Geschichte der fotografischen Bildspeicher
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Technologie : Speicher : Übersicht
15-Jun-2004/07-Feb-06
Übersicht
Nach der Entwicklung des Prinzips der
Lochkamera, der
Spezialisierung in Form der
Camera obscura, der Einführung der Sammellinse und des
Ablenkspiegels sowie der beginnenden Mobilisierung nutzten vor allem
Maler die Vorläufer der Fotografie als Zeichenhilfe: Sie waren
Zeichenmaschinen.
Natürlich wollte man im Zeitalter der Rationalität und der
beginnenden Industrialisierung den Menschen rationalisieren, man suchte
also im 18. Jahrhundert intensiv nach einer Möglichkeit, die Bilder der
Camera obscura dauerhaft zu fixieren, d.h. zu speichern. Dazu
waren drei Voraussetzungen erforderlich (Baatz 1997, S. 10):
- ein optisches System zum Abbilden des Motivs;
- eine chemische Substanz, die ihr Aussehen unter dem Einfluss von
Licht verändert sowie
- ein Mittel, das diese Veränderung dauerhaft fixieren konnte.
Die erste Anforderung war bereits seit der (Spät-) Antike prinzipiell
sowie seit etwa 1550 (Sammellinse) auch technisch zufriedenstellend
gelöst, die zweite Anforderung war bis Anfang des 19. Jahrhunderts
gelöst, nur die dritte Anforderung erwies sich als schwierig.
Suche nach einer lichtempfindlichen Substanz
1614 stellte A. Sala, der italienische Leibarzt des Herzogs
von Mecklenburg, fest: »Wenn man das Silbersalz der Sonne
aussettzt, schwärzt es sich wie Tinte«.
Christoph Adolph
Balduin stellte 1674 aus Kreide und Salpetersäure Kalziumnitrat
her und stellt fest, dass die getrockneten Rückstände bei
Dunkelheit leuchten; er nennt seine Entdeckung »phosphorus«
(»Lichtträger«).
Johann Heinrich
Schulze (1687-1744), ein Arzt und Anatomieprofessor aus
Altdorf, versuchte um 1727, Balduins Experiment zu wiederholen, seine
Salpetersäure war jedoch verunreinigt mit Silberrückständen; das
Kalziumnitrat verband sich mit Silbernitrat zu einer
lichtempfindlichen Substanz, die er als »scotophorus« (»Dunkelheitsträger«)
bezeichnete; Schulze wies damit als
erster die Lichtempfindlichkeit des Silbernitrates experimentell
nach.
Carl Wilhelm Scheele (1742-1786),
ein schwedischer Chemiker, machte 1770 erste Versuche
mit Silberchlorid und endeckte dessen Lichtempfindlichkeit.
Scheele fand auch heraus, dass geschwärztes Silberchlorid
durch Ammoniak unlöslich wird. Somit entdeckte er ein Fixiermitel
für den Schwärzungsprozess ohne es allerdings in den – für die Fotografie – richtigen Kontext stellen
zu können. Auch andere Forscher setzten die Versuche Schulzes fort, so
beispielsweise J. Senebier und G. B. Beccaria.
1814 entdeckte Humpfry Davy (1778-1829) das zweite
lichtempfindliche Silbersalz, das Silberjodid, nur wenig später
entdeckte Antoine Jerome Balard
(1802-1876) die Lichtempfindlichkeit des Silberbromids.
Gilles-Louis
Chrétien erfand 1786 den Physionotrace, eine Apparatur,
die das Verfahren des Gravierens und insbesondere des
Silhouettenzeichnens mechanisierte (Freund 1974: 16 f.).
Ein weiteres Zeichenhilfsmittel war die Camera lucida von
W. H. Wollaston (1807); dabei handelt es sich um ein Gerät zum
Abzeichnen von Gegenständen nach der Natur, das mit einem Prisma ein
verkleinertes Bild erzeugt, das mit der Hand nachgezeichnet werden kann.
