
So überraschend die Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde, so
plötzlich ist sie nach fast 30 Jahren in der Nacht vom 9. auf
den 10. November 1989 gefallen. Jeweils aus den gleichen
Gründen: Desolate politische und wirtschafflache Verhältnisse -
ganz gleich in welcher Relhenfolge - im ersten deutschen
Arbeiter-und-Bauern-Staat hatten eine gewaltige Abwanderungs-
und Flüchtlingswelle der Bevölkerung in den Westen ausgelöst.
Darauf mußte das kommunistische System zwangsläufig reagieren,
das erste Mal noch selbst aktiv durch Absperrung, d. h. den Bau
der Mauer um Westberlin und entlang der Grenze zur
Bundesrepublik, das zweite Mal unter Druck der eigenen
Bevölkerung durch Öffnung der Grenzen zum Westen. In beiden
Fällen spielte die Sowjetunion die entscheidende Rolle. Sie gab
ihr Plazet zum Bau der Mauer und ermöglichte durch die
Perestrolka Gorbatschows auch ihren Fall.
Bis zum Sommer 1961 waren die Flüchtlingszahlen dramatisch
gestiegen. 1959 wurden 144000 Flüchtlinge im Westen registriert.
1960 waren es 199000, und bis zum 13. August 1961 flohen noch
einmal 155000 DDR-Bürger. Insgesamt schätzt man, daß seit
Gründung der DDR über 2,7 Millionen Menschen die DDR verlassen
hatten, und die meisten davon wählten den Weg über Berlin. Der
letzte macht das Licht aus«, diesen Witz hat die DDR-Führung
unter Ulbricht gewiß nicht als komisch empfunden. Sie hatte
immer noch gehofft, daß sich die Sowjetunion mit ihrem im Januar
1959 unterbreiteten Entwurf für einen Friedensvertrag
durchsetzen würde, der das Ende der Besetzung der drei
Westsektoren durch die Alliierten und die Umwandlung von Berlin
(West) in eine Selbständige politische Einheit« - eine
Freie-Stadt - vorsah.
Weder die Außenministerkonferenz der vier Siegermächte im
August 1959 in Genf noch das Treffen des sowjetischen
Ministerpräsidenten Nikita Chruschtschow mit dem amerikanischen
Präsidenten John F. Kennedy am 3. und 4. Juni 1961 in Wien
führten zu einem Ergebnis. Kennedy beharrte in einer Fernsehrede
am 25. Juli 1961 auf der amerikanischen Berlin-Position:
Anwesenheit der Alliierten in Berlin und Selbstbestimmung der
Bevölkerung von Berlin-West. Chruschtschows ultimativer Vorstoß
war gescheitert, jedoch war auch klar geworden, daß die beiden
Weltmächte ihre nach dem Krieg gewonnenen Einflußsphären
gegenseitig respektierten, wie es sich bereits am 17. Juni 1953
in Berlin, beim Ungarnaufstand im November 1956 und später dann
auch 1968 beim Einmarsch der Sowjets in die Tschechoslowakei
gezeigt hatte.
