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Apple Macintosh Classic
Von Jan Füllemann.
Macintosh : Übersicht
29-Apr-2003/09-Jan-07
Übersicht
Die Revolution von unten - Die Geburt des Macintosh
Indessen skizzierte Jeff Raskin, Leiter eines kleinen
Hardware-Entwicklungsteams bei Apple, ein neues Computermodell, das nach
seiner bevorzugten Apfelsorte Macintosh nannte. Der „Mac“ sollte klein
und transportabel sein, unter $1.000 kosten und keine Maus benutzen.
Der Prototyp besaß einen 6809-Mikroprozessor, ein Kassettenlaufwerk
und hochauflösende Grafik. Mike Scott bewilligte die Finanzierung dieses
Projects, an dem neben Raskin nur noch drei weitere Entwickler
mitarbbeiteten. Während die Entwicklung der „Lisa“ und des „Apple“
strategisch geplant war und alle Entwicklungsschritte teils erst nach
monatelangen Diskussionen umgesetzt wurden, nutzen die ersten Macintosh
Entwickler ihr Wissen und ihre Intuition, um ihren eigenen Ideen eines
Computers zu verwirklichen. Ungefähr ein Jahr nach der Fertigstellung
des ersten Macintosh Prototypen, wurde Steve Jobs die Leitung des von
ihm bevorzugten LISA-Projektes entzogen, und er begann sich nach einer
neuen Wirkungsstätte umzusehen. Er bekam Wind vom Macintosh Projekt und
übernahm kurzerhand die Leitung. Jeff Raskin, dessen Vorstellung eines
einfachen, mauslosen Minimalcomputers nicht in die Gedankenwelt von
Steve Jobs passte, musste gehen.
Der „Mac“ sollte gebaut werden. Die offizielle Macintosh Division zu
seiner Entwicklung wurde gegründet und diese Entscheidung sollte ein
Meilenstein in der Geschichte Apples werden:
„Am Anfang war der Macintosh ein Computer. Dann wurde er zum
Kult, zum Phänomen, zum Standard und schließlich zur
unternehmerischen Philosophie.“[55]
Das Management war erleichtert, Jobs in einer Nische untergebracht zu
sehen. Jobs stockte zunächst das Team auf. Erneut hatte er große Pläne.
Den Macintosh wollte er zum neuen Apple II machen und er bezeichnete ihn
gerne als „not great, but insanely great“[56].
Sein Charisma und seine Begeisterung wirkten ansteckend. Er überzeugte
das Entwicklerteam, sie könnten den Apple II Erfolg wiederholen. Jobs
formte die Macintosh Division zu einer elitären Nische. Gleichzeitig
brachte er einen Teil der Atmosphäre der Gründerjahre in das Macintosh
Gebäude zurück. Guy Kawasaki, Mitarbeiter im Macintosh Team, erinnert
sich:
„Alles, was Sie über die Macintosh Division gehört haben,
entspricht der Wahrheit. Wir waren Steve Jobs` auserwählte Kinder.
In der Branche kursierte folgender Witz: „Was ist der Unterschied
zwischen Apple und einer Horde Jungpfadfindern?“ Antwort: “Die
Pfadfinder werden von Erwachsenen beaufsichtigt“.“[57]
Das Team wurde exquisit behandelt. Masseurinnen kamen an die
Schreibtische. Flüge erster Klasse. Musikalische Beschallung aus
modernstem Gerät. Originale Kunstwerke an den Wänden. Ein
Bösendorfer-Flügel im Foyer. Unmengen von frisch gepreßtem Saft. Im
Gegenzug erwartete Jobs bedingungslosen Einsatz und Höchstleistungen. Er
ließ T-Shirts drucken mit der Aufschrift: „90 hours a week and loving
it“. Die Belegschaft trug sie mit Überzeugung. Auf dem Dach des
Macintosh Gebäudes wehte die Piratenflagge.
Apple Macintosh - Computer für Jedermann
Im Januar 1984 wurde der Apple Macintosh der Öffentlichkeit
vorgestellt. Jobs und Sculley waren sich einig gewesen, dass der
Macintosh eine spektakuläre Einführung erhalten sollte, einen Knaller.
