Bildfunktion
Von Agon S. Buchholz
für Kefk Network Fotografie und
Wikipedia, Juli 2004.
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Erstellt/bearbeitet: 25-Jul-2005/06-Feb-06
Systemzeit: Donnerstag, 24.07.2008, 07:00:33.
Home : Fotografie : Theorie : Bild : Funktion
Übersicht
Als Bildfunktion bezeichnet Petra Schuck-Wersig die kulturelle Funktion von
Sehereignissen als Kulturträger; diese Funktion des Bildes geht über die
des Ausdrucks und Produkts künstlerischer Tätigkeit hinaus.
Verhältnis Mensch — Außenwelt
Sehereignisse können in Anlehnung an Herbert Stachowiak in eine
vierpolige Kybiak-Struktur Struktur überführt werden; die
Außenweltdeterminanten im System Mensch—Außenwelt sind dann Welt,
Selbst, Wissen und Sinne. Diese vier Teilsysteme leiten die Wahrnehmung
des Menschen.
Bildfunktion und -reflexion
Aus diesem Außenweltmodell des Menschen lassen sich nun wieder eine
Reihe von Bildfunktionen ableiten, denen sich bestimmte Reflexionen
zuordnen lassen:
| 1 |
Magie |
 |
anarchisches Moment |
| 2. |
Orientierung |
 |
non-autoritäres Moment |
| 3. |
Identifikation bzw. Projektion |
 |
a-soziales Moment |
| 4. |
Wissensrepräsentation |
 |
anschaulich-sinnliches Moment |
| 5. |
Sinnlichkeit |
 |
a-logisches Moment |
Historisch lassen sich einige Stufen kultureller Funktionserweiterungen
des Bildes aufzeigen, so beim Übergang von den Sammler- und
Jägerkulturen zu den bäuerlichen und urbanen Hochkulturen sowie beim
Herauslösen des Individuums aus dem Kollektiv (16./17. Jh.).
Magie und Kult
Der magische und kultische Gehalt von Bildern zeigt sich seit der
Frühgeschichte des Menschen in der Körperbemalung, der Tätowierung, der
Höhlenmalerei sowie den Grab- und Felsbildern. Diesen bildlichen
Darstellungen wurde auf der Sufe des Wilden Denkens eine außerrationale
Wirkungsfähigkeit zugeschrieben; so sollte in einer Analogiebildung die
tätowierte Abbildung eines Bären vor Verletzung durch den Bären
schützen.
Die Zuweisung einer magischen Kraft ist nicht auf die Urzeit oder so
genannte primitive Stammeskulturen beschränkt, sondern zieht sich durch
die gesamte europäische Kunstgeschichte. Beginnend mit dem Urbild und
seiner archeipoietischen Herkunft über Reliquien und Ikonen der
Ostkirche, die Bilderverehrung, den Bilderstreit und den Bildersturm bis
hin zu den Stifterbildern des 15. Jahrhunderts lässt sich der Glaube an
die magische Kraft der Bilder nachweisen: "Die Bilder wurden als
die realen Träger heiliger Kräfte und wie die Person der Heiligen selber
behandelt" (Tümpel und identisch Campenhausen 1957: 141).
Auch heute noch findet sich ein derartiger magischer Bilderglaube: So
wird im Zeichen eines neuen Tribalismus die Tätowierung mit ihrer
vermeintlich schützenden und stärkenden Wirkung wiederentdeckt oder in "privaten
Bilderstürmen" Fotos von einem Menschen zerrissen, von dem man
enttäuscht wurde (Schuck-Wersig 1991: 86) sowie in der spiritistischen
Fotografie.
Orientierung
Die Orientierungsfunktion des Bildes bezieht sich auf die
Objektwelt, d.h. die Soziale Welt. Bilder haben u.a. helfende,
unterweisende und erzieherische Funktion für nicht alphabetisierte
Bevölkerungsschichten, beispielsweise in Form der Biblia pauperum: "Pictura
laicoum literatura" (Das Bild ist die Schrift des Laien,
Papst Gregor der Große, 6. Jh.). Ähnliche Orientierungsfunktionen zeigen
Totentanz-Abbildungen, das Genrebild sowie das "offizielle" Bild, alles
Formen des Bildes, die soziale Spielregeln vermitteln sollen.
Letzteres dient in seiner propagandistischen Funktion ebenfalls der
Orientierung und ist keinesfalls auf den religiösen Bereich begrenzt; so
fordern in totalitären Systemen Abbildungen der Führerpesönlichkeiten
Gehorsam und Unterordnung (beispielsweise Bilder von Adolf Hitler, Josef
Stalin, aber auch Kemal Atatürk), eben die Orientierung an der
herrschenden Ideologie.
