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Fotografie und Gesellschaft
Von Agon S. Buchholz
für Kefk Network
Fotografie.
Theorie : Themen
: Gesellschaft : Übersicht
15-Jun-2004/06-Feb-06
Übersicht
Jedes Medium ist in einen Kontext kultureller und sozialer
Rahmenbedingungen eingebettet.
Gisèle Freund
untersucht in »Fotografie und Gesellschaft« speziell die
gesellschaftliche Bedeutung und geht dabei von einer Wechselbeziehung
von geschichtlicher, gesellschaftlicher und künstlerischer Entwicklung
aus (Freund
1974: 15):
»So erzeugt jede Gesellschaft, weitgehend durch ihre
Lebensweisen und Traditionen selbst, bestimmte künstlerische
Ausdrucksformen, die nun ihrerseits ihre Zeit widerspiegeln. Jede
veränderung im gesellschaftlichen Raum beeinflusst das Thema und die
Art der künstlerischen Darstellung« (Freund
1974: 5).
Entwicklung eines neuartigen gesellschaftlichen Bedürfnisses
Freund verzeichnet dabei, beginnend um 1750 mit dem Aufstieg
bürgerlicher Mittelschichten, eine Zunahme des Bedürfnisses nach
Repräsentation, die sich zunächst in Form von Selbstporträts,
dann Miniaturporträts, dann Silhouetten- und schliesslich
Physionotrance-Porträts (ab 1786) niederschlagen; im Verlauf
dieser Entwicklung wird Herstellung der die Abbilder durch zunehmende
Technisierung immer preiswerter in der Herstellung und erreichen dadurch
auch immer weitere Kundenkreise. Gleichzeitig nimmt jedoch auch die
künstlerische Fertigkeit der Porträtisten sowie dereren
Eingriffsmöglichkeiten ab; während der Miniaturist noch das Wesen seines
Modells herausarbeiten konnte, bildet das Physionotrace nur noch einen
zwar präzisen, aber ausdruckslosen Umriss des Modells ab.
Diese technische Vorgeschichte könnte man nach um einige Stationen
erweitern, beispielsweise um den Naturselbstdruck (Thomas
Walgenstein, 17. Jh.) oder die erstmals von (Pseudo-) Aristoteles
im 4. Jh. v. Chr. beschriebene und um 1000 von Ibn al Haitham
präzisierte Camera obscura, die spätestens ab dem 18. Jahrhundert
große Verbreitung fand:
»Die besten Maler Italiens haben sich zum großen Teil mit
diesem Apparat versehen; anders wäre es auch gar nicht möglich
gewesen, daß sie die Dinge so lebensecht darstellen«
(Francesco Algarotti 1764, zit. in: Beaumont Newhall: Geschichte
der Fotografie, München 1984: 9).
Giséle Freund übergeht diese Vorformen wohl, da die Camera obscura
ihre soziologische Interpretation der o.g. Wechselbeziehungen stören
würde, welche den technologischen Aspekt ja nicht ganz zufällig
ausblendet. Dies holt allerdings
Friedrich
Kittler in seinen Ausführungen über »Optische Medien« ausführlich
nach; vgl. dazu
Kittler
2002: 79 f., 82 ff. und 155 ff. Demnach gab es – gestützt auf die
Darstellung von Josef Maria Eder (»Ausführliches Handbuch der
Photographie«, Halle 1905) – eine »klare Tendenz, der
drucktechnischen Reproduzierbarkeit der Schrift eine ebenso technische
Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Illustrationen zur Seite zu
stellen« (Kittler
2002: 80); hier geht es also mehr um ein ökonomisches Bedürfnis, die
hohen Kosten für Kupferstecher und Holzschneider einzuspraren, sowie um
ein wissenschaftliches, eine höhere Exaktheit der Reproduktionen
erreichen zu können.
Literatur
Aristoteles (Pseudo-Aristoteles): Problemata physica (Bd. 19)
Übersetzt und erläutert von Hellmut Flashar
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 767 Seiten - Akademie-Verlag, Berlin
Erscheinungsdatum: August 1997
ISBN: 3-05-000036-8
Leinen mit Schutzumschlag, € 74,80 ,
Erscheinungsjahr: 1991, 766 S., 170 x 240 mm
Vierte, gegenüber der zweiten, durchgesehenen, unveränderte Auflage
Ein apokryphes Werk, das Aristotelesschülern zugeschrieben wird; hier
findet sich die erste überlieferte Beschreibung des Prinzips der Camera
obscura, die für die Beobachtung einer Sonnenfinsternis empfohlen wird.
E. Wiedmann: Über die Camera obscura bei Ibn al Haitam. Sitz. Ber. d.
phys.- mediz. Sozietät Erlangen 45 (1914), 155
Friedrich Kittler: Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Merve
Berlin 2002.
Siehe auch
Anmerkungen
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