Die Dichotomie zwischen Sein und Schein geht zumindest bis in
die vorsokratische Philosophie der griechischen Antike zurück. So
betonte beispielsweise Heraklit (um 500 v. Chr.), das Sein liebe
es, sich zu verbergen (27 Themistios, Or. 5, 69 B; DK 22 B 123:
physis de kath Herakleiton kryptesthai philei; das Spektrum der
Übersetzungsversuche reicht von einem wörtlichen »Natur, so Heraklit,
pflegt sich versteckt zu halten« über »Sein liebt es sich zu verbergen«
bin hin zu einem gewagten »Das Aufgehen neigt in sich schon zum
Untergehen«). Jedenfalls scheint bereits vor zweieinhalb Jahrtausenden
ein Bewusstsein entstanden zu sein, dass nicht alls so ist, wie es zu
sein scheint.
Wenig später findet sich bei Parmenides (um 515/510
bis 450 v. Chr.; Peri physeos, Fr. 1, 30 ff.) der Begriff
der doxa, der »unzuverlässigen [und] wahnhaften Meinung der
Sterblichen, die sich in trügerischen Wortgefügen verfangen«. Er
unterscheidet zwei Wahrnehmungen, wobei die Menschen eine davon – ihre Scheinwelt –
selbst produzieren.
Norbert W.
Bolz weist auf Strkturhomologien des Parmenideischen Denkens zum
streng jüdischen Monotheismus hin; so betont Hermann Cohen: »Nur
Gott ist Sein. [...] Die Welt ist Schein« (Cohen, Religion der
Vernunft aus den Quellen des Judentums, Darmstadt 1966, S. 48); den Kern
der jüdischen Religion bilde der Kampf des Seins gegen den Schein.
Auch Platon (427-347 v. Chr.) unterscheidet in seiner
Ideenlehre zwischen Sein und Schein; im Höhlengleichnis (Politeia
514-517a) sehen die Gefesselten (apaideumasia) nur Schatten (skia) statt
der Sonne selbst (in der Sonnenanalogie also das agathon bzw. die
aletheia); im Liniengleichnis (Politeia 509d6-511e5) unterscheidet er
zwischen dem doxaton mit ihren Bildern (eikones), Schatten (skiai) und
Erscheinungen (phantasmatai) sowie dem noeton mit dem Ideen selbst (auta
ta eide). Die Sophisten stellen diskursive Verführer dar, die
ihre Kunden durch Sprachbilder (eidola legomena) und Redephantasmen
(logois phantasmata) in die Irre statt zur Wahrheit, d.h. Wirklichkeit
(aletheia) führen. Gleichzeitig findet man bei Platen dieselbe
Kunstfeindlichkeit, die bereits bei den Sprachbildern der sophistischen
Gaukler ansetzt, wie auch im jüdischen Monotheismus. Bolz bezeichnet
diese Position als »Entbilderungsunternehmen« (Eine kurze
Geschichte des Scheins, S. 19).
Die griechische Sprache handhabt diese differenzierte Vorstellung vom
Bildhaften durch unterschiedliche Begriffe: Das eidolon (lat.
idolum) ist ein Traum-, Trug- oder Scheinbild, das eikon (lat.
imago) das Ebenbild, das innere Abbild, das Seelenbild oder auch das
physisch-materielle Bild und eidos ist das Urbild, die Gestalt,
das Aussehen oder bei Platon die Idee. Dabei hat eido (lat. video, ahd.
wizzan) bzw. eidon denselben Wortstamm und bedeutet wissen, verstehen
bzw. sehen, erblicken, erkennen. Aufgabe der Philosophie ist die
Austreibung der eidola, denn Bildwelten sind prinzipiell Trugbildwelten.
Die Philosophie des Sokrates ersetzt das Urdenken in Bildern
durch Begriffe und wird so zum Stammvater der historisch-kritischen
Bildung und Abstraktion. Das Urdenken in Bildern charakterisiert dabei
den Mythos, die Austreibung des Bildhaften aus dem Denken repräsentiert
den Übergang vom Mythos zum Logos und damit den Beginn der Aufklärung
mit ihrer Prämierung der Rationalität. Der Bilderwall des
Mythenhorizonts »fügt sich zum Wall vor der Realität«
(Adorno) und wird von der Aufklärung als Gefängnis wahrgenommen: »Deshalb
zielt Aufklärung letztlich auf eine rationale Tilgung des Bildcharakters
von Bewußtsein« (Eine kurze Geschichte des Scheins, S. 20).
Das wahre Wesen der Bilder ist der Schein: »Erst indem
Subjektivität in der Erkenntnis der Nichtigkeit der Bilder ihrer selbst
mächtig wird, gewinnt sie Anteil an der Hoffnung, welche die Bilder
vergeblich bloß versprechen. Das gelobte Land des Odysseus ist nicht das
archaische Bilderreich. Alle diese Bilder geben ihm endlich als Schatten
in der Totenwelt ihr wahres Wesen frei, den Schein« (Dialektik
der Aufklärung, S. 85)
Theodor W. Adornos negative Dialektik perfektioniert
diesen bilderlosen Materialismus Anfang des 20. Jahrhunderts und stellt
den »Extremwert jener aufklärerischen Elimination des
Bildcharakters von Bewußtsein« dar (Eine kurze Geschichte des
Scheins, S. 20).
Gleichzeitig markiert diese Extremposition möglicherweise den
Endpunkt der Aufklärung und damit der Moderne: Der Mythosverlust
wird nicht mehr uneingeschränkt als Gewinn wahrgenommen: »Dem mythenlosen Menschen
der Moderne fehlt die Kraft der Abbreviatur, der Horizontbegrenzung, die
der Mythos leistete. Der Mythos ist die Matrix des Weltbildes – er stellt ein
Bild von der Welt und umstellt die Welt mit Bildern« (Eine kurze
Geschichte des Scheins, S. 20).