Alternativkonzept des E-Cinema
Von Agon S. Buchholz
für Kefk Network Film, November 2005 ff.
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Erstellt/Bearbeitet: 20-Nov-2005/09-Jan-07
Systemzeit: Freitag, 21.11.2008, 21:47:01.
Home : Film : E-Cinema : Alternativkonzepte
Übersicht
E-Cinema – Digital Cinema im weiteren Sinne –
bezeichnet
- eine Variante des digitalen Kinos mit technisch reduzierten
Spezifikationen, wie sie in kommunalen und Arthouse-Kinos mit Hilfe
öffentlicher Förderung derzeit umgesetzt wird; Eckdaten für eine
Spezifikation wurden von CinemaNet Europe erarbeitet. Die
Auflösungen liegen dabei eher im Bereich von Standard Definition
Video (SDV) und Standard Definition Television (SDTV) oder
al-lenfalls von High Definition Television (HDTV) im Gegensatz zu
den in der DCI-Spezifikation von September 2005 geforderten 2k bis
4k.
- die Präsentation von sog. »alternativen Inhalte«, mit
denen die hohen Investitionen in digitale Distributions- und
Projektionstechnik finanziert werden sollen; gedacht wird dabei an
eher klassische Fernsehformate wie Übertragungen von Kultur- oder
Sport-Events in das Filmtheater sowie digitale Werbung im Kino. Auch
bei dieser Lesart von E-Cinema werden eher Bildauflösungen im
Bereich von 1k oder 2k angedacht.
Der Begriff des E-Cinema wird häufig in Abgrenzung zum
D-Cinema
verwendet; E-Cinema schließt im Gegensatz dazu auch „neue Übertragungswege“ und
„Nutzungsmodelle“ mit ein (Hahn 2005: 72) und wird in diesem
Verständnis von der US-amerikanischen Filmindustrie abgelehnt, vor
allem auf Grund der als zu gering empfundenen 1k-/2k-Auflösung.
So
hatte die Arbeitsgruppe ITU-R SG 6 der International
Telecommunications Union (ITU) ursprünglich vorgeschlagen, den
HD-Standard 1080p mit einer Bildauflösung von 1920x1080 Pixeln als
Basis für digitalen Film zu verwenden. Dazu Wendy Aylsworth von
Warner Bros., verantwortlich für die Kommunikation zwischen ITU und
DCI, im Februar 2003:
„We think that movie people know the most about the movies, not
broadcast people. We're asking the ITU to step back and let the
international cinema standards groups decide the best standards for
cinema” (zit. in Staden/Hundsdörfer 2003: 36 f.).
Um sich terminologisch möglichst deutlich vom technisch
geringerwertigen »E-Cinema« zu distanzieren, benannte die
International Telecommunications Union (ITU) ihre Task Force 6/9 von
»Digital Cinema« um in »Large Screen Digital Imaging« (LSDI) um:
»Large Screen Digital Imaging (LSDI) is a family of digital imagery
systems applicable to programmes such as dramas, plays, sporting
events, concerts, cultural events etc. from capture to large screen
presentation in high-resolution quality in appropriately equipped
cinema theatres, halls and other venues« (Westerkamp, in Slansky
2004: 264).
Asien
Während die Penetration digitaler Projektionstechnik in den
westlichen Industrieländern nur langsam voranschreitet, scheint –
zumindest ist das der Tenor verschiedener Presseberichte und Studien –
Asien eine Vorreiterrolle bei der Implementierung digitaler
Kinoprojektionstechnik einzunehmen.
So nimmt die Anzahl digitaler Kinos in der Volksrepublik China
seit einigen Jahren rapide zu. In der Volksrepublik existierten bereits
um 2002 mehr als doppelt so viele Digitalkinos wie in ganz Europa;
allein in Beijing existieren sieben, in Shanghai fünf sowie in Chengdu
und Wuhan jeweils vier digitale Abspielstätten; eine solche Ballung von
digitaler Projektionstechnik gibt es im Rest der Welt nur in Los Angeles
und New York mit jeweils sechs Digitalkinos.
