McLuhan studiert in Cambridge und Manitoba, wo er 1930 seinen ersten
Artikel mit dem Titel "Macaulay – What a man!" in der Studentenzeitung
veröffentlicht. 1973 konvertiert er zum Katholizismus. Ab 1951
unterrichtet er an verschiedenen Universitäten in der USA und in Kanada
und veröffentlicht sein erstes Buch „The Mechanical Bride“. Um Arbeiten
zu dem Thema „Sprache“ und „Medien“ zu veröffentlichen gründet er 1953
das Magazin „Explorations“. 1955 gründet McLuhan die Gesellschaft „Idea
Consultans“ um kreative Ratschläge für Geschäftsleute anzubieten. 1962
erscheint sein Buch "The Gutenberg Galaxy" (deutsch: "Die
Gutenberggalaxis") und danach 1964 sein zweites "Understanding Media".
McLuhan wird 1966 von der New York Times zitiert: "I predict a return of
hot sauces to American cuisine. With color TV, the entire sensory life
will take on a whole new set of dimensions". 1976 Veröffentlichung von
dem Buch „The Medium Is The Massage“ (Hinweis: es handelt sich hier
nicht um einen Druckfehler).
1967 erscheint McLuhan auf dem Titelbild der „Newsweek“. 1968 Gründung
von „The Dew-Line Newsletter“, um seine Ideen zu verbreiten. 1977 wird
das Buch „Take Today“ veröffentlicht, bei dem er Co–Autor ist. 1980
verstirbt McLuhan. 1995 wird „The Global Village“ (Das Globale Dorf)
veröffentlicht, geschrieben mit Bruce Powers.
McLuhan bezeichnet die Fotografie als »Brothel-without-Walls«,
da er in ihr einen Aspekt der Prostitution entdeckt: Die Kamera tendiere – ebenso wie das Monokel –
dazu, Menschen in Objekte zu verwandeln; die Fotografie erweitere und
vervielfache dabei das menschliche Bild in Größenordnung einer in
Massenproduktion gefertigten Ware (Understanding Media, S. 188 f.).
Die visuelle Syntax der Fotografie emergierte aus
Vorläufertechnologien wie Holzschnitt und Kupferstich; ohne diese
Vorläufer gäbe es keine Fotografie; diese Syntax sei im Verlauf der
Entwicklung aus dem Druck, der telegrafischen Botschaft und der Malerei
verschwunden, die Fotografie stellt also eine visuelle Form ohne Syntax
dar (Understanding Media, S. 189 f.).
Die Fotografie spiegelt die äußere Welt automatisch und produziert
dabei eine präzise reproduzierbares Bild; diese Qualität der Fotografie
sei beinahe so bedeutend wie jene von Gutenbergs Erfindung, beide
verursachten eine Art Paradigmenwechsel (McLuhan spricht von »break«);
die Erfindung des Buchdrucks bewirkte einen massiven Einschnitt zwischen
Mittelalter und Renaissance, während die Fotografie einen vergleichbaren
Einschnitt zwischen das Zeitalter der mechanischen Industrialisierung
und das grafische Zeitalter des elektronischen Menschen verursacht habe
(»The step from the age of Typographic Man to the age of Graphic
Man was taken with the invention of photography«; Understanding
Media, S. 190).
Hier muss offensichtich eine Unterscheidung getroffen werden zwischen
Gutenberg-Zeitalter (»Gutenberg-Galaxis«, hier: »Typographic Man«) und
verschiedenen Endpunkten dieser Gutenberg-Galaxis; das Ende der
Gutenberg-Galaxis bildet bei McLuhan normalerweise der Wechsel des Leitmediums
vom Buch zur Elektrizität, verkörpert durch die Telegrafie. Hier bildet das
Zeitalter des »Graphic Man« offensichtlich einen weiteren entscheidenden
Wendepunkt, der unabhängig ist von dem Leitmedium Elektrizität.
