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Die Berliner Mauer

Berlin : Bezirke : Friedrichshain : East Side Gallery
25-Apr-1998/06-Jan-06


Symbol kalten Kriegs

So überraschend die Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde, so plötzlich ist sie nach fast 30 Jahren in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 gefallen. Jeweils aus den gleichen Gründen: Desolate politische und wirtschafflache Verhältnisse - ganz gleich in welcher Relhenfolge - im ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staat hatten eine gewaltige Abwanderungs- und Flüchtlingswelle der Bevölkerung in den Westen ausgelöst. Darauf mußte das kommunistische System zwangsläufig reagieren, das erste Mal noch selbst aktiv durch Absperrung, d. h. den Bau der Mauer um Westberlin und entlang der Grenze zur Bundesrepublik, das zweite Mal unter Druck der eigenen Bevölkerung durch Öffnung der Grenzen zum Westen. In beiden Fällen spielte die Sowjetunion die entscheidende Rolle. Sie gab ihr Plazet zum Bau der Mauer und ermöglichte durch die Perestrolka Gorbatschows auch ihren Fall.

Bis zum Sommer 1961 waren die Flüchtlingszahlen dramatisch gestiegen. 1959 wurden 144000 Flüchtlinge im Westen registriert. 1960 waren es 199000, und bis zum 13. August 1961 flohen noch einmal 155000 DDR-Bürger. Insgesamt schätzt man, daß seit Gründung der DDR über 2,7 Millionen Menschen die DDR verlassen hatten, und die meisten davon wählten den Weg über Berlin. Der letzte macht das Licht aus«, diesen Witz hat die DDR-Führung unter Ulbricht gewiß nicht als komisch empfunden. Sie hatte immer noch gehofft, daß sich die Sowjetunion mit ihrem im Januar 1959 unterbreiteten Entwurf für einen Friedensvertrag durchsetzen würde, der das Ende der Besetzung der drei Westsektoren durch die Alliierten und die Umwandlung von Berlin (West) in eine Selbständige politische Einheit« - eine Freie-Stadt - vorsah.

Weder die Außenministerkonferenz der vier Siegermächte im August 1959 in Genf noch das Treffen des sowjetischen Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow mit dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy am 3. und 4. Juni 1961 in Wien führten zu einem Ergebnis. Kennedy beharrte in einer Fernsehrede am 25. Juli 1961 auf der amerikanischen Berlin-Position: Anwesenheit der Alliierten in Berlin und Selbstbestimmung der Bevölkerung von Berlin-West. Chruschtschows ultimativer Vorstoß war gescheitert, jedoch war auch klar geworden, daß die beiden Weltmächte ihre nach dem Krieg gewonnenen Einflußsphären gegenseitig respektierten, wie es sich bereits am 17. Juni 1953 in Berlin, beim Ungarnaufstand im November 1956 und später dann auch 1968 beim Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei gezeigt hatte.

Zuvor hatte SED-Chef Walter Ulbricht auf einer internationalen Pressekonferenz in Leipzig am 15. Juni 1961 auf die Frage einer Korrespondentin der Frankfurter Rundschau nach der Bildung einer Freien Stadt Berlin geantwortet: dich verstehe Ihre Frage so, daß es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh-mir ist nicht bekannt, daß solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll ausgenutzt, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. «

Zum ersten Mal war das Wort »Mauer« gefallen, war es Absicht oder ein Versprecher? Denn für Ulbricht und wenige Spitzengenossen war die Marschroute damals schon klar, wenn auch streng geheim. Erst am 3. und 5. August 1961 auf der Konferenz der Warschauer-Pakt-Staaten in Moskau gelang es der SED-Führung, die Grenzsituation als unhaltbar darzustellen. »Die herrschenden militaristischen Kreise Westdeutschlands und die Kriegsparteien in den anderen imperialistischen Ländern der Nato«, argumentierten die SED-Führer, »benutzen die barbarische Methode des Menschenhandels, um die sozialistische Ordnung der DDR zu untergraben, ökonomisch zu schwächen und sie mit der Lüge von der freiwilligen Republikflucht zu diskreditieren. «

