Um das Jahr 1450 gab es an die siebenhundert Häuser in Berlin und
etwa dreihundert in Cölln. Es lebten rund 6000 Menschen in der Stadt,
davon waren allein vierundfünfzig Fleischer und vier Wurstmacher. Der
sich entwickelnde Wohistand und der wirtschaftliche Aufschwung jedoch
unterlag seit der Ubernahme der Macht durch den Kurfürsten dessen
Regiment und verlangsamte sich. Berlin verlor seine Vormachtstellung in
der Mark, und auch innerstädtisch blieben dem Rat kaum noch eigene
Befugnisse. Vor allem hatte er nicht über die Angehörigen des Hofes, die
Beamten kurfürstlicher Behörden und die vom Fürstenhaus protegierten
Adelsfamilien zu befinden. Daß dennoch die alteingesessenen Bürger
Berlins ihren kritischen Geist nicht aufgaben, beweist die
Freskenmalerei in der Marienkirche, die bis in unsere Zeit erhalten
blieb. Derberühmte nTotentanz"-wohlausAnlaßeinerPestepidemieentstanden -
ist nicht nur wegen seiner demokratischen Grundhaitung ( Sterben ist das
allgemeine Recht, sterben müssen beide, Herr und Knecht ) bemerkenswert.
Da werden auch Prassertum und Selbstherrlichkeit der feudalen Hierarchie
kritisiert und nur Kaufleute und Handwerker, die vermutlichen
Auhraggeber, vom Spott verschont. Es ist nicht verwunderlich, daß in
dieser Stadt auch die kritischen Lehren Luthers-zunächstgegen den Willen
des Kurfürsten-auf fruchtbaren Boden fielen.
Als Joachim Il. 1539 zum Protestantismus übertrat und 1540 eine neue
Kirchenordnung erließ, hatte das weniger religiöse als vielmehr
machtpolitische Gründe: Nun konnte er den Klerus als politischen und
ökonomischen Machtfaktor ausschalten und sämtliches Kloster- und
Kirchengut in Besitz nehmen und damit seine Macht und den Übergang zu
territorialstaatlicher Herrscham festigen. Berlin war endgültig zur
Residenz der brandenburgischen Kurfürsten geworden. Zentrale Behörden,
Hof und Adel bestimmten die Verhältnisse in der Stadt. Die Höflinge
unterstanden nicht dem Rat der Stadt, brauchten keine Abgaben zu leisten
und waren von städtischen Diensten befreit. Doch ihre Bautätigkeit
vervollkommnete das Stadtbild, und durch den Hof wurde Berlin auch
ökonomisches und kulturelles Zentrum des Territorialstaates. Die
Einwohnerzahl stieg auf 14000. Dann kam der Krieg. In
seinerdreißigjährigen Ge schichte war die Mark Brandenburg fast
ununterbrochen Kriegsschauplatz. Berlin - durch des Kurfürsten
schwankende Haltung ohne Potenz, sich zu verteidigen - wurde abwechselnd
von kaiserlichen und von schwedischen Truppen um Kontributionen erpreßt.
Zudem wütete die Pest, die Ruhr brach aus, die Pocken forderten immense
Opfer. Als 1648 der Friede geschlossen wurde, hatte sich die
Einwohnerzahl auf etwa 7500 verringert, von 1209 Häusern rechts und
links der Spree waren 450 verfallen und leer. Auf dem Neuen Markt
türmten sich die Trümmer fast höher als die Wohnbauten.
1451 An der Spree wird in Form einer Zwingburg das
Residenzschloß vollendet.
1485 In der Berliner Marienkirche entsteht um diese
Zeit der "Totentanz". 1486 Berlin wird Residenzstadt.
1508 Der Stadtwird erlaubt, innerhalb ihrer Mauern
Recht zu sprechen, doch werden die Richter vom Kurfürsten eingesetzt,
dem auch der Entscheid über Leben und Tod vorbehalten bleibt.
1514 Das Rathaus auf der Langen Brücke, einst
Wahrzeichen der Einheit der Städte Berlin und Cölln, wird abgerissen.
1517 Der Dominikanermönch JohannTetzel verkauthin
derStadtAblaßzettel (zur gleichen Zeit veröffentlicht Martin Luther zu
Wittenberg seine 95 Thesen gegen den Mißbrauch der Absolution und gegen
kirchlichen Dogmatismus).
1524 Kurfürst Joachim I. verbietet die Verbreitung
der SchriDen Luthers und (zwei Jahre später) das Singen protestantischer
Lieder.
1538 Das alte Schloß wird abgerissen und der
Grundstein für ein prächtiges Renaissanceschloß gelegt. Den Entwurf
liefert der Torgauer Schloßbaumeister Konrad Krebs, den Bau leitet sein
Schüler Caspar Theiss.
