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Musik im 18. Jahrhundert

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Erstellt/Bearbeitet: 23-Apr-2005/11-Jan-07
Systemzeit: 20.11.2008 20:44:20

Home : Audio : Geschichte : Epochen : Meyers : 18.Jahrhundert


Übersicht

Die musikalische Richtung Lullys auf ausdrucksvolle Rhythmik und wortgetreue Deklamation verfolgte auch I. Philippe Rameau (1683-1764), der einzige, dessen Werke sich während des erwähnten langen Zeitraums ue-ben denen Lullys an der Großen Oper behaupten konnten. Dabei aber zeigte seine M. einen ungleich größern melodischen und harmonischen Reichtum, was sich schon dadurch erklärt, daß er mit seiner Thä-tigkeit als Opernkomponist eine nicht minder erfolg-reiche als Organist und Theoretiker verband. In letzterer Eigenschaft wurde er der Begründer des noch heute gültigen Harmoniesystems, nach welchem der Dreiklang die Grundlage aller harmonisch.en Verbindungen bildet, und er war es auch, der mit seiner Schrist "Génératlon harmonique" (1737) die schon ein Jahrzehnt zuvor durch I. S. Bach in seinem "Wohltemperierten Klavier" praktisch demon-strierte gleichschwebende Temperatur, d. h.
Einteilung der Oktave in zwölf gleichgroße Halbtöne, zur allgemeinen Anerkennung brachte. Verfolgen wir endlich die französische große Oper bis zum Höhepunkt ihrer Entwickelung, so treffen wir auf das Musikdrama von Christoph Wilibald Gluck (1714-87), der, von deutschem Ernst erfüllt und in der italienischen Schule gebildet, dennoch in Paris den einzig geeigneten Boden zur Ausführung seiner Reformen finden konnte und hier den in seiner Vor-rede zur Oper "Alceste" ausgesprochenen, wieder ini wesentlichen denen Lullys folgenden Kunstprinzi-
pien ungeachtet heftiger Opposition durch seine 1774 zum erstenmal ausgeführte "Iphigenia in Aulis" zu entscheidendem Sieg verhalf.

Wiewohl Frankreich schon seit Mitte des 17.Jahrh. Italien den Rang der künstlerisch tonangebenden Nation streitig gemacht hatte, so konnte das letztere Land aus musikalischem Gebiet zu dieser Zeit noch keineswegs für geschlagen gelten; vielmehr gewinnt gerade im 18. Jahrh. die italienische Oper eine das gesamte Musikwesen dominierende Stellung. Diesmal geht die Bewegung weder von Rom, noch von Florenz, noch auch von Venedig aus, sondern von Neapel, wo Alessandro Scarlatti (gest. 1725) eine Schule gegründet hatte, deren Jünger, ähnlich wie im 15. and 16. Jahrh. die Niederländer, bald in allen Hauptstädten Europas zu den höchsten musikalischen Ehrenstellen gelangten. A. Scarlatti, in der römischen Schule des Carissimi gebildet, leistete gleich Bedeutendes im kirchlichen wie im dramatischen Stil, endlich auch im Kammerstil, einer durch Carissimi vervollkommten Kunstgattung, welche, sreivom Zwang sowohl des kirchlichen Ritus als der theatralischen Szenerie, der Tonkunst als solcher zu weit reicherer Entfaltung Gelegenheit gab, als es in den übrigen Stilen möglich war. Überdies war er ein trefflicher Dirigent, Sänger und selbst Klavierspieler, wenn auch in letzterer Eigenschaft von seinem Sohn Do-menico Scarlatti übertroffen.