Anfang des 19. Jahrhunderts waren also lichtempfindliche Substanzen
bekannt, sie konnten jedoch noch nicht dauerhaft fixiert werden.
Physionotrace, Camera lucida, Silhouettenschnitt (Scherenschnitt) und
Miniaturmalerei zeigen den »beispiellosen Bilderbedarf«
(Baatz 1997: 12) des sich emanzipierenden Bürgertums, die Vorläufer der
Photo-graphie können diesen Bedarf jedoch noch nicht adäquat
decken.
Suche nach einem Fixiermittel
Die Brüder Claude
Niepce (1763-1828) und Joseph Nicephore Niepce (1765-1833) führten
1798 erste
Experimente zur chemischen Fixierung der in der Camera obscura
erzeugten Bildern durch.
Der Chemiestudent
Thomas Wedgwood (1771-1805) versuchte 1799 mit Hilfe von
Silbernitrat die Bilder der Camera obscura zu fixieren, die Versuche
scheiterten jedoch. Wedgwood fand allerdings eine Methode,
Kontaktkopien von Blättern, Insektenflügeln u.ä. kameralos
herzustellen; dieses Verfahren des Naturselbstdrucks
(vgl. Kittler 2002: 79 f.) war jedoch
bereits im 15. Jahrhundert bekannt gewesen; auch eine Fixierung gelang
ihm nicht.
1813 versucht Joseph Nicéphore Niépce, die flüchtigen Bilder seiner
Camera obscura
festzuhalten; er entwickelt ein Verfahren, bei dem eine Mischung
aus Lavendelöl und Asphalt auf Silberplatten aufgebracht wird;
die Platten werden dann (sehr lange) belichtet und die
unbelichteten Partien schließlich mit einem
Lösungsmittel abgewaschen. Er bezeichnete das Verfahren als
Heliographie.
1816 fertigt
er die ersten Papierfotografien mit selbstgebauten Kameras aus dem
Fenster seines Arbeitszimmers an, 1822 produziert er die erste lichtbeständige
heliografische Kopie eines grafischen Blattes mit Hilfe von
Asphalt auf Glas an.
1824 gelingt es ihm schließlich mit einer Camera obscura die erste haltbare Abbildung auf einer
asphaltbeschichteten Zinkplatte; 1826/27
belichtet er acht Stunden lang den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers
auf einer mit Asphalt lichtempfindlichen gemachten Zinnplatte.
Das Ergebnis ist ein Direktpositiv und gleichzeitig die erste erhalten
gebliebene lichtbeständige Fotografie.

Abbildung: Joseph Nicéphore Niépce: Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers
im Maison du Gras, ca. 1826/27 - im Original 16,5x21 cm - das älteste
erhaltene Foto der
Welt.
1826 lernt Niépce den Besitzer des spektakulären
Dioramas in Paris, Louis Jaques Mande Daguerre
(1787-1851) kennen; drei Jahre später (1829) schließen Niépce und Daguerre einen Vertrag über die Vervollkommnung und Nutzung der
auf lichtchemischem Weg gewonnenen Bilder. Niepce stirbt weitere vier
Jahre später.
William Henry Fox Talbot (1800-1877), ein englischer
Privatgelehrter, entwickelte 1835 die Grundlagen des
Negativ-Positiv-Verfahrens, das er als Kalotypie oder
auch »Pencil of Nature« bezeichnet. Er fotografierte das Fenster seiner Bibliothek von
innen und ließ verbreiten: »Und dies ist, wie ich glaube, der
erste überlieferte Fall eines Hauses, das sein eingenes Portrait
gemalt hat«. Dabei nutzte er eine acht Zentimeter kleine, mit einer Linse
ausgestattete Kamera, von seiner Frau liebevoll »Mausefalle«
genannt. Sein Papier tränkt er mit Silbernitrat und einer
Salzlösung. Mit einer Kochsalzlösung wird das Blatt fixiert.