In seinen Memoiren schrieb Erich Honecker 1980: »Im Einvernehmen mit der KPdSU schlug die SED vòr, die Grenzen der DDR gegenüber Westberlin und der BRD unter die zwischen souveränen Staaten übliche Kontrolle zu nehmen. Diesem Vorschlag stimmte die Moskauer Beratung zu.«

Damit war der Weg für den Bau der Mauer frei. Walter Ulbricht beauffragte - oder hatte schon längst - Erich Honecker, seinen späteren Nachfolger in den höchsten Partei- und Regierungsämtern, den Bau zu organisieren. In der Nacht auf den 13. August verbreitete um 1.11 Uhr die DDR-Nachrichtenagentur ADN die offizielle DDR-lnterpretation der Moskauer Beschlüsse: »Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an die Volkskammer und an die Regierung der DDR, an alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik mit dem Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung einzuführen, durch die der Wühitätigkeit gegen die Länder des sozialistischen Lagers der Weg verlegt und rings um das ganze Gebiet Westberlins, einschließlich seiner Grenze mit dem demokratischen Berlin, eine verläßliche Bewachung und eine wirksame Kontrolle gewährleistet wird.«

Der Bau der Mauer hatte begonnen - zunächst mit Stacheldraht und Absperrgittern. Betriebskampfgruppen, Volksarmee und Bereitschaffspolizei bildeten mit Beschulterten Kalaschnikows Menschenmauerns an den wichtigen Punkten der Sektorengrenze, bis nach und nach die ersten Betonplatten aufgestellt wurden. Honecker befahl gleich zu Beginn die Schließung des Grenzübergangs am Brandenbuger Tor, weil hier am 13. August, besonders auf westlicher Seite, demonstriert wurde. Angesichts der historischen Bedeutung des Brandenburger Tors seien auch in Zukunft an diesem Ort »Provokationen« zu erwarten. Das Tor wurde am 14. August geschlossen. Westberlin - eingemauert, war endgültig eine Insel. Eingesperrt dagegen waren die Menschen im Osten. Nirgends hat es bei Fluchtversuchen in den folgenden Wochen dramatischere Szenen gegeben als an der Bemauer Straße. Sie gilt seitdem bei den Berlinern als Symbol der Unmenschlichkeit und Brutalität. Die Nationale Volksarmee ließ sofort 600 Wohnungen räumen, deren Fenster und Eingänge entlang der Westseite lagen. 50 Hauseingänge und Geschäfte und 1253 Fenster, aus denen noch kurz zuvor Menschen in die Freiheit gesprungen waren, wurden zugemauert. Vier Flüchtlinge sprangen in den Tod, weil sie die Sprungtücher verfehlt hatten. Nirgends klebt soviel Blut an der Mauer wie in der Bemauer Straße«, sagt ein alter Bewohner im Wedding, der die Fluchtversuche selbst erlebt hat. Später wurde die ganze Häuserzeile abgerissen. Im Oktober 1964 flohen in der Nähe der evangelischen Versöhnungskirche, die 1985 gesprengt wurde, 57 Menschen durch den längsten Tunnel in der Fluchtgeschichte, der unter einer ehemaligen Bäckerei begann und in der Bemauer Straße endete.

79 DDR-Bürger kamen an der Mauer durch Berlin zu Tode. Weltweit bekannt wurde das 38. Opfer des grausamen Schießbefehls, Peter Fechter, 18 Jahre alt, der am 17. August 1962 neben dem Checkpoint Charlie von den DDR-Grenzern angeschossen wurde und verblutete, unter den Augen von Westberliner Polizisten und DDR-Grenzsoldaten, die sich voreinander fürchteten, und mit Wissen des diensthabenden US-Offiziers, der mit dem Hinweis: »Sorry, but this is not our Problems, den Grundsatz gegenseitiger Nichteinmischung der Siegermächte auf die Spitze trieb. Der 20 Jahre alte Chris Gueffroy wurde in der Nacht zum 6. Februar 1989 als letzter an der Mauer erschossen, zwei Monate vor Auflhebung des Schießbefehls. Seinem Freund Christian Gaudian gelang die Flucht. Letztes Todesopfer an der Mauer wurde am 8. März 1989 kurz nach Mitternacht Winfried Freudenberg, der mit seiner Frau in einem Ballon zu Flehen versuchte. Sie stürzte gleich nach dem Start aus dem Korb, er wurde am nächsten Tag in einem Vorgarten in Schlachtensee tot gefunden.