Dieser Vielseitigkeil des Meisters entsprechend, hat auch die durch seine Schüler Francesco Dur.ante (gest. 1755) und Leonardo Leo (gest. 1756) völlig ausgebildete neapolitauische Schule die M. auf allen ihren Gebieten gefördert; hauptsächlich freilich auf dem der Oper, welche schon A. Scarlatti durch geschickte Darstellung des. Komischen und Charakteristischen mit rein musi-kalischen Mitteln wesentlich bereichert hatte. Weiter führte die Richtung der Neapolitaner - deren Stil man den "schönen" nannte, im Gegensatz zu dem "erhabenen" der römischen Schule (dem sogen. Pa-lestrina-Stil) - zu jener hohen Blüte des Kunstge-sanges und des Instrumentalvirtuosentums, welche für die M. des 18. Jahrh. charakteristisch wurde. Aus der zu Bologna von Pistocchi 1700 gegrün-deten Gesangschule gingen ein Sen es ino (Francesco Bernardo), eine Cuzzoni und Faustina Hasse her-vor, deren Leistungen das Publikum in so hohem Grad fesselten, daß die der Komponisten, selbst der besten, daneben verhältnismäßig unbeachtet blieben. Wenn unter solchen Umständen die Opera serla mehr und mehr im Formenwesen erstarrte, die Kirchen-musik aber ungeachtet der Bemühungen einzelner Neapolitaner, wie Pergolese (gest. 1736), Jomelli (gest. 1774), sowie der in der ersten HälstedesJahrhunderts wirkenden Venezianer Lotti, Caldara und Marcello in der Berührung mit der Oper zusehends verflachte, so erschloß sich den ernster strebenden Mu-sikern ein neues Feld ihrer Thätigkeit in der Instrumentalmusik. Das Orgelspiel, schon seiner Be-ziehungen zur Kirche wegen weit srüher als die übri-gen Instrumente zu höhern Kunstzwecken verwendet and bereits Anfang des 17. Jahrh. durch den römischen Organisten F r e s c o b a l d i in umfassender Weise vervollkommt, erreicht den Höhepunkt seiner Aus-bildung in Deutschland, wo der Hallesche Organist Samuel Scheidt (gest. 1654) die Reihe berühmter Organisten eröffnet, in welcher Namen wie Froberger, Pachelbel, Buxtehude, endlich Sebastian Bach als Glanzpunkte erscheinen.

Nicht minder eifrig wird das Klavierspiel gepflegt, wenn auch anfänglich mehr zum Unterricht als zum Zweck der Virtuosität. Zwar diente das Klavier schon im 17. Jahrh. den englischen Organisten der Königin Elisabeth, Bird, Morley u. a., unter dem Namen Virginal sowie den französischen Organisten Marchand und Couperin unter dem Namen Clavecin als Soloinstrument; seine eigentliche Bedeutung als solches aber dankt es der um 1710 gemachten Erfindung des Pad.uaners Cristofori, die Tasten am obern Ende mit Hämmern zu versehen, welche, verbunden mit einem Dämpfungsmechanismus, dem Spieler gestatteten, leise und stark (plano und forte.) zu spielen. Das so konstruierte Instrument, Pianoforte genannt, verdrängte bald die ältern Arten des Klaviers, deren Saiten, durch Metallstifte angeschlagen oder durch Rabenfederkiele gerissen, nur in einerlei Stärke erklingen konnten,. und wurde, nachdem bald darauf durch Domenico Scarlatti (gest. 1757) und Philipp Emanuel Bach (gest. 1788) der Übergang zur Technik des modernen Klavierspiels vermittelt war, unter denHänden eines Mozart und Beethoven zum geeignetsten Ausdrucksorgan der tondichterischen Phantasie, bereit, dem Flug derselben überallhin zu solgen (vgl. Klavier.).