Erst als 1839 das Verfahren von Daguerre bekannt wurde, setzte
Talbot seine Versuche fort.
1837 entdeckte Louis Jacques Mandé Daguerre
die Kochsalzlösung als Fixiermittel; dies geschah ohne Kenntnisse
der Talbotschen Forschungsergebnisse – Talbot hatte seine
Arbeiten nicht publiziert.
In den ersten Jahrzenten des 19. Jahrhunderts wurde also von mehreren
Forschern unabhängig voneinander auch die letzt Anforderung an die
Photo-graphie gelöst: die dauerhafte Fixierung des Bildes.
Geburtsstunde der Fotografie
Am 6. Januar 1839 erscheint in der
Gazette de France ein Bericht der Académie des
Sciences, in der die Fotografie als »wichtige
Entdeckung unseres berühmten Diorama-Malers M. Daguerre«
angekündigt wird. Am 19. Januar 1839 erscheint ein
englische Übersetzung, und bereits am 31. Januar reklamiert
Talbot in einer Rede vor der Royal Society in London die
Entdeckung der »Kunst der photographischen Zeichnung«
für sich.
Im Februar 1839 beansprucht die
Malerin Friederike Wilhelmine von Wunsch die Erfindung
eines Verfahrens, das selbst Menschen in Bewegung und in Farbe
abbilden könne.
Ebenfalls im Februar 1839
behauptet der Berner Professor Friedrich Gerber im Schweizer Beobachter, bereits längst ein Verfahren
entwickelt zu haben zum Fixieren von Fotogrammen und den Bildern
der Camera obscura.
Am 15. Juni 1839 beantragt eine
Fraktion im Parlament, die Erfindung der Fotografie durch den
Staat ankaufen zu lassen und das Verfahren der Öffentlichkeit zu
übergeben.
Am 24. Juni 1839 präsentiert der
Finanzbeamte Hippolyte Bayard eigene Aufnahmen in einer
ersten Fotoausstellung.
Am 19. August 1839 präsentiert die französische Akademie der
Wissenschaften offiziell die Erfindung der Fotografie; sie verkündet, daß es
Niépce und Daguerre gelungen sei, dauerhafte Bilder mit Hilfe
der Camera obscura aufzuzeichnen und gibt die Erfindung frei zur
Nutzung in aller Welt. Daguerre wird als Erfinder der Fotografie
gefeiert. Die Ergebnisse seiner Arbeit bezeichnet man als
Daguerreotypien.
Das offizielle Geburtsdatum der Fotografie – der 19. August 1839 – ist also
eine Fälschung durch Konvention; zu diesem Zeitpunkt hatten bereits
mehrere Erfinder unabhäng voneinander das Anforderungsprofil der
Photo-graphie erfüllt. Die tatsächliche Urheberschaft ist vielleicht
auch eher ein akademisches Problem; bekanntlich hat ja auch Gutenberg
nicht den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Viel wichtiger
ist, dass Gutenberg und Daguerre den Buchdruck resp. die Daguerreotypie
wirtschaftlich und gesellschaftlich etablieren konnten.
Um 1840 gab es also eine speicherbare Fotografie, die sich in zwei
grundlegende Verfahren unterteilen lässt: das
Positiv- und das
Negativ-Verfahren. Bis zum
Ende des 19. Jahrhunderts wurde ausschließlich auf Papier oder
Platten gespeichert, erst um 1884
entstanden erste Filme.
Literatur
Michel Frizot (Hrsg.): Neue Geschichte der Fotografie
Beaumont Newhall: Geschichte der Fotografie
Willfried Baatz: Geschichte der Fotografie (Schnellkurs)
Boris von Brauchitsch: Kleine Geschichte der Fotografie
Friedrich Kittler: Optische Medien
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