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Geschichte Berlins

Berlin : Geschichte : 1871 bis 1918
25-Apr-1998/06-Jan-06


 

Zwischen Kaiserkrone und Roter Fahne

1871 bis 1918

War Berlin als königliche Residenzstadt in den vergangenen zweihundertJahren immer eine recht bescheidene Metropole gewesen, als kaiserliche Reichshauptstadt wurde sie bald eine Groß- und schließlich eine Weltstadt. Das lag jedoch nur zum geringen Maße daran, daß nun auf dem Schloß eine Kaiserstandarte wehte. Vielmehr war die industrielle Entwicklung Grund für das Aufblühen der Stadt. Allein in den Jahren 1871/72 entstanden in Berlin mehr als 250 Unternehmen. Neben Industriebetrieben, Banken und Eisenbahngesellschaften waren es vor allem Terrain- und Baugesellschaden. Bodenspekulation blühte in diesen sogenannten Gründerjahren, bis 1873 eine weltweite Börsenkrise auch auf Berlin übergriff und eine Serie von Bankrotten und Zusammenbrüchen auslöste. Hauptsächlich die Kleinaktionäre, Handwerker und Gewerbetreibende verloren dabei ihr Geld.

Die achtziger Jahre brachten der Industrie neuen Aufschwung. Eine nie gekannte Entwicklung der Produktivkräffe wurde für das Wachsen der Berliner Industrie im Übergang zum 20. Jahrhundert charakteristisch. Konzerne wie Siemens und AEG waren typisch für die Konzentration von Produktion und Kapital. Das Finanzgeschäh besorgten die Berliner Börse und Großbanken, die sich wie die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft in der Stadt etablierten. Berlin wurde zur mächtigsten Industriestadt des Kontinents. Sie erwarb in jener Zeit aber auch den Ruf, eine Stadt der Wissenschaften, der Kultur und Kunst zu sein. An der Universität, an modernen Instituten und Forschungseinrichtungen wirkten Wissenschaftler wie Max Planck und Albert Einstein, Rudolf Virchow und Robert Koch, Heinrich Hertz und Emil von gehring. Bereits um die Jahrhundertwende hatte Berlin auch einen Namen als international bedeutendes Zentrum der Kunst. Von den Sezessionisten, von Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Sievogt und Max Klinger, gingen bedeutende künstlerische Impulse aus; neue Akzente setzten Maler und Grafiker wie Hans Baluschek, Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Unter Otto Brahm und später unter Max Reinhardt wurde das Deutsche Theater zu Berlin weltberühmt, der Film begann sich in Berlin als künstlerisches Medium zu entwickeln, die Unterhaltungskunst brillierte u. a. mit Paul Lincke, Claire Waldoft und Zirkusunternehmen wie Schumann und Busch.

Berlins Einwohnerzahl, die 1871 reichlich 800000 erreicht hatte, lag zehn Jahre später bei einer Million und überschritt um 1905 die Zweimillionengrenze. Die kapitalistische Entwicklung zog unzählige Arbeitskräfte nach Berlin. Dörfer und Gutsbezirke am Stadtrand wurden ins Stadtgebiet einbezogen, in den westlichen Vororten entstanden die Villen der Bourgeoisie, in den Proletariergegenden des Nordens und Ostens die Massenwohnquartiere. Dort verschlechterten sich die Wohnbedingungen in unvorstellbarer Weise. 1890 lebten 117700 Berliner in 28265 Kellerwohnungen, mehr als 8000 Einwohner waren in 3376 Wohnungen untergebracht, die nicht einen einzigen heizbaren Raum hatten. 1905 hauste die Hälfte der Einwohner Berlins in Wohnungen, in denen jedes heizbare Zimmer mit 3 bis 13 Menschen belegt war.

Soziale Not, Unterdrückung und Ausbeutung ließen die Arbeiterklasse zusammenwachsen. Im Kampf gegen das Sozialistengesetz (1878/90) war es besonders die Berliner Arbeiterklasse, die sich bewährte. Trotz Verfolgung und Dreiklassenwahirecht wurden dort 1883 erstmals fünf Sozialisten unter Führung von Paul Singer als Stadtverordnete gewählt. Mit dem Sieg über Bismarcks Unterdrückungsgesetz wurde Berlin zum Zentrum der marxistischen deutschen Arbeiterbewegung. Hierwirkten August Bebel, Wilhelm Liebknecht und Ignaz Auer und machten die deutsche Sozialdemokratie zur wählerstärksten Partei in der kaiserlichen Hauptstadt. Als die imperialistischen Kreise im Streben um den Platz an der Sonne" den ersten Weltkrieg vorbereiteten, war es die deutsche Linke, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Wilhelm Pieck, die in Berlin und anderen Städten den Kampf gegen Teuerung und Not, Rüstungspolitik und imperialistische Kriegsvorbereitung führten. Aber trotzdem konnte der Opportunismus immer weiter vordringen und beherrschte schließlich die mittlere und höhere Ebene der Partei. Als am 4. August 1914 im Reichstag über die Aufnahme von Kriegskrediten entschieden wurde, stimmte die sozialdemokratische Fraktion diesen Beschlüssen zu.

