War Berlin als königliche Residenzstadt in den vergangenen
zweihundertJahren immer eine recht bescheidene Metropole gewesen, als
kaiserliche Reichshauptstadt wurde sie bald eine Groß- und schließlich
eine Weltstadt. Das lag jedoch nur zum geringen Maße daran, daß nun auf
dem Schloß eine Kaiserstandarte wehte. Vielmehr war die industrielle
Entwicklung Grund für das Aufblühen der Stadt. Allein in den Jahren
1871/72 entstanden in Berlin mehr als 250 Unternehmen. Neben
Industriebetrieben, Banken und Eisenbahngesellschaften waren es vor
allem Terrain- und Baugesellschaden. Bodenspekulation blühte in diesen
sogenannten Gründerjahren, bis 1873 eine weltweite Börsenkrise auch auf
Berlin übergriff und eine Serie von Bankrotten und Zusammenbrüchen
auslöste. Hauptsächlich die Kleinaktionäre, Handwerker und
Gewerbetreibende verloren dabei ihr Geld.
Die achtziger Jahre brachten der Industrie neuen Aufschwung. Eine nie
gekannte Entwicklung der Produktivkräffe wurde für das Wachsen der
Berliner Industrie im Übergang zum 20. Jahrhundert charakteristisch.
Konzerne wie Siemens und AEG waren typisch für die Konzentration von
Produktion und Kapital. Das Finanzgeschäh besorgten die Berliner Börse
und Großbanken, die sich wie die Deutsche Bank und die
Disconto-Gesellschaft in der Stadt etablierten. Berlin wurde zur
mächtigsten Industriestadt des Kontinents. Sie erwarb in jener Zeit aber
auch den Ruf, eine Stadt der Wissenschaften, der Kultur und Kunst zu
sein. An der Universität, an modernen Instituten und
Forschungseinrichtungen wirkten Wissenschaftler wie Max Planck und
Albert Einstein, Rudolf Virchow und Robert Koch, Heinrich Hertz und Emil
von gehring. Bereits um die Jahrhundertwende hatte Berlin auch einen
Namen als international bedeutendes Zentrum der Kunst. Von den
Sezessionisten, von Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Sievogt und Max
Klinger, gingen bedeutende künstlerische Impulse aus; neue Akzente
setzten Maler und Grafiker wie Hans Baluschek, Käthe Kollwitz und
Heinrich Zille. Unter Otto Brahm und später unter Max Reinhardt wurde
das Deutsche Theater zu Berlin weltberühmt, der Film begann sich in
Berlin als künstlerisches Medium zu entwickeln, die Unterhaltungskunst
brillierte u. a. mit Paul Lincke, Claire Waldoft und Zirkusunternehmen
wie Schumann und Busch.
Berlins Einwohnerzahl, die 1871 reichlich 800000 erreicht hatte, lag
zehn Jahre später bei einer Million und überschritt um 1905 die
Zweimillionengrenze. Die kapitalistische Entwicklung zog unzählige
Arbeitskräfte nach Berlin. Dörfer und Gutsbezirke am Stadtrand wurden
ins Stadtgebiet einbezogen, in den westlichen Vororten entstanden die
Villen der Bourgeoisie, in den Proletariergegenden des Nordens und
Ostens die Massenwohnquartiere. Dort verschlechterten sich die
Wohnbedingungen in unvorstellbarer Weise. 1890 lebten 117700 Berliner in
28265 Kellerwohnungen, mehr als 8000 Einwohner waren in 3376 Wohnungen
untergebracht, die nicht einen einzigen heizbaren Raum hatten. 1905
hauste die Hälfte der Einwohner Berlins in Wohnungen, in denen jedes
heizbare Zimmer mit 3 bis 13 Menschen belegt war.
Soziale Not, Unterdrückung und Ausbeutung ließen die Arbeiterklasse
zusammenwachsen. Im Kampf gegen das Sozialistengesetz (1878/90) war es
besonders die Berliner Arbeiterklasse, die sich bewährte. Trotz
Verfolgung und Dreiklassenwahirecht wurden dort 1883 erstmals fünf
Sozialisten unter Führung von Paul Singer als Stadtverordnete gewählt.
Mit dem Sieg über Bismarcks Unterdrückungsgesetz wurde Berlin zum
Zentrum der marxistischen deutschen Arbeiterbewegung. Hierwirkten August
Bebel, Wilhelm Liebknecht und Ignaz Auer und machten die deutsche
Sozialdemokratie zur wählerstärksten Partei in der kaiserlichen
Hauptstadt. Als die imperialistischen Kreise im Streben um den Platz an
der Sonne" den ersten Weltkrieg vorbereiteten, war es die deutsche
Linke, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Wilhelm Pieck,
die in Berlin und anderen Städten den Kampf gegen Teuerung und Not,
Rüstungspolitik und imperialistische Kriegsvorbereitung führten. Aber
trotzdem konnte der Opportunismus immer weiter vordringen und
beherrschte schließlich die mittlere und höhere Ebene der Partei. Als am
4. August 1914 im Reichstag über die Aufnahme von Kriegskrediten
entschieden wurde, stimmte die sozialdemokratische Fraktion diesen
Beschlüssen zu.
