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Geschichte Berlins

Berlin : Geschichte : 1806 bis 1871
25-Apr-1998/06-Jan-06


 

Zwischen Fremdherrschaft und Kaiserreich

1806 bis 1871

Die Franzosen, die 1806 die Stadt besetzt hatten, brachten den Berlinern zweierlei: einige demokratische Rechte und sehr viele Lasten. Napoleon erlaubte wieder eine Art städtische Selbstverwaltung. Auf seinen Befehl hin wurden aus einem erlesenen Kreis von 2000 Bürgern 60 Personen für eine Stadtverwaltung ausgewählt. Unter den sieben Mitgliedern desobersten Verwaltungsgremiums, des "Comité administratif", befand sich auch Carl Friedrich Zelter. Napoleon preßte jedoch auch gewaltige Summen aus der Stadt. Als die Franzosen 1813 endgültig abziehen mußten, hatte Berlin viereinhalb Millionen Taler Schulden, die Wirtschaft lag darnieder, die Arbeitslosigkeit war beachtlich. So war es nicht verwunderlich, daß Berlin schon frühzeitig ein Zentrum des Widerstandes gegen die französische Fremdherrschaft wurde. in der Akat demieUnterden Linden hieltJohann Gottlieb Fichte 1807seineaufwühlenden ,Reden an die deutsche Nation", von der Stadt aus zog Major Schill 1809 auf éigene Faust mit seinem Regiment in den Kampf gegen die Franzosen.

Die Ohnmacht des preußischen Herrscherhauses (König Friedrich Wilhelm kl. war geflohen - "Unser Dämel ist in Memel" sangen Berliner Straßenjungen) ermöglichte es, daß liberale Vertreter des Adels und bürgerlich-patriotische Kräfte längst fällige Reformen durchsetzen konnten. Eng mit Berlins Geschichte verbunden sind die Stein-Hardenbergschen Reformen von 1807 bis 1813. Sie bildeten den Beginn des bürgerlichen Umwälzungsprozesses in Preußen und bahnten der kapitalistischen Produktionsweise den Weg. Die Städteordnung von 1808 erlaubte den Berlinern, erstmals Stadtverordnete zu wählen und nach rund 100 Jahren wieder einen Magistrat zu bilden. Ausdruck bürgerlichen Selbstbewußtseins war auch die Gründung einer hauptstädtischen Universität.

Eine hervorragende Rolle spielten Berliner in den Jahren des Befreiungskrieges 1813/14. Von 10000 Freiwilligen desJahres 1813waren 6390 Berliner. Die äußere Unterdrückung konnte Preußen abschütteln, die innere jedoch blieb. Der König dachte nicht daran, seine Verfassungsversprechen einzuhalten. Im Bunde mit der europäischen Reaktion wurden Ergebnisse der Reformen rückgängig gemacht, prominente Reformer kaltgestellt und bei der "Demagogenverfolgung Tausende Demokraten eingekerkert. Die durch die Reformen in Gang gesetzte industrielle Revolution jedoch war nicht aufzuhalten. 1815 wurden in der Königlichen Eisengießerei zu Berlin die erste Dampfmaschine und die erste Lokomotive des Kontinents gebaut, ein Jahr später errichtete Georg Freund Berlins erste Dampfmaschinenbaufabrik und 1822 Franz Anton Egells die " Neue Berliner Eisengießerei" vor dem Oranienburger Tor.

