Am Abend des 9. November 1918 war Berlin Hauptstadt einer Republik.
Der Krieg war aus, der Kaiser vertrieben. Die Berliner waren voller
Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Sie konnten nicht wissen, daß die
finstersten Jahre ihrer Geschichte noch vor ihnen lagen. Die ein klares
Programm für den Fortschritt hatten, die von der Spartakusgrupe, konnten
es nicht verwirklichen, weil sie organisatorisch noch zu schwach waren,
die in der Mehrheit waren, die Sozialdemokraten, verspielten die Macht,
weil sie pseudorevolutionären Worten ihrer opportunistischen Führer ins
Garn gingen. Schon bald ging die Konterrevolution in Berlin offen zum
Angriff über. Schwerbewaffnete Regierungstruppen griffen mit Artillerie,
Panzern und Flugzeugen wiederholt die revolutionäre Volksmarinedivision
und die bewaffneten Arbeiter an, sie ermordeten ihre Führer. Trotz der
blutigen Niederlage des Proletariats behauptete sich jedoch Berlin als
eine Bastion der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung.
Ein Erfolg fortschrittlicher Krähe war u. a. die längst notwendig
gewordene Neugliederung Berlins. Im Roten Rathaus, wo die
Arbeiterparteien nach der Wahl im Frühjahr 1919 die Mehrheit hatten,
wurde das vom preußischen Landtag beschlossene "Gesetz über die Bildung
der neuen Stadtgemeinde Berlin" verkündet, das am 1. Oktober 1920 in
Kraft trat. Dem historisch gewachsenen Kern, den Bezirken Mitte,
Prenzlauer Berg, Friedrichshain, Kreuzberg, Tiergarten und Wedding,
wurden die bisher selbständigen Städte Charlottenburg, Köpenick,
Lichtenberg, Neukölln, Pankow, Schöneberg, Spandau und Wilmersdorf sowie
weitere 59 Landgemeinden und 37 Gutsbezirke angegliedert. Das
Stadtgebiet war nun mit 860 Quadratkilometern mehr als 1 000mal größer
als das mittelalterliche Berlin. Mit 3,858 Millionen Einwohnern wurde
Berlin drittgrößte Stadt der Erde.
In dieser Weltstadt kamen in jenen Jahren die Widersprüchlichkeiten
der kapitalistischen Entwicklung besonders kraß zum Ausdruck. Auf der
einen Seite gab es die materielle Not weitester Volksmassen und
politische Spannungen von höchster Brisanz, auf der anderen einen
Aufschwung von Wissenschah und Technik, eine Blütezeit von Kultur und
Kunst.
Berlin, 1925 Sitz von 106 Konzernen und 915 Unternehmerverbänden, war
größte Industriestadt des Kontinents. Allein die Metallindustrie
beschäftigte eine Viertelmillion Arbeiter, in der Stadt wurden 74
Prozent aller elektrotechnischen Geräte in Deutschland produziert, 90
Prozent aller Glühlampen,63 Prozent der Telefonapparate und 60 Prozent
aller Kabel. Es gab 3200 Bank-Niederlassungen, in denen 50000
Angestellte die finanzielle Abwicklung des wesentlichsten Teils der von
Deutschland mit dem Ausland getätigten Geschähe überwachten.
In der ganzen Welt war Berlin als Kulturmetropole mit
beispielhaherAusstrahlung anerkannt. Dorthin zog es Schriftsteller wie
Brecht und Becher, Mann und Feuchtwanger, Kästner, Remarque und Döblin,
dort wirkten fortschrittliche Journalisten wie Ossietzky, Tucholsky und
Kisch, Künstlerwie Kollwitz, Nagel, Grosz und Heartfield. Progressive
Architekten wie Gropius, Scharoun, Taut und Wagner vollbrachten
exemplarische städtebauliche Leistungen vor allem bei der Anlage von
Siedlungsgebieten am inneren Stadtrand.
Glanzvolle Aufführungen in den Theatern, politische Zeitbühnen,
Kabaretts und Massenrevuen, aber auch der hektische Amüsierbetrieb
ließen jene Jahre als die "Goldenen Zwanziger" zum Begriff werden.
Zugleich jedoch entzündeten sich in der Stadt die
Klassenauseinandersetzungen immer hehiger. Der herangereisen Krise
suchten die reaktionärsten Kreise der herrschenden Klasse durch die
Unterdrückung der revolutionären Arbeiterbewegung, durch die Errichtung
der offenen faschistischen Diktatur entgegenzuwirken. Doch es kam nicht
zur Einheitsfront gegen die rechte Gefahr. Reformistische Führer der
Sozialdemokratie und der Gewerkschaben lehnten 1932 das Zusammengehen
mit der KPD ab. Das Finanzkapital konnte seinen Günstling Hitler an die
Macht schieben.
1918 Am 9. November läßt sich der Vorsitzende der
SPD, Friedrich Ebert, von der alten kaiserlichen Regierung Max von
Badens zum Reichskanzler ernennen. Der alte kaisertreue Magistrat bleibt
weiter im Amt. Von reaktionären Offizieren geführte Truppenteile der
Berliner Garnison unternehmen am 6. Dezember einen Putschversuch. Bei
einem bewaffneten Überfall auf eine friedliche Demonstration werden 14
Arbeiter erschossen. Am 23. und 24. Dezember versuchen schwerbewaffnete
Regierungstruppen, den Sitz der revolutionären Volksmarinedivision im
Marstall zu stürmen. Die Matrosen und klassenbewußte Arbeiter vereiteln
das Vorhaben. Vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 findet der
Gründungsparteitag der KPD im Preußischen Abgeordnetenhaus in der
Leipziger Straße statt.