1539 Berlin wird protestantisch.
1540 Am 22. März findet eine öffentliche
Gerichtsverhandlung gegen Hans Kohlhase statt, der, als ihm in einem
Rechtsstreit mit einem Adligen Unrecht widerfahren war, den Junkern die
Fehde erklärt und durch Plünderungen und Brandschatzungen Selbstjustiz
geübt hatte. Das Gericht verurteilt ihn zum Tode. Vor dem Georgstor wird
er noch am gleichen Tage gerädert. etwa 1550 Bau der ersten Schleuse am
Cöllnischen Stadtgraben. 1567 Kurfürst Joachim II. befiehlt Bürgern
Berlins und Spandaus, nur mit Kn üppel n bewaffnet, gegenei nander in
den Kampf zu ziehen. Als entgegen seiner Planung bei diesem zum Pläsier
des Hofes veranstalteten "Knüppelkrieg" die Spandauer überlegen sind,
wird der Bürgermeister dieser Nachbarstadt ins Gefängnis gesteckt.
1571 Der Alchimist Leonhard Thurneysser kommt nach
Berlin. Im Franziskanerkloster richtet er ein Labor ein, eröffnet eine
leistungsfähige Druckerei und verleiht Geld zu Wucherzinsen. Als er nach
Berlin kam, war er verschuldet, auf dem Höhepunkt seiner Berliner
Laufbahn (1580) beschädigt er mehr als 200 Personen und besitzt 100000
Taler. Bevor er 1584 die Stadt heimlich verläßt ist er nach Scheidungen,
mißglückten Geldgeschähen und kostspieligen Prozessen vollständig
ruiniert.
1572 Die "Gesellschah der Wasserkunst" baut in
Berlin auf Initiative des Bürgermeisters Johannes Blankenfelde eine
hölzerne Wasserleitung. Es ist die erste, doch sie ist 1579 schon wieder
verfallen.
1573 Am 28. Januar wird der jüdische Münzmeister
Lippold, dem man die Schuld an der Finanzmisere des Herrscherhauses
gibt, die durch die Prunk und Verschwendungssucht Joachims II.
verursacht ist, wegen vorgeblicher Zauberei angeklagt. Auf dem Neuen
Markt wird er grausam gefoltert und schließlich gevierteilt.
Anschließend werden alle Juden zum wiederholten Male aus der Mark
verbannt.
1573 Der spätere Lustgarten wird trockengelegt.
Zunächst entsteht dort ein Obst- und Küchengarten des Hofes.
1574 Das "Berlinische Gymnasium zum Grauen Kloster"
und das "Cöllnische Gymnasium" werden gegründet.
1576 Eine Pestepidemie fordert in Beríin fast 4000
Opfer.
1580 Eine Polizeiverordnung teilt die Berliner in
vier Stände auf und legt für jeden eine Kíeiderordnung und eine Ordnung
für Familienfeiern fest. Damit werden soziale Unterschiede auch
äußerlich amtíich dakumentiert. 1585 Einrichtung der Hofapotheke durch
Michael Aschenbrenner. 1598 Ein erneuter Ausbruch der Pest fordert mehr
als 3000 Opfer. 1615 Es kommt zum Kaivinistenrummel». Anlaß ist der
machtpolitisch motivierte Ubertritt des Kurfürsten Johann Sigismund zum
Kalvinismus (1613), gegen den sich in Berlin eine heftige Opposition
formiert, die auch Ausdruck lang artgestauter Unzutriedenheit mit der
sozialen Lage ist. Die Unruhen erfassen große Teile der Bevölkerung, so
daß der Kurfürst seine Truppen in Alarmzustand versetzen muß. Zwar
verläuft die Angelegenheit ohne weitere Folgen, doch ist sie aís letzte
öffentliche Empörung der Berliner Bürger gogen die feudale Herrschaft
für fast 250 Jahre bemerkenswert.
1618 Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges.
1624 Das Haus des Adligen Hans Georg von Ribbeck
wird erbaut. Es ist als einziges Wohnhaus jener Zeit erhalten geblieben.
1628 Wallenstein kommt erstmals nach Berlin, ein
zweites Maí 1630. Die Stadt muß trotz großer Schwierigkeiten sein
Gefolge aufnehmen: 1 500 Personen, darunter 30 Fürsten, Grafen und
Freiherren mit mehr als 1 000 Pferden.
1636 Die Stadt wird mehrmals von schwedischen und
kaiserlichen Truppen um Kontributionen erpreßt. Allein 25000 Taler
müssen die Bürger an schwedische Heerführer zahíen.
1640 Um die Verteidigung der Stadt zu erleichtern,
werden - ohne die Besitzer rechtzeitig zu verständigen - die Gebäude vor
der Mauer abgebrannt. 200 bis 300 Häuser gehen in Flammen auf.
1641 Waffenstillstand Brandenburgs mit Schweden,
Beginn des Wiederaufbaus von Berlin und Cölln, erste Berliner Bauordnung
(gültig bis 1853!).
1647 Der Jagd- und Reitweg zum Tiergarten wird mit
1000 Linden und Nußbäumen bepflanzt. Später erhält er den Namen "Unter
den Linden».
1648 Der Westfälische Frieden beendet den
Dreißigjährigen Krieg. Berlin, wenngleich vor direkter Zerstörung
verhältnismäßig bewahrt, durchlebt einen Tiefpunkt seiner Geschichte.
Besonders folgenschwer trifft die Stadt der Ruin von Handel und Gewerbe.