Und mit der Industrie entwickelte sich das Proletariat. Seine maßlose Ausbeutung, das bittere Wohnungselend und die politisch wie geistige Unterdrükkung der werktätigen Massen führte zu tiefen sozialen Spannungen. Sie kamen 1848zum Ausbruch, als in Europa die durch den Widerspruch zwischen den vom Kapitalismus hervorgebrachten Produktivkräften und den noch vorherrschend halbfeudalen Produktionsverhältnissen ausgelöste bürgerlich-demokratische Revolution auch auf Berlin übergriff. Die Hauptstadt wurde erstmals zu einem Brennpunkt revolutionärer Klassenkämpfe. In den Straßen der Hauptstadt standen Arbeiter, Handwerker, Kleinbürger und Studenten auf den Barrikaden im blutigen Kampf gegen den preußischen Militärstaat.14500 Soldaten konnten auch mit 36 Kanonen nach 14stündigem Kampf das Volk nicht besiegen. Der König wurde gezwungen, barhäuptig die Opfer der Kämpfe zu ehren. 270 Tote konnte man identifizieren, unter ihnen den Jungarbeiter Ernst Zinna, 32 blieben unbekannt. Der Aufstand in Berlin war Hin Signal für die Revolution in deutschen Staaten. Doch der Sieg wurde nicht zum Erfolg. Die Bourgeoisie verriet eigene demokratische Vorsätze, verbündete sich mit dem halbabsolutistischen Militärstaat, um ihre Klasseninteressen gegen dieArbeiterklasse durchzusetzen. Die kapitalistischen Unternehmen - Fabriken wie Borsig, Pflug, Schwartzkopff, Siemens und Halske - erlebten einen nie geahnten Aufschwung. Berlin wurde zu einem der wichtigsten Ballungszentren industrieller Entwicklung in Mitteleuropa und zur größten Mietekasernenstadt der Welt. Die undemokratische Einigung Deutschlands von oben brachte dem preußischen König die Kaiserkrone ein. Berlin wurde zur Reichshauptstadt.

1806 Am 24. Oktober marschieren die ersten französischen Truppen in Berlin ein, am 27. zieht Napoleon I. durch das Brandenburger Tor. In zwölf Kisten verpackt, wird die Quadriga als Kriegsbeute nach Paris gebracht.

1809 Im April werden erstmals in Berlin Stadtverordnete gewählt. In 22 Kirchen dürfen Bürger, die ein Jahreseinkommen von mindestens 200 Talern nachweisen können, ihre Stimme abgeben. Es sind 6,9 Prozent aller Einwohner Berlins.

1810 Die auf Anregung von Wilhelm von Humboldt gegründete Berliner Universität nimmt im Herbst ihren Lehrbetrieb auf.

1811 Friedrich Ludwig Jahn eröffnet in derHasenheide den erstenTurnplatz. 1813 Am 20. Februar taucht kurzzeitig eine Kosakenpatrouille in Berlins Straßen auf und dringt bis zum Schloßplatz vor. Die Kosaken werden als Waffenbrüder und Befreier umjubelt. Am 4. März müssen die Franzosen abrücken, am 11. ziehen russische Truppen ein.

1820 In der Gartenstraße läßt der Kammerherr von Wülknitz für die ständig anwachsende Zahl wohnungssuchender Lohnarbeiter die ersten Mietskasernen bauen. In dreistöckigen Häusern ohne Küchen und Toiletten werden in 400 Stuben mehr als 4000 Menschen zusammengepfercht.

1822 Die erste Gewerbeausstellung Berlins wird eröffnet. 182 Aussteller (darunter 75 aus Berlin) zeigen 998 Erzeugnisse.

1824 Berlin erhält die ersten Briefkästen.

1825 Der Hofrat Simon Kremser erhält das Privileg, mehrsitzige gefederte Wagen mit Verdeck zum Zwecke der Personenbeförderung zu betreiben

1826 Unter den Linden wird Gasbeleuchtung installiert.

1830 Die "Schneiderrevolution bricht aus. Als ein Schneidergeselle die Julirevolution in Frankreich hochleben läßt, werden er und später einige weitere Handwerker verhaftet. Am nächsten Tag demonstrieren die Zunftgenossen. Erst durch den Einsatz der gesamten, 14000 Mann starken Garnison können die Unruhen unterdrückt werden.

1834 In Berlin werden die ersten drei Leihhäuser eröffnet.

1835 Dreitägige Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und der Polizei, die sogenannte "Feuerwerksrevolution«, fordern zwei Tote und zahlreiche Verwundete.

1836 Am 22. Oktober läßt sich Karl Marx an der Berliner Universität immatrikulieren. Er studiert hier bis April 1841.

1837 August Borsig eröffnet vor dem Oranienburger Tor seine "Eisengießerei und Maschinenbauanstalt". 1841 baut er seine erste Lokomotive, 1873 liefert die Firma die dreitausendste.

1838 Die Eisenbahnlinie Berlin - Potsdam wird eröffnet.

1841 Der einundzwanzigjährige Friedrich Engels leistet in Berlin seine Militärdienstzeit (bis Oktober 1842) ab.

1844 Am 8. Januar findet in der Münzstraße 16 Berlins erste Arbeiterversammiung statt. Einladungen dazu erfolgen durch ein Zeitungsinserat.