Von den übrigen Instrumenten machten namentlich die Streichinstrumente während des 17. und 18. Jahrh. überraschende Fortschritte. Von den zwei Hauptgattungen derselben, der Arm- und Kniegeige (vlola da bracclo und viola da gamba) mit ihren zahlreichen Unterarten, sonderten sich vier aus, die noch heute gebräuchlichen: Violine, Bratsche, Violoncello und Kontrabaß, und von diesen fand wiederum die erstere eine so liebevolle Pflege, daß sie bald zur Königin der Orchesterinstrumente wurde. In den italienischen Violinschulen des Corelli (Rom) und Vivaldi (Venedig) erreichte während der ersten Hälste des Jahrhunderts nicht nur die Technik des Violinspiels eine außerordentliche Höhe, sondern es dankt ihnen auch die Tonkunst eine wich-tige Bereicherung durch neue Formen, wie z. B. in dem durch Vivaldi ausgebildeten dreisätzigen Konzert die für die cyklischen Werke der modernen Instrumentalmusik maßgebende Sonatenform bereits festgestellt ist. und hier darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Kunst des Geigenbaues ebenfalls in Italien, besonders in Cremona, durch geschickte, ja geniale Meister, wie die Mitglieder der Familie Am a ti (deren Stammvater Andreas schon 1546 erscheint), der Guarneri, endlich um 1700 A. Stradivari.zur höchsten Blüte gelangt war, derart, daß ihre Erzeug-nisse noch heute als unübertrefflich anerkannt sind. Wie im 17. Jahrh., so übten auch jetzt die musikalischen Errungenschaften Italiens einen unmittel-baren Einfluß auf das Musikleben ganz Europas. Keine derselben aber wirkte in gleichem Maß anregend wie die von den Neapolitanern ausgebildete Opera buffa, und namentlich war es Frankreich, welches dieselbe mit Freude und Begeisterung aufnahm, da hier die während der ersten Hälfte des Jahrhunderts zur Herrschaft gelangte sogen. Aufklärungsphilosophie der für die Formen des Lebens wie der Kunst eingetretenen Erstarrung den Krieg erklärt.und die Rück-kehr zum Natürlichen als einzig wünschenswert be-zeichnet hatte. Allerdings fand die erste in Paris gastierende Opera buffa (1752) neben dem enthusia-stilchen Beifall der Fortschrittspartei einen nicht minder energischen Widerstand auf seiten der Kon-. servativen und mußte sogar vor den Kabalen der letztern schon nach zwei Jahren das Feld räumen; jedoch sollte das von den Italienern gegebene Bei-spiel unmittelbar die reichsten Früchte tragen, indem es die Thätigkeit der französischen Dichter und Musiker zu demjenigen Gebiet der dramatischen Kunst hinleitete, auf welchem Frankreich zu herrschen be-rufen war und in der That nach kurzem die erste Stellung errang: die komische Oper. Nachdem man durch Übersetzung der von den Buffoniften hin.. terlassenen Texte, vor allen der "Serva padrona" (M. von Pergolese), den ersten Schritt zur natio-n.alen Umbildung dieser Kunstgattung gethan, traten die angesehensten Dichter Frankreichs, Sedaine, Marmontel u. a., mit Originaldichtungen hervor und fanden sofort ebenbürtige musikalische Mitarbeit ter in Philidor, Monsigny und Grétry, welch letzterer 1768 mit Marmontels "Huron" in Paris debütierte und seitdem mit Recht der Liebling des französischen Publikums war; denn er gab der kdmischeu Oper diejenige Vollendung, durch welche sie, wie O. Jahn bemerkt, noch heute die echte Repräsen-tantin des nationalen Charakters der Franzosen auf dem Gebiet der dramatischen M. ist. Einen ähnlichen Umschwung bewirkte die Opera buffa in Deutschland., wenn auch hier die Bedingungen zur Ausbildung einer nationalen Oper weit weniger giiustigwaren als in Frankreich. Inmittendes Elends,