Ihre Grundidee war es, das Orwellsche „1984“-Thema in die Werbekampagne
einzubeziehen. Die Agentur Chiat/Day wurde mit dem Entwurf beauftragt.
Einige Wochen später lag dem Apple Management ein Storyboard für einen
Werbespot vor.
„Im Laufe meines Berufslebens habe ich schon Hunderte von
Storyboards gesehen. Aber niemals zuvor ist mir so etwas unter die
Augen gekommen.“[59]
Die Drehkosten sollten sich auf $400.000 - $600.000 belaufen. Der
Regisseur Ridley Scott, der zuvor an „Alien“ oder „Blade Runner“
mitgewirkt hatte, wurde engagiert. Der Spot sollte nur ein einziges Mal
gesendet werden, während des Superbowl-Spiels am 22. Januar 1984. Das
Spiel wurde in 43 Millionen Haushalte ausgestrahlt. Die Sendezeit, 60
Sekunden, würde Apple 1 Million Dollar kosten.
Der Spot zeigte eine Gruppe von kahlgeschorenen, apathischen
Gestalten, die durch einen röhrenförmigen Gang in eine dunkle Halle
marschierten. Sie wurden von behelmten Wächtern eskortiert. In der Halle
angekommen, blickten sie teilnahmslos auf einen großen Bildschirm, der
einen Sprecher zeigte, Big Brother. Er verkündete in autoritärem Tonfall
die Abschaffung des Individuums. Er sagt u.a.:
„(...) We have created, for the first time in all history, a
garden of pure ideology where each worker may bloom secure from the
pests purveying contradictory and confusing truth. (...)“[60]
Plötzlich schwenkt die Kamera auf eine junge Athletin. Sie trägt ein
Macintosh-T-Shirt und hält einen Vorschlaghammer in den Händen. Am
Bildschirm angelangt, holt sie aus und zerschmettert ihn. Eine Stimme
aus dem Hintergrund spricht folgende Worte:
„On January 24th Apple Computer will introduce Macintosh.
And you`ll see why 1984 won`t be like „1984“.“[61]
Die Wirkung des Spots war phänomenal. Die Presse stürzte sich auf das
Spektakel. Der Spot erhielt 35 verschiedene Filmpreise für Werbefilme.
Der zur Produkteinführung intendierte „Knalleffekt“ war mehr als
gelungen.
Am Tag nach der Ausstrahlung des Werbespots wurde der Macintosh auf
der jährlichen Aktionärsversammlung präsentiert. Das Flint Center des
DeAnza College war bis auf den letzten Sitz gefüllt. Die ersten
Sitzreihen waren für die Mitarbeiter der Macintosh Division reserviert.
Steve Jobs überließ es dem Computer, sich selbst vorzustellen. Mit
synthetischer Stimme erklingen folgende Worte:
„Guten Tag, mein Name ist Macintosh. Ich bin echt froh aus dieser
Tasche heraus zu sein. Ich bin es ja nicht gewohnt, vor vielen
Leuten zu sprechen, doch möchte ich Ihnen verraten, was ich mir
dachte als ich zum ersten Mal einen IBM-Großrechner begegnete: Traue
keinem Computer, den du nicht hochheben kannst. Nun möchte ich Ihnen
einen Mann vorstellen, der für mich wie ein Vater ist:
Steve Jobs.“ [62]
Beide Events, zusammen mit Werbekampagnen in den Printmedien, zeigten
immense Wirkung. Die Kunden standen vor den Niederlassungen der
Computerhändler Schlange. Aufträge im Wert von 7,5 Millionen Dollar
gingen direkt nach der Produkteinführung ein. Weitere Bestellungen über
53 Millionen Dollar folgten. Die ersten 50.000 Geräte waren bereits nach
75 Tagen, nicht wie vorgesehen nach 100 Tagen, verkauft. Der Macintosh
war ein voller Erfolg. Es war gelungen dem „Mac“ eine freundliche
Identität zu verleihen, der gute Computer für jedermann. Der Computer
sollte, in den Augen von Jobs und Sculley, zu einen Konsumartikel für
jeden Haushalt werden und damit einen riesigen Markt erschließen. Die
Werbekampagne, sie hatte insgesamt 1,6 Millionen Dollar gekostet,
erschien aus dieser Perspektive gesehen gerechtfertigt. Das Jahr 1984
wurde eines der erfolgreichsten Jahre in der Apple Firmengeschichte.