Die digitalen Abspielstätten werden anscheinend auch aktiv genutzt:
Am 31. Januar 2002 wurde mit XUN QIANG (VR China 2002; Synonymtitel: THE
MISSING GUN; DIE VERLORENE WAFFE) von Chuan Lu der erste chinesische
Kinofilm digital in einem chinesischen Kinos projiziert [40]. Im Juni
2002 wurde das Grand Theater in Shanghai digital ausgestattet; im
November 2002 rüstete die China Film Group Corp. (CFG) zwölf Kinos
digital aus; Anfang 2003 erwarb die Beijing Film Academy (BFA) einen
Qu-Vis-Kinoserver. Bis Ende 2003 wollen CFG und der staatliche
Fernsehsender CCTV6 weitere hundert Kinos mit digitaler Infrastruktur
ausstatten (Staden/Hundsdörfer, in Slansky 2004: 226).
In Indien, einem weiteren traditionsreichen und äußerst
rührigen Filmland mit eigenem »Bollywood« , wurde am 18. April 2003 mit
THE HERO (Indien 2003; Synonymtitel: THE HERO - LOVE STORY OF A SPY) von
Anil Sharma der erste Film präsentiert, der auch in indische Kinos
digital distribuiert wurde. Bis 2003 wurden allein in Indien durch eine
einzige Firma über 200 Digitale Kinos eingerichtet. Das jährliche
Film-Output Indiens liegt bei etwa 700 Produktionen pro Jahr; zumindest
quantitativ ist das Filmland Indien somit produktiver als die
Film-Nation USA (ca. 600 Produktionen pro Jahr).
In Singapur wurde mit dem didaktischen Sozialdrama AFTER
SCHOOL (Singapur 2003; Originaltitel: 校园古惑仔) von Houren Zhu am 22.
November 2003 erstmals ein Film digitaler projiziert.
Hinweise zur Quellenlage zum digitalen Film in Asien:
- Die Quellenlage zum digitalen Film in Asien ist äußerst dürftig;
Beispielsweise weist das
Datenmaterial
der FFA unter zwar diverse digitale Kinos in Asien aus,
diferenziert dabei jedoch leider nicht nach der installierten
Projektionstechnik oder gar dem Technikausstatter und gibt auch
keine Quelle für das recherchierte Material an.
- Aus den wenigen verfügbaren Pressemitteilungen und
Datensammlungen sowie dem frühen Implementierungszeitpunkt kann
jedoch geschlossen werden, dass es sich bei der installierten
Projektionstechnik mit großer Wahrscheinlichkeit ausschließlich um
E-Cinema-Geräte mit 1k- und 2k-Bildauflösungen handelt, die also
nicht oder nur eingeschränkt den Anforderungen der DCI-Spezifikation
entsprechen.
Europa
Die Situation in Europa ist gekennzeichnet durch zahlreiche
Willensbekundungen und geplante Projekte, bisher jedoch weniger durch
konkrete Implementierungen. Die Akteure kommen hier weniger aus der
kommerziellen Filmwirschaft, als vielmehr einerseits aus dem Bereich der
nationalen Filmförderungen und engagierten Filmvertrieben sowie
andererseits aus dem der kommerziellen Werbewirtschaft.
Das paneuropäische Projekt CinemaNet Europe (CNE; ursprünglich
European DocuZone, EDZ) erarbeitete technische Spezifikationen
für digitalisierte Filmtheater. An CNE sind neun europäische Länder
beteiligt; das für eine Dauer von fünf Jahren ausgelegte Pilotprojekt
wird durch nationale und regionale Filmförderungen, EU-Mittel aus dem
MEDIA-Plus-Programm und Beiträge der beteiligten Kinos finanziert.
Ziel der Initiative ist dabei nicht, Digitaltechnik als Selbstzweck
zu etablieren, sondern »Low-Budget- und Nischenfilmen den Weg zum
Publikum zu erleichtern« (Hahne/Wasser, in Hahne 2005: 162).
Gefördert werden soll die Auswertung von kleinen Filmen in kleinen Kinos
mit kleinen Leinwänden; als Gegenleistung erhält CinemaNet Europe
wöchentlich in jedem Kino einen festen Programmplatz für europäische
Dokumentarfilme, Kurzfilme und die Übertragung von Live-Events; geplant
sind auch paneuropäische Premieren im Monatsrhythmus sowie die
Einspielung von Live-Interviews mit den Regisseuren. Terminologisch
verortet sich die Initiative weder als D-Cinema noch als E-Cinema,
sondern programmatisch als C-Cinema: »Content, Culture &
Communities«. Als erster paneuropäischer Premierenfilm wurde in 180
europäischen Kinos Werner Herzogs The White Diamond (Deutschland 2004)
gezeigt.