welches der Dreißigjährige Krieg im Gefolge gehabt, war das deutsche Nationalbewußtsein so tief gesunken, daß mansichdergeistigenFremdherrschaft willig unterworfen hatte, und namentlich war die Opernbühne ausschließlich in den Händen der Italiener oder doch solcher Deutschen, die, wie Fux in Wien (gest. 1741), Graun in Berlin (gest. 1759), Hasse in Dresden
(gest. 1783), sich künstlerisch ganz und gar italienisiert hatten. Von den deutschen Fürsten war eine Änderung dieserZuständevorläufig nicht zu erwarten; selbst der patriotischte unter ihnen, Friedrich d. Gr., wollte bekanntlich von einer vaterländischen Kunst nichts wissen, und seine Äußerung, "er wolle lieber von einem Pferd sich eine Arie vorwiehern lassen als an seiner Oper eine deutsche Sängerin anstellen", beweist, daß er für die M. keine Ausnahme machte.
Die einzige Stadt Deutschlands, welche sich bald nach dem Dreißigjährigen Krieg dem Einfluß des Auslandes mit Erfolg zu entziehen suchte, war Hamburg, wo nicht nur die deutsche Kirchen- und Kammermusik während des 17. Jahrh. eine besonders bereitwillige Pflege gefunden hatte, sondern auch 1678 eine nationale Opernbühne ins Leben gerufen war. Da es derfelben jedoch an Dichtern fehlte, welche fähig gewesen wären, dem Geschmack der Gebildeten und dein des Volkes gleichzeitig Genüge zu leisten, und der letztere aus materiellen Gründen mehr und mehr die Oberhand gewann, so sank die Hamburger Oper nach kurzer Blüte wieder herab und artete schließlich zur gemeinen Posse aus. Im J. 1738, nachdem die angesehensten Musiker Deutschlands, Reinhard Keiser, Mattheson, zeitweilig auch Händel, sich vergebens bemüht hatten, ihr das Leben zu sristen, niußte sie geschlossen werden, und die Italiener konnten nun auch in Hamburg ihren siegreichen Ein-zug halten. Auch der Aufschwung, den die deutsche Dichtung um diese Zeit mit Gottsched nahm, v er-.mochte zur Hebung der deutschen Oper nicht beizu-tragen, vielmehr geriet sie noch weiter in Mißkredit, nachdem der genannte Professor in seiner "Kritischen Dichtkunst" (1729) die Oper als "das ungereimteste Werk" bezeichnet hatte, "das der menschliche Geist jemals erfunden habe", und selbst Männer wieGleim
und Lessing das.deutsche Singspiel (Operette) als kulturfeindlich bekämpft hatten. Es bedurfte des in Frankreich gegebenen Beispiels, um die Aufmerksam-keil der künstlerischen Kreise Deutschlands aufs neue dieser Kunstgattung zuzuwenden, sowie des Talents des Dichters Chr. Fel. Weiße und des Komponisten I. A. Hiller (beide in Leipzig), um die Abneigung der Gebildeten gegen das deutsche Singspiel zu über-winden. Das von den letztgenannten verfaßte Sing-spiel "Der Teufel ist los, oder: die verwandelten Weiber" fand bei seinem ersten Erscheinen (1765) ungeteilten Beifall, und die weitern Opern Hillers, namentlich "Der Dorfbarbier" und "Die Jagd",
wurden schnell in ganz Deutschland beliebt, obwohl man sich allerorten für ihre Darstellung mit unter-geordneten, von der italienischen Oper verschmähten Gesangskräften begnügen mußte. Einen noch güu-stigern Boden für ihre Entwickelung fand die deutsche Oper in Wien, nachdem in demselben JahrJosephII. den Thron bestiegen und der nationalen Kunst seine Teilnahme zugewendet hatte. Unter seiner persön-lichen Fürsorge gewann die Operette bald ein solches Ansehen, daß selbst ein Goethe ihr seine Thätigkeit widmete, und als endlich Wolfgang Amadeus Mozart (1756-91), der bis dahin ausschließlich für die italienische Oper thätig gewesen war, unter dem. Schutz des Kaisers seinen Lieblingswunsch, eine deutsche Oper zu komponieren, verwirklichen konnte (die 1782 zum erstenmal aufgeführte "Entführung aus dem Serail"), trat auch in Deutschland die ua-tionale Oper ins Leben.