In keinem Jahr des Krieges jedoch verstummten die Stimmen der
progressiven Kräfte. Immer wieder gingen von Berlin starke Impulse im
Kampf für Frieden und Fortschritt aus. Hier organisierte sich 1915 die
Gruppe Internationale , aus der 1916 die "Spartakusgruppe hervorging,
die Keimzelle der KPD. Sie stellte sich, als die Kunde vom Sieg der
Oktoberrevolution in Rußland nach Berlin kam, an die Spitze der
revolutionären Erhebung in Deutschland. In Berlin traten am 9. November
1918 HunderttausendeArbeiter und Soldaten in den Generalstreik und
begannen den bewaffneten Autstand. Das war das Ende fast
fünfhundertjähriger Herrschaft des Hauses Hohenzollern. Vom Balkon des
Berliner Schlosses verkündete Karl Liebknecht den Sieg des Proletariats.
1871 Am 18. Januar wird im Spiegelsaal des
Versailler Schlosses das Deutsche Reich proklamiert, Wilhelm I. wird
Kaiser und Berlin Reichshauptstadt. Es besteht aus 16 Stadtteilen:
Alt-Berlin, Stralauer Vorstadt, Friedrich-WilhelmStadt, Alt-Moabit,
Neu-Moabit, Wedding, Alt-Kölln, Neu-Kölln, Friedrichswerder,
Luisenstadt, Köpenicker Vorstadt, innere Friedrichstadt, Dorotheenstadt,
äußere Friedrichstadt (oder Potsdamer Vorstadt), Tempelhofer und
SchönebergerRevier. Vom 16. Juli bis 27. August stehen 4000 Maurer im
Streik für die Einführung des Zehnstundentages.
1872 Am 25. Juli wird ein Schuhmacher aus seiner
Wohnung in der Blumen-Straße exmittiert. Es gibt Proteste der Einwohner,
die sich am nächsten Tage ausweiten. 400 Schutzleute zu Fuß, 200 zu
Pferde, zwei Bataillone des AlexanHerregiments und zwei Schwadronen
Gardedragoner werden gegen die Einwohner eingesetzt. 1873 Der
"Gründerkrache im Oktober löst Serien von Firmenzusammenbrüchen aus. Im
gleichen Jahr Baubeginn der Kanalisation nach Habrechts Entwurf. 1874 Am
14. Dezember findet die erste gemeinsame Versammlung von Mitgliedern
desAligemeinen Deutschen Arbeitervereins (Lassalle) und dermarxistischen
Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Bebei, Liebknecht) statt. Sie
bereitet die Vereinigung im Jahre 1875 vor. Karl Marx hält sich auf
seiner Rückreise von Karlsbad vom 26. bis 28. September illegal in
Berlin auf. 1875 Übernahme der Straßen und Brücken aus königlichem in
städtischen Besitz. 1878 Der arbeitslose Klempner Max Hödel schießt auf
den vorbeifahrenden Kaiser, ohne ihn zu treffen; der geistesgestörte Dr.
Karl Eduard Nobiling verwundet den Kaiser am 2. Juni durch
Schrotschüsse. Diese Attentatsversuche werden von Bismarck zum Anlaß
genommen, das Sozialistengesetz durchzupeitschen. Am 28. November
verhängt die Regierung den kleinen Belagerungszustand.
1879 Auf der Berliner Gewerbeausstellung wird
erstmals eine elektrische Personenbahn vorgeführt.
1880 Siemens errichtet bei Berlin das erste
Elektrizitätswerk. Im gleichen Jahr richtet das uTelegraPhenbetriebs
Bureau des Reichspostamtes, Französische Straße 33c" einen Autruf an
alle Interessenten für einen Fernsprechanschluß. Anfangs melden sich
acht, als jedoch am 14. Juni das "Verzeichnis der bei der
Fernsprecheinrichtung Beteiligten" erscheint, zählt dieses 27 Seiten
starke erste Telefonbuch der Welt 187 Telefonbesitzer auf. Am 15. August
1881 wird im Postamt Unter den Linden 5 die erste öffentliche
Fernsprechstelle in Betrieb genommen. 1881 Die erste elektrische
Straßenbahn der Welt verkehrt in Lichterfelde. 1882 Die Straße Unter den
Linden wird elektrisch erleuchtet. Im gleichen Jahr wird die Stadtbahn
eröffnet. 1883 Die ersten fünf Arbeitervertreter werden trotz des
Sozialistengesetzes ins Stadtparlament gewählt. Emil Rathenau gründet
die Deutsche Edison-Gesellschaft (ab 1887Allgemeine
Electrizitätsgesellschaft - AEG). 1890 Das Sozialistengesetz wird zu
Fail gebracht. Erste Malfeier in Berlin.
