Zu einem Zeitpunkt, da die LC dabei ist, dreißig Jahre
Eigenentwicklung von Software aufzugeben und ein kommerzielles System zu
installieren, scheint es geboten, einen Blick auf ihre
Automatisierungsgeschichte zu werfen, um zu verstehen, warum die
Bibliothek so lange zögerte, ihr eigenes System aufzugeben.
Automatisierung in der Library of Congress ist ein
Unterfangen, welches nicht nur aufgrund der schieren Größe der
Institution seit den 60er Jahren mit wechselndem Erfolg betrieben wird.
Wenn eine Institution Technologie in einem Anfangsstadium zu nutzen und
selbst zu entwickeln beginnt, kann sie dadurch eine Führungsrolle
übernehmen.
Computerhistorisch früh, Ende der 50er Jahre, began die
LC die Computerisierung der Bibliothek zu erkunden. Erste
Expertenberichte waren positiv, IBM jedoch zögerte nach anfänglicher
Zusage, sich in das Abenteuer zu stürzen, Titelaufnahmen maschinenlesbar
zu machen. Die Firma berichtete zu Anfang enthusiastisch, daß es mit
ihrer Erfahrung im Bankgeschäft und der Automatisierung von Adreßdaten
ein Leichtes wäre, den damals 18 Millonen Karten umfassenden Katalog zu
automatisieren. Nach genauerer Analyse der Titelaufnahmen zog sich IBM
allerdings zurück und die Bibliothek beschloß, selbst ein
Automatisierungssystem zu entwickeln.
1965 begann in einem Pilotprojekt, was heute zum
weltweit benutzten MARC Format (Machine-Readable-Cataloging) geworden
ist. 1966 wurden die ersten MARC Daten auf Band an Bibliotheken
versandt. Dies war die Weiterentwicklung und Erfüllung von Putnams
Verkauf von gedruckten Katalogkarten; der schnelle und einfache Vertrieb
von Katalogisierungsdaten auf Computerbändern der Library of Congress.
Das Standardbüro (Network Development and MARC Standards Office),
welches die Weiterentwicklung und Veränderung von MARC überwacht, ist
heute als eine Abteilung in die Library of Congress integriert.
Ende 1960 entstand eine eigene Computerabteilung,
zuständig für die Entwicklung von Software, welche die MARC-Daten
verarbeiten und darstellen sollte. Obwohl IBM sich aus dem
Softwareprojekt der Bibliothek zurückzog, wird dort bis heute vorwiegend
auf IBM Großrechnern gearbeitet. 1975 wurden die ersten
Publikumsterminals installiert und ein "Computer Catalog Center" im
Jefferson Gebäude eingerichtet.
Der Januar 1980 bildete einen weiteren Meilenstein in
der LC Computergeschichte, als der bis dahin neben dem OPAC (das Library
of Congress SCORPIO Programm) immer noch benutzte Zettelkatalog
offiziell geschlossen wurde. Der auf mittlerweile 23 Millionen Karten
angewachsene Mammutkatalog konnte manuell nicht weiter aktuell gehalten
werden. Gleichzeitig mit der Schließung des Zettelkatalogs änderte die
Bibliothek auch die Katalogisierungsregeln und begann die AACR2
anzuwenden.
Daß die Bibliothek je das Geld aufbringen würde, den
Zettelkatalog vollständig zu konvertieren, wurde damals von vielen
bezweifelt. Heute jedoch ist dies geschehen, und auch wenn das
sogenannte "Pre-MARC file" von Bibliothekaren wegen seiner Qualität mit
Skepsis benutzt wird, muß man nun nur noch in seltenen Zweifelsfällen
zwei Katalogsysteme konsultieren.
In den 80er Jahren trat so etwas wie eine
Konsolidierungsphase in der Automatisierung ein. Die LC entwickelte ein
Ausleih- und ein Erwerbungssystem, welche aber leider nie mit der
Katalogisierung und dem OPAC verknüpft wurden, und scheiterte am
Versuch, die Zeitschriftenabteilung zu automatisieren. Während die LC
mit viel Aufwand maßgeschneiderte Teilsysteme für die Abteilungen
entwickelte, ging in der Bibliotheksautomatisierung die Entwicklung hin
zu integrierten Systemen und führte schließlich weg von Großrechnern zu
Client- Servertechnologie. Leider verpasste die Library of Congress den
Anschluß an diese Entwicklungen und mußte schließlich die Idee, ihre
verschiedenen System je zu integrieren, aufgeben. Der Aufwand war zu
groß und die Kosten zu hoch.
