Der Elektronikgigant Sony ist relativ neu im Fotomarkt – das
Engagement setzte ein mit der Etablierung von Digitalkameras – und kann
daher natürlich noch kein über Jahrzehnte im eigenen Hause gewachsenes
Kamerasystem anbieten. Was im eigenen Hause nicht vorhanden war, hat Sony
jedoch Anfang 2006 von Konica Minolta
akquiriert – nämlich das gesamte Fotosegment des fusionierten Konzerns;
sowohl Konica als auch Minolta waren traditionelle Fotofirmen
mit jahrzehntelanger Erfahrung, wobei allerdings die Komponenten des
Kamerasystems überwiegend von Minolta
stammen.
Sony versetzte sich so in die ungewöhnliche Ausgangslage, parallel
zur Vorstellung der ersten Sony-Spiegelreflexkamera sofort das Grundgerüst
eines wohlsortierten Kamerasystems anbieten zu können – nämlich ausgewählte
Bestandteile aus dem Erbe von Konica Minolta.
Auch die
Systembezeichnung »α« (Alpha) ist nicht so neu, wie manche
Presseberichte suggerieren: Alpha war bereits seit etlichen Jahren
die Bezeichnung für Minolta- bzw. Konica-Minolta-Kameras in Asien; lediglich
in Europa wurde die Bezeichnung »Dynax« und in den USA die Marke »Maxxum«
etabliert.
Sonys Mitte 2006 vorgestelltes
Alpha-Kamerasystem basiert zu weiten Teilen
auf Komponenten, die in ähnlicher Form bereits in Minoltas
AF-System vorhanden waren. Im
Zentrum des Kamerasystems stehen folgende Komponenten:
- Kameragehäuse: digitale Spiegelreflexkameras mit Autofokus und
CCD-Sensor; derzeit nur ein Modell (A100); Kleinbildkameras hat Sony
nicht im Angebot und sind auch nicht zu erwarten.
- Objektivsystem: Autofokus-Objektive mit Alpha-Bajonett, das
kompatibel ist zu Minoltas weit verbreitetem AF-Bajonett; von wenigen Ausnahmen
abgesehen wird der AF von einem Motor in der Kamera angetrieben.
Alte Minolta- bzw. Konica-Minolta-Objektive können prinzipiell
weiterverwendet werden, verbindliche Kompatibilitätslisten gibt es
jedoch bisher nicht. Die »neuen« Objektive von Sony basieren
überwiegend noch auf Rechnungen von Minolta; daneben fertigt Carl
Zeiss Objektive für das Alpha-Bajonett. Einige Objektive sind für
einen APS-C-Sensor gerechnet, die meisten Objektive zeichnen dagegen
den vollen Bildkreis von 24x36 mm aus. Das bedeutet einerseits, dass
man die meisten neuen Sony- und Carl-Zeiss-Objektive auch an älteren
Kleinbild-Spiegeldreflexkameras von Minolta einsetzen können wird,
und andererseits, dass sich Sony die Option auch eine DSLR mit
Vollformatsensor offenhält.
- Blitzsystem: Ebenfalls aus bewährter Minolta-Entwicklung stammt das
Blitzsystem, das zu den Leistungsfähigsten am gesamten Fotomarkt zählt; es
beherrscht u.a. das drahtlose Blitzen, wobei der interne Kamerablitz
zum Steuern eingesetzt werden kann, und umfasst auch »Spezialitäten«
wie Ringblitze. Ein annähernd vergleichbares
System brachte beispielsweise Canon erst knapp ein Jahrzehnt nach
Minolta auf den Markt.
Die erste DSLR von Sony – die A100 – bringt eine Reihe von Techniken
mit, die ebenfalls auf Entwicklungen von Konica Minolta basieren
und vermutlich strategischen Bestand haben werden. Bei KM zählte es
beispielsweise zur Strategie, möglichst viele Funktionen in das
Kameragehäuse zu integrieren, um das Gesamtsystem vergleichsweise
preiswert und flexibel halten zu können. Zumindest bei Sonys erster DSLR
deutet sich an, dass diese Strategie des »intelligenten« Kameragehäuses
fortgesetzt werden könnte; dies hätte auch den Vorteil, dass es
Drittanbietern erheblich erleichtern würde, Objektive für das
Alpha-Bajonett zu entwickeln – für Bildstabilisierung und Autofokus ist
ja das Gehäuse zuständig.
