Kefk Network:  Berlin |  About |  Wiki. Suchen | Index | Inhalt | Site Map | What's new?
柏林   Bevölkerung | Bildung | Events | Galerie | Geografie | Geschichte | Infrastruktur | Klima | Kultur | Medien | Politik | Projekte | Ressourcen | Tourismus | Wirtschaft.

Gliederung: Bezirke | Ortsteile | Ortslagen.
 
 
 

 

Tiergarten

Berlin : Bezirke : Tiergarten : Der Reichstag
25-Apr-1998/06-Jan-06


Der Reichstag

23 Jahre Gerangegel um Grundstück, Planung und Ausführung

Der erste Versuch, das Zentrum der Macht an diesen Ort zu verlegen, datiert von 1871. Im besiegten Frankreich war Wilhelm 1. am 18. Januar 1871 zum Deutschen Kaiser und zum Oberhaupt des neuen Deutschen Reichs proklamiert worden. Seit der Reichsgründung suchte nun das in Versailles beschlossene Parlament in der neuen Reichshauptstadt eine Bleibe. Bismarck brachte die Abgeordneten zunächst in einem Provisorium auf dem Gelände der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur in der Leipziger Straße unter, bis ein geplanter monumentaler Neubau fertig sein würde. Als Bauplatz hatte man das Gelände des heutigen Reichstags ausersehen. Die Veröffentlichung des Bauprogramms für ein Reichstagsgebäude Ende Dezember 1871 löste den bisher größten Bauwettbewerb in der deutschen Geschichte aus, der allerdings von dem notwendigen zweiten Wettbewerb elf Jahre später noch übertroffen wurde. Die Auseinandersetzunaen heute sind auf dem besten Wen, diese Rekorde zu brechen.

Von 1871 -82 wurde um das Grundstück von Athanasius Graf Raczynski am Königsplatz gerungen, der erst aus der Berliner Volkszeitung von dem Plan, hier den Reichstag zu bauen, erfahren hatte. Graf Raczynski, Kunstsammler und Diplomat im preußischen Dienst, hatte das Grundstück unentgeltlich von Friedrich Wilhelm IV. erhalten mit der Bedingung, darauf ein Gebäude zu errichten und seine Kunstsammlung dem Publikum zugänglich zu machen. Erst mit seinem Sohn Carl Eduard Nalecz von Raczynski kam 1882 ein Vertrag über die Enteignung mit einer Entschädigung von 1 100 000 Mark zustande.

Der Architekt Paul Wallot aus Frankfurt am Main gewann den Wettbewerb mit 19 von 21 Stimmen am 24.6.1882. Wallot war in Berlin nicht unbekannt. Er hatte an der hiesigen Bauakademie sein Studium beendet und von 1865-68 u. a. im Büro von Martin Gropius ~ Schmieden gearbeitet, die mit seiner Hilfe viele Preise gewonnen haben sollen. Der Grundstein wurde am 9.6.1884 gelegt. Anläßlich der Schlußsteinlegung am 5.12.1894 fand im Restaurant des neuen Parlamentsgebäudes eine interparlamentarische Feier statt, zu der Getränkefirmen aus dem ganzen Reich Fässer und Flaschen geschickt hatten, die von den Abgeordneten bis auf den letzten Tropfen geleert wurden. 23 Jahre hatte es seit dem ersten Wettbewerb gedauert, bis das Parlament einziehen konnte.

Bei der feierlichen Einweihung hatte das Haus schon seine Spitznamen weg: Wallotsteins Lagert nannte es das Witzblatt »Wespen«, während Kaiser Wilhelm 11. bevorzugt vom »Reichsaffenhaus« sprach. Er hat den Bau nach der Eröffnung bis auf ein Mal, als Reichskanzler von Bülow einen Schwächeanfall erlitt, nie wieder betreten und die jährliche Parlamentseröffnung in den Weißen Saal des Stadtschlosses verlegt.

Im Giebel über dem Hauptportal hatte Wallot eine Inschrift vorgesehen, über deren Wortlaut -wie um vieles andere - zwölf Jahre diskutiert wurde. Warum, ist nicht zu ergründen. Erst 1916 wurden die bereits 1908 von dem Architekten Peter Behrens entworfenen Buchstaben montiert, 60 Zentimeter hoch und 16 Meter lang in Bronze aus zerbeuteten Geschützeng von 1813. Text: »Dem deutschen Volker.