Die praktische Förderung durch CinemaNet Europe besteht in der
Ausstattung der teilnehmenden Kinos mit digitaler Projektionstechnik von
Panasonic und den dazugehörigen Kinoservern von GDC Technologies. CNE
hat eine grobe Spezifikation für E-Cinema entwickelt; vgl. hierzu
CNE-Spezifikation für digitales Kino.
Ebenfalls auf Low-Tech-Projektion im Rahmen von E-Cinema setzen
verschiedene weitere nationale Digitalisierungsprojekte in Europa; das »E«
soll dabei für „Electronic“ stehen, meint jedoch nicht Coppolas
gleichnamige Vision aus dem Jahr 1979; Kulturschaffende interpretieren
das »E« auch gerne als „European Cinema“ [12].
Bereits 2002 stattete der Dutch Film Fund zehn niederländische
Arthouse-Kinos mit digitaler Projek-tionstechnik aus; ähnlich wie bei
CinemaNet Europe verpflichteten sich die Kinos als Gegenleistung,
zweimal wöchentlich Dokumentarfilme zu zeigen. Als Kosten für das
dreijährige Projekt werden 1,8 Millionen Euro veranschlagt, die Filme
werden durch eine Jury ausgewählt und der Film Fund übernimmt das
Marketing (Hahne/Wasser, in Hahne 2005: 162).
Das britische Film Council plant für 2005 mit dem Digital
Screen Network eine ähnliche Initiative, bei der 250 Kinosäle in 150
Kinos mit digitaler Projektionstechnik ausgestattet werden sollen, dies
ent-spräche etwa einem Viertel aller Leinwände Großbritannien. Auch das
Film Council plant, die Kinos zum Abspielen von »alternative content«
zu verpflichten, um die Filmkultur zu fördern, eine Quali-tätssteigerung
und Diversifizierung des Angebots zu erreichen und das Kinopublikum zu
erweitern; für die Maßnahmen steht ein Budget von 13 Millionen
britischen Pfund zur Verfügung (Hahne/Wasser, in Hahne 2005: 162;
Staden/Hundsdörfer, in: Slansky 2004: 227 f.).
USA
Microsoft bemüht sich in den USA, das Format Windows Media 9
zu verbreiten; zu diesem Zweck finanzierte der Software-Konzern Ende 2003
die Ausstattung von 185 Kinosälen der Landmark Theatres Corp., der
größten US-amerikanischen Arthouse-Kinokette, mit einem Distributions- und
Proejektionssystem von Digital Cinema Solutions. Dieses System kostet
rund US-$ 70.000 und soll damit »nur etwa die Hälfte eines derzeit in
großen Kinos gebräuchlichen DLP-Projektors« kosten und »vergleichsweise
einfach in die bestehende technische Infrastruktur zu integrieren«
sein (Staden/Hundsdörfer, in: Slanksy 2004: 228); daraus lässt sich die
Vermutung ableiten, dass es sich auch hierbei um E-Cinema-Technik mit einer
Bildauflösung von 1k oder 2k handeln dürfte.
Recht aktiv ist in den USA auch die Werbewirtschaft; in
Kooperation mit verschiedenen Kinowerbe-treibenden testet Kodak derzeit ein
»digitales System für die Aufbereitung und Verbreitung von
Werbeinhalten in Kinos« (Staden/Hundsdörfer, in: Slanksy 2004: 229).
Die weiteren aus den USA bekannten Aktivitäten beziehen sich auf
höherwertige Projektion, also D-Cinema.
Digitale Kinowerbung und kommerzielles E-Cinema
Im kommerziellen Bereich ist beispielsweise die Kinoton GmbH
in Österreich aktiv, die im Funplexxx in Kufstein ihr
proprietäres DIPIT-System für digitale Kinowerbung installiert hat; das
System lässt sich in eine vorhandene Kinoautomation einbinden und wird als
Systemlösung »auf den jeweiligen Kunden und das jeweilige Objekt
zugeschnitten« (Näther, in Slansky 2004: 300).
