Innovationskraft der Open Source- Community ist minimal, es ereignet sich zu weiten Teilen ein "Hase- und- Igel"- Wettrennen, das die Open Source- Community nicht gewinnen kann.

Betrachtet man die aktuellen Vorzeigeprojekte der Open Source- Community, sind folgende Feststellungen zu treffen:

  • Der GNU Emacs ist kein Open Source- Projekt, er wurde massgeblich nicht nach dem "bazaar"- Modell, sondern nach dem "cathedral"- Modell entwickelt.
  • Die Entwicklung des Apache httpd wird finanziell massgeblich durch die Industrie getragen; ähnliches gilt für das Samba- Projekt.
  • Die -- neben dem Linux- Kernel -- komplexesten Open Source- Projekte, XFree86, Mozilla und OpenOffice.org, sind keine originären FLOSS- Entwicklungen, sondern "Geschenke" an die Community bzw. "Clones" kommerzieller Produkte. Die Projekte Mozilla und OpenOffice.org basieren auf riesigen Mengen an Code, die von Netscape bzw. Sun aus strategischen Gründen als Open Source freigegeben wurden. Der Code wird zwar auch mit Unterstützung der Community weiterentwickelt, massgeblich jedoch weiterhin durch die Spenderfirmen (Netscape/ AOL bzw. Sun Microsystems) gefördert. Es handelt sich nicht um "Erfindungen" der Community, sondern um Grundlagen, die kommerziell entwickelt wurden. Ähnliches gilt für XFree86, hier wurde "nur" das kommerzielle X11 nachgebaut und anschliessend eigenständig weiterentwickelt. Auch das X Window System ist keine Erfindung der FLOSS- Community.
  • Die Desktop- Umgebungen KDE und GNOME bilden fast ausschliesslich die Funktionalität kommerzieller Desktop- Systeme wie Microsoft Windows,  Apples "Finder" oder NeXT Softwares NeXTstep bzw. OpenStep nach. Selbst die Widgets und Themes nähern sich den kommerziellen Vorbildern an. Im Falle von GNOME ist die Community- Unterstützung noch vergleichsweise gering, daher stützt Sun die Entwicklung massiv durch eigene Ressourcen.

Ideologisierung.

Freie Software ist nicht nur eine Lizenzform und ein Entwicklungsmodell für Software, sondern definitv auch eine Ideologie. Diese Ideologie schliesst, wie alle totalitaristischen Ideologien, Optionen und Wahlmöglichkeiten aus.

Beispiel, möglicherweise nicht repräsentativ:

  • Wer an einem Free Software- Projekt mitarbeiten will, muss sich möglicherweise ungeschriebenen und teilweise fachlich nicht vertretbaren Regeln unterwerfen. Dazu gehört beispielsweise, dass keinerlei Arbeit für das Projekt mit unfreier Software erledigt werden darf, auch wenn dadurch die rasche Weiterentiwcklung des Projektes aufgehalten oder gänzlich unmöglich gemacht wird. Torvalds verfolgt mit der Kernel- Entwicklung einen pragmatischen Ansatz und lässt beispielsweise die Verwendung der proprietären Versionskontroll- Software Bitkeeper zu, da es keine funktional vergleichabare Freie Software gibt; Torvalds erntet dafür massive fundamentalistische Kritik aus dem Free Software- Lager, kann sich aber durch seine Ausnahmestellung als "Erfinder" von Linux mit seinem Kurs durchsetzen. In anderer Konstellation wäre dies nicht möglich, durch die fundamentalistische Grundhaltung wird die Verwendung unfreier Software in Free Software- Projekten i.d.R. ausgeschlossen.

Antikommerzielle Grundhaltung.

Insbesondere die GNU GPL zerstört durch ihren "viralen" Charakter geistiges Eigentum.

Hierbei ist zunächst zu beachten, dass die GNU GPL explizit die kommerzielle Nutzung von Anwendungen unter der GPL schützt.

Tatsache ist auch, dass die GNU GPL geistiges Eigentum öffnet und dauerhaft vor dem "Verbergen" von Wissen schützt; je nach Standpunkt kann dies erwünscht oder auch unerwünscht sein.

Netmarks

Microsoft.com: Shared Source Licensing Programs from Microsoft,
www.microsoft.com/licensing/sharedsource.

Microsoft's Shared Source Initiative is a source licensing framework that makes source code broadly available while preserving the intellectual property rights that sustain a strong software business. The Shared Source Initiative includes a spectrum of source code access programs and licenses that promote technical innovation and bring value to businesses. Each source licensing program is tailored to the specific needs of a particular Microsoft constituent community.

Microsoft.com: The Microsoft Shared Source Philosophy,
www.microsoft.com/licensing/sharedsource/philosophy.asp.

Over the last few years there has been increasing interest in the multiplicity of software models. Much of this has focused on Open Source Software (OSS)—a label applied to what is in fact a range of models, all of which include the publication of source code. Many of Microsoft's customers and partners have asked us about our source code philosophy and how it compares to other models in the industry today—specifically the OSS model used for such software as the Linux operating system. Microsoft has heard our customers' requests, and we have been studying the OSS model.

OSnews.com: "What the Linux World Needs Now" (Guest Editorial), by Contributing Editor Marco Zanon - Posted on 2003-02-17 09:41:43,
www.osnews.com/story.php?news_id=2837.

»Applications have dramatically improved, too, both in quality and quantity: OpenOffice, AbiWord, Mozilla, Evolution, Gimp are examples of packages allowing Linux to be used for everyday work. So, is Linus Torvalds' creature now ready to conquer the desktop? In my opinion, the answer is "not fully, not for everyone", and the reason is the lack of solid standards, which results in the following problems [...]«.

Anmerkungen

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