Der Umsatz belief sich auf 1,5 Milliarden Dollar, eine Steigerung von
54% im Vergleich zum Vorjahr. Auch der Apple II hatte sich großartig
verkauft. Die Produktionskapazitäten wurden drastisch erhöht. Apple
investierte 100 Millionen Dollar in die Aufstockung der Lagerbestände.
Von zahlreichen Drittherstellern wurden Zusatzgeräte angeboten und
Software für den Macintosh entwickelt. Steve Jobs und John Sculley
befanden sich in Hochstimmung. Die beiden waren unzertrennlich geworden.
Dann stagnierten die Verkaufszahlen zu Beginn des Jahres 1985.
Der Macintosh - Computer for the rest of us
Der weiter unbestrittene Held ist der kultumworbene Apple Macintosh,
der Mac. Seine Vorstellung im Jahre 1984 ist schon im ersten Kapitel
beschrieben worden. Seine einnehmende Wirkung, besonders kurz nach
seiner Einführung, ist rational wenig erklärbar, denn das Gerät war
technisch alles andere als perfekt. Das Gerät besaß geringe
Speicherkapazitäten und war folglich sehr langsam. Das simple Anliegen
eine Diskette zu kopieren, geriet mit dem „Mac“ zu einem langwierigen
Ärgernis und erforderte etwa fünfzigmaliges Austauschen der Disketten.
Ein Dokument mit mehr als acht Seiten Länge war für die Macintosh
Textverarbeitung „MacWrite“ nicht mehr zu bearbeiten. Zudem war die zur
Verfügung stehende Software für den „Mac“ rar oder nicht ausreichend
funktionstüchtig. Dennoch verkaufte sich das Gerät anfänglich, obwohl
die erwarteten Verkaufszahlen nur in den ersten hundert Tagen nach
Einführung des Macintosh knapp erreicht werden konnten. Dann begannen
sie zu fallen, zwar nicht schlagartig, aber stetig.
Im nachhinein betrachtet bleibt es erstaunlich, daß angesichts seiner
technischen Mängel der Macintosh sich anfänglich überhaupt verkaufte.
Eine damalige Mitarbeiterin bei Apple, Joanna Hoffmann, kommentiert den
Macintoshabsatz:
„People who bought it did so on seduction. It was not a rational
buy. It was astonishing that Macintosh sold as many as it did.”[80]
Der Science Fiction Autor Douglas Adams beschreibt wie “the siren
song of early Macintosh led to frustration”[81]:
“I can remember when we first met (…) a group of people (were)
crowded around a small beige-coloured box that looked like a toy (…)
I watched, at first with mild curiosity, then gradually I began to
feel that kind of roaring, tingling, floating sensation which meant
I had my first experience of MacPaint. But what I (and I think
everybody else who brought the machine in the early days) fell in
love with was not the machine itself, which was ridiculously slow
and underpowered, but a romantic idea of the machine. And the
romantic idea had to sustain me through the realities of actually
working on the 128K Mac … .”[82]
Dem Macintosh wird in der Literatur fast durchgängig eine ihm eigene
Persönlichkeit zugesprochen. Verständlich wird dies erst, wenn man sich
den Eindruck vor Augen führt, den die damaligen Personalcomputer
machten. Der Verbraucher war an klobige Geräte, die nach dem Anschalten
grün blinkende Kommandozeilen zeigten, gewöhnt. Der „Mac“ unterschied
sich vom Eindruck her grundlegend von jenen Geräten. Er war klein und
handlich und zeigte nach dem Einschalten sich selbst mit lächelndem
Gesicht. Fehlermeldungen machte er in Form von niedlichen Geräuschen.
