Die Franzosen, die 1806 die Stadt besetzt hatten, brachten den
Berlinern zweierlei: einige demokratische Rechte und sehr viele Lasten.
Napoleon erlaubte wieder eine Art städtische Selbstverwaltung. Auf
seinen Befehl hin wurden aus einem erlesenen Kreis von 2000 Bürgern 60
Personen für eine Stadtverwaltung ausgewählt. Unter den sieben
Mitgliedern desobersten Verwaltungsgremiums, des "Comité administratif",
befand sich auch Carl Friedrich Zelter. Napoleon preßte jedoch auch
gewaltige Summen aus der Stadt. Als die Franzosen 1813 endgültig
abziehen mußten, hatte Berlin viereinhalb Millionen Taler Schulden, die
Wirtschaft lag darnieder, die Arbeitslosigkeit war beachtlich. So war es
nicht verwunderlich, daß Berlin schon frühzeitig ein Zentrum des
Widerstandes gegen die französische Fremdherrschaft wurde. in der Akat
demieUnterden Linden hieltJohann Gottlieb Fichte 1807seineaufwühlenden
,Reden an die deutsche Nation", von der Stadt aus zog Major Schill 1809
auf éigene Faust mit seinem Regiment in den Kampf gegen die Franzosen.
Die Ohnmacht des preußischen Herrscherhauses (König Friedrich Wilhelm
kl. war geflohen - "Unser Dämel ist in Memel" sangen Berliner
Straßenjungen) ermöglichte es, daß liberale Vertreter des Adels und
bürgerlich-patriotische Kräfte längst fällige Reformen durchsetzen
konnten. Eng mit Berlins Geschichte verbunden sind die
Stein-Hardenbergschen Reformen von 1807 bis 1813. Sie bildeten den
Beginn des bürgerlichen Umwälzungsprozesses in Preußen und bahnten der
kapitalistischen Produktionsweise den Weg. Die Städteordnung von 1808
erlaubte den Berlinern, erstmals Stadtverordnete zu wählen und nach rund
100 Jahren wieder einen Magistrat zu bilden. Ausdruck bürgerlichen
Selbstbewußtseins war auch die Gründung einer hauptstädtischen
Universität.
Eine hervorragende Rolle spielten Berliner in den Jahren des
Befreiungskrieges 1813/14. Von 10000 Freiwilligen desJahres 1813waren
6390 Berliner. Die äußere Unterdrückung konnte Preußen abschütteln, die
innere jedoch blieb. Der König dachte nicht daran, seine
Verfassungsversprechen einzuhalten. Im Bunde mit der europäischen
Reaktion wurden Ergebnisse der Reformen rückgängig gemacht, prominente
Reformer kaltgestellt und bei der "Demagogenverfolgung Tausende
Demokraten eingekerkert. Die durch die Reformen in Gang gesetzte
industrielle Revolution jedoch war nicht aufzuhalten. 1815 wurden in der
Königlichen Eisengießerei zu Berlin die erste Dampfmaschine und die
erste Lokomotive des Kontinents gebaut, ein Jahr später errichtete Georg
Freund Berlins erste Dampfmaschinenbaufabrik und 1822 Franz Anton Egells
die " Neue Berliner Eisengießerei" vor dem Oranienburger Tor.
Und mit der Industrie entwickelte sich das Proletariat. Seine maßlose
Ausbeutung, das bittere Wohnungselend und die politisch wie geistige
Unterdrükkung der werktätigen Massen führte zu tiefen sozialen
Spannungen. Sie kamen 1848zum Ausbruch, als in Europa die durch den
Widerspruch zwischen den vom Kapitalismus hervorgebrachten
Produktivkräften und den noch vorherrschend halbfeudalen
Produktionsverhältnissen ausgelöste bürgerlich-demokratische Revolution
auch auf Berlin übergriff. Die Hauptstadt wurde erstmals zu einem
Brennpunkt revolutionärer Klassenkämpfe. In den Straßen der Hauptstadt
standen Arbeiter, Handwerker, Kleinbürger und Studenten auf den
Barrikaden im blutigen Kampf gegen den preußischen Militärstaat.14500
Soldaten konnten auch mit 36 Kanonen nach 14stündigem Kampf das Volk
nicht besiegen. Der König wurde gezwungen, barhäuptig die Opfer der
Kämpfe zu ehren. 270 Tote konnte man identifizieren, unter ihnen den
Jungarbeiter Ernst Zinna, 32 blieben unbekannt. Der Aufstand in Berlin
war Hin Signal für die Revolution in deutschen Staaten. Doch der Sieg
wurde nicht zum Erfolg. Die Bourgeoisie verriet eigene demokratische
Vorsätze, verbündete sich mit dem halbabsolutistischen Militärstaat, um
ihre Klasseninteressen gegen dieArbeiterklasse durchzusetzen. Die
kapitalistischen Unternehmen - Fabriken wie Borsig, Pflug,
Schwartzkopff, Siemens und Halske - erlebten einen nie geahnten
Aufschwung. Berlin wurde zu einem der wichtigsten Ballungszentren
industrieller Entwicklung in Mitteleuropa und zur größten
Mietekasernenstadt der Welt. Die undemokratische Einigung Deutschlands
von oben brachte dem preußischen König die Kaiserkrone ein. Berlin wurde
zur Reichshauptstadt.