Zuvor hatte SED-Chef Walter Ulbricht auf einer
internationalen Pressekonferenz in Leipzig am 15. Juni 1961 auf
die Frage einer Korrespondentin der Frankfurter Rundschau nach
der Bildung einer Freien Stadt Berlin geantwortet: dich verstehe
Ihre Frage so, daß es Menschen in Westdeutschland gibt, die
wünschen, daß wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR
mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh-mir ist nicht
bekannt, daß solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter der
Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre
Arbeitskraft voll ausgenutzt, voll eingesetzt wird. Niemand hat
die Absicht, eine Mauer zu errichten. «
Zum ersten Mal war das Wort »Mauer« gefallen, war es Absicht
oder ein Versprecher? Denn für Ulbricht und wenige
Spitzengenossen war die Marschroute damals schon klar, wenn auch
streng geheim. Erst am 3. und 5. August 1961 auf der Konferenz
der Warschauer-Pakt-Staaten in Moskau gelang es der SED-Führung,
die Grenzsituation als unhaltbar darzustellen. »Die herrschenden
militaristischen Kreise Westdeutschlands und die Kriegsparteien
in den anderen imperialistischen Ländern der Nato«,
argumentierten die SED-Führer, »benutzen die barbarische Methode
des Menschenhandels, um die sozialistische Ordnung der DDR zu
untergraben, ökonomisch zu schwächen und sie mit der Lüge von
der freiwilligen Republikflucht zu diskreditieren. «
In seinen Memoiren schrieb Erich Honecker 1980: »Im
Einvernehmen mit der KPdSU schlug die SED vòr, die Grenzen der
DDR gegenüber Westberlin und der BRD unter die zwischen
souveränen Staaten übliche Kontrolle zu nehmen. Diesem Vorschlag
stimmte die Moskauer Beratung zu.«
Damit war der Weg für den Bau der Mauer frei. Walter Ulbricht
beauffragte - oder hatte schon längst - Erich Honecker, seinen
späteren Nachfolger in den höchsten Partei- und
Regierungsämtern, den Bau zu organisieren. In der Nacht auf den
13. August verbreitete um 1.11 Uhr die DDR-Nachrichtenagentur
ADN die offizielle DDR-lnterpretation der Moskauer Beschlüsse:
»Die Regierungen der Warschauer Vertragsstaaten wenden sich an
die Volkskammer und an die Regierung der DDR, an alle
Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik mit dem
Vorschlag, an der Westberliner Grenze eine solche Ordnung
einzuführen, durch die der Wühitätigkeit gegen die Länder des
sozialistischen Lagers der Weg verlegt und rings um das ganze
Gebiet Westberlins, einschließlich seiner Grenze mit dem
demokratischen Berlin, eine verläßliche Bewachung und eine
wirksame Kontrolle gewährleistet wird.«
Der Bau der Mauer hatte begonnen - zunächst mit Stacheldraht
und Absperrgittern. Betriebskampfgruppen, Volksarmee und
Bereitschaffspolizei bildeten mit Beschulterten Kalaschnikows
Menschenmauerns an den wichtigen Punkten der Sektorengrenze, bis
nach und nach die ersten Betonplatten aufgestellt wurden.
Honecker befahl gleich zu Beginn die Schließung des
Grenzübergangs am Brandenbuger Tor, weil hier am 13. August,
besonders auf westlicher Seite, demonstriert wurde. Angesichts
der historischen Bedeutung des Brandenburger Tors seien auch in
Zukunft an diesem Ort »Provokationen« zu erwarten. Das Tor wurde
am 14. August geschlossen. Westberlin - eingemauert, war
endgültig eine Insel. Eingesperrt dagegen waren die Menschen im
Osten. Nirgends hat es bei Fluchtversuchen in den folgenden
Wochen dramatischere Szenen gegeben als an der Bemauer Straße.
Sie gilt seitdem bei den Berlinern als Symbol der
Unmenschlichkeit und Brutalität. Die Nationale Volksarmee ließ
sofort 600 Wohnungen räumen, deren Fenster und Eingänge entlang
der Westseite lagen. 50 Hauseingänge und Geschäfte und 1253
Fenster, aus denen noch kurz zuvor Menschen in die Freiheit
gesprungen waren, wurden zugemauert. Vier Flüchtlinge sprangen
in den Tod, weil sie die Sprungtücher verfehlt hatten. Nirgends
klebt soviel Blut an der Mauer wie in der Bemauer Straße«, sagt
ein alter Bewohner im Wedding, der die Fluchtversuche selbst
erlebt hat. Später wurde die ganze Häuserzeile abgerissen. Im
Oktober 1964 flohen in der Nähe der evangelischen
Versöhnungskirche, die 1985 gesprengt wurde, 57 Menschen durch
den längsten Tunnel in der Fluchtgeschichte, der unter einer
ehemaligen Bäckerei begann und in der Bemauer Straße endete.