In keinem Jahr des Krieges jedoch verstummten die Stimmen der progressiven Kräfte. Immer wieder gingen von Berlin starke Impulse im Kampf für Frieden und Fortschritt aus. Hier organisierte sich 1915 die Gruppe Internationale , aus der 1916 die "Spartakusgruppe hervorging, die Keimzelle der KPD. Sie stellte sich, als die Kunde vom Sieg der Oktoberrevolution in Rußland nach Berlin kam, an die Spitze der revolutionären Erhebung in Deutschland. In Berlin traten am 9. November 1918 HunderttausendeArbeiter und Soldaten in den Generalstreik und begannen den bewaffneten Autstand. Das war das Ende fast fünfhundertjähriger Herrschaft des Hauses Hohenzollern. Vom Balkon des Berliner Schlosses verkündete Karl Liebknecht den Sieg des Proletariats.

1871 Am 18. Januar wird im Spiegelsaal des Versailler Schlosses das Deutsche Reich proklamiert, Wilhelm I. wird Kaiser und Berlin Reichshauptstadt. Es besteht aus 16 Stadtteilen: Alt-Berlin, Stralauer Vorstadt, Friedrich-WilhelmStadt, Alt-Moabit, Neu-Moabit, Wedding, Alt-Kölln, Neu-Kölln, Friedrichswerder, Luisenstadt, Köpenicker Vorstadt, innere Friedrichstadt, Dorotheenstadt, äußere Friedrichstadt (oder Potsdamer Vorstadt), Tempelhofer und SchönebergerRevier. Vom 16. Juli bis 27. August stehen 4000 Maurer im Streik für die Einführung des Zehnstundentages.

1872 Am 25. Juli wird ein Schuhmacher aus seiner Wohnung in der Blumen-Straße exmittiert. Es gibt Proteste der Einwohner, die sich am nächsten Tage ausweiten. 400 Schutzleute zu Fuß, 200 zu Pferde, zwei Bataillone des AlexanHerregiments und zwei Schwadronen Gardedragoner werden gegen die Einwohner eingesetzt. 1873 Der "Gründerkrache im Oktober löst Serien von Firmenzusammenbrüchen aus. Im gleichen Jahr Baubeginn der Kanalisation nach Habrechts Entwurf. 1874 Am 14. Dezember findet die erste gemeinsame Versammlung von Mitgliedern desAligemeinen Deutschen Arbeitervereins (Lassalle) und dermarxistischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Bebei, Liebknecht) statt. Sie bereitet die Vereinigung im Jahre 1875 vor. Karl Marx hält sich auf seiner Rückreise von Karlsbad vom 26. bis 28. September illegal in Berlin auf. 1875 Übernahme der Straßen und Brücken aus königlichem in städtischen Besitz. 1878 Der arbeitslose Klempner Max Hödel schießt auf den vorbeifahrenden Kaiser, ohne ihn zu treffen; der geistesgestörte Dr. Karl Eduard Nobiling verwundet den Kaiser am 2. Juni durch Schrotschüsse. Diese Attentatsversuche werden von Bismarck zum Anlaß genommen, das Sozialistengesetz durchzupeitschen. Am 28. November verhängt die Regierung den kleinen Belagerungszustand.

1879 Auf der Berliner Gewerbeausstellung wird erstmals eine elektrische Personenbahn vorgeführt.

1880 Siemens errichtet bei Berlin das erste Elektrizitätswerk. Im gleichen Jahr richtet das uTelegraPhenbetriebs Bureau des Reichspostamtes, Französische Straße 33c" einen Autruf an alle Interessenten für einen Fernsprechanschluß. Anfangs melden sich acht, als jedoch am 14. Juni das "Verzeichnis der bei der Fernsprecheinrichtung Beteiligten" erscheint, zählt dieses 27 Seiten starke erste Telefonbuch der Welt 187 Telefonbesitzer auf. Am 15. August 1881 wird im Postamt Unter den Linden 5 die erste öffentliche Fernsprechstelle in Betrieb genommen. 1881 Die erste elektrische Straßenbahn der Welt verkehrt in Lichterfelde. 1882 Die Straße Unter den Linden wird elektrisch erleuchtet. Im gleichen Jahr wird die Stadtbahn eröffnet. 1883 Die ersten fünf Arbeitervertreter werden trotz des Sozialistengesetzes ins Stadtparlament gewählt. Emil Rathenau gründet die Deutsche Edison-Gesellschaft (ab 1887Allgemeine Electrizitätsgesellschaft - AEG). 1890 Das Sozialistengesetz wird zu Fail gebracht. Erste Malfeier in Berlin.