Die frühesten Versuche zur optischen Telegrafie
wurden 1829 (von Müffling) in Berlin durchgeführt, die Ursprünge der
elektromagnetischen Telegrafie gehen auf das Jahr 1936 zurück (Carl
Friedrich Gauß, Karl August Steinheil). Die drahtlose Telegrafie
entstand 1938 (ebenfalls Steinheil, offiziell durch Gugliemo
Marconi). Samuel Morse eröffnete 1844 die erste Telegrafenleitung
zwischen Washington und Baltimore. Zeitlich bewegt sich die
Entdeckung der Telegrafie also exakt in derselben Epoche wie die
offizielle Vorstellung der Fotografie (1839 in Paris).
In der Fotografie entdeckt McLuhan mit James Joyce einen »furchtbaren
Nihilismus« sowie eine »Ersetzung der Substanz durch
Schatten« (Understanding Media, S. 193).
Die Hilflosigkeit der literaten Kultur(en) gegenüber der Fotografie
ist begründet in der Logik der Fotografie, die weder verbal noch
syntaktisch sei (Understanding Media, S. 197). Dieses »statement
without syntax or verbalization« sei eigentlich eine Aussage
durch die Gestik, Mimik oder Gestalt (»gestalt« im Original
deutsch; Understanding Media, S. 201).
Die stärksten Auswirkungen hatte die Fotografie auf die
traditionellen Künste, deren Anliegen sich wandelte von einer
Abbildung der äußeren Welt (»outer matching«) zu einer
Präsentation des kreativen Prozesses im Künstler (»inner making«;
Understanding Media, S. 194).
Eine weitere Wirkung der Fotografie ist die Umkehr des Zweckes des
Reisens, der zuvor darin bestanden habe, das Unbekannte und
Ungewohnte zu konfrontieren (Understanding Media, S. 197); mit Boorstin
(ohne Quellenangabe) sei die Erfahrung des Reisens durch die Fotografie
»diluted, contrived, prefabricated« worden (Understanding
Media, S. 198; diesen Gedanken greift anderthalb Jahrzehnte später
beispielsweise Susan Sontag
wieder auf). Der Reisende werde passiv und Differenz zwischen Reisen und
dem Blättern in einem Magazin oder dem besuch einer Kinoveranstaltung
verschwinde. Dadurch entwickle sich die Welt zu einer Art Museum, in dem
Objekte ausgestellt sind, denen der Reisende bereits zuvor in einem
anderen Medium begegnet sei (a.a.O., S. 198); dies bezecihnet McLuhan
als »Pseudoevent« (Understanding Media, S. 199).
Die Fotografie bewirkt, wie andere neue Medien auch, eine
Beschleunigung. Beschleunigung wiederum ändert die Bedeutung
(»meaning«) [von was?], weil sie die Muster der
persönlichen und politischen Abhängigkeiten verändere (Understanding
Media, S. 199).
Um die Fotografie zu verstehen ist es erforderlich, die
Beziehungen zu den anderen Medien zu berücksichtigen; das Entstehen
eines neuen Mediums, also einer neuen Erweiterung unseres physischen und
nervlichen Systems, bewirke eine Welt biochemischer Interaktionen, die
immer nach einer Äquilibration steben, sobald ein neues Medium
erscheine.
Die Selbstregulierung durch Äquilibration (ein von Piaget aus der
Biologie entlehnter Begriff) meint die Aufhebung eines internen
Spannungszustandes des Organismus durch diesen selbst.
McLuhan weist in diesem Gedankten wohl auf die Grundannahme
kybernetischen und systemischen Denkens von inhärenten Wechselwirkungen
hin, dass durch Prämierung eines Mediums immer die Abwertung eines anderen
bewirkt wird.
Die Fotografie sei, wie auch die anderen visuellen Welten,
Bereiche der Betäubung (Understanding Media, S. 202).