Auf der Ebene der optischen Speicherung und
Digitialisierung von Dokumenten übernahm die Bibliothek wieder einmal
die Führungsrolle. 1982 machte die Bibliothek Computergeschichte, indem
sie als erste Institution Daten (gescannte Zeitschriftenartikel) auf
optischen Platten speicherte und so in den Lesesäälen zum erstmals nicht
nur Titelinformationen, sondern Artikel im Volltext mit Illustrationen
über Computerbildschirme abgerufen werden konnten.
Nach mehreren Jahren Pilotversuch wurde das Projekt vom
Congressional Research Service übernommen und hat dort ein
Mikrofilmarchiv von Zeitschriftenartikeln ersetzt. Gleichzeitig begann
die LC das American Memory Projekt, welches sich heute in die National
Digital Library gewandelt hat. Mit großer finanzieller Hilfe von
privater Seite digitalisiert diese Abteilung Teilbestände der
Americana-Sammlung. Millionen von gescanntem Archivmaterial, Fotos,
Filmen und Tonaufnahmen sind nun über das Internet abrufbar. Neben den
Bemühungen, den Arbeitsfluß zu rationaliseren, sind die Planungen und
Aktivitäten zur Archivierung und Nutzung von elektronischen
Publikationen ein Schwerpunkt des derzeitigen Bibliotheksmanagements.
Daß vor kurzem nach jahrzehntelanger Eigenentwicklung
der Entscheid getroffen wurde, ein kommerzielles Bibliothekssystem zu
installieren, hat nur teilweise damit zu tun, daß die LC erkannte, daß
interne Entwicklungen mit kommerziellen nicht Schritt halten können,
sondern vor allem auch mit dem Jahr 2000 Problem. Jetzt war endlich der
Zeitpunkt gekommen, mit einer großen Ausschreibung eine moderne
Softwarelösung zu suchen.
1997 war es soweit: Die LC publizierte eine
Systemausschreibung für ein integriertes Client Server
Bibliothekssystem, an der sich alle großen amerikanischen
Bibliotekssoftwareanbieter beteiligten. Im Winter wurden mittels eines
detaillierten und rigiden Auswahlverfahrens Systeme getestet und
schließlich im Sommer 1998 das System Voyager von Endeavor Information
Systems, Inc. ausgewählt.
Zur Zeit befindet sich die LC mitten in der
Implementierungsphase, und wenn alles nach Plan geht - und es muß und
wird nach Auskunft der Projektleitung - , werden Ende des Jahres die
Großrechner von Sun-Maschinen abgelöst, und die Bibliothek hat den
Quantensprung zur integrierten Arbeitsweise geschafft. Bis es soweit
ist, gibt es allerdings noch viel zu tun, und die Umstellung ist für
viele Mitarbeiter beängstigend. Vor allem die immer noch manuell
arbeitende Zeitschriftenabteilung steht im Rampenlicht der
Automatisierung.
Wie der Kardex mit über 850.000 Zeitschriftentiteln zu
konvertieren ist, bereitet der Automatisierungsgruppe viel
Kopfzerbrechen. Nicht nur die Größe ist abschreckend; die alten mit
Bleistift geschriebenen Aufnahmen sind oft kaum zu entziffern, und neben
dem Kardex gibt es dann auch noch einen dazugehörigen Zettelkatalog, und
dem nicht genug existieren Teile der Titel auch noch in einer
Computerdatenbank. Wie die bei einer Konversion entstehenden Duplikate
je ausgesondert werden können, ist nur eines der vielen Puzzles, welche
das Automatisierungsteam zu lösen hat. Über zwölf Millionen Titel und
etwa vier Millionen Autoritätsdaten müssen vom alten System ins neue
geladen werden und hunderte von Arbeitsabläufen neu definiert oder
angepaßt werden.
Quelle: Dr. Ruth Wüst,
www.b-i-t-online.de/archiv/1999-02/fachbeit/wuest/artikel.htm
(Auszüge).