Diesem sollte der Wallot-Bau keine 40 Jahre lang dienen. Die Nationalsozialisten waren gerade vier Wochen an der Macht, da ging am 27.2.1933 der Reichstag in Flammen auf. Ob die Nazis selbst, wie alle Welt vermutete, oder der holländische Kommunist Marinus van der Lubbe das Feuer gelegt haben, ist nie richtig aufgeklärt worden. Van der Lubbe wurde am 10.1.34 hingerichtet. Die gegenüberliegende Kroll-Oper, ein Vergnügungsetablissement mit zweifelhaftem Ruf, 440 Meter weit entfernt, wurde innerhalb von 14 Tagen ausgebaut, um dort Reichstagssitzungen nach Nazi-Fasson abzuhalten. Fast eine Satire, denn schon 1871 war das Grundstück der Kroll-Oper als Sitz des Reichstags lange diskutiert worden.

Obwohl der Reichstag von den Nationalsozialisten weder gebaut noch genutzt worden war, sahen die Sowjets in ihm das Symbol für Hitler und Nazideutschland. Bei der Eroberung von Berlin Ende April 1945 wurde der Reichstag von den sowjetischen Truppen aufs heftigste beschossen und mehr zerstört als beim Brand zwölf Jahre zuvor. Anschließend diente er als Kulisse für Siegerfotos.

Nach dem Krieg behielt allein der Platz der Republik vor dem Reichstag eine Funktion. Wie in der ganzen Stadtmitte blühte hier der Schwarzmarkt. Die Berliner versammelten sich zu den ersten Demonstrationen. Ernst Reuter rief während der Blockade am 9.9.48 Hunderttausende Berliner vor dem Reichstag zum »Durchhalten«auf. Pläne für eine Nutzung des Gebäudes versiegten jahrelang in Unentschlossenheit. Es lag darnieder als Mahnmal für die Wiedervereinigung Deutschlands. 1954 wurde der Rest der 300 Tonnen schweren Kuppel wegen Einsturzgefahr ganz abgetragen.

Wohl kaum ein Grundstück in Berlin und seine Bebauung haben so viele Diskussionen und Wettbewerbe über sich ergehen lassen müssen wie bis heute der Reichstag. Sein Wiederauflbau - ohne die schon immer diskutierte Kuppel - durch den Berliner Architekten Paul Baumgarten wurde 1970 beendet. Der Bau blieb jedoch ohne Funktion, weil die Sowjets gegen jede politische Aktivität ihr Veto einlegten. Das änderte sich am 21.3.1971 mit der Ausstellung »Fragen an die deutsche Geschichte« zum 100. Jubiläum des ersten Zusammentritts des Reichstags 1871. Diese Ausstellung wurde unter der Schirmherrschaft der damaligen Bundestagspräsidentin Annemarie Renger als Dauerausstellung weitergeführt.

1988, also schon vor der Wende, erhielt das Kölner Architekturbüro Gottfried Böhm von der Bundesregierung - allerdings streng geheim - den Auftrag, »den gesamten Bau zu überdenken und zu prüfen, was man daraus machen kann«. Nach der Wende wurde der Entwurf überarbeitet unter der Maßgabe, daß in den Reichstag der Bundestag einzieht. Böhm entschied sich wieder für eine Kuppel, um mehr Platz für das größere Parlament zu gewinnen. Er verlegt den Plenarsaal in die Kuppel. Damit ist sie nicht mehr nur Zierde wie bei Wallot, sondern erhält eine Funktion, erklärte Böhm. Wollen die Abgeordneten nicht Treppen steigen, können sie den Saal in 15 Meter Höhe über gläserne Lifts erreichen. Er will einen Weg aufzeigen, Wie Vorhandenes mit Neuem zu überlagern ist«. Die Kosten für den Böhmschen Umbau werden auf ca. 500 Millionen DM geschätzt.

Seinen größten und völlig unpolitischen Erfolg verbuchte der Reichstag im Sommer 1995. Zwei Wochen lang lockte die Verhüllung des Gebäudes mit gewebten silbernen Kunststoffbahnen Millionen von Menschen an. Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude nahm mit dieser einzigartigen Kunstaktion dem Wallot-Gebäude erstmals die historisch belastete Schwere, es verflüchtigte sich der letzte Hauch von nationalem Pathos. Das eingepackte Reichstagsgebäude badete in einer Woge der Popularität und war Mittelpunkt eines sommerlichen Volksfestes. Nach dieser freundlichen Zäsur rückten am 24. Juli 1995 die Bauarbeiter an.

Quellen: Klaus und Lissi Barisch. Berlin (Vista Point Stadtführer). Vista Point Verlag. Köln: 1992; Christian Bahr: Der neue Bundestag im alten Reichstag. Berlin: Jaron Verlag 1999.