Für die Zukunft des Films sind grundsätzlich vier
verschiedene Szenarien vorstellbar:
1. Vollständige Transformation zum digitalen Film.
Filme werden zunehmend digital
produziert, digital
distribuiert und gelegentlich auch
schon digital
präsentiert; erste
Anbieter wie
Cinecomm Digital Camera bieten
Komplettlösungen für die gesamte
Verarbeitungskette. Auch die Werbung wird
zunehmend digitalisiert; Systeme wie das
CECIS der UFA sollen mehr
Flexibilität und geringere Kosten bieten.
Gegen eine Etablierung des
D-Cinema in näherer Zukunft – also bis etwa 2015 –
sprechen u.a. die derzeit (2005) noch enormen Investitionskosten für
die Neuausstattung der Filmtheater mit
4k-Projektionstechnik,
die derzeit eher schwache Finanzausstattung der Kinobetreiber, der
geringe Grad an technischer Standardisierung, die extreme
Piraterie-Paranoia der Rechteinhaber sowie die noch vollkommen
unklaren Geschäftsmodelle zur Refinanzierung. Darüber hinaus gibt es
derzeit noch keine ausgeprägte Dominanz der digitalen Kinematographie;
viele etablierte Filmemacher sind nur partiell bereit, auf digitale
Produktionsverfahren umzusteigen, zumal der digitale Film
unbestrittene filmästhetische Auswirkungen hat.
Voraussetzung für eine rasche Penetration von Digitaltechnik in
Filmtheatern wäre eine massive Beteiligung der beiden einzigen
Profiteure digitaler Distributions- und Projektionssysteme – der
Filmvertriebe und der Werbewirtschaft – an den Invesitionskosten der
Kinobetreiber, und das zu vertretbaren Konditionen, also ohne die
Position der Filmthater in der
Verwertungskette
noch weiter zu schwächen. Vorstellbar wäre auch ein brutaler roll
out durch die Hollywood-Majors, die durch ihre schiere
Marktmacht jederzeit eine vollständige Umstellung erzwingen könnten,
indem sie einfach Filme nur noch digital anbieten. Ein solches
Vorgehen wäre jedoch unpräzediert und auch kartellrechtlich in
höchstem Maße bedenklich.
2. Etablierung von »hybriden Kinos« mit digitaler und analoger
Projektion.
Denkbar ist auch die Installation sowohl digitaler als auch
analoger Technik in den Filmtheatern; eine rasche und vollständige
Transformation findet in diesem Szenario nicht statt, und analoge
Techniken werden allenfalls mittelfristig durch digitale abgelöst.
Bei diesem nicht unwahrscheinlichen Szenario gibt es keine klaren
Gewinner; Filmtheater müssen zwei weitestgehend inkopatible
Techniken parallel betriebsfähig halten, der Filmvertrieb müsste
weiterhin analoge Kopien anbieten und allenfalls die Werbewirtschaft
würde von der Flexibilisierung durch digitale Projektionstechnik auf
E-Cinema-Niveau profitieren.
3. Technische und qualitative Verbesserungen des analogen Films.
Nicht auszuschließen ist eine Revitalisierung der analogen
Aufnahme- und Projektionstechnik. So wiesen beispielsweise Gibboney
Huske und Rick Vallières in einer Credit-Suisse-Studie von Juni 2002
darauf hin, dass die Analogtechnik noch keineswegs ausgereizt sei;
beispielsweise biete die von Dean Goodhilll und MaxiVision
Technology entwickelte Aufnahme- und Projektionstechnik
signifikante qualitative und filmästhetische Verbesserungen bei
zugleich kostengünstiger Produktion und vergleichsweise geringen
Ausstattungskosten der Kinos.
Investitionen in analoge Neuentwicklungen würden zwar einem
Zeittrend zuwiderlaufen, wären jedoch rechnerisch weitaus rationaler
als Investitionen in die noch wenig standardisierte und noch weniger
ausgereifte Digitaltechnik.
4. Alles bleibt (vorerst) wie es ist.
Das vierte und letzte Szenario ist das Konservieren des status
quo seitens aller Marktbeteiligten: Kinobesucher sind
möglicherweise nicht bereit, noch höhere Eintrittspreise für eine
allenfalls qualitativ gleichwertige Digitalprojektion zu bezahlen
oder noch längere Werbeblöcke zu akzeptieren, die
Filmtheaterbetreiber könnten die hohen Investitionskosten ablehnen
und gegen einen weiteren Kontrollverlust durch Investitionen oder
Beteiligungen Dritter durch Boykottmaßnahmen ankämpfen, der
Filmvertrieb könnte aus Piraterie-Paranoia von digitaler
Filmdistribution Abstand nehmen und die Filmstudios könnten das
bisherige, tadellos funktionierende und bewährte Vertriebs- und
Verwertungssystem beibehalten.
Unsere Prognose ist eindeutig: In den kommenden Jahren wird sich
digitale Projektionstechnik in Filmtheatern nicht großflächig
durchsetzen, vorausgesetzt zumindest, dass die Hollywood-Majors
diese nicht in einer konzertierten Aktion in den Kinomarkt drücken.
Eine vergleichsweise rasche Penetration ist in bestimmten
Nischenbereichen (große Kinoketten, öffentlich geförderte
Arthouse-Kinos, Investitionen der Werbewirtschaft, Kinos der »Dritten
Welt«) zu erwarten, eingesetzt werden dürfte in diesen Bereichen jedoch
keine 4k-Projektionstechnik
nach DCI-Spezifikation –
also D-Cinema –, sondern eher
preiswerte und verfügbare
1k- und
2k-Projektionstechnik – also
E-Cinema.
Der Rest der Welt wird sukzessive auf Digitaltechnik migrieren, diese
wird parallel zu analoger Projektionstechnik und über einen längeren
Zeitraum von weit über fünf Jahren installiert werden; Filmtheater
werden voraussichtlich innerhalb dieser näheren Zukunft zunächst Werbung
digital projizieren und ihren Workflow dann schrittweise weiterer
Digitaltechnik öffnen – vorausgesetzt, die Erfahrungen mit digitaler
Vertriebs- und Projektionstechnik sind überwiegend positiv.
Vorhandene Entwicklungspotenziale der Analogtechnik werden dabei aus
irrationalem Digital-Hype unausgeschöpft bleiben.