1847 Werner von Siemens und der Mechaniker Johann Georg Halske begründen mit ihrer "Telegraphenbau-AnstaltN die Berliner Elektroindustrie. Am 21. April empören sich Berliner Bürger über die Kartoffelpreise auf dem Gendarmenmarkt. Die Unruhen greifen um sich. Das Militär geht mit blanker Waffe vor, um diese "Kartoffelrevolution" zu unterdrücken.

1848 Die revolutionären Ereignisse in Europa finden in Berlin begeisterten Widerhall. Am 7. März richten Berliner Arbeiter, Handwerker, Studenten und demokratische Intellektuelle von einer Versammlung in den Zelten, damals außerhalb der Stadt gelegenen Ausflugslokalen im Tiergarten, eine Petition an den König, in der sie ihren maßvollen Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten Ausdruck geben. Friedrich Wilhelm IV. antwortet darauf mit dem Aufmarsch von Militär. Am 13. März kommt es zu ersten blutigen Zusammenstößen und zum Bau von Barrikaden in den Straßen Berlins. Erbitterte Kämpfe entwickeinsicham18.und19.März.TrotzgewaltigermilitärischerUbermacht gelingt es den Truppen nicht, das aufständische Berlin zu unterwerfen. Am 19. März muß der preußische König den Abzug der Truppen aus der Stadt befehlen und die Opfer der Kämpfe barhäuptig ehren. Aber die Reaktion formiert sich bald. Im November rücken 40000Soldaten in Berlin ein, die Bürgerwehr wird aufgelöst, über die Stadt der Belagerungszustand verhängt.

1850 Der Berliner Polizeipräsident von Hinckeldey läßt den Berliner Handwerkerverein, alle gewerkschaftlichen Arbeitervereine und die Zeitschriften "Verbrüderung" und "Concordia" verbieten.

1854 Der Druckereibesitzer Ernst Litfaß erhält das Recht, Plakatsäulen in Berlin aufzustellen. Zuerst sind es 30 Säulen, die bald seinen Namen tragen, 1868 bereits 200.

1856 Auf dem Windmühlenberg vor dem Prenzlauer Tor wird eine zentrale Wasserversorgungsanlage gebaut. Der dort 1877 errichtete Wasserturm steht noch heute, er war bis 1952 in Betrieb.

1858 Anstelle des 1857 erkrankten Königs Friedrich Wilhelm IV. übernimmt sein Bruder Prinz Wilhelm die Regentscham. Als Wilhelm I. wird der "Kartätschenprinz" (so genannt, weil er 1849 den badisch-pfälzischen Aufstand mit äußerster Brutalität niederschlug) im Januar 1861 Nachfolger seines Bruders und 1871 auch deutscher Kaiser.

1859 Der Festumzug zu Ehren des 100. Geburtstages von Friedrich Schiller wird vom Berliner Polizeipräsidenten verboten.

1861 Mit Wirkung vom 1. Januar an wird das Stadtgebiet um mehr als ein Drittel erweitert: Berlin gliedert sich nun in 16 Stadtbezirke. Für das Rote Rathaus wird der Grundstein gelegt.

1862 Veröffentlichung des Berliner Bebauungsplanes, den James Habrecht im Auftrag des Polizeipräsidenten ausgearbeitet hat. Er sieht die planmäßige Anlage von Straßen und Plätzen sowie den Aufbau eines Entwässerungsnetzes vor. Die Gliederung des Stadtgebietes in große Baublöcke ohne ausreichende Erschließungsstraßen begünstigt wesentlich die Bebauung durch Mietskasernen mit mehreren Hinterhöfen und Durchfahrten.

1865 Zwischen dem Kupfergraben und Charlottenburg verkehren die ersten Pferdebahnen Berlins.

1866 Die Berliner Sektion der 1. Internationale wird gegründet und in der Stadt die erste vollständige Ausgabe des "Kommunistischen Manifests für Deutschland herausgegeben.

1867 Berlin wird Hauptstadt des Norddeutschen Bundes.

1868 Der marxistische Demokratische Arbeiterverein konstituiert sich in Berlin.

1871 Berlin wird Reichshauptstadt. Es hat nun 825000 Einwohner.

 

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