79 DDR-Bürger kamen an der Mauer durch Berlin zu Tode.
Weltweit bekannt wurde das 38. Opfer des grausamen
Schießbefehls, Peter Fechter, 18 Jahre alt, der am 17. August
1962 neben dem Checkpoint Charlie von den DDR-Grenzern
angeschossen wurde und verblutete, unter den Augen von
Westberliner Polizisten und DDR-Grenzsoldaten, die sich
voreinander fürchteten, und mit Wissen des diensthabenden
US-Offiziers, der mit dem Hinweis: »Sorry, but this is not our
Problems, den Grundsatz gegenseitiger Nichteinmischung der
Siegermächte auf die Spitze trieb. Der 20 Jahre alte Chris
Gueffroy wurde in der Nacht zum 6. Februar 1989 als letzter an
der Mauer erschossen, zwei Monate vor Auflhebung des
Schießbefehls. Seinem Freund Christian Gaudian gelang die
Flucht. Letztes Todesopfer an der Mauer wurde am 8. März 1989
kurz nach Mitternacht Winfried Freudenberg, der mit seiner Frau
in einem Ballon zu Flehen versuchte. Sie stürzte gleich nach dem
Start aus dem Korb, er wurde am nächsten Tag in einem Vorgarten
in Schlachtensee tot gefunden.
Die Mauer war entlang der innenstädtischen Sektorengrenze 45
und entlang der Demarkationslinie zur DDR 120 Kilometer lang.
Die Grenzanlagen zwischen DDR und Bundesrepublik hatten eine
Länge von 1 400 Kilometern. Die Absperranlagen wurden in vier
Bauphasen perfektioniert. Die erste Mauer wurde 1961 im
wesentlichen aus Hohlblocksteinen aufgemauert, die eigentlich
für den Wohnungsbau gedacht waren. 1963 wurde sie durch
Betonwände ersetzt. In der dritten Generation verwendete man
bereits Betonfertigteile in Serienproduktion »von höchster
Qualität«. 1976 wurde sie noch einmal so -verbesserte, daß
Schüsse aus Maschinenpistolen nicht durchschlagen konnten, und
so stabilisiert, daß schwere Lastwagen und Panzer von ihr
abprallen sollten. Die Betonsockel waren abschüssig, damit Füße
abrutschten, und die Mauerabschlüsse waren in vier Meter Höhe
mit so dicken Rundsteinen abgedeckt, daß man sie mit den Armen
nicht umgreifen konnte. Zur östlichen Seite war ein Signalzaun
vorgelagert; Erdbunker, 302 Beobachtungstürme und zeitweise
Selbstschußanlagen ergänzten das Festungswerk.
Insgesamt waren über 5 000 Hunde im Einsatz, um den
Sperrgürtel zu sichern. Wie sich nach dem Mauerfall
herausstellte, waren sie weniger gefährlich als befürchtet.
Viele wurden nach der Wende in Familien aufgenommen, aufgrund
der Wohnungsknappheit im Osten sogar die größere Zahl im Westen.
Diese Hunde werden wahrscheinlich die einzigen sein, die durch
ihr tägliches Training noch länger den Verlauf der Mauer
aufspüren können, die schnell und zum Teil so gründlich
abgeräumt wurde, daß man ihren genauen Standort nicht mehr
erkennen kann.
Wenige Reste der Mauer sollen zur Erinnerung erhalten
bleiben, darunter die 1,3 Kilometer lange East Side Gallery
entlang der Spree zwischen Hauptbahnhof und Oberbaumbrücke, die
von 118 Künstlern bemalt wurde. An der Bemauer Straße, zwischen
Acker- und Gartenstraße, soll ein 130 Meter langes Stück Mauer
als Mahnmal an die Opfer erinnern und als Museum über die
Geschichte dieser Grenze informieren. 70 Meter original
rekonstruierte Sperranlagen mit Außenlands- und
Hinterlandsmauere, mit Postenweg und Spanischen Reitern, mit
nicht direkt zugänglich sein. Man plant, die Gedenkstätte mit
einem Glashaus zu umgeben, um sie vor mutwilligen Zerstörungen
zu schützen.
Der DDR diente die Mauer als Antifaschistischer Schutzwalls.
Auf der Westseite wurde sie mit Graffiti verziert, deren
stückweiser Verkauf nach dem Mauerfall den »Mauerspechten« so
manche Mark einbrachte. Berlins berühmtestes Baumerk der
Nachkriegszeit ist nun in großen und kleinen Teilen über die
ganze Welt verstreut.
Quelle: Klaus und Lissi Barisch. Berlin (Vista
Point Stadtführer). Vista Point Verlag. Köln: 1992.