1919 Am 6. Januar gibt es in Berlin einen
Generalstreik, weil konterrevolutionäre Verschwörer den der USPD
angehörenden Polizeipräsidenten abgesetzt haben, Regierungstruppen
setzen schwere Waffen ein. Die Kämpfe dauern bis zum 13. Januar und
fordern 92 Todesopfer unter den Arbeitern Berlins. Konterrevolutionäre
Truppen besetzen Berlin. Am 15. Januar werden Karl Liebknecht und Rosa
Luxemburg von mordwütiger Soldateska umgebracht. In den Märzkämpfen
setzt sich die BerlinerArbeiterklasse gegen 30000 NoskeSoldaten zur
Wehr. Es gibt insgesamt 1200 Tote, unter ihnen 29 Angehörige der
Volksmarinedivision, die kaltblütig ermordet werden.
1920 Am 13. März beginnt in Berlin der Kapp-Putsch.
Ihn bringen ein Generalstreik und bewaffnete Gegenwehr rasch zum
Scheitern. Vom Preußischen Landtag wird am 27. April das Gesetz über die
Einheitsgemeinde Groß-Berlin angenommen. In Adlershof wird am 15. Mai
die erste weltliche Schule ohne Religionsunterricht eröffnet. Im
Dezember findet im Lehrervereinshaus am Alexanderplatz der
Vereinigungsparteitag von KPD und USPD statt. Die Lebensmittelpreise
steigen doppelt so schnell wie die Löhne.
1921 Die ersten Wahlen für die
Stadtverordnetenversammiung in der neuen Gemeinde Groß-Berlin bringen am
16. Oktober den bürgerlichen Parteien eine leichte Mehrheit. Die 9,8 km
lange Avus (Automobilverkehrs- und Übungsstrecke) wird ihrer Bestimmung
übergeben.
1922 Die Ringbahn wird elektrifiziert.
1923 Im Januar muß man für eine Goldmark 4300
Papiermark zahlen. im September kostet ein Brot 3,6 Millionen Mark, im
Oktober überschreitet der Kurs der Goldmark die Milliardengrenze. Ein
Brot kostet nun 480 Millionen Mark. Im November wird mit Hilfe
ausländischen Kapitals die Inflation gestoppt. 1.000.000.000.000
Papiermark(eine Billion) erhalten den WerteinerRentenmark. Laut
amtlicher Statistik gibt es am 1. April rund 101.000 Arbeitslose, und
116.000 Berliner sind obdachlos. Auf der Nord-Süd-Trasse der U-Bahn wird
die erste nach dem Kriege errichtete Teilstrecke eröffnet. Baubeginn am
Flugplatz Tempelhof. Im Oktober beginnen regelmäßige
Rundfunk-Unterhaltungssendungen aus dem VOX-Haus am Potsdamer Platz.
1924 Am 15. Juni legt Wilhelm Pieck den Grundstein
für ein Revolutionsdenkmal auf dem Friedhof in Friedrichsfelde; 1926
wird das von Ludwig Mies van der Rohe geschaffene Monument eingeweiht.
Auf dem Potsdamer Platz wird die erste Lichtsignalanlage zur
Verkehrsregelung installiert.
1926 Im Herbst wird die MASCH (Marxistische
Arbeiterschule) in der Schicklerstraße eingerichtet. Es ist eine
Abendschule der KPD, an der u. a. Hermann Duncker, Albert Einstein,
Walter Gropius, Erwin Piscator, Jürgen Kuczynski und Hanns Eisler
Vorlesungen halten. Die U-Bahn wird städtisches Eigentum.
1927 Die Zahl der Arbeitslosen in Berlin erreicht
300000. Fertigstellung des Kranwerks Klingenberg. Gründung der Universum
Film-AG (UFA) in Berlin.
1928 Die Straßenbahn-, U-Bahn- und Omnibusbetriebe
Berlins werden in der BerlinerVerkehrs-Gesellschah (BVG)
zusammengeschlossen. Bei den Reichstagswahlen im Mai erhält die KPD in
Berlin fast 30 Prozent der abgegebenen Stimmen. Im Theater am
Schiffbauerdamm (dem heutigen Berliner Ensemble) wird Brechts
"Dreigroschenoper" uraufgeführt.
1929 Am 1. Mai geht die Polizei mit brutaler Gewalt
gegen 200.000 Demonstranten vor. Polizeipräsident Zörgiebel läßt
schießen. 31 Tote und mehrere hundert Verletzte sind zu beklagen. In
Berlin wird der erste deutsche Tonfilm gedreht.
1930 Am 14. Oktober legen 130.000 Metallarbeiter aus
283 Betrieben wegen geplanter 15-prozentiger Lohnkürzung die Arbeit
nieder. Die Zahl derArbeitslosen steigt in Berlin auf 450000. Eröffnung
der U-Bahn-Linie Alexanderplatz-Friedrichsfelde.
1932 Am 1. Juni ernennt der erneut gewählte
Reichspräsident von Hindenburg Franz von Papen zum Reichskanzler. Am 20.
Juli stürzt die Papen-Regierung mit einem Staatsstreich die
sozialdemokratisch geführte Regierung Preußens. Uber Berlin wird der
Ausnahmezustand verhängt. Am 6. November sind Reichstagswahlen. ln
Berlin wird die KPD mit 31 Prozent stärkste Partei, die SPD erhält 23,3
Prozent und die Nazipartei 26 Prozent der Stimmen. Am Alexanderplatz
werden das Berolina- und das Alexanderhaus fertiggestellt.
1933 Im Januar dankt nach nur sieben Wochen
Regierungszeit das Kabinett Schleicher ab. Reichspräsident von
Hindenburg ernennt am 30. Januar Hitler zum Reichskanzler.