Noch weit wichtigere Dienste aber leistete Deutschland während des 18. Jahrh. der Tonkunst auf dem Felde der Instrumentalmusik, welche im Verlauf desselben durch Joseph Haydn (1732 -1809), Wolsgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven (1770-1827) derart vervollkommt war, daß sie nunmehr der Vokalmusik ebenbürtig zur Seite stehen konnte. Wie Bedeutendes auch diese Meister in allen Gattungen der Komposition geschaffen haben, so liegt doch der Schwerpunkt ihrer Leistungen in der Ausbildung der cyklischen Instrumentalformen: der Sonate, des Streich quar-tetts, der Orchestersymphonie. In diesen Gat-tungen, welchen allen die Form der modernen Sonate zu Grunde liegt, konnte die Kunst des Tondichters sich um so reicher entfalten, als hier die ein-zelnen Sätze untereinander organisch verbunden sind, im Gegensatz zu den altern Instrumentalformen, der Partita und der Suite, in welchen eine Anzahl von Tonstücken, vorwiegend Tänze, zwar cyklisch an-einander gereiht, doch ohne innere organische Bezie-hung zu einander erscheinen. Was den Ursprung dei erstern, künstlerisch ungleich höher stehenden cyklischen Form betrifft, sv ist derselbe auf die dreiteilige Opernouvertüre zurückzuführen, in der Gestalt, welche sie in Italien durch A. Scarlatti erhalten hatte, näm-lich mit einem Anfang und Schlußfatz in lebhafter, und einem Mittelsatz in langsamer Bewegung. Bei immer zunehmender Ausdrucksfähigkeit der Instrumente hatte man begonnen, diese Ouvertüre auch außerhalb des Theaters, zu Konzertzwecken, zu be.. nutzen, was in der Folge zu einer Trennung und innern Durchbildung der drei Sätze führte, wobei jedoch die Einheit des Ganzen nicht aus dem Auge gelassen wurde. Als das Ergebnis dieses Prozesses entstand das schon erwähnte italienische Violinkonzert des Vivaldi und die Klaviersonate des Ph. Eni. Bach, beide Muster der Sonatenform, welche von Haydn und Mozart zwar mit neuem, reichem Geist erfüllt, im wesentlichen jedoch (abgesehen von der Hinzunahme eines vierten Satzes, des der Suite entlehnten Menuetts) unverändert gelassen wurde. Beethoven endlich war es vorbehalten, diese Form bis zur äußersten Grenze ihrer Erweiterungsfähigkeit zu führen und sie, wie R. Wagner in seiner Schrift "Zukunftsmusik" sagt, "mit einem so unerhört man-nigfaltigen und hinreißenden melodischen Inhalt zu erfüllen, daß wir heute vor der Beethovenschen Sym-phonie wie vor dem Markstein einer ganz neuen Pe-riode der Kunstgeschichte überhaupt stehen; denn durch sie ist eine Erscheinung in die Welt getreten, von welcher die Kunst keiner Zeit und keines Volkes etwas auch nur annähernd Ähnliches aufzuweisen hat. Indem hier die M. eine Sprache redet, die mit ihrer freien und kühnen Gesetzmäßigkeit uns mäch-tiger als alle Logik dünken muß, während doch das vernunftgemäße, um Leitfaden von Grund und Folge sich bewegende Denken hier gar keinen Anhalt findet, muß uns Beethovens Symphonie geradeswegs als eine Offenbarung aus einer andernWelt erscheinen." Wie nach jeder schöpferisch reichen Kunstepoche sich das Bestreben zeigt, das in der Praxis Errungene auch theoretisch zu rechtfertigen und zu befestigen, so folgte auch dem Aufschwung der dramatischen und der Instrumentalmusik eine rege Thätigkeil seitens der Theoretiker. Während die großen Tonlehrer der frühern Epoche, der schon genannte Venezianer Zarliuo und der als Kapellmeister in Bologna 1678 gestorbene Bononcini, die polyphone Gesangsmusik zur Grundlage des Kompositionsstudiums gemacht hatten, nehmen die Methoden R am e au s und I. S. Bachs ihren Ausgangspunkt von den Klaviatur-instrumenten. Die Harmonie, der Akkord, ist nach ihrer Auffassung nicht mehr das zufällige Ergebnis des Zusammenerklingens zweier oder mehrerer Melo-dien, sondern die notwendige, durch die Natur gegebene Ergänzung jeder einzelnen Tonreihe, wie dies Rameau an den zu jedem Ton miterklingenden Ob er tönen (am deutlichsten die Oktave, Quinte und Terz), der Violinist T artin i in seinem 1754 er-schienenen "Trattato dl muslca" an dem sogen. Kombiuationston, d. h. einem zu zwei höhern Tönen mitklingenden tiefern Ton, nachzuweisen suchten. Die so. begründete harmonische Vervollstän-digung der Melodie darzustellen, war die Aufgabe des Generalbasses, und da der ihn ausführende Künstler sich keineswegs darauf beschränkte, die blo-ßen durch die Ziffern angezeigten Akkorde hören zu lassen, sondern die melodischen Motive auch in der Begleitung kunstgemäß zu verwerten hatte, so wurde die Kunst des Generalbaßspielens nach und nach zum Jubegriff alles dessen, was zur Technik der Tonsetz-kuust gehörte. In dieser Bedeutung erscheint sie in dem 1711 veröffentlichten Werkdes DresdenerKapell-ineisters J. D. Heinichen: "Der Generalbaß in der Komposition", wie auch in den von I. S. Bach hinterlass.enen "Vorschriften und Grundsätze zum vier-stimmigen Spielen des Generalbaß oder Akkompag-nement"; und wenn auch Fux in seinem "Gradus ad Parnassum" (1725) und später der Bologneser Giambattista Martini in seinem "Saggio d1 con-trappunto" (1774) auf die ältere Methode zurückgingen, so behauptete sich doch die auf den Generalbaß gegründete Lehre, namentlich seitdem sie durch die Berliner Theoretiker Kirnberger ("Kunst des reinen Satzes", 1774) und Marpurg ("Abhandlung von der Fuge", 1753) vervollständigt war, für die Folge-zeit als die herrschende. Zur Verdrängung der ältern Lehre wirkte noch der Umstand mit, daß die durch Ausbildung des Einzelgesanges und dessen Beglei-
tung veränderte Stellung und wesentliche Bereiche-rung der Harmonie eine Vereinfachung des Tonsystems zur notwendigen Folge gehabt hatte. Um das aus harmonischem Gebiet Errungene, um die besonders nach Einführung der gleichschwebenden Temperatur gewonnene unbeschränkte Freiheit im Modulieren völlig zu genießen, verzichtete man auf die melodische Mannigfaltigkeit der Kirchentonarten und begnügte sich von nun an mit zwei Tonarten: die Oktavengattungen mit großer Terz wurden aus die ionische, die mit kleiner Terz auf die äolische Zurückgeführt, und damit war das bis zur Gegenwart herrschend gebliebene Dur- und Mollsysie..n endgültig angenommen.

