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Verwertungskette der Filmwirtschaft

Von Agon S. Buchholz für Kefk Network Film, Dezember 2002.

Wirtschaft : Verwertungskette : Übersicht
13-Dec-2002/09-Jan-07


Übersicht

Die ökonomische Verwertungskette (Movie Industry Windowing) der Filmwirtschaft dient der Finanzierung bzw. Refinanzierung von Filmprojekten; sie setzt nach erfolgreicher Produktion und Vermarktung mit der Erstaufführung in den Filmtheatern ein und verläuft dann über eine zunehmend komplexe Abfolge von Auswertungsstufen, den sog. »opportunity windows« bzw. »profit windows«:

»Die Gestaltung der Abfolge dieser 'opportunity-windows' [...] geschieht nach dem Prinzip der sukzessiven Abschöpfung der Exklusivitätsrendite mittels degressiver Preisgestaltung für den Endverbraucher« (Zerdick et al. 1999: 54 f.).

Ziel ist es dabei, den Erlös einer Produktion möglichst optimal auszuschöpfen, das bedeutet also im Klartext, dass der Zuschauer möglichst häufig für denselben Film zur Kasse gebeten wird, so lange der Film noch eine gewisse Neuheit und Attraktivität bietet; durch den Verlust an Exklusivität wird der ausgewertete Film am Ende der Verwertungskette für den Endverbraucher zunehmend preiswert.

Die Verwertungskette ist mehrstufig angelegt und basiert auf folgenden Grundprinzipien:

  • Sukzessive Abschöpfung der Exklusivitätsrendite,
  • definierten Sperrfristen zwischen den einzelnen Verwertungsschritten sowie
  • abgegrenzten Verbreitungsgebieten (z.B. DVD-Regionen).

Die aktuelle Verwertungskette besteht für einen abendfüllenden Hollywood-Spielfilm typischerweise aus folgenden Stufen (in Anlehnung an Zerdick et al. 1999: 54 f.):

  • Kinoauswertung (»Theatrical Exhibition«):
  1. Kinoabspiel - Erstaufführung;
  2. u.U. weiter unterteilt in verschiedene Kino-Klassen (»Zweitaufführung«);
  • Videoauswertung (»Home Video«):
  1. Mietvideos;
  2. Kaufvideos.
  • Fernsehauswertung:
  1. transaktionsfinanzierte Auswertung: Pay-per-view (PPV);
  2. abonnementfinanzierte Auswertung: Pay-TV;
  3. werbefinanzierte und öffentlich-rechtliche Auswertung: Network-/Broadcast-TV; Free-TV/ Free-to-air television; öffentlich-rechtliche Sendeanstalten;
  4. TV-Syndication (entfällt in Europa).
  • Re-Licensing, Archiv-Verwertung.

Die Sperrfrist zwischen Erstaufführung sichert nicht nur die Exklusivität des Spielfilms auf der ersten Verwertungsstufe, sondern schützt auch vor einer Kannibalisierung der Kinoerlöse durch die Videoverkauf und -vermietung; es handelt sich also prinzipiell um eine Maßnahme im beiderseitigen Interesse von Filmproduzenten und Filmtheaterbetreibern.

Derzeit (2005) entsolidarisieren sich jedoch Großverleiher von den Kinobetreibern unter dem Deckmäntelchen der Abwehr von DVD-Piraterie: Das momentan etwa sechsmonative Kino-Auswertungsfenster soll auf drei Monate verkürzt oder ganz abgeschafft werden. Natürlich hat das nichts mit Anti-Pirateriemaßnahmen zu tun – der Großteil des DVD-Umsatzes wird nicht mit den Neuheiten, sondern mit den Katalogtiteln gemacht – es geht vielmehr um einen Versuch, »neue  Spielregeln zu erzwingen« (Taszman 2005: 11), also dem Kino mit der DVD-Auswertung einen noch größeren Happen des Auswertungskuchen wegzuschnappen. Im Interesse der »sukzessiven Abschöpfung der Exklusivitätsrendite« macht es jedoch allenfalls Sinn, die Sperrfrist bei Titeln zu verkürzen, die im Kino gefloppt sind bzw. hinter den Erwartungen zurückblieben; so wird dies jedenfalls in Frankreich gehandhabt, wo es »im Unterschied zu Deutschland verbindliche Schutzfristen gibt« (Taszman op. cit.).

Grafisch kann die Verwertungskette mitsamt der degressiven Preisgestaltung etwa folgendermaßen dargestellt werden:

Abbildung: Aktuelle Verwertungskette der Filmindustrie (Actual Movie Industry Windowing); Quelle: G. Krishan Bhatia, Richard C. Gay, and W. Ross Honey: Windows into the Future. How Lessons from Hollywood Will Shape the Music Industry, Booz·Allen & Hamilton, Copyright © Booz • Allen & Hamilton Inc. CMT-011 2M 7/01, S. 4.

Die Verwertungskette ist in jeder Beziehung dynamisch; zum einen werden nach Verfügbarkeit neuer Techniken – beispielsweise Pay-per-view – neue Verwertungsstufen geschaffen; zum anderen unterliegt beispielsweise Art und Umfang der Sperrfristen sporadischen Veränderungen.

Literatur

Jörg Taszman: »Quo vadis, Kino? Zwischen Kinokrise und DVD-Boom«, in: epd film 08/2005: S. 10-11.

Anmerkungen

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