Ein anderer Ansatz wird in der Schweiz verfolgt, wo
Arthouse-Verleihfirmen und -Kinos eine Teilnahme an CinemaNet Europe
aus protektionistischen Überlegungen heraus ablehnen: Es wird ein
Überangebot ausländischer Produktionen befürchtet, und die Schweiz verfüge
bereits »europaweit über die vielfältigste Kinolandschaft«
(Hah-ne/Wasser, in Hahne 2005: 163). Stattdessen wird auf die kommerzielle
Initiative der Werbefirma CineCom gesetzt, die ab Sommer 2005 rund
300 Schweizer Kinos (75 Prozent) mit digitaler Projektionstechnik ausstatten
und insgesamt 5,5 Millionen Euro investieren will. Pro Leinwand werden dabei
Kosten von rund 13.500 Euro angesetzt, von denen CineCom bis zu 70 Prozent
übernimmt. Für einen regelmäßgen Beitrag erhalten die Kinos das
Nutzungsrecht der Projektoren außerhalb der Werbezeiten (Hahne/Wasser, in
Hahne 2005: 163 f.).
Ähnlich kommerziell ausgerichtet sind Pläne in Irland, als erstes
europäisches Land alle seine Kinos mit Digitaltechnik ausrüsten will:
Innerhalb eines Jahres sollen rund 500 Säle von insgesamt 105 Kinos mit
digitalen Filmprojektoren ausgestattet werden [10]. Finanziert werden soll
das Vorhaben durch eine Investorengruppe unter US-amerikanischer Leitung
durch den Technologieanbieter Avica Technology; als Projektoren
kommen Geräte von NEC zum Einsatz [11].
Im Bereich der Kinowerbung ist das norwegische Unternehmen CAPA
Kinoreklame aktiv, das seit einigen Jahren digitale Kinowerbung in
norwegische Kinos bringt; dazu stattete das Unternehmen rund 250 Kinos mit
kostengünstigen Projektoren und dem proprietären System Aurora 2000
aus (Staden/Hundsdörfer, in: Slanksy 2004: 229).
Einen groß angelegten Feldversuch zur Digitalkino-Technik führte die
britische Cinecast zusammen mit belgischen Broadcasting-Dienstleister
Alfacam im Oktober 2005 durch: Ein Konzert des Popsängers Robbie
Williams wurde in der Berliner Konzerthalle Velodrom mit
HD-Technik gefilmt und über Satellit an 27 Veranstaltungsorte in 11 Ländern
übertragen. Die Projektion erfolgte digital, auch der Ton wurde in
Dolby-Digital-5.1-Qualität übertragen. Für die Projektion sei »so
ziemlich jeder in Europa verfügbare mobile HDTV-Projektor im Einsatz«
gewesen (Penny Nagel von igig.tv in [60]); Alfa-cam setzte alle ihrer 14
HD-fähigen Übertragunswagen ein; für die Satellitenübertragung war der
HDTV-Sender Euro1080 zuuständig, ein Schwesterunternehmen von Alfacam.
Literatur
Das digitale Kino, m. DVD-Video
von Marille Hahne (Hrsg.)
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Mit High Definition ins digitale Kino
von Philipp Hahn
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Erscheinungsdatum: September 2005
ISBN: 3894724013
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Digitale Filmherstellung. Die Veränderungen in Kunst und Handwerk des
Filmemachens.
von
Thomas H. Ohanian und Michael E. Phillips
Taschenbuch - 300 Seiten Fachbuchverlag Andreas A. Reil
Erscheinungsdatum: 2001 ISBN: 3932972961
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Digitaler Film – digitales Kino.
von
Peter C. Slansky (Hrsg.)
UVK Verlagsgesellschaft mbH - Konstanz 2004 400 Seiten ISBN:
3-89669-431-6
Preis bei Amazon.de: EUR 34,-
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Siehe auch
Kinoformate des
digitalen Films:
-
CNE-Spezifikation - Spezifikation von CinemaNet Europe (CNE) für
digitales Kino
-
DCI-Spezifikation - Spezifikation der Digital Cinema Initiatives
(DCI) für D-Cinema von September 2005
Netmarks
Anmerkungen
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