Zu diesen Fortschritten kommt noch der für die M. des 18. Jahrh. charakteristische Ausschwung der Mu-sikwisseuschaft. Die Geschichte der M.,von frühern Schriftstellern nur gelegentlich berührt und meist in phantastifcher Weise behandelt (wie z. B. in der 1650 zu Rom erschienenen "Musurgla universalis" des Jesuiten Athanasius Kircher), wird ein Gegenstand systematischen Studiums. Als einer der ersten nam-haften Musikhistoriker erscheint in Deutschland der Sorauer Kantor Printz mit seiner 1690 veröffentlichten "Historischen Beschreibung der edeln Sing- und Klingkunst"; ihm folgen Marpurg ("Historisch-kritische Beiträge", 1754-60),J.A.Hiller ("Lebensbeschreibungen berühmter Tonkünstler", 1784) und
Forkel("Geschichte der Musik", 1788-1801, und "Allgemeine Litteratur der M.", 1792).

In Italien wirken auf demselben Gebiet und mit gleichem Erfolg der oben genannte Padre Martini ("Storla della. mu-slca", 1775-81) undArteaga ("Le revoluzloni del teatro musicale ltaliano", 1785); in Frankreich Bu-rette, der erste glückliche Entzifferer der in der Renais-sancezeit aufgefundenen, damals noch unverständlich gebliebenen Fragmente altgriechischer M., und de la Borde ("Essai sur la musique ancle1111e et ino-derne", 1780); in England Burney ("A genera.... historyofmuslc", 1776-89) undHawkins ("Age-neral history ofthe sclence and practlce of.music", 1776). Als zuverlässige Hilfsmittel bieten sich den Historikern dieser Zeit die mit Gründlichkeit und Sachkenntnis redigierten Sammelwerke von M ei-bom ("Antiquae muslcae auctores septem", 1652) und vom Fürstabt Gerbert ("Scrlptores ecclesia-stici", 1784), erstere die wichtigsten Musikschriftsteller des Altertums, letztere die des Mittelalters re-produzierend; ferner die Arbeiten der Lexikographen, unter denen Brossard ("Dictlomiaire de muslque", 1703) und I. I. Rousseau ("Dlctlonnaire de mu-slqu.e", 1.^68) in Frankreich, I. G. Walther ("Mu-sikalisches Lexikon", 1732) und Gerber ("Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler", 1792) in Deutschland hervorragen. Ferner ist nochderAkustik zu gedenken, welche im Lauf des 18. Jahrh. durch den Franzosen S auveur("Système génélal des 111-tervalles des sons", 1701), der auch die Bezeichnung "Akustik" für die Lehre vom Schall einführte, sowie in Deutschland durch Euler ("Dlssertatio de sono",
1727) und Chladni ("Entdeckungen über dieTheorie des Klanges", 1787) in erfolgreicher Weise ausgebildet wurde. Die Anwendung der 1750 von A. G. Baumgarten unter dem Namen Ästhetik ausgebildeten Wissenschaft vom Sinnlich -Schönen auf das musikalische Kunstwerk endlich versuchte zum ersten-mal der Dichter -Komponist Daniel Schubart in seinen nach seinem Tod veröffentlichen "Ideen zur  Ästhetik der Tonkunst" (1806).

Quelle und Lizenz

Ein Teil dieses Textes basiert auf einem Artikel aus Meyers Konversationslexikon. Eine Encyklopädie des allgemeinen Wissens, vierte Auflage, Leipzig, 1888-1889. Bitte beachten Sie, dass diese Informationen aus dem Jahre 1888 stammen und inzwischen veraltet sein könnten.
Artikel: Musik (Geschichte) - susi.e-technik.uni-ulm.de:8080.
Stand: Donnerstag, 11. Januar 2007.
Lizenz: Gemeinfrei (Public Domain).
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