Die Mauer war entlang der innenstädtischen Sektorengrenze 45 und entlang der Demarkationslinie zur DDR 120 Kilometer lang. Die Grenzanlagen zwischen DDR und Bundesrepublik hatten eine Länge von 1 400 Kilometern. Die Absperranlagen wurden in vier Bauphasen perfektioniert. Die erste Mauer wurde 1961 im wesentlichen aus Hohlblocksteinen aufgemauert, die eigentlich für den Wohnungsbau gedacht waren. 1963 wurde sie durch Betonwände ersetzt. In der dritten Generation verwendete man bereits Betonfertigteile in Serienproduktion »von höchster Qualität«. 1976 wurde sie noch einmal so -verbesserte, daß Schüsse aus Maschinenpistolen nicht durchschlagen konnten, und so stabilisiert, daß schwere Lastwagen und Panzer von ihr abprallen sollten. Die Betonsockel waren abschüssig, damit Füße abrutschten, und die Mauerabschlüsse waren in vier Meter Höhe mit so dicken Rundsteinen abgedeckt, daß man sie mit den Armen nicht umgreifen konnte. Zur östlichen Seite war ein Signalzaun vorgelagert; Erdbunker, 302 Beobachtungstürme und zeitweise Selbstschußanlagen ergänzten das Festungswerk.

Insgesamt waren über 5 000 Hunde im Einsatz, um den Sperrgürtel zu sichern. Wie sich nach dem Mauerfall herausstellte, waren sie weniger gefährlich als befürchtet. Viele wurden nach der Wende in Familien aufgenommen, aufgrund der Wohnungsknappheit im Osten sogar die größere Zahl im Westen. Diese Hunde werden wahrscheinlich die einzigen sein, die durch ihr tägliches Training noch länger den Verlauf der Mauer aufspüren können, die schnell und zum Teil so gründlich abgeräumt wurde, daß man ihren genauen Standort nicht mehr erkennen kann.

Wenige Reste der Mauer sollen zur Erinnerung erhalten bleiben, darunter die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery entlang der Spree zwischen Hauptbahnhof und Oberbaumbrücke, die von 118 Künstlern bemalt wurde. An der Bemauer Straße, zwischen Acker- und Gartenstraße, soll ein 130 Meter langes Stück Mauer als Mahnmal an die Opfer erinnern und als Museum über die Geschichte dieser Grenze informieren. 70 Meter original rekonstruierte Sperranlagen mit Außenlands- und Hinterlandsmauere, mit Postenweg und Spanischen Reitern, mit nicht direkt zugänglich sein. Man plant, die Gedenkstätte mit einem Glashaus zu umgeben, um sie vor mutwilligen Zerstörungen zu schützen.

Der DDR diente die Mauer als Antifaschistischer Schutzwalls. Auf der Westseite wurde sie mit Graffiti verziert, deren stückweiser Verkauf nach dem Mauerfall den »Mauerspechten« so manche Mark einbrachte. Berlins berühmtestes Baumerk der Nachkriegszeit ist nun in großen und kleinen Teilen über die ganze Welt verstreut.

Quelle: Klaus und Lissi Barisch. Berlin (Vista Point Stadtführer). Vista Point Verlag. Köln: 1992.

Siehe auch

Die Berliner Mauer: Chronologie, Entstehung, Fall der Mauer, Mauergrenze und Verlauf.

Historische Stadtmauern.

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