Der erste Versuch, das Zentrum der Macht an diesen Ort zu verlegen,
datiert von 1871. Im besiegten Frankreich war Wilhelm 1. am 18. Januar
1871 zum Deutschen Kaiser und zum Oberhaupt des neuen Deutschen Reichs
proklamiert worden. Seit der Reichsgründung suchte nun das in Versailles
beschlossene Parlament in der neuen Reichshauptstadt eine Bleibe.
Bismarck brachte die Abgeordneten zunächst in einem Provisorium auf dem
Gelände der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur in der Leipziger
Straße unter, bis ein geplanter monumentaler Neubau fertig sein würde.
Als Bauplatz hatte man das Gelände des heutigen Reichstags ausersehen.
Die Veröffentlichung des Bauprogramms für ein Reichstagsgebäude Ende
Dezember 1871 löste den bisher größten Bauwettbewerb in der deutschen
Geschichte aus, der allerdings von dem notwendigen zweiten Wettbewerb
elf Jahre später noch übertroffen wurde. Die Auseinandersetzunaen heute
sind auf dem besten Wen, diese Rekorde zu brechen.
Von 1871 -82 wurde um das Grundstück von Athanasius Graf Raczynski am
Königsplatz gerungen, der erst aus der Berliner Volkszeitung von dem
Plan, hier den Reichstag zu bauen, erfahren hatte. Graf Raczynski,
Kunstsammler und Diplomat im preußischen Dienst, hatte das Grundstück
unentgeltlich von Friedrich Wilhelm IV. erhalten mit der Bedingung,
darauf ein Gebäude zu errichten und seine Kunstsammlung dem Publikum
zugänglich zu machen. Erst mit seinem Sohn Carl Eduard Nalecz von
Raczynski kam 1882 ein Vertrag über die Enteignung mit einer
Entschädigung von 1 100 000 Mark zustande.
Der Architekt Paul Wallot aus Frankfurt am Main gewann den Wettbewerb
mit 19 von 21 Stimmen am 24.6.1882. Wallot war in Berlin nicht
unbekannt. Er hatte an der hiesigen Bauakademie sein Studium beendet und
von 1865-68 u. a. im Büro von Martin Gropius ~ Schmieden gearbeitet, die
mit seiner Hilfe viele Preise gewonnen haben sollen. Der Grundstein
wurde am 9.6.1884 gelegt. Anläßlich der Schlußsteinlegung am 5.12.1894
fand im Restaurant des neuen Parlamentsgebäudes eine
interparlamentarische Feier statt, zu der Getränkefirmen aus dem ganzen
Reich Fässer und Flaschen geschickt hatten, die von den Abgeordneten bis
auf den letzten Tropfen geleert wurden. 23 Jahre hatte es seit dem
ersten Wettbewerb gedauert, bis das Parlament einziehen konnte.
Bei der feierlichen Einweihung hatte das Haus schon seine Spitznamen
weg: Wallotsteins Lagert nannte es das Witzblatt »Wespen«, während
Kaiser Wilhelm 11. bevorzugt vom »Reichsaffenhaus« sprach. Er hat den
Bau nach der Eröffnung bis auf ein Mal, als Reichskanzler von Bülow
einen Schwächeanfall erlitt, nie wieder betreten und die jährliche
Parlamentseröffnung in den Weißen Saal des Stadtschlosses verlegt.
Im Giebel über dem Hauptportal hatte Wallot eine Inschrift
vorgesehen, über deren Wortlaut -wie um vieles andere - zwölf Jahre
diskutiert wurde. Warum, ist nicht zu ergründen. Erst 1916 wurden die
bereits 1908 von dem Architekten Peter Behrens entworfenen Buchstaben
montiert, 60 Zentimeter hoch und 16 Meter lang in Bronze aus zerbeuteten
Geschützeng von 1813. Text: »Dem deutschen Volker.
Diesem sollte der Wallot-Bau keine 40 Jahre lang dienen. Die
Nationalsozialisten waren gerade vier Wochen an der Macht, da ging am
27.2.1933 der Reichstag in Flammen auf. Ob die Nazis selbst, wie alle
Welt vermutete, oder der holländische Kommunist Marinus van der Lubbe
das Feuer gelegt haben, ist nie richtig aufgeklärt worden. Van der Lubbe
wurde am 10.1.34 hingerichtet. Die gegenüberliegende Kroll-Oper, ein
Vergnügungsetablissement mit zweifelhaftem Ruf, 440 Meter weit entfernt,
wurde innerhalb von 14 Tagen ausgebaut, um dort Reichstagssitzungen nach
Nazi-Fasson abzuhalten. Fast eine Satire, denn schon 1871 war das
Grundstück der Kroll-Oper als Sitz des Reichstags lange diskutiert
worden.