Die Familie Liebknecht zieht nach Berlin, wo Karl Liebknecht 1893
sein Jurastudium abschließt. 1892 In Berlin wird das erste Automobil
zugelassen. 1893 Friedrich Engels spricht in den Concordia-Festsälen vor
4000 Berliner Arbeitern. 1894 Baubeginn am Berliner Dom. 1895 Lenin
weiltfür einige Wochen zum Studium in Berlin. Er nimmt an einer
Arbeiterversammlung in der Frankfurter Allee 102 teil. Im
Wintergarten-Varieté führt Skladanowsky sein "Theater lebender
Photographien" erstmals öffentlich vor. 1896 Eröffnung der Sternwarte in
Treptow. 1898 Das Statistische Ja hrbuch weist aus: Berlin hat 496 268
steuerpflichtige Bürger. Der reichste hat ein Einkommen von 2995000 Mark
im Jahr. Das Durchschnittseinkommen wird mit 731 Mark und 64 Pfennig
angegeben. Im Mai zieht Rosa Luxemburg nach Berlin.
1900 150000 Berliner Arbeiter geben dem verstorbenen
Wilhelm Liebknecht das letzte Geleit.
1902 Im Januar wird die erste Linie der Hoch- und
Untergrundbahn eröffnet.
1904 Eröffnung des Kaiser-Friedrich-Museums, des
heutigen Bode-Museums.
1906 Der Schuster Wilhelm Voigt verkleidet sich als
Hauptmann, übernimmt das Kommando über einen Trupp Soldaten und
"beschlagnahmt" die Stadtkasse von Köpenick.
1907 Die sozialdemokratische Fraktion im
Stadtparlament nimmt 35 von 126 Sitzen ein. Mit 1,5 km Kailänge wird der
Osthafen eröffnet.
1908 Eröffnung des 1874 gegründeten Märkischen
Museums im von Ludwig Hoffmann errichteten Haus am Köilnischen Park; Auf
der Hochbahnstation Gleisdreieck fordert ein Zugunglück 18 Todesopfer.
1909 In Berlin gibt es 129 elektrisch betriebene Straßenbahnlinien. In
Johannisthal wird der erste Flugplatz eröffnet. 1910 Es gibt in Berlin
mehr als 30 größere Theater, etwa ein Dutzend Singspielhallen, sechs
Spezialtheater und mehr als 300 Garten- und andere Lokale mit
Aufführungskonzessionen. 1911 Am 3. September nehmen mehr als 200000
Menschen an einer Friedensdemonstration im Treptower Park teil; 1912
protestieren am gleichen Ort 250000 Berliner gegen die Balkankriege.
1914 Am 4. August billigt die SPD-Fraktion im Reichstag die
Kriegskredite. Karl Liebknecht verweigert ihnen als einziger
Abgeordneter am 4. Dezember die Zustimmung. 1915 Im Januar ruß Karl
Liebknecht die Arbeiter aller kriegführenden Länder auf, für den Frieden
einzutreten. Am 18. und 20. Mai demonstrieren 1500 Berliner Frauen vor
dem Reichstag für Karl Liebknecht. Unter den Linden findet im Dezember
eine Friedensdemonstration statt. 1916 Am 1.Januar konstituiert sich in
Liebknechts Anwaltskanzlei in der Chausseestraße 121 die
Spartakusgruppe, die Keimzelle der KPD. Auf einer Kundgebung am 1. Mai
fordert Karl Liebknecht auf dem Potsdamer Platz "Nieder mit dem Krieg!
Nieder mit der Regierung!"
1917 Die Meldungen über die Februar-Revolution in
Rußland und über den Sturz des Zaren führen zu verstärkten
Antikriegsdemonstrationen.
1918 Im Januar erheben sich die Arbeiter Berlins zu
großen politischen Massenstreiks. 400000 beginnen den Ausstand, an dem
sich auf seinem Höhepunkt mehr als eine halbe Million Arbeiter
beteiligen. Im Herbst spitzt sich die Lage weiter zu. Karl Liebknecht
fordert bei einer Demonstration auf dem Potsdamer Platz die Massen auf,
dem russischen Beispiel zu folgen und sich auf die Ubernahme der
politischen Macht vorzubereiten. Am 9. November kommt es zum
Generalstreik. Um 13 Uhr wird die Abdankung des Kaisers bekannt. Karl
Liebknecht verkündet die "freie sozialistische Republik".