Zu
diesem Erbteil von Konica Minolta
zählt beispielsweise die Bildstabilisierung, die ins
Kameragehäuse integriert ist. Bei Konica Minolta hieß sie »Anti
Shake«, bei Sony nun »Super Steady Shot«; im Gegensatz zu den
konkurrierenden Kamerasystemen von Canon
und Nikon funktioniert diese Technik
mit praktisch allen Objektiven für das AF- bzw. Alpha-Bajonett,
eingeschlossen Minoltas zwanzig Jahre alte AF-Objektive der ersten
Generation; es gibt also keinerlei Notwendigkeit, spezielle hochpreisige
Objektive zu erwerben. Nach Herstellerangaben erweitert »Super Steady
Shot« den Einsatzbereich der Kamera um bis zu 3,5 Blendenstufen;
erste Praxistests lassen vermuten, dass man zumindest mit zwei
Blendenstufen fest rechnen kann. Strategisch bleibt zu erwarten, dass
Sony das Konzept der gehäuseintegrierten Bildstabilisierung beibehalten
wird.
Ein
Nebeneffekt des beweglichen Sensors ist eine Funktion zur
Sensorreinigung: Anti Dust Vibration. Hiermit wird der Sensor
geschüttelt, um Staubpartikel abzuwerfen; ergänzt wird dieser
Staubschutz des Sensors durch eine antistatische Vergütung (Anti Dust
Coating), die verhindern soll, dass sich überhaupt Staub festsetzen
kann. Nur aktuelle Kameras von Olympus
verfügen derzeit über einen vergleichbaren Schutz.
Für
die in Digitalkameras so enorm wichtige interne Signalverarbeitung
ist der so genannte Bionz-Prozessor zuständig; dabei handelt es
sich anscheinend nicht um eine Weiterentwicklung von Sonys
Real-Imaging-Prozessor aus der R1 und der F828, sondern um eine
überarbeitete Version von Konica Minoltas Advanced-LSI-Sensor.
Für Fans der Signalverarbeitung à la Konica Minolta – also das Vermeiden
unnatürlich bunter Farben und aggressiver Schärfung – ist das ein
ausgesprochen positives Signal.
Als
Novum führte Sony mit dem Dynamic Range Optimzer (DRO)
eine Option zur kamerainternen Erweiterung des Dynaikumfangs ein; bei
kontrastreichen Motiven kann damit die Wiedergabe sehr heller oder sehr
dunkler Partien verbessert werden. Nach den Ergebnissen erster
Praxistests funktioniert das neue DRO auch überraschend gut.

Im
Bereich der Energieversorgung ist Sonys Strategie bisher noch
nicht klar erkennbar. Hier wurde Minolta-Technik ersetzt durch den
eigenen Info-Lithium-Ionen-Akku (»Stamina«) mit 1.600 mAh,
wobei die Kamera jedoch gerade diese »Info«-Daten über den Ladezustand
nicht auslesen kann. Vermutlich werden sich zukünfte Entwicklungen in
diesem Bereich stärker an hauseigene Sony-Techniken annähern.
Auch im Bereich der Speichermedien ist bisher noch keine klare
Strategie erkennbar. Die A100 speichert auf Compact-Flash-Karten,
was offensichtlich noch auf Konica Minoltas »Erbe« zurückzuführen ist;
Sonys proprietäre und teure Memory-Sticks können mittels eines
Adapters verwendet werden. Für die D7D und D5D bot Konica Minolta einen
Adapter auf SD-Karten an, ob dieser auch in Alpha-Kameras funktionieren
wird, ist bisher nicht bekannt; lieferbar ist der Adapter jedenfalls
derzeit nicht mehr (Stand: August 2006).
Mit Blick auf ein zukünftiges Profimodell täte Sony gut daran, CF-Medien
als Standard beizubehalten; diese sind in den höchsten Kapazitäten unter
allen Speichermedien verfügbar, sie sind machanisch am stabilsten und
bieten mit Abstand das beste Preis-Leistungsverhältnis; allenfalls wäre
ein Dual-Slot für CF- und SD-Karten sinnvoll, wie ihn beispielsweise
Canon einsetzt. Wenig Freude würde dagegen die überteuerten Memory
Sticks hervorrufen, die raktisch von keinem anderen Kamerahersteller
verwendet werden.