Obwohl der Reichstag von den Nationalsozialisten weder gebaut noch
genutzt worden war, sahen die Sowjets in ihm das Symbol für Hitler und
Nazideutschland. Bei der Eroberung von Berlin Ende April 1945 wurde der
Reichstag von den sowjetischen Truppen aufs heftigste beschossen und
mehr zerstört als beim Brand zwölf Jahre zuvor. Anschließend diente er
als Kulisse für Siegerfotos.
Nach dem Krieg behielt allein der Platz der Republik vor dem
Reichstag eine Funktion. Wie in der ganzen Stadtmitte blühte hier der
Schwarzmarkt. Die Berliner versammelten sich zu den ersten
Demonstrationen. Ernst Reuter rief während der Blockade am 9.9.48
Hunderttausende Berliner vor dem Reichstag zum »Durchhalten«auf. Pläne
für eine Nutzung des Gebäudes versiegten jahrelang in
Unentschlossenheit. Es lag darnieder als Mahnmal für die
Wiedervereinigung Deutschlands. 1954 wurde der Rest der 300 Tonnen
schweren Kuppel wegen Einsturzgefahr ganz abgetragen.
Wohl kaum ein Grundstück in Berlin und seine Bebauung haben so viele
Diskussionen und Wettbewerbe über sich ergehen lassen müssen wie bis
heute der Reichstag. Sein Wiederauflbau - ohne die schon immer
diskutierte Kuppel - durch den Berliner Architekten Paul Baumgarten
wurde 1970 beendet. Der Bau blieb jedoch ohne Funktion, weil die Sowjets
gegen jede politische Aktivität ihr Veto einlegten. Das änderte sich am
21.3.1971 mit der Ausstellung »Fragen an die deutsche Geschichte« zum
100. Jubiläum des ersten Zusammentritts des Reichstags 1871. Diese
Ausstellung wurde unter der Schirmherrschaft der damaligen
Bundestagspräsidentin Annemarie Renger als Dauerausstellung
weitergeführt.
1988, also schon vor der Wende, erhielt das Kölner Architekturbüro
Gottfried Böhm von der Bundesregierung - allerdings streng geheim - den
Auftrag, »den gesamten Bau zu überdenken und zu prüfen, was man daraus
machen kann«. Nach der Wende wurde der Entwurf überarbeitet unter der
Maßgabe, daß in den Reichstag der Bundestag einzieht. Böhm entschied
sich wieder für eine Kuppel, um mehr Platz für das größere Parlament zu
gewinnen. Er verlegt den Plenarsaal in die Kuppel. Damit ist sie nicht
mehr nur Zierde wie bei Wallot, sondern erhält eine Funktion, erklärte
Böhm. Wollen die Abgeordneten nicht Treppen steigen, können sie den Saal
in 15 Meter Höhe über gläserne Lifts erreichen. Er will einen Weg
aufzeigen, Wie Vorhandenes mit Neuem zu überlagern ist«. Die Kosten für
den Böhmschen Umbau werden auf ca. 500 Millionen DM geschätzt.
Seinen größten und völlig unpolitischen Erfolg verbuchte der
Reichstag im Sommer 1995. Zwei Wochen lang lockte die Verhüllung des
Gebäudes mit gewebten silbernen Kunststoffbahnen Millionen von Menschen
an. Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude nahm mit dieser
einzigartigen Kunstaktion dem Wallot-Gebäude erstmals die historisch
belastete Schwere, es verflüchtigte sich der letzte Hauch von nationalem
Pathos. Das eingepackte Reichstagsgebäude badete in einer Woge der
Popularität und war Mittelpunkt eines sommerlichen Volksfestes. Nach
dieser freundlichen Zäsur rückten am 24. Juli 1995 die Bauarbeiter an.
Quellen: Klaus und Lissi Barisch. Berlin (Vista Point
Stadtführer). Vista Point Verlag. Köln: 1992; Christian Bahr: Der neue
Bundestag im alten Reichstag. Berlin: Jaron Verlag 1999.