Identifikation und Projektion
Identifikation ist "ein Prozess [...], in dem ein Subjekt sich
oder Aspekte seiner selbst in einem anderen Subjekt oder in einem
Gegenstand repräsentiert sieht" (Hoffmann 1981: 122). Während die
Orientierungs- und die Identifikationsfunktion des Bildes noch bis ins
16. Jahrhundert aufgrund der damals dominierenden kollektiven Weltbilder
eng mit einander verwoben waren, zeigt sich das identifikationsstiftende
Potenzial des Bildes ab dem 16. und 17. Jahrhundert.
Diese Funktionserweiterung zeigt sich an der Entstehung der
Porträtmalerei, der Entwicklung des Wandbilddrucks, des Selbstporträts,
des Miniaturporträts, der Silhouette sowie des Physionotrace (Ende des
18. Jahrhunderts) und nach 1839 in der hohen Akzeptanz und raschen
Verbreitung der Fotografie – es gabe ein Bedürfnis "nach
Massenproduktion von Porträts" (Gisèle Freund 1974: 13).
Durch diese Bildfunktion soll ein persönliches oder gruppenspezifisches
Bekenntnis dokumentiert (Pieske 1988: 57 ff.), eine Gesinnung gezeigt
oder die Ich-Identität ausgeformt werden.
Heute wird die Identifikations- und Projektionsfunktion des
Bildes insbesondere in der Werbung angesprochen; sie zeigt sich auch im
enormen Anstieg der privaten Bildproduktion in der Amateurfotografie
sowie der Verbreitung von Digital- und Handy-Kameras.
Wissensrepräsentation
In der Repräsentationsfunktion dient das Bild der Vermittlung und
Weitergabe von Wissen. Dabei lassen sich nach Schuck-Wersig vier
Wissensdimensionen unterscheiden:
- methodisch-analystisches Wissen,
- instrumentelles Wissen,
- dokumentarisches Wissen und
- Alltagswissen.
In der bildfeindlichen Tradition der Neuzeit wurde Wissen überwiegend
in Form von Texten vermittelt, Bilder dienten bestenfalls der
Illustration (vgl. auch alphabetisches Monopol); Ausnahmen finden
sich vor allem bei den Veröffentlichungen der Künstler-Igenieure wie
Leonardo da Vinci, Galileo Galilei und Albrecht Dürer (vgl.
Technische Intelligenz).
Die bilderfeindliche Praxis änderte sich mit der Ausdifferenzierung
der Wissenschaften, als sich das Bild zum integralen Bestandteil
insbesondere der naturwissenschaftlichen Arbeit entwickelte. Bereits für
Robert Boyle war Wissen wesentlich Sehen (Cahn 1991: 34). Der
Paradigmenwechsel zeigt sich auch in der Veröffentlichung aufwändiger
Bildbände zur großen französischen Encyclopédie von Diderot und
d'Alembert sowie in späteren Großenzyklopädien.
Methodisch-analytisches Wissen wird beispielsweise in
Lehrbüchern zur Veranschaulichung durch eigenständige Bilder und
Zeichnungen ergänzt.
Instrumentelles Wissen vermittelt praktische Anweisungen zur
Bewältigung von Arbeitsvorgängen; hier wird das Bild genutzt in Form von
Anleitungen, Konstruktionsplänen, zum Aufzeigen von Handlungsabläufen
und Handfertigkeiten sowie zur Darstellung von Geräten und Instrumenten.
Dokumentarisches Wissen dient dem Bedürfnis des Menschen,
seine Umwelt und sein Wirken im Bild festzuhalten; Beispiele hierfür
sind Stadtansichten, Landschaftsdarstellungen, Architekturzeichnungen,
Reiseskizzen und Landkarten sowie Zeichnungen nach mikroskopischen
(erstmals Francesco Stelluti und Frederico Stesi, 1625) oder
teleskopischen Bildern (erstmals Galileo Galilei in Sidereus nuncius,
1611).
Alltagswissen oder so genanntes sekundäres Wissen
dokumentiert den Stand der Forschung sowie der sozialen und kulturellen
Entwicklung; es gewinnt vor allem in der Retrospektive an Bedeutung.
Heute ist die Wissensrepräsentationsfunktion des Bildes besonders
klar erkennbar in der wissenschaftlichen Fotografie und den
medizinischen bildgebenden Verfahren wie Rasterelektronenmikroskopie und
Computertomographie.
Sinnlichkeit
Die sinnliche Funktion des Bildes zeigt sich in der direkten
Ansprache des Sehsinnes und wird traditionell in der bildenden Kunst
sowie der künstlerischen Fotografie und natürlich auch in der Werbung
genutzt.
Literatur
Petra Schuck-Wersig: Expeditionen zum Bild. Beiträge zur Analyse des
kulturellen Stellenwerts von Bildern (zugl. Univ. Diss. Berlin 1991:
Terra incognita imaginis – eine
Expedition zum Bild. Beiträge zur Analyse des kulturellen Stellenwerts
von Bildern). 248 Seiten. 1993. ISBN 3631454287 ( Bestellen)
Anmerkungen
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