1806 Am 24. Oktober marschieren die ersten
französischen Truppen in Berlin ein, am 27. zieht Napoleon I. durch das
Brandenburger Tor. In zwölf Kisten verpackt, wird die Quadriga als
Kriegsbeute nach Paris gebracht.
1809 Im April werden erstmals in Berlin
Stadtverordnete gewählt. In 22 Kirchen dürfen Bürger, die ein
Jahreseinkommen von mindestens 200 Talern nachweisen können, ihre Stimme
abgeben. Es sind 6,9 Prozent aller Einwohner Berlins.
1810 Die auf Anregung von Wilhelm von Humboldt
gegründete Berliner Universität nimmt im Herbst ihren Lehrbetrieb auf.
1811 Friedrich Ludwig Jahn eröffnet in derHasenheide
den erstenTurnplatz. 1813 Am 20. Februar taucht kurzzeitig eine
Kosakenpatrouille in Berlins Straßen auf und dringt bis zum Schloßplatz
vor. Die Kosaken werden als Waffenbrüder und Befreier umjubelt. Am 4.
März müssen die Franzosen abrücken, am 11. ziehen russische Truppen ein.
1820 In der Gartenstraße läßt der Kammerherr von
Wülknitz für die ständig anwachsende Zahl wohnungssuchender Lohnarbeiter
die ersten Mietskasernen bauen. In dreistöckigen Häusern ohne Küchen und
Toiletten werden in 400 Stuben mehr als 4000 Menschen zusammengepfercht.
1822 Die erste Gewerbeausstellung Berlins wird
eröffnet. 182 Aussteller (darunter 75 aus Berlin) zeigen 998
Erzeugnisse.
1824 Berlin erhält die ersten Briefkästen.
1825 Der Hofrat Simon Kremser erhält das Privileg,
mehrsitzige gefederte Wagen mit Verdeck zum Zwecke der
Personenbeförderung zu betreiben
1826 Unter den Linden wird Gasbeleuchtung
installiert.
1830 Die "Schneiderrevolution bricht aus. Als ein
Schneidergeselle die Julirevolution in Frankreich hochleben läßt, werden
er und später einige weitere Handwerker verhaftet. Am nächsten Tag
demonstrieren die Zunftgenossen. Erst durch den Einsatz der gesamten,
14000 Mann starken Garnison können die Unruhen unterdrückt werden.
1834 In Berlin werden die ersten drei Leihhäuser
eröffnet.
1835 Dreitägige Auseinandersetzungen zwischen
Arbeitern und der Polizei, die sogenannte "Feuerwerksrevolution«,
fordern zwei Tote und zahlreiche Verwundete.
1836 Am 22. Oktober läßt sich Karl Marx an der
Berliner Universität immatrikulieren. Er studiert hier bis April 1841.
1837 August Borsig eröffnet vor dem Oranienburger
Tor seine "Eisengießerei und Maschinenbauanstalt". 1841 baut er seine
erste Lokomotive, 1873 liefert die Firma die dreitausendste.
1838 Die Eisenbahnlinie Berlin - Potsdam wird
eröffnet.
1841 Der einundzwanzigjährige Friedrich Engels
leistet in Berlin seine Militärdienstzeit (bis Oktober 1842) ab.
1844 Am 8. Januar findet in der Münzstraße 16
Berlins erste Arbeiterversammiung statt. Einladungen dazu erfolgen durch
ein Zeitungsinserat.