Die Familie Liebknecht zieht nach Berlin, wo Karl Liebknecht 1893 sein Jurastudium abschließt. 1892 In Berlin wird das erste Automobil zugelassen. 1893 Friedrich Engels spricht in den Concordia-Festsälen vor 4000 Berliner Arbeitern. 1894 Baubeginn am Berliner Dom. 1895 Lenin weiltfür einige Wochen zum Studium in Berlin. Er nimmt an einer Arbeiterversammlung in der Frankfurter Allee 102 teil. Im Wintergarten-Varieté führt Skladanowsky sein "Theater lebender Photographien" erstmals öffentlich vor. 1896 Eröffnung der Sternwarte in Treptow. 1898 Das Statistische Ja hrbuch weist aus: Berlin hat 496 268 steuerpflichtige Bürger. Der reichste hat ein Einkommen von 2995000 Mark im Jahr. Das Durchschnittseinkommen wird mit 731 Mark und 64 Pfennig angegeben. Im Mai zieht Rosa Luxemburg nach Berlin.

1900 150000 Berliner Arbeiter geben dem verstorbenen Wilhelm Liebknecht das letzte Geleit.

1902 Im Januar wird die erste Linie der Hoch- und Untergrundbahn eröffnet.

1904 Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums, des heutigen Bode-Museums.

1906 Der Schuster Wilhelm Voigt verkleidet sich als Hauptmann, übernimmt das Kommando über einen Trupp Soldaten und "beschlagnahmt" die Stadtkasse von Köpenick.

1907 Die sozialdemokratische Fraktion im Stadtparlament nimmt 35 von 126 Sitzen ein. Mit 1,5 km Kailänge wird der Osthafen eröffnet.

1908 Eröffnung des 1874 gegründeten Märkischen Museums im von Ludwig Hoffmann errichteten Haus am Köilnischen Park; Auf der Hochbahnstation Gleisdreieck fordert ein Zugunglück 18 Todesopfer. 1909 In Berlin gibt es 129 elektrisch betriebene Straßenbahnlinien. In Johannisthal wird der erste Flugplatz eröffnet. 1910 Es gibt in Berlin mehr als 30 größere Theater, etwa ein Dutzend Singspielhallen, sechs Spezialtheater und mehr als 300 Garten- und andere Lokale mit Aufführungskonzessionen. 1911 Am 3. September nehmen mehr als 200000 Menschen an einer Friedensdemonstration im Treptower Park teil; 1912 protestieren am gleichen Ort 250000 Berliner gegen die Balkankriege. 1914 Am 4. August billigt die SPD-Fraktion im Reichstag die Kriegskredite. Karl Liebknecht verweigert ihnen als einziger Abgeordneter am 4. Dezember die Zustimmung. 1915 Im Januar ruß Karl Liebknecht die Arbeiter aller kriegführenden Länder auf, für den Frieden einzutreten. Am 18. und 20. Mai demonstrieren 1500 Berliner Frauen vor dem Reichstag für Karl Liebknecht. Unter den Linden findet im Dezember eine Friedensdemonstration statt. 1916 Am 1.Januar konstituiert sich in Liebknechts Anwaltskanzlei in der Chausseestraße 121 die Spartakusgruppe, die Keimzelle der KPD. Auf einer Kundgebung am 1. Mai fordert Karl Liebknecht auf dem Potsdamer Platz "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!"

1917 Die Meldungen über die Februar-Revolution in Rußland und über den Sturz des Zaren führen zu verstärkten Antikriegsdemonstrationen.

1918 Im Januar erheben sich die Arbeiter Berlins zu großen politischen Massenstreiks. 400000 beginnen den Ausstand, an dem sich auf seinem Höhepunkt mehr als eine halbe Million Arbeiter beteiligen. Im Herbst spitzt sich die Lage weiter zu. Karl Liebknecht fordert bei einer Demonstration auf dem Potsdamer Platz die Massen auf, dem russischen Beispiel zu folgen und sich auf die Ubernahme der politischen Macht vorzubereiten. Am 9. November kommt es zum Generalstreik. Um 13 Uhr wird die Abdankung des Kaisers bekannt. Karl Liebknecht verkündet die "freie sozialistische Republik".

 
 

 

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