Jim Carlton zitiert in seinem Buch Cheryl England, eine Journalistin,
die für das Apple Fanzine „Macaddict“ arbeitete:
„ “It looks cute. It´s my Mac. (-) It makes me feel warm and
fuzzy.” You didn´t hear too many people saying that about their
IBM-compatibles.”[83]
Innerbetrieblich wurde der Kult um den Macintosh schon während seiner
Entwicklungszeit betrieben. Die Mitglieder der Macintosh Division
genossen, sehr zum Ärger der restlichen Apple Belegschaft, einen
Sonderstatus. Ihre Arbeitsbedingungen waren privilegiert. John Sculley
beschreibt den Eindruck, den die Arbeitsatmosphäre auf ihn ausübt:
„Schon bei meiner Ankunft spürte ich die besondere Atmosphäre, aber
ich konnte sie nicht erklären. Es war, als ob es magnetische Felder
gäbe, eine geistige Kraft, die alle verzauberte. Auf allen Gesichtern
zeigte sich Erregung, die Blicke waren vage, wie betäubt - als ob man
sich im Zentrum eines Kultes befände.“[84]
John Sculley war selbst offensichtlich schon von der Ausstrahlung
Apples fasziniert. Er war nicht der einzige, der dem „Zauber“ Apples
erlag. Die Umgebung des Macintoshbereiches der Firma war im Besonderen
aufgeladen mit der Apple „Magie“.
Steven Levy wohnte im November einer Vorabpräsentation des Macintosh
bei. Seine Erinnerung daran bildet den Anfang seines hier mehrfach
zitierten Buches. Er beginnt mit den Worten:
„What I first remember was the light.“[85]
Den Gebäudeteil, indem die Vorführung stattfindet nennt er „inner
sanctum“. Er schließt seinen Bericht mit den Worten:
„I was witnessing a revolution.“
Christlich geprägtes Vokabular taucht immer wieder in Zusammenhang
mit dem Macintosh auf. Ein weiteres Beispiel ist der von Mike Murray,
ein Mitglied der damaligen Macintosh Division, geprägte Begriff des
„Software evangelism“. Er bezeichnete den Einsatz feurigen (religiösen)
Eifers und grenzenloser Begeisterung bei der Entwicklung von Software.
Der Begriff wurde zum gängigen Topos im Macintosh Team und darüber
hinaus. Er ging in der sich vergrößernden Mac-Fangemeinde um und wurde
zum Gegenbild des Klischees über den langweiligen stubenhockenden
Computer „nerd“.
Umberto Eco unternimmt in seinem Buch „Derrick oder die Leidenschaft
für das Mittelmaß“eine ironische Kennzeichung des Macintosh:
„Ich bin der festen Überzeugung, daß der Macintosh katholisch (-)
ist. Mehr noch, der Mac ist katholisch im gegenreformatorischen
Sinn, durchdrungen von der jesuitischen „ratio studiorum“. Er ist
heiter, freundlich und entgegenkommend, er sagt dem Gläubigen, wie
er Schritt für Schritt vorgehen soll, um wenn nicht das Himmelreich,
so doch den Moment des erfolgreichen Ausdruckens einer Datei zu
erreichen. Er ist katechistisch, das Wesen der Offenbarung wird in
verständliche Formeln und prächtige bunte Ikonen gefaßt. Jeder hat
Anrecht auf das Heil.“[86]
Das Revolutionsmotiv bildete die weltliche Seite des Kults um den
Macintosh, der die Demokratisierung neuer Technologie versprach als
„computer for the rest of us“. Gleichzeitig war er ein Angriff auf „Big
Brother“, den behäbigen Computertechnologiegiganten IBM, der so lange
seine Großcomputer für ausgesuchte Kunden und unsichtbar für die Massen
herstellte. Der Macintosh stand für die Befreiung von „Big Blue“ und für
den allgemeinen Zugang zur Computertechnologie.
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