1847 Werner von Siemens und der Mechaniker Johann
Georg Halske begründen mit ihrer "Telegraphenbau-AnstaltN die Berliner
Elektroindustrie. Am 21. April empören sich Berliner Bürger über die
Kartoffelpreise auf dem Gendarmenmarkt. Die Unruhen greifen um sich. Das
Militär geht mit blanker Waffe vor, um diese "Kartoffelrevolution" zu
unterdrücken.
1848 Die revolutionären Ereignisse in Europa finden
in Berlin begeisterten Widerhall. Am 7. März richten Berliner Arbeiter,
Handwerker, Studenten und demokratische Intellektuelle von einer
Versammlung in den Zelten, damals außerhalb der Stadt gelegenen
Ausflugslokalen im Tiergarten, eine Petition an den König, in der sie
ihren maßvollen Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten Ausdruck geben.
Friedrich Wilhelm IV. antwortet darauf mit dem Aufmarsch von Militär. Am
13. März kommt es zu ersten blutigen Zusammenstößen und zum Bau von
Barrikaden in den Straßen Berlins. Erbitterte Kämpfe
entwickeinsicham18.und19.März.TrotzgewaltigermilitärischerUbermacht
gelingt es den Truppen nicht, das aufständische Berlin zu unterwerfen.
Am 19. März muß der preußische König den Abzug der Truppen aus der Stadt
befehlen und die Opfer der Kämpfe barhäuptig ehren. Aber die Reaktion
formiert sich bald. Im November rücken 40000Soldaten in Berlin ein, die
Bürgerwehr wird aufgelöst, über die Stadt der Belagerungszustand
verhängt.
1850 Der Berliner Polizeipräsident von Hinckeldey
läßt den Berliner Handwerkerverein, alle gewerkschaftlichen
Arbeitervereine und die Zeitschriften "Verbrüderung" und "Concordia"
verbieten.
1854 Der Druckereibesitzer Ernst Litfaß erhält das
Recht, Plakatsäulen in Berlin aufzustellen. Zuerst sind es 30 Säulen,
die bald seinen Namen tragen, 1868 bereits 200.
1856 Auf dem Windmühlenberg vor dem Prenzlauer Tor
wird eine zentrale Wasserversorgungsanlage gebaut. Der dort 1877
errichtete Wasserturm steht noch heute, er war bis 1952 in Betrieb.
1858 Anstelle des 1857 erkrankten Königs Friedrich
Wilhelm IV. übernimmt sein Bruder Prinz Wilhelm die Regentscham. Als
Wilhelm I. wird der "Kartätschenprinz" (so genannt, weil er 1849 den
badisch-pfälzischen Aufstand mit äußerster Brutalität niederschlug) im
Januar 1861 Nachfolger seines Bruders und 1871 auch deutscher Kaiser.
1859 Der Festumzug zu Ehren des 100. Geburtstages
von Friedrich Schiller wird vom Berliner Polizeipräsidenten verboten.
1861 Mit Wirkung vom 1. Januar an wird das
Stadtgebiet um mehr als ein Drittel erweitert: Berlin gliedert sich nun
in 16 Stadtbezirke. Für das Rote Rathaus wird der Grundstein gelegt.
1862 Veröffentlichung des Berliner Bebauungsplanes,
den James Habrecht im Auftrag des Polizeipräsidenten ausgearbeitet hat.
Er sieht die planmäßige Anlage von Straßen und Plätzen sowie den Aufbau
eines Entwässerungsnetzes vor. Die Gliederung des Stadtgebietes in große
Baublöcke ohne ausreichende Erschließungsstraßen begünstigt wesentlich
die Bebauung durch Mietskasernen mit mehreren Hinterhöfen und
Durchfahrten.
1865 Zwischen dem Kupfergraben und Charlottenburg
verkehren die ersten Pferdebahnen Berlins.
1866 Die Berliner Sektion der 1. Internationale wird
gegründet und in der Stadt die erste vollständige Ausgabe des
"Kommunistischen Manifests für Deutschland herausgegeben.
1867 Berlin wird Hauptstadt des Norddeutschen
Bundes.
1868 Der marxistische Demokratische Arbeiterverein
konstituiert sich in Berlin.
1871 Berlin wird Reichshauptstadt